Ich habe einen Traum Zum Himmel hin

Oscar Niemeyer, 99, geboren in Rio de Janeiro, ist einer der einflussreichsten Architekten der Moderne. Niemeyer leitete die Planung der brasilianischen Hauptstadt Brasília. Nach der Machtergreifung des Militärs 1964 ging der überzeugte Kommunist nach Paris. Nach der Demokratisierung in Brasilien baute er auch dort wieder. Hier erzählt er, was aus seinem Lebenstraum von einer gerechteren Welt wurde

Wenn ich ein Bauwerk entwerfe, dann träume ich mich an den Ort, an dem es stehen soll. Ich sehe ihn mit geschlossenen Augen vor mir, träume mein Gebäude ins Bild hinein und schaue, wie es die Stimmung dort widerspiegelt.

Ohne diese Fähigkeit könnte ich schon lange nicht mehr arbeiten, denn ich steige in kein Flugzeug, um eine Baustelle in natura zu sehen. Ich hasse fliegen. Ich habe es immer gehasst. Einige der wichtigsten Termine meines Lebens habe ich verpasst, weil ich in letzter Sekunde umgekehrt bin und mich geweigert habe, ins Flugzeug zu steigen. Das war natürlich unangenehm, man musste anrufen und sagen: »Tut uns leid, Niemeyer kommt etwas verspätet. Etwa drei Wochen, wir nehmen das Schiff.«

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Ohne die Fähigkeit, zu träumen, könnte ich auch mein Arbeitszimmer nicht benutzen. Es liegt direkt an der Copacabana, aber es ist eine Kammer mit Fenster zum Lichtschacht, und das ist quasi zugemauert. Aber ich arbeite hier hervorragend, denn die Architektur findet in meinem Kopf statt. Alles, was ich brauche, ist ein Zeichentisch.

Mit einem Bauwerk will ich also die Eigenart des Ortes spiegeln. Das heißt aber nicht, dass ich meinen Stil der Umgebung anpasse. Ich habe in verschiedensten Ländern entworfen: den Sitz der Kommunistischen Partei in Paris, das Verlagshaus von Mondadori in Mailand, vor Kurzem ein Spaßbad für Potsdam. Trotzdem habe ich das Wesen meiner Architektur nie verändert, sie ist die Gleiche geblieben, die immergleiche Suche nach der anderen Gestalt.

Zum Beispiel versuche ich, mit immer weniger Stützen zu bauen. Meine Bauten sollen immer leichter wirken, wie losgelöst. Geschwungen wie die Wellen des Ozeans, sinnlich wie der Körper einer Frau. Meine Architektur ist anders, das ist wesentlich für mich, sie ist Erfindung.

Und erfinden, das hat natürlich etwas mit träumen zu tun. Damals in den Fünfzigern, als wir unsere Hauptstadt Brasília erfunden haben, als wir eine komplett neue Stadt für 600000 Menschen mitten in die Steppe gesetzt haben, da hatten wir alle diesen Traum. Wir träumten von der blühenden Zukunft unseres Landes.

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