Klimaschutz Tümpelschleim als Weltenretter
Als Nahrungsmittel der Zukunft sollten Algen einst die Menschheit sättigen. Ihr neuer Auftrag: Unsere Erlösung aus dem Treibhaus.
Sie gedeihen in heißen Quellen und in Gletschern, in Giftwasser ebenso wie in Aerosolen: Algen sind beeindruckende Überlebenskünstler. Manche können ihre Masse im Lauf eines Tages vervielfachen. Algen haben als Erste Fotosynthese betrieben. Und sie liefern die Grundlage der Nahrungsketten in allen Ozeanen. Sie haben sich durchgesetzt. In der Natur.
Im Dienst des Menschen aber sind sie ewige Talente geblieben. Einst sollten sie den Nahrungsbedarf der überbevölkerten Erde decken. Oder durch künstlich erzeugte, riesige Blüten im Meer das Klima abkühlen. Vor 700 Millionen Jahren haben sie das auf natürliche Weise schon einmal geschafft. Immer kam etwas dazwischen. Nie haben die Algen die hohen Erwartungen befriedigt. Jetzt erhalten die Hoffnungsträger die Chance auf ein Comeback, erneut als potenzielle Klimaschützer.
Aus ihnen soll der Treibstoff der Zukunft hergestellt werden: Algendiesel und Algenethanol. Nun ist CO2-neutraler Treibstoff aus Biomasse zunächst nichts Neues. Biodiesel aus Raps und Treibstoffschnaps aus Zuckerrohr herzustellen sind etablierte Methoden. Doch zu häufig wurden Pflanzen verfrüht als Heilsbringer gepriesen, wie etwa das Chinaschilf, das wundersam hohe Erträge bringen sollte – aber nicht brachte. Auch die gegenwärtige Biosprit-Euphorie ist voreilig: Weil in den USA im großen Stil das Nahrungsmittel Mais zum Füllen von Autotanks verbraucht wird, zahlen die Mexikaner immer höhere Tortillapreise.
Mikroalgen sind wegen ihrer besonderen Fähigkeiten ein interessanter Kandidat in den Klimaschutzüberlegungen. Die Idee, die unter anderem amerikanische und deutsche Forscherteams verfolgen, ist simpel. Sie züchten die Algen dort, wo zu viel CO2 produziert wird: neben Kraftwerken. Deren Abgase werden durch sonnenbeschienene transparente Systeme (Bioreaktoren) geleitet. In den Reaktoren schwappt eine Suppe aus Wasser, einigen Nährstoffen und schnell wachsenden, fettreichen Mikroalgen.
Während die Rauchgase in feinen Bläschen durch die Algensuppe perlen, lösen sich CO2 und Stickoxide im Wasser. Dort wirken sie wie ein Dünger und werden gierig von den Algen verbraucht. Durch Fotosynthese und Wachstum verwandeln die Mikroorganismen die Schadstoffe in Sauerstoff und noch mehr Algen. Diese werden abgeschöpft und zu Treibstoffen verarbeitet, ihr Fettanteil vornehmlich zu Diesel, die Kohlenhydrate zu Ethanol.
Wegen des extrem schnellen Wachstums der Algen können die Betreiber der Farmen häufig und viel ernten. Umgerechnet 7600 Tonnen Biodiesel erwartet Cary Bullok, Chef des amerikanischen Start-ups Greenfuel, pro Jahr und Quadratkilometer. Und aus den Resten ließen sich noch rund 4100 Tonnen Ethanol gewinnen, verspricht er. Etablierte Biokraftstoffpflanzen bringen nur einen Bruchteil dieser Erträge.
Bei Marktpreisen von mehreren Hundert Dollar pro Tonne ließe sich mit dem Verkauf von Algenprodukten Geld verdienen. Genug, um die Farmen profitabel zu machen, wie Bullok hofft. 20 Millionen Dollar Risikokapital hat seine Firma Greenfuel mit der Idee aufgetrieben.
- Datum 03.04.2007 - 07:51 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 04.04.2007 Nr. 15
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Deshalb kann man sich nicht auf Amerika verlassen, obwohl natuerlich LKWs dort auch die Hauptrolle des Gueterverkehr auf der Strasse spielen.
Aber etwas schnell zu entwickeln, das praktisch ist und nicht in der UNI stehen bleibt wie so vieles, muessen sich die Mehrheit der Bevoelkerung daran interessieren. Besonders in Amerika. Und das passiert am schnellsten, wenn es sie betrifft.
Ist Europa bereit, das Risiko selbst einzugehen, dass Oel auf $30 oder so zurueckfaellt? Es wird werden, sobald die Wirtschaftswelle in die andere Richtung geht. Und wer, in Sozial-Europa, soll das Risiko eingehen? Der Staat als Eigentuemer oder weil er das Risiko versichert? Privatfirmen unter dem Bruessel-Schirm werden sich bedanken. Sogar BP und Total.
Vielleicht wird China es machen. Es ist ein guter Kandidat. Es benimmt sich mehr als Amerika. Und vielleicht arbeitet es schon daran durch und mit anderen. Die Chinesen sind schlau, gescheit und arbeiten mehr und besser nicht nur mit Geduld aber auch Lust.
Man sollte auch das Protein der Algen nicht vergessen. Man würde der Umwelt und dem Klima noch viel mehr Gutes tun können, wenn man die methanproduzierenden, riesige Flächen vergeudenden Rinderherden durch Einzellerprotein ersetzte. Da das aber in unsere Köpfe und Mägen nicht hineingehen will, müssen wir warten, bis die Inder darauf kommen.
Ein großes Problem der Algenzucht ist - trotz der gesteigerten Effizienz - noch der hohe Flächenbedarf durch die zweidimensionale Auslegung. Möglicherweise wird sie durch die dreidimensionale aerobe Fermentation von Hefen und Bakterien ergänzen müssen. Nähme man als Substrat 2H2 und O2 (Knallgasbakterien), dann könnte man damit ebenfalls jede Menge CO2 binden. Die Energie (z.B. Strom) für die Wasserspaltung kann ja indirekt von der Sonne kommen. Wegen des Drucks müsste man dann aber mit den Fermentern unter die Erde gehen, was aber umwelttechnisch durchaus ein Vorteil wäre. Literatur gibt es genug zu dem Thema, z.B. von Prof. Lafferty, der in Graz forschte.
Der dramatische Anstieg der Ölpreise während der letzten Jahre hat viele Firmen in der Welt davon überzeugt, nach alternativen Energiequellen zu suchen. Eine der billigsten Alternativen, die es bereits kommerziell zu beziehen gibt, ist die Produktion von Öl aus verschiedenen landwirtschaftlichen Produkten, hauptsächlich Getreide. Die gesteigerte Nachfrage nach Getreide treibt jedoch den Preis in die Höhe, wodurch Entwicklungsländer Probleme haben, Getreide als Nahrungsmittel zu erhalten.
Nun bietet die israelische Firma „Seambiotic Ltd.“ eine neue Technologie an, die das Problem lösen könnte. Die Technologie erlaubt die Produktion von kommerziellen Mengen an Öl aus einer überraschenden Quelle, die keine globalen Nahrungsquellen ausbeuten wird, nämlich Algen.
Die neue Technologie wurde während einer internationalen Konferenz über Meeresbiotechnologie, die am Sonntag(11.03.) in Eilat eröffnet wurde, vorgestellt. Sie erlaubt die industrielle Kultivierung von Algen durch die Nutzung von Kohlendioxid-Emissionen aus Kraftwerken. Anstatt das Luft verschmutzende Gas - eines der Hauptverursacher des Treibhauseffekts - in die Atmosphäre entweichen zu lassen, wird es durch einen Filtrierungsprozess geleitet und dient am Ende als Nahrung für Algen. Die Algen werden wiederum für die Produktion von Öl genutzt. Laut den Wissenschaftlern, die diese Technologie entwickelt haben, ist es möglich, einen Liter Öl aus fünf Kilogramm Algen herzustellen.
Die Technologie wurde auf einem Versuchsbauernhof, den die Firma Seambiotic Ltd. mit Unterstützung der Israel Electric Corporation vor drei Jahren auf dem Betriebsgelände des Kraftwerks in Ashkelon errichtet hatte, entwickelt. Die Algen-Teiche liegen mehrere Hundert Meter entfernt von den Schornsteinen des Kraftwerks. Sie sind mitMeerwasser gefüllt, das zur Kühlung der Turbinen des Kraftwerks dient. Die benutzten Algen stammen aus dem Mittelmeer.
Letzte Woche meldete die Firma das Patent für diese Entwicklung an. „Wir haben herausgefunden, dass Algen auf der Basis von Kohlendioxid, das aus Kraftwerken ausgestoßen wird, wachsen kann. Wir bekommen dieses Kohlendioxid umsonst und senken zusätzlich den Ausstoß von Schadstoffen“, sagte Amnon Bachar, der Direktor von Seambiotic Ltd.
(Haaretz, 14.03.07)
Es wäre natürlich interessant, den Wirkungsgrad der Photosynthese unter den Bedingungen der diversen Projekte und im Vergleich zur Solarstromerzeugung zu erfahren. Das ganze CO2 etwa einer Kohleverbrennungsanlage zu binden, erscheint doch etwas illusorisch und der israelische Artikel sagt deshalb auch sehr vorsichtig: 'Wir bekommen dieses Kohlendioxid umsonst und senken zusätzlich den Ausstoß von Schadstoffen.' Übrigens könnten die Israelis auch aus Deutschland eine Menge CO2 umsonst bekommen, wenn sie denn wollten.
... Auf Dauer werden entweder wenige Menschen gut oder viele Menschen schlecht auf der Erde leben. Irgendwann sind die Rohstoffe alle und es stehen nur noch regenerative Materialien zur Verfügung. Ich vermute daß erst dann ein Umdenkprozeß einsetzt.
Wenn man die Abgase eines Kohlekraftwerkes durch einen Blasensäulenreaktor leitet, dabei das Kohlendioxyd durch Algen bindet und die Algen dann wieder zu Öl und Alkohol weiterverarbeitet, um sie wieder zu verbrennen, dann bringt das nur dann etwas, wenn man das Kohlendioxyd, das dann bei der Verbrennung des aus den Algen hergestellten Öls und Alkohols anfällt auch wieder durch den Blasensäulenreaktor leitet. Sonst hat man zwar den Gesamtausstoß reduziert, was sicher löblich ist, das Problem aber nicht löst.
Eine Lösung des Problems besteht einzig und allein darin, den Kohlendioxydausstoß pro Kopf auf das Maß zu reduzieren, das dann mit der Gesamtzahl der Köpfe multipliziert unterhalb der Klimawirksamkeitsschwelle liegt.
Auf gut deutsch: Wir werden unseren Lebensstandard drastisch reduzieren müssen, und zwar alljährlich immer mehr, solange Jahr für Jahr 100 Millionen Menschen zusätzlich auf dieser Erde leben wollen.
Und tut mir bitte einen Gefallen: Schlagt jetzt nicht den Überbringer der schlechten Nachricht, der kann nämlich nichts dafür.
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