Staubig wie eine Harley auf dem Highway

Die Kings of Leon wurden 2003 nicht nur durch ihr Debüt Youth & - Young Manhood bekannt, sondern auch durch ihr Auftreten: Bärte und tief ins Gesicht fallende Haare erinnerten an die Rockbands der 1970er, der Look skizzierte das musikalische Programm: Rock, trocken knatternd und staubig wie eine Harley auf einem Highway in Südtexas. Die vier jungen Männer traten als Wiedergänger auf und brachten doch etwas Neues mit: eine energiegeladene Überspanntheit, die unter der Oberfläche lauerte und jederzeit auszubrechen drohte.

Diese Spannung hält die Band aus Nashville auch auf ihrem dritten Album Because of the Times: Die Glühbirne, die auf dem Cover im Schalldruck zu zerbersten scheint, ist kein leeres Versprechen. Was vor allem am Gesang von Caleb Followill liegt, seinen gedehnten Schreien, die wie kontrollierte Soul-Explosionen sind. Im Song Charmer stolpert seine Stimme amourös überwältigt einen etwas zu steilen Abhang hinab, verschluckt Endsilben, kommt aber nicht zu Fall: »Shes always looking at me« Kreischen »shes such a charmer oh no« noch ein Kreischen »born in West Virginia oh no«. Einzigartig.

Ähnlich würde wohl nur Joe Cocker klingen, wenn er noch mal jung wäre und eine »The«-Band gründete.

Nicht nur die Stimme, jedes Instrument allein kann enormen Druck ausüben. Because of the Times klingt nämlich transparenter als das Vorgängeralbum Aha Shake Heartbreak. Jetzt hört man mal nur eine Basslinie, mal nur die Gitarre oder das Schlagzeug. Dabei sind die Kings of Leon keine Retroband, die stumpfem Rockismus huldigt: In der Familie Followill, aus der sich die Kings of Leon rekrutieren, wurden die drei Brüder und ihr Cousin zwar mit Rockmusik sozialisiert, doch ihre musikalischen Wurzeln liegen ähnlich wie bei ihren Kollegen von den White Stripes tiefer, nämlich im Blues.

Das hört man vor allem in der zweiten, ruhigeren Hälfte des Albums, wenn sich das Sound-Geprassel zum Songwriter-Gospel wandelt: Schreien wird zu Flehen, Melodie und Botschaft werden wichtiger als akustische Überwältigung. Aus der Rockgeschichte haben die Kings of Leon eine große Portion an lasziver Energie extrahiert, die sie nun auch in komplexere und leisere Formen gießen. Die taumelnde Rock-Ekstase ist nur mehr eine Option ihrer eigenständigen Musik.

Kings of Leon: Because of the Times (Sony BMG)

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.15 vom 04.04.2007, S.46
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