Vatikan Euer Eminenz
Ein offener Brief nach Rom anläßlich der bevorstehenden Seligsprechung von Papst Johannes Paul II.
Papst Benedict XVI. im April 2007.
Euer Eminenz Kardinal José Saraiva Martins, gestatten Sie, dass ein einfaches Mitglied der katholischen Kirche Ihnen, dem Präfekten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, seine Dienste anbietet.
In meiner Kindheit lernte ich noch Heilige von echtem Schrot und Korn kennen und schätzen. Vitus etwa, den Schutzpatron meiner Heimatstadt. Von ihm wird erzählt, dass seine heidnischen Widersacher ihn auf den Grill legten. Doch statt in der Not seinem Glauben abzuschwören, bat er seine Peiniger nach einer Weile, sie mögen ihn wenden, auf der einen Seite sei er schon gar. Ausdauer, Rückgrat und Humor, das gefiel mir.
Jetzt ist das Zeitalter des Turbokatholizismus angebrochen, da reicht schon viel weniger, um zu den Ehren der Altäre erhoben zu werden, wie wir Katholiken sagen. Sie stehen sicher mächtig unter Druck wegen der Eile, mit der Ihr Chef, unser Papst Benedikt XVI., die Erhebung seines Vorgängers betreibt. Nur fünf Wochen nach dem Tod von Johannes Paul II. ging es los, normale Sterbliche wie Sie und ich warten darauf bei aller Liebe fünf Jahre. Schon toll, wie der Heilige Vater dem Druck der Fans nachgegeben und auf die Plakate »santo subito« in der Nordkurve des Petersplatzes mit der sofortigen Einleitung des Seligsprechungsverfahrens reagiert hat.
Da müssen wohl auch die Wunder, die es zur beatificatio braucht, echte Schnellschüsse sein. Pünktlich zu Ostern 2007 legte die französische Ordensschwester Marie-Simon-Pierre, 45, Zeugnis davon ab, wie sie durch den Mann, der einmal Karol Wojtyła war und wie sie an Parkinson litt, von ihrer Krankheit geheilt wurde. Und von hinten drängeln schon die anderen Wunderzeugen: der Mann, der mit päpstlicher Hilfe aus dem Koma erwachte. Die Frau, die keine Gleichgewichtsstörung mehr hat. Die andere, die nach zehn kinderlosen Jahren schwanger wurde.
Wenn Sie solcher Wunderzeugen mehr bedürfen, Eminenz – kein Problem. Gerade vom letzten Typ gibt es hier am Speersort jeden Tag welche, sie verlassen entrückt strahlend das Hamburg Fertility Center. Oder nehmen Sie unsere letzte Praktikantin, Susanne S. Der ging es genau zu der Zeit, in der Johannes Paul II. so leiden musste, auch ganz schlecht, Nierenbeckenentzündung, 40 Fieber. Vom Krankenbett aus hat sie in jenen Tagen immer Papst-TV geschaut, und, was soll ich sagen, als der Heilige Vater an Niereninsuffizienz verschied, stand sie vom Krankenlager auf und war gesund. Wenn das kein flottes Wunder ist! Und schließlich die Landsleute des Papstes, Lukas Podolski und Miro Klose: Rechtzeitig vor der WM 2006 hat er ihnen den Weg in unsere Nation und deren erste Fußballmannschaft gezeigt. Und lässt sie dann auch noch gegen ihr gemeinsames Geburtsland gewinnen! Diese Selbstlosigkeit des großen Polen ist anbetungswürdig.
Sollten Ihnen in diesem hektischen Prozess also mal die Wunder ausgehen, zweifeln Sie nicht, fragen Sie mich. Submissest grüßt Ihr Christof Siemes
- Datum 08.04.2007 - 12:35 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 04.04.2007 Nr. 15
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Die Katholiken sind doch toleranter als die Islamisten (nicht unbedingt: Muslime). Oder etwa nicht?
Die Leistungen (und Versaeumnisse) dieses Papstes stehen muss man hier nicht notwendiger Weise eroertern. Es genuegt schon wenn man nur den Prozess der Seligsprechung betrachtet, in dem -mal wieder- von der katholischen Kirche ihre eigenen Regeln gebeugt werden, weil's dem eigenen Wohlergehen bzw. Ansehen dient.
Das ist nichts Neues, nichts Verwunderliches, aber trotzdem zum Lachen.
> misramsahim: Die angestrebte Seligsprechung wäre wirklich ein Witz. Ein Fall für Martin Luther. Und: Er wurde nicht von allen Katholiken verehrt und nicht von noch viel mehr Katholiken geliebt. Die Anzahl seiner Gegner war sehr groß, aus einer Vielzahl von guten Gründen, sie war größer als bei vielen seiner Vorgänger. Der Auflage von BILD würde die Seligsprechung allerdings nicht schaden.
Es gibt sie also noch, die Katholiken mit Sinn für das Absurde. Gratuliere.
...er nun wirklich heiliggesprochen wird?
Wird dann der Leichnam aus dem Grab geholt, in kleine Stücke zerteilt und an Kirchen in aller Welt verteilt? Immerhin ist die Reliquienverehrung ein alter katholischer Brauch, und im Gegensatz zu den 22 Häuptern 'von Johannes dem Täufer' (darunter eins von 'Johannes dem Täufer im Alter von 12 Jahren'), die irgendwo in der Welt offiziell verehrt werden, hat man hier immerhin eine Echtheitsgarantie.
Ich selber würd ihn ja ruhen lassen, aber die katholische Kirche hat ja ein Faible für alte Zöpfe...falls das nicht in Betracht kommt: Er ist ja damals angeschossen worden, und soviel ich weiß, mußte ihm seinerzeit ein Stück Darm (Dünndarm? Dickdarm?) entfernt werden...welchselbiges den Nachrichten zufolge NICHT den üblichen Weg der Krankenhausabfälle in den Verbrennungsofen gegangen ist, sondern vom Vatikan an die Seite geschafft wurde...wofür eigentlich, ist man geneigt, sich zu fragen?
Möglicherweise genau für diesen Fall?
Hm, bin zwar weder katholisch noch überhaupt getauft, aber die Beiträge sind mir zu hart.
Nachweislich hat Jonnanes Paul II. insofern Weltgeschichte gemacht, als dass er mit seiner Unterstützung der Solidarnoscz-bewegung das Ende des Kommunismus in Polen eingeleitet hat. Das jedenfalls sagen Leute wie Walesa und Gorbatschow. Das war der erste Dominostein im Auflösungsprozess des Ostblocks.
Die Polen, aber auch die ganze katholische Weltgemeinschaft hat diesen Mann über alle Maßen verehrt.
Als Papst hat er die Religion anscheinend zu einer neuen Stärke gebracht. Insofern war er ziemlich aussergewöhnlich.
Deshalb finde ich die Handlung des Vatikan nachvollziehbar - wahrscheinlich wird sie auch von polnischer Seite aus eingefordert.
Ich finde den Beitrag des Autors geschmacklos, von den Leserbriefen mal ganz zu schweigen. In Zeiten, in denen man den Islam mit Fingerspitzen behandelt, muss man nicht unbedingt den Katholizismus mit Dreck beschmeissen.
Es ist eben schick, auf den Katholizismus einzudreschen, beim Islam wären dieselben Leute sowieso zu feige.
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