Das Land der permanenten Revolution steht im Stau. Nachmittags um kurz nach zwei scheint es, als müssten alle 1,8 Millionen Einwohner von Tripolis ganz dringend irgendwohin. »Bei uns in Libyen hat jeder das Recht auf ein Auto«, sagt Baschir stolz. Er sitzt neben mir am Steuer und raucht schon mindestens seine fünfte Marlboro, seit er mich vor einer halben Stunde am Flughafen abgeholt hat. Und er zählt auf: Benzin kostet zehn Cent pro Liter, der Staat subventioniert Autos für die Armen, und die Zinsen für einen Autokredit sind nicht höher als die Inflation. Damit ist Autofahren deutlich billiger, als irgendwo Kaffee zu trinken, weshalb sich die Tripolitaner anscheinend am liebsten im Auto treffen. So schön kann Sozialismus sein. Die libysche Hauptstadt wäre gern Metropole, doch die Abende in der Medina sind still. Mehr Bilder » BILD

Zumindest wenn er auf Erdöl gebaut ist. Doch weil auch die größten Reserven irgendwann erschöpft sein werden, setzt Libyen nun auf Tourismus und will dafür in den kommenden Jahren 26 Milliarden Euro investieren. Das wäre nicht weiter erstaunlich, wäre Libyen nicht der »Sozialistische Libysch-Arabische Volksmassenstaat« mit dem seit fast vier Jahrzehnten regierenden Revolutionsführer Gadhafi an der Spitze und einer Wirtschaft, deren Freiheitsgrad nach Angaben der amerikanischen Heritage Foundation nur noch von Nordkorea und Kuba unterboten wird. Zudem stand Libyen auf der Liste der Schurkenstaaten ganz oben, bis Gadhafi vor vier Jahren auf Massenvernichtungswaffen verzichtete. Und so soll der Tourismus wohl auch der Imagepflege des Wüstenstaates dienen. Der von Gadhafi konsultierte umtriebige deutsche Berater Moritz Hunzinger riet, Besucher müssten in Libyen einfach »ein gutes Gefühl« haben. Ob man in Libyen wirklich mit einem guten Gefühl Urlaub machen kann, will ich in den nächsten Tagen testen – und zwar in der Hauptstadt Tripolis, die bislang von den jährlich circa 30000 Studienreisenden nur als Sprungbrett in die Wüste und zu den antiken Stätten genutzt wird.

Auf unserer schleichenden Fahrt in die Stadt blitzt bereits überall das neue Tripolis auf. Wolkenkratzer. Grünanlagen. Strandbars. Bisher jedoch nur auf den fußballtorgroßen Plakaten, die alle paar Hundert Meter eine Zukunft in Pastelltönen versprechen. Und dabei nur dürftig den Stein gewordenen Albtraum des Betonfundamentalismus dahinter verdecken, dessen farbliche Höhepunkte die aus jedem zweiten Fenster hängenden senfgelben Gebetsteppiche sind.

Zeigen die Plakate einmal nicht die Zukunft, dann zeigen sie Gadhafi, »unseren revolutionären Führer«, wie Baschir ihn nennt. Doch der einst gefährlichste Mann der Welt wirkt eher wie eine schlecht frisierte Mutter Teresa in Berbertracht. Ein mild-abwesender Gesichtsausdruck, die Hände vor dem Körper gefaltet und merkwürdig steif erhoben wie ein Bodybuilder, der seinen Trizeps zur Schau stellt. Ob es auch normale Werbeplakate gebe, frage ich Baschir. »Natürlich, überall«, sagt Baschir und macht eine vage Handbewegung. Ich sehe auf unserer ganzen Fahrt kein einziges. Und auch nicht an den kommenden Tagen.

Wer nach Tripolis reist, bleibt sich nicht selbst überlassen. Jede Gruppe muss von einem Zivilpolizisten eskortiert werden. Wer wie ich allein reist, erhält sein Visum nur auf Einladung einer Reiseagentur. Natürlich in Verbindung mit den Diensten eines Führers. Individualtourismus ist in Libyen ausdrücklich unerwünscht. Mein Begleiter am Steuer erzählt mir, dass er in Birmingham studiert und danach viele Jahre in Spanien als Ingenieur gearbeitet hat. Ein hagerer Mann mit Hakennase und altmodischer Brille, die ihm eulenhafte Züge verleiht. Graue Bundfaltenhose, faltenfreies Hemd, um die knochigen Schultern trotz der Hitze einen Strickpullover geschlungen. Und am Handgelenk eine Rolex mit einem Bildchen von Gadhafi auf dem Ziffernblatt. Ist die echt? Baschir rümpft die Nase. Natürlich, sagt er, die Uhr sei ein Geschenk von einem »ganz besonderen Freund«.

Am nächsten Morgen erwartet mich Baschir bereits im Hotel. Al-Mokhtar heißt es, benannt nach dem wichtigsten aller libyschen Helden im Kampf gegen die italienischen Kolonialherren. In der winzigen Lobby bilden Minifelsgrotte, Marmorkamin, Loungestühle, Kristallleuchter und Säulen, hüfthohe Bodenvasen, künstliche Buchsbaumkugeln, ausgestopfte Falken und goldene Suren ein stilfreies Miteinander. Hier könnte der Gast vergessen, in welchem Land er sich befindet – wäre da nicht der in Öl gemalte Gadhafi, der an der Rezeption milde lächelt. Und wäre da nicht Baschir. »Was machen wir heute?«, fragt er. Mal sehen, wir können ja erst mal losgehen, erwidere ich. Da zwinkern seine Augen hinter der Brille nervös, und er zieht ein wenig schneller an der Marlboro. »Du kannst hier nicht einfach überallhin gehen.« Er kramt unwirsch in seinen Papieren, wo alle Stationen der Reise eingetragen sind.

Als Erstes zeigt mir Baschir sein Lieblingsbauwerk in Tripolis: das einzige Fünfsternehotel. Ein sandfarbenes Hochhaus zwischen Altstadtmauer und Strand, erbaut von der maltesischen Corinthia-Kette. Nach rechts und links grüßend, geleitet mich mein Stadtführer in die Lobby voller Marmor, plätschernder Wasserspiele und saudischer Scheichs, die von Männern in dunklen Anzügen umgeben sind. »Ich zähle elf Bodyguards«, ruft Baschir, während wir an der Bar Milchkaffee trinken. »Nein, da ist noch einer. Zwölf! Die müssen wichtig sein.« Dass es in Tripolis inzwischen private Hotels gibt, in denen eine Nacht so viel kostet, wie ein libyscher Beamter im Monat verdient, ist eine kleine Revolution. Schließlich sind die meisten Hotels noch immer träge Behörden, in denen selbst die Zimmermädchen verbeamtet sind.

Als wir das Corinthia verlassen, steht die Sonne bereits hoch. Wir flüchten uns unter die Kolonnaden der Neustadt, die von den Italienern während ihrer Besatzungszeit zwischen den Weltkriegen errichtet wurden und noch immer die Hauptstraßen säumen – auch wenn diese inzwischen die Namen von Widerstandshelden tragen. Ihretwegen galt Tripolis einst als »weiße Braut am Mittelmeer«. Doch heute sind die Kolonialpaläste ergraut, ihre schmiedeeisernen Balkone vom Rost zerfressen, und die türkisen Fensterläden hängen schief in den Angeln. Wo sich Lücken auftun, wuchert der panarabische Modernismus mit Beton, Neonschildern und verspiegelten Scheiben.

Die Kolonialgebäude sind ohne Zweifel der sehenswerteste Teil der Neustadt, doch mein Stadtführer setzt zu keiner Erklärung an. Er bleibt stumm, als wir vor der sehr unarabisch aussehenden Zuckergussmoschee am Algerienplatz stehen. Ich blättere in meinem Lonely Planet Libya, erste Auflage. Darin heißt es, die Moschee sei 1928 von den Italienern als katholische Kirche erbaut worden. »Aha«, sagt Baschir. Wir gehen weiter zur Nationalbibliothek mit den goldenen Kuppeldächern. 1930 ebenfalls von den Italienern gebaut, später von König Idris bis zur Revolution als Amtssitz genutzt, sagt der Lonely Planet. »Mmh«, sagt Baschir und lässt sich in einem Café unter den Palmen nieder. So geht es weiter: die ehemaligen Kirchen, die Synagogen, die Konsulate der Briten und Franzosen aus der osmanischen Zeit – Baschir bleibt stumm.