Siebeck Nur für Kenner
Wolfram Siebeck hat die fast tausend Einsendungen zum ZEIT-Kochwettbewerb gesichtet. Das Niveau ist hoch, was ihn kaum wundert. Denn Pflichtzutat sind Innereien
Unser diesjähriger Kochwettbewerb, bei dem es um die sogenannten inneren Werte geht, die Igittereien also, welche in der deutschen Küche kaum noch existieren, dieser »Tiefschlag gegen die sonntägliche Rindsroulade« (Leser Tigges aus Tutzing) zeigt Wirkung: Die FAZ berichtete von den Kölner Literaturtagen, dass dort vierhundert Portionen Kuttelsuppe ausgeteilt worden seien. Nach dem Bericht der Zeitung zu urteilen, muss es sich um eine Mischung aus Gammelfleisch und fauler Fischbrühe gehandelt haben; denn es war vom Mut die Rede, der zum Verzehr der Kuttelsuppe gehörte. Das las sich so: »…trockenes Schlucken im Saale. Augen wurden angstvoll aufgerissen, Münder krampfhaft zugepresst und dann und wann ein kleiner spitzer Schrei.«
Es muss eine jammervolle Gesellschaft von Literaturfreunden dort versammelt gewesen sein (sofern der Suppenkoch nicht ein übler Nichtskönner war), die ihre Vorurteile gegenüber einer unbekannten Speise mit kleinen, spitzen Schreien artikulierten, wie Klosterfrauen beim Anblick eines nackten Mannes in den Romanen der Hedwig Courths-Mahler.
Besser jedenfalls kann man die Biederkeit nicht illustrieren, welche der deutschen Küche ihren rückständigen, provinziellen Nimbus verschafft hat.
Es ist zu hoffen, dass nicht länger von einer unbekannten Speise gesprochen werden kann, wenn dieser Kochwettbewerb zu Ende ist, was heute in knapp acht Wochen der Fall sein wird. Denn die engagierten Leser – knapp tausend Einsendungen sind zu registrieren – haben eine ganz dezidierte Einstellung zur Küche der Innereien. »Endlich!« ist der am häufigsten geäußerte Gruß zu Beginn der Einsendungen. Endlich seien emanzipierte Esser ermuntert worden, ihre geheime Liebe zu den verpönten Gerichten öffentlich zu bekennen.
Ich will hier nicht darauf eingehen, warum Nieren, Hirn, Kutteln und dergleichen in der deutschen Küche so verpönt sind. Es ist ein dunkles Kapitel deutscher Esskultur, wenn Andersgläubige gezwungen werden, ihren Glauben an verpönte Delikatessen vor einer banausischen Mehrheit zu verstecken.
Fast immer wird auf den Ekelfaktor der Innereien verwiesen, auf den »widerlichen Geschmack« von Nieren, Kaldaunen und Kalbsbries. Da melden sich Ahnungslose zu Wort, die besser wortlos geblieben wären. Denn wer so urteilt, hat seine kulinarische Sozialisierung entweder McDonalds zu verdanken oder ist in einem Haushalt groß geworden, der meilenweit von der nächsten Speisekarte eines Gourmetrestaurants entfernt war.
- Datum 03.04.2007 - 07:51 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.04.2007 Nr. 15
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