Satire Bitte nicht stören
In Robert Altmans großem letztem Film »Last Radio Show« versöhnt sich der elegante Spötter mit dem Tod.
Jemand soll singen!«, ruft der Country-Star verzweifelt. »Somebody sing! This isn’t Dallas, this is Nashville!« Eine Minute zuvor wurde Barbara Jean, wunderschöner Country-Engel in Weiß, auf offener Bühne von einem Attentäter erschossen. Fassungslos irrt der Country-Star auf der riesigen Freiluftbühne hin und her, drückt schließlich der nächstbesten Sängerin das Mikrofon in die Hand und sagt: »Sing!« Und sie singt, stimmt ganz zart It Don’t Worry Me an, und Zeile um Zeile, Strophe um Strophe fallen immer mehr ein, lösen sich aus ihrem Schock, singen »It don’t worry me«, obwohl sie es nicht fühlen, singen so lange, bis sie es glauben. Bis am Ende die Wirklichkeit von einem Song erlöst wird. Es ist das grandiose Ende von Nashville, dem Film, mit dem der amerikanische Regisseur Robert Altman 1974 endgültig in den Olymp des Kinos aufgefahren ist – die Bibel für jeden Regisseur, der die Chronologie der Geschichte in parallele Geschichten auflöst, und Geschichten in Songs.
Mehr als dreißig Jahre später stehen Meryl Streep und Lily Tomlin, die Johnson Sisters, auf der letzten Robert-Altman-Bühne, singen All the world it’s so sad and dreary , und der Song wird zur Hymne, zum Ausdruck der Gefühle. Eine enttäuschte Geliebte, ein Privatdetektiv, der nach seinem Traum von einer Frau sucht, ein weiblicher Engel im weißen Trenchcoat, der einen alten Sänger umarmt und ihn heimführt, ein Mann, dem die Musik immer wichtiger war als die Menschen – sie alle stehen auf der Bühne einer »Live Radio Variety Show« und führen zum letzten Mal die menschliche Komödie auf. Robert Altman hat für Last Radio Show die Verfilmung der Bühnenshow einer Radiosendung gewählt, einen Samstagabend im Fitzgerald-Theater in St. Paul, Minnesota, in dem seit dreißig Jahren die Wiederauferstehung der alten Zeit beklatscht wird. Oder wie der Privatdetektiv Guy Noir achselzuckend murmelt: »Sie ist schon lange gestorben, aber man hat vergessen, es den Leuten zu sagen.«
Es ist ein großer melancholischer Film geworden, den man in seiner Altersweisheit mit Charles Chaplins Die Gräfin von Hongkong vergleichen darf, einer, der die Ironie Robert Altmans von seiner lächelnden Seite zeigt. »Du kannst eine Satire nur über dich selbst drehen. Sonst misslingt sie«, hatte er einmal erklärt, und selten ist sein Fatalismus menschenfreundlicher ins Bild gekommen.
Wo seine bittere Kritik und seine eleganten Gemeinheiten ehemals in den Lazaretten Koreas (M.A.S.H.) oder in den Herrenhäusern des Bürgertums (A Wedding) zu Hause waren, in den Studios Hollywoods (The Player), zwischen den Highways von L.A. (Short Cuts) und den Shoppingmalls von Dallas (Dr. T & The Women), beobachtet er nun die Überlebenden einer Kunst, die als Metapher einer zu geißelnden Gesellschaft nicht mehr taugt, weil sie zum Inbild des Rückzugs vor der virtuellen Öffentlichkeit wurde – der Kunst des Radios. Das Zitat eines Zitats kann man nur lieben, es ist kein Zufall, dass Bob Dylans gegenwärtige Radioshow auf Theme Time Radio Hour genauso beginnt wie Altmans Film, mit einer jazzuntermalten Flüsterstimme: »A quiet night in a city that knows how to keep its secrets«. Die folgende aristotelische Einheit des Films aus Song, Werbung und verlesenem Leserbrief verweist liebevoll auf unser Herkommen. Das waren die Tage, als wir in aller Unschuld unsere Fantasien genießen konnten, ohne sie uns von Bildern verstellen zu lassen.
Und doch: Keine Nostalgie! Keine Nachrufe! »Jede Show ist die letzte Show!«, erklärt der Master of Ceremonies (Zeremonienmeister), der MC der Show, seine Philosophie und weigert sich, für den alten Sänger Chuck Akers, den man tot in seiner Garderobe gefunden hat, einen Nachruf zu sprechen. Kein wehmütiges » Thank you« für die Toten, kein » Goodbye« für eine Sendung, die zum letzten Mal ausgestrahlt wird, weil am nächsten Morgen die texanische Abrissfirma vor der Tür wartet, um das Theater in ein Parkhaus zu verwandeln. Keine Ahnung, was man dann machen wird, irgendetwas wird sich schon finden, spricht der amerikanische Pioniergeist scheinbar ungebrochen, vielleicht etwas, wobei man nicht dauernd reden oder singen muss. Dass der MC später einen Job als Parkhauswächter bekommt und dabei eine Menge Bücher liest, erscheint eher als ironischer Nebensatz am Schluss des Films. Das glückliche und das schlechte Ende eines Films sind nicht mehr so leicht zu unterscheiden.
Hatten wir schon erwähnt, dass dieser Film nur aus Geschichten und Songs besteht? Hatten wir schon unseren Anzeigenkunden gedankt, dass dieser Artikel erscheinen kann? Hatten wir schon darauf hingewiesen, dass unser Regisseur Robert Altman (gestorben am 20. November letzten Jahres) Leben und Film nicht trennen mochte und dabei ebenso viel Spaß hatte wie sein Publikum? Von Bad Jokes singt das Cowboy-Duo Dusty & Lefty, und es sind wirklich miserable Witze, über die man lacht; von einem nackten Mann, der an einem Stoffdrachen hängt, erzählt der Moderator der Show, und die Tochter ist wahrlich zu bedauern, ständig seltsame Geschichten als Vergangenheit aufgetischt zu bekommen; von der Mutter, die arm war, aber immer fröhlich gesungen hat, plaudern die grandiosen Schwestern, und es passt kein Blatt zwischen ihr synchrones Zwitschern.
- Datum 11.04.2007 - 05:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.04.2007 Nr. 15
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