»Sie haben eine Natter an ihrer Brust genährt«

DIEZEIT: Herr Herzogenrath, sind die Kunstsammler zu mächtig?

Wulf Herzogenrath: Keineswegs alle. Doch manchen geht es ganz klar um Macht und Einfluss. Das erleben wir besonders drastisch im Hamburger Bahnhof in Berlin, dem Museum für Gegenwart. Dort hat man dem Sammler Erich Marx viele Sonderrechte eingeräumt, letztlich auf Kosten des staatlichen Museums.

ZEIT: Inwiefern?

Herzogenrath: Erich Marx wurde gestattet, seinen langjährigen Berater Heiner Bastian zum Kurator zu ernennen, der dann als eine Art Direktor im Hamburger Bahnhof schalten und walten konnte. Das war eine fatale Entscheidung, denn Bastian ist ein Kunsthändler, und er war es auch vor zehn Jahren schon, als der Vertrag geschlossen wurde.

ZEIT: Was ist daran problematisch?

Herzogenrath: Bastian hat den Hamburger Bahnhof systematisch für seine Zwecke missbraucht. Er hat viele Ausstellungen arrangiert, die ihm große Macht einbrachten und an denen er wunderbar verdienen konnte.

Zum Beispiel konnte Bastian den Künstler Luc Tuymans überreden, ihm einige Bilder zu verkaufen, weil er vorgab, sie für den Hamburger Bahnhof zu erwerben. Er bekam sogar den üblichen Museumsrabatt, hat die Bilder aber selber weiterverkauft, gegen den Willen von Tuymans.

Unter solchen Aktionen hat der Ruf des ganzen Hauses gelitten.

ZEIT: Anfangs waren Sie bei der Gründung des Hamburger Bahnhofs beteiligt. Warum sind Sie dann gegangen?

Herzogenrath: Ich sehe es nicht als Aufgabe eines staatlichen Museums an, den Wünschen eines Kunsthändlers zu folgen, und sei er auch der Betreuer einer bedeutenden Privatsammlung. Um noch ein weiteres Beispiel zu nennen: Aus der Kiefer-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie verkaufte Bastian fünf große Werke.

ZEIT: Daran hat sich niemand gestört?

Herzogenrath: Viele haben gespottet, Berlins Museen seien Bastians Schaufenster, sein Showroom. Im Fall Kiefer hat sich auch Peter Raue eingeschaltet, der Vorsitzende der Freunde der Nationalgalerie. Er sagte zu Bastian, wenn er schon so gut an der Ausstellung verdiene, dann könne er doch zumindest eines der Werke stiften. Bastian hat damals die Schenkung zugesagt, doch offenbar hält er sich nicht an sein Versprechen. Jedenfalls habe ich den Generaldirektor Peter-Klaus Schuster vor ein paar Tagen danach gefragt, er meinte, das Bild sei nie im Museum angekommen.

ZEIT: Warum hat sich Schuster überhaupt auf eine so windige Kooperation mit Bastian und Marx eingelassen? Müsste er nicht jetzt zurücktreten?

Herzogenrath: Nun, als Schuster Generaldirektor wurde, war der Vertrag mit dem Sammler schon abgeschlossen. Das hatte sein Vorgänger, Wolf-Dieter Dube, gemacht. Vor drei Jahren sind Schuster und der Präsident der Stiftung, Klaus-Dieter Lehmann, dann endlich eingeschritten, um die Macht von Bastian zu beschneiden natürlich verdammt spät. Jetzt rächt sich das: Sie werden unflätig beschimpft von der Natter, die sie zu lange genährt haben.

ZEIT: Warum ist niemand vorher eingeschritten?

Herzogenrath: Offensichtlich hatte man Angst vor dem Eklat. Hätte Schuster den Kunsthändler Bastian vertrieben, dann wäre der Zwist mit dem Sammler Marx programmiert gewesen, am Ende hätte der womöglich seine Bilder zurückgezogen. Vor zehn Jahren fühlten sich die Museen noch abhängiger von den Sammlern als heute.

ZEIT: Das Museum hat sich seine Autonomie abkaufen lassen?

Herzogenrath: Das Perverse ist, dass Bastian jetzt unter großem Getöse »kündigt«, obwohl er schon vor drei Jahren entmachtet wurde, und dabei die Staatlichen Museen auch noch schlecht macht. Da entzündet einer einen Großbrand, verhindert, dass die Feuerwehr gerufen wird und dann, als endlich gelöscht werden kann, da beschimpft der Feuerteufel die Löschtrupps als unfähig und lahm!

ZEIT: Aber hat Bastian mit seiner Kritik am Hamburger Bahnhof nicht recht? Er sagt, die wichtigen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst würden heute andernorts gezeigt.

Herzogenrath: Ähnliche Beschwerden gibt es in vielen Städten. Die lokale Szene fühlt sich zu wenig unterstützt, vor allem die Galeristen meinen, sie kämen zu kurz.

ZEIT: Wirklich? Eliasson war in Wolfsburg zu sehen, Gursky in München, Meese in Hamburg, nichts von diesen aktuellen Ausstellungen in Berlin.

Herzogenrath: Berlin hat halt keine Kunsthalle, in der solche Ausstellungen gezeigt werden könnten. Sehen Sie, wir haben in Deutschland dieses wunderbare duale System. Da gibt es Kunstvereine und Kunsthallen ohne eigene Sammlung, in denen das gezeigt werden kann, was sich noch erproben muss. Und es gibt Museen wie den Hamburger Bahnhof, die ruhig etwas hinterherhinken dürfen. Sie sollen ja für die Ewigkeit sammeln und sollten sich nicht für irgendwelche modischen Marktinteressen einspannen lassen, auch wenn Händler wie Heiner Bastian das gerne möchten.

ZEIT: Berlin sollte also eine Kunsthalle bauen?

Herzogenrath: Unbedingt. Warum drei Opern, 20 Theater, 30 Museen und keine angemessene Spielstätte für die Gegenwartskunst?

ZEIT: Aber wie soll das gehen? Schon für die bestehenden Museen gibt es zu wenig Geld.

Herzogenrath: Das liegt vor allem an unserer föderalen Struktur.

Kultur ist eben Ländersache, und deshalb wird die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die aber größtenteils doch vom Bund bestritten wird und Berlins Staatliche Museen betreibt, immer knapp gehalten. Auch der Hamburger Bahnhof hat einen Mini-Etat, dennoch ist es dem Museumsleiter Eugen Blume gelungen, eine hervorragende Arbeit zu machen. Er hat vieles gegen Bastians Willen durchgesetzt, obgleich er deshalb nicht angemessen vom Generaldirektor Schuster unterstützt wurde.

ZEIT: Nächstes Jahr wird Schuster vermutlich pensioniert. Wer sollte ihm nachfolgen?

Herzogenrath: Es muss jemand sehr Selbstbewusstes sein. Die Museen sind die natürlichen Partner der Sammler, nicht deren Knechte. Nur die Museen versprechen »Ewigkeit«, in ihnen kann der Ruhm der Sammler auch noch in Jahrzehnten gefeiert werden. Deshalb könnten auch die Berliner sehr viel gelassener auftreten. Es gibt weltweit viele wichtige Sammler, die sich nach einem guten Museum sehnen. Und der Hamburger Bahnhof ist eines der interessantesten Häuser der Welt.

Die fragen stellte Hanno Rauterberg

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.15 vom 04.04.2007, S.47
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  • Schlagworte Kunst | Museum
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