Klimaschutz Tümpelschleim als WeltenretterSeite 2/2

Bei der Konkurrenz aus Deutschland, einem Konsortium aus Hochschule Bremen, Jakobs-Universität, Novagreen und Alfred-Wegener-Institut, steht die Bekämpfung der Treibhausgase dagegen schon im Namen: Greenhouse Gas Mitigation Project (GGMP). 30000 Tonnen pro Jahr könne ein Quadratkilometer Algenfarm bei seinem System einfangen, schätzt Laurenz Thomsen, der für die Jakobs-Uni am GGMP arbeitet. Der Geowissenschaftler will aus den Algen ebenfalls Treibstoff gewinnen. Zusammen mit dem Verkauf von Emissionsrechten soll am Ende ein kleines Plus stehen – die Anlagekosten mit einberechnet.

Die sind nicht unerheblich. Auf 15 Millionen Euro schätzt Thomsen die Kosten pro Quadratkilometer Algenfarm. Um die Abgase eines mittleren 350-Megawatt-Kraftwerks zu entsorgen, wären etwa 25 Quadratkilometer nötig. Das ist viel, doch konventionelle Pflanzen würden Hunderte Quadratkilometer benötigen, um vergleichbare CO2-Mengen in Kraftstoff umzuwandeln.

Wie die Bioreaktoren in den Algenfarmen genau aussehen werden, darüber sind sich die Experten allerdings nicht einig. Röhren oder Beutel nennt Thomsen als die aussichtsreichsten Kandidaten. Bei Greenfuel sind Erstere schon wieder aus dem Rennen. Bis vor Kurzem hat man dort noch mit parallel zueinander liegenden transparenten Röhren gearbeitet. Sie wurden wie Solarzellen zur Sonne ausgerichtet, damit die Algen in ihnen möglichst viel Licht abbekamen. Jetzt verfolge man aber ein neues Konzept, sagt Bullok. Beutel? Keine Antwort – Betriebsgeheimnis, ebenso die verwendete Algenart. Einige Patente seien noch nicht erteilt, man müsse verstehen.

Über das Versuchsstadium sind die Amerikaner bislang nicht hinausgekommen. Auf etwas mehr als tausend Quadratmeter haben sie ein paar Liter Kraftstoff produziert und prinzipiell gezeigt, dass es möglich ist. 2008 will Bullok die erste kommerzielle Anlage in Betrieb nehmen. Noch weit entfernt von einem gewinnbringenden Betrieb sind die Deutschen. Eine Anlage »im Quadratkilometerbereich« wollen sie 2010 bis 2012 aufstellen – vorausgesetzt, sie können die Mittel dafür auftreiben. »Die deutsche Industrie ist nicht so risikofreudig wie die amerikanische«, sagt Thomsen. Allerdings glauben nicht alle Algenexperten an die neue Treibstoffquelle. »Viel zu blauäugig« nennt Karl-Herrmann Steinberg die Rechnungen hinter den Geschäftsmodellen. Er betreibt die größte Mikroalgenzucht Mitteleuropas – und produziert damit Nahrungsergänzungsmittel. Den Schritt zum nachwachsenden Spritrohstoff traut er seinen Schützlingen nicht zu. Der hohe Aufwand, der notwendig sei, um erst die Algen zu züchten, sie dann vom Wasser zu trennen und schließlich das Algenöl aus den Einzellern zu gewinnen, mache es unmöglich, eine solche Anlage wirtschaftlich zu betreiben.

Die Freunde des Algendiesels hoffen dagegen, dass weiter schwindende Ölreserven, Klimawandel und die veränderten politischen Rahmenbedingungen dem ewigen Talent eine neue Chance geben. Doch selbst wenn ihre Rechnungen irgendwann aufgehen, werden künftige Anlagen eher nicht im Norden stehen.

Die Sonneneinstrahlung reiche nicht, sagt Thomsen. Zumindest nach Süddeutschland werde man gehen müssen. Als große zukünftige Standorte schweben ihm vor allem Süd- und Osteuropa vor. Im Osten stünden viele erneuerungsbedürftige Kraftwerke. Dort gebe es viel Platz und Sonne. Auch aride Gebiete Südeuropas oder Afrikas kämen infrage. Dort könnten Thomsens vielseitige Algen einen weiteren Trumpf ausspielen. Sie gedeihen auch in Salzwasser.

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Leser-Kommentare
  1. Deshalb kann man sich nicht auf Amerika verlassen, obwohl natuerlich LKWs dort auch die Hauptrolle des Gueterverkehr auf der Strasse spielen.

    Aber etwas schnell zu entwickeln, das praktisch ist und nicht in der UNI stehen bleibt wie so vieles, muessen sich die Mehrheit der Bevoelkerung daran interessieren. Besonders in Amerika. Und das passiert am schnellsten, wenn es sie betrifft.

    Ist Europa bereit, das Risiko selbst einzugehen, dass Oel auf $30 oder so zurueckfaellt? Es wird werden, sobald die Wirtschaftswelle in die andere Richtung geht. Und wer, in Sozial-Europa, soll das Risiko eingehen? Der Staat als Eigentuemer oder weil er das Risiko versichert? Privatfirmen unter dem Bruessel-Schirm werden sich bedanken. Sogar BP und Total.

    Vielleicht wird China es machen. Es ist ein guter Kandidat. Es benimmt sich mehr als Amerika. Und vielleicht arbeitet es schon daran durch und mit anderen. Die Chinesen sind schlau, gescheit und arbeiten mehr und besser nicht nur mit Geduld aber auch Lust.

  2. Man sollte auch das Protein der Algen nicht vergessen. Man würde der Umwelt und dem Klima noch viel mehr Gutes tun können, wenn man die methanproduzierenden, riesige Flächen vergeudenden Rinderherden durch Einzellerprotein ersetzte. Da das aber in unsere Köpfe und Mägen nicht hineingehen will, müssen wir warten, bis die Inder darauf kommen.

    Ein großes Problem der Algenzucht ist - trotz der gesteigerten Effizienz - noch der hohe Flächenbedarf durch die zweidimensionale Auslegung. Möglicherweise wird sie durch die dreidimensionale aerobe Fermentation von Hefen und Bakterien ergänzen müssen. Nähme man als Substrat 2H2 und O2 (Knallgasbakterien), dann könnte man damit ebenfalls jede Menge CO2 binden. Die Energie (z.B. Strom) für die Wasserspaltung kann ja indirekt von der Sonne kommen. Wegen des Drucks müsste man dann aber mit den Fermentern unter die Erde gehen, was aber umwelttechnisch durchaus ein Vorteil wäre. Literatur gibt es genug zu dem Thema, z.B. von Prof. Lafferty, der in Graz forschte.

  3. Der dramatische Anstieg der Ölpreise während der letzten Jahre hat viele Firmen in der Welt davon überzeugt, nach alternativen Energiequellen zu suchen. Eine der billigsten Alternativen, die es bereits kommerziell zu beziehen gibt, ist die Produktion von Öl aus verschiedenen landwirtschaftlichen Produkten, hauptsächlich Getreide. Die gesteigerte Nachfrage nach Getreide treibt jedoch den Preis in die Höhe, wodurch Entwicklungsländer Probleme haben, Getreide als Nahrungsmittel zu erhalten.

    Nun bietet die israelische Firma „Seambiotic Ltd.“ eine neue Technologie an, die das Problem lösen könnte. Die Technologie erlaubt die Produktion von kommerziellen Mengen an Öl aus einer überraschenden Quelle, die keine globalen Nahrungsquellen ausbeuten wird, nämlich Algen.

    Die neue Technologie wurde während einer internationalen Konferenz über Meeresbiotechnologie, die am Sonntag(11.03.) in Eilat eröffnet wurde, vorgestellt. Sie erlaubt die industrielle Kultivierung von Algen durch die Nutzung von Kohlendioxid-Emissionen aus Kraftwerken. Anstatt das Luft verschmutzende Gas - eines der Hauptverursacher des Treibhauseffekts - in die Atmosphäre entweichen zu lassen, wird es durch einen Filtrierungsprozess geleitet und dient am Ende als Nahrung für Algen. Die Algen werden wiederum für die Produktion von Öl genutzt. Laut den Wissenschaftlern, die diese Technologie entwickelt haben, ist es möglich, einen Liter Öl aus fünf Kilogramm Algen herzustellen.

    Die Technologie wurde auf einem Versuchsbauernhof, den die Firma Seambiotic Ltd. mit Unterstützung der Israel Electric Corporation vor drei Jahren auf dem Betriebsgelände des Kraftwerks in Ashkelon errichtet hatte, entwickelt. Die Algen-Teiche liegen mehrere Hundert Meter entfernt von den Schornsteinen des Kraftwerks. Sie sind mitMeerwasser gefüllt, das zur Kühlung der Turbinen des Kraftwerks dient. Die benutzten Algen stammen aus dem Mittelmeer.

    Letzte Woche meldete die Firma das Patent für diese Entwicklung an. „Wir haben herausgefunden, dass Algen auf der Basis von Kohlendioxid, das aus Kraftwerken ausgestoßen wird, wachsen kann. Wir bekommen dieses Kohlendioxid umsonst und senken zusätzlich den Ausstoß von Schadstoffen“, sagte Amnon Bachar, der Direktor von Seambiotic Ltd.
    (Haaretz, 14.03.07)

  4. Es wäre natürlich interessant, den Wirkungsgrad der Photosynthese unter den Bedingungen der diversen Projekte und im Vergleich zur Solarstromerzeugung zu erfahren. Das ganze CO2 etwa einer Kohleverbrennungsanlage zu binden, erscheint doch etwas illusorisch und der israelische Artikel sagt deshalb auch sehr vorsichtig: 'Wir bekommen dieses Kohlendioxid umsonst und senken zusätzlich den Ausstoß von Schadstoffen.' Übrigens könnten die Israelis auch aus Deutschland eine Menge CO2 umsonst bekommen, wenn sie denn wollten.

  5. ... Auf Dauer werden entweder wenige Menschen gut oder viele Menschen schlecht auf der Erde leben. Irgendwann sind die Rohstoffe alle und es stehen nur noch regenerative Materialien zur Verfügung. Ich vermute daß erst dann ein Umdenkprozeß einsetzt.

  6. Wenn man die Abgase eines Kohlekraftwerkes durch einen Blasensäulenreaktor leitet, dabei das Kohlendioxyd durch Algen bindet und die Algen dann wieder zu Öl und Alkohol weiterverarbeitet, um sie wieder zu verbrennen, dann bringt das nur dann etwas, wenn man das Kohlendioxyd, das dann bei der Verbrennung des aus den Algen hergestellten Öls und Alkohols anfällt auch wieder durch den Blasensäulenreaktor leitet. Sonst hat man zwar den Gesamtausstoß reduziert, was sicher löblich ist, das Problem aber nicht löst.
    Eine Lösung des Problems besteht einzig und allein darin, den Kohlendioxydausstoß pro Kopf auf das Maß zu reduzieren, das dann mit der Gesamtzahl der Köpfe multipliziert unterhalb der Klimawirksamkeitsschwelle liegt.

    Auf gut deutsch: Wir werden unseren Lebensstandard drastisch reduzieren müssen, und zwar alljährlich immer mehr, solange Jahr für Jahr 100 Millionen Menschen zusätzlich auf dieser Erde leben wollen.
    Und tut mir bitte einen Gefallen: Schlagt jetzt nicht den Überbringer der schlechten Nachricht, der kann nämlich nichts dafür.

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