»Woran du nun aber dein Herz hängst«

Ihre Darstellung des »Unglaubens« ist recht wohlwollend geraten, und dafür allein muss man angesichts des um sich greifenden religiösen Deliriums dankbar sein. Aber etwas mehr gedankliche Fundierung hätte ich mir doch gewünscht.

Freud, einer der zentralen Denker der Religionskritik, wird nicht einmal mit Namen erwähnt, von seiner Kritik ganz zu schweigen - der Name des anderen bedeutenden Denkers, Marx, wird nur beiläufig genannt und dann auch noch mit einem falschen Zitat versehen: Religion sei »Opium für das Volk«.

Dieses falsche Zitat ist anscheinend unausrottbar. Er schrieb, die Religion sei »das Opium des Volks«. Das bedeutet etwas anderes, Anspruchsvolleres, Fundamentaleres. Und darum hier das ganze Zitat:

Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen Sie (die Religion) ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt Sie ist das Opium des Volks. (Marx, Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie)

Hermann Engster, Göttingen

Ich vermisse eine Variante in der Distanzierung zu den christlichen Kirchen. Wie soll man den nennen, der weder Atheist noch Agnostiker ist, aber den Kirchen die Zuständigkeit in religiösen Fragen abspricht? Er ist von der Überzeugung geprägt, dass in religiösen Dingen alle Menschen auf die gleiche Weise blind sind und keiner dem anderen darin etwas voraushat. Für ihn ist selbst der Papst ein religiöser Laie, weil auch er dem im weltlichen Sinne ungekannten Schöpfer gleich fern oder nah ist.

Dieser Skeptiker reagiert auf Bekehrungsversuche mit Entrüstung und akzeptiert in Beziehung zu anderen Menschen lediglich die Demut des Eingeständnisses unser aller Unfähigkeit zur Kenntnis von Gott. Er fordert als Diesseitiger in Sachen Jenseits konsequent gleiche Augenhöhe unter Menschen. Schade, dass dieser Weltenbürger in Ihren Beiträgen nicht vorkam.

Rolf Füßer, Bad Herrenalb

Als bekennende Atheistin kann ich Bernd Ulrichs Artikel nur mit Nachsicht, Mitgefühl und freundschaftlichem Spott begegnen. Weder fühle ich mich als hoffnungsvoll paddelnde Polynesierin noch als denkfaule Marxistin, auch dem Erdenwurm fühle ich mich zumindest genetisch nicht sehr nah verwandt. Sorgen und Nöte plagen mich sicher nicht mehr oder weniger (ich muss zugeben: eher weniger) als meine gläubigen Mitmenschen.

Gott sei Dank (pardon, ich kann mir meinen freundlichen Spott nicht verkneifen) trifft der Autor dann doch noch den Nagel auf den Kopf: Atheisten sind auch nur Menschen. Hier kann ich ihm endlich voll und ganz zustimmen! Warum muss er denn dann um Himmels willen so mit den Flügeln schlagen?

Simone Mack-Kugel Schorndorf

Ulrichs Beitrag über die Atheisten ist das Beste, was ich in kurzer, journalistischer Form je zu diesem Thema gelesen habe. Herzliche Grüße aus Polynesien!

MichAel Rux, Freiburg

Bernd Ulrich kennt die Atheisten.

Atheisten pilgern in die Toskana? Ich war noch nie dort.

Ein Treffen »zur langen Nacht der Museen«? Daran habe ich noch nicht teilgenommen. Bin ich nun kein Atheist mehr? Ich bekomme Selbstzweifel.

Mache ich eine »Fastenkur in Sachen Transzendenz«, seit ich Atheist bin?

Absurde Vorstellung. Das Nachdenken über die Welt und das Sein wird sogar intensiver, gerade weil es nicht mehr auf einen imaginären Gott als (unter Umständen letzte) Erklärung für irgendetwas ausweichen kann.

Ulrich zeichnet ein Zerrbild des aktuellen Atheismus. Seine Vorstellungen erscheinen mir eher von Wunschdenken bestimmt.

Bernd Vier, Dortmund

Von dem polnischen Dichter Stanisaw Jerzy Lec stammt der wunderbare Aphorismus: »Die einen glauben, dass sie glauben, die andern glauben, dass sie nicht glauben.« Zu den »andern« gehört offensichtlich auch Herr von Randow, der in seiner Verteidigung der »ungläubigen Demut« gar nicht so demütig auf den bildungssozialen und finanziellen Upper-Class-Status der sogenannten Atheisten hinweist. Jawohl, sogenannte Atheisten, denn es gibt keine »Gottlosen«, »Ungläubigen«, »Glaubenslosen« oder »Nichtgläubigen«, keinen einzigen.

Dass auch ein sogenannter Glaubensloser einen Glauben hat, zeigt der bekenntnisfreudige Artikel einer skeptisch-lakonischen Vernunftreligion von der ersten bis zur letzten Zeile.

»Woran du nun aber dein Herz hängst, das ist dein Gott.« Dieser Satz aus Martin Luthers Großem Katechismus lässt nur noch die Frage offen, wen oder was jemand »anhimmelt«. Randows treffende Formulierung vom »penetranten Weihrauch der Wissenschaftsanbetung« gilt auch für seinen Glauben an das ewig fragende Denken, gilt auch für alle anderen Götter, die Menschen neben Gott zu stellen versucht haben.

Herrn von Randows Glaube ist sehr tolerant, wie jeder echte Glaube eben, der nicht als Wissen auftritt, schon gar nicht als Besserwisserei, sondern bei dem Wissen aufhört, dass jenseits der Erkenntnisgrenze auch er nur glaubt und damit immer »im Ungefähren« bleibt.

Wolfgang Kopplin, Plettenberg

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.15 vom 04.04.2007, S.22
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