Zeigt her eure Fahnen

Paris

Was haben sich die Franzosen nicht alles von diesen Präsidentschaftswahlen versprochen. Eine jüngere Generation von Politikern sollte die staatstragende Gerontokratie ablösen, die präsidiale Wahlmonarchie beenden, Institutionen durchlüften, Versorgungssysteme erneuern, Unternehmen ertüchtigen und Randgruppen neue Chancen bieten. Frankreich, so verhießen die Spitzenkandidaten, werde sich erneut für Europa öffnen, den eigenbrötlerischen Missionarsgeist in auswärtigen Angelegenheiten überwinden und alles tun, damit 62 Millionen Franzosen wieder in der Wirklichkeit ankommen.

Knapp drei Wochen vor dem ersten Wahlgang ist davon wenig zu spüren.

Stattdessen tobt im Land ein Sängerkrieg. Auf den Parteiveranstaltungen, die selten so überfüllt waren, ist das Absingen der Marseillaise plötzlich zur ersten Bürgerpflicht geworden. Wie Fankurven in Fußballstadien dröhnen die Versammlungshallen unter dem Schlachtgesang der französischen Rheinarmee gegen die deutsch-österreichischen Truppen, der seit 1795 offizielle Nationalhymne ist. Im Fahnenmeer der kostenlos verteilten Trikoloren gehen die Parteiabzeichen und Kandidatenposter völlig unter. Statt Aussichten auf einen Machtwechsel zu eröffnen, der trotz hoher Erwartungen zum demokratischen Alltagsgeschäft gehört, schüren die Kandidaten links wie rechts gewaltige Illusionen. Sie geben sich als Anführer einer geeinten großen Volksfamilie, die zum viel besungenen jour de gloire strebt, zum Befreiungsschlag gegen innere Spaltungen und äußere Feinde.

Spötter erklären diesen Sinneswandel ganz materialistisch: Seitdem französische Wirtschaftsinstitute berechnet hätten, dass die Wahlversprechen der führenden Kandidaten hoffnungslos unterfinanziert seien, würden die Protagonisten eben auf erschwinglichere Wohltaten umschwenken. Das unterschätzt jedoch die Leidenschaft, mit der vor allem der rechtsliberale Nicolas Sarkozy den neuen Hurrapatriotismus predigt. Seit Monaten verschiebt er seine anfangs wirtschaftsoptimistische und weltoffene Kampagne hin zu einer Rückbesinnung auf Franzosentum und Nationalidentität. Anfangs klang es harmlos, als er 2000 Jahre französische Geschichte mit allen politischen und kulturellen Heroen von links bis rechts beschwor. Doch längst zieht er die diskursiven Schrauben an, fordert eine Abkehr von Schuldkomplexen im französischen Seelenhaushalt und schärft den nationalen Selbstbehauptungswillen, indem er den Identitätsverlust durch Einwanderung und Traditionsverfall ausmalt. Neuerdings will er sogar ein Doppelministerium für »Einwanderung und nationale Identität« gründen. Erschrocken warnt Le Monde, nur das faschistische Vichy-Regime habe zuvor eine Staatsverwaltung für den Schutz der Nationalidentität geschaffen: »Es war ein politisches Instrument der ethnischen Säuberung.«

Damit will Sarkozy so wenig zu schaffen haben, dass er jüngst sogar mit deutlich germanophobem Beiklang erklärte, das stolze Frankreich sei »niemals der totalitären Versuchung erlegen« und habe auch »keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit verübt«. Dass einst Mitterrand und vor allem Chirac 1995 unter großen nationalen Identitätsschmerzen Frankreichs Mitverantwortung für die Judendeportation zugegeben hatten, interessiert den Wahlkämpfer nicht.

Denn Sarkozy ist vollauf damit beschäftigt, alle vor sich herzutreiben, besonders seine sozialistische Rivalin Ségolène Royal.

Auch sie lässt neuerdings bei jedem Auftritt die Nationalhymne anstimmen und fordert alle Franzosen auf, sich eine Trikolore zuzulegen, um sie am quatorze juillet, dem Nationalfeiertag, ins Fenster zu hängen. Persönlich hat die erzkatholisch erzogene Offizierstochter kaum Berührungsängste mit Nationalsymbolen. Doch unter ihren internationalistischen Parteigenossen musste sie Widerstände überwinden, bevor sie die Identitätsfrage mit ihrer »großen symbolischen und emotionalen Kraft« in ihre Kampagne einbaute.

Scheinheilig rechtfertigen sich beide Spitzenkandidaten, sie wollten nur den Rechtsextremen das Monopol auf die Vaterlandsliebe streitig machen. In der Tat müssten beim Parteichef des populistischen Front National alle Alarmglocken läuten, weil sein traditionelles Alleinstellungsmerkmal bedroht ist. Doch wer dieser Tage Jean-Marie Le Pen beobachtet, sieht keinen überdrehten Rechtsradikalen, der seine »Frankreich den Franzosen«-Parolen weiter verschärft. Im Gegenteil, der 78 Jahre alte Frontkämpfer zeigt sich in strahlender Laune. Er bewirbt sich dieses Jahr zum fünften und letzten Mal um das höchste Staatsamt - er muss aber gar nicht mehr siegen, um dennoch einen Erfolg auf der ganzen Linie verbuchen zu können.

Der Grobian weiß um den Abnutzungseffekt seiner chauvinistischen Tiraden gegen Amerika, Europa, Schmarotzer, Asylanten und andere vaterlandslose Gesellen. Le Pens Stammwählerschaft mag schwinden, doch seine Parolen von Frankreichs bedrohter Sicherheit und Souveränität sind längst in Parteien und Gesellschaft eingedrungen. Er ist seit Jahrzehnten der eherne Gast der französischen Politik, der für die Negierung aller offenen Geschichtsrechnungen von der Kollaboration bis zu den Kolonialkriegen steht und manche politische Trendwende angeschoben hat. Seit er 2002 knapp in die Stichwahl mit Jacques Chirac gelangte, stieg er zum leibhaftigen Gottseibeiuns der Führungsschichten auf, die alles tun, um ihn zu verdrängen und sei es um den Preis der Nachahmung.

Doch welch ein Unterschied besteht zwischen dem Original und den Kopien. Sarkozy schwitzt und zetert, wenn er die Anpassung an die Werte der Republik predigt und Leute, die Frankreich nicht lieben, zum Gehen auffordert. Royal dagegen schwadroniert in monotonem Singsang über eine gefestigte Nationalidentität als Voraussetzung für gelungene Integration. Derweil liefert Le Pen den unaggressivsten Wahlkampf seit Langem, zeigt sich auf Wahlplakaten sogar mit Maghrebinern als »guten« Immigranten und pflegt ungewöhnliche Sangeskünste. Denn er weiß, dass vielen die Marseillaise nicht geheuer ist, weil in ihr die Rede ist von »unreinem Blut, das die Furchen tränkt«. So singt er jetzt auf Veranstaltungen und im Internet mit heiserer, schräger Stimme eine neue Version: Es ist die Melodie der Marseillaise, aber mit dem Text der Internationalen, Copyright Le Pen. Hauptsache, revolutionär, das Patriotische kommt von selbst.

Wenn Le-Pen-Wähler, wie ein französisches Bonmot sagt, ehemalige Kommunisten sind, denen zweimal die Brieftasche geklaut wurde, dann fragt sich, was den übrigen Franzosen abhandengekommen ist, dass sie sich für die Ertüchtigungsparolen von Sarkozy und Royal begeistern.

Dass in einem Land, das seiner jahrhundertelangen Rolle als europäische Leitkultur noch nachtrauert, die späte Suche nach der eigenen Leitkultur schwieriger ausfällt als bei vielen Nachbarn, mag verständlich sein. Zwar stärken auch die Briten neuerdings ihr Nationalbewusstsein, indem die Regierung regelmäßig Leit-Ikonen zum Thema »Britishness« präsentiert und der Buchmarkt vor Schriften zur Landesidentität überquillt. Aber das erscheint ebenso harmlos wie die deutsche Suche nach der »selbstbewussten Nation« nach dem Mauerfall, von der später die zaghafte Leitkultur-Debatte und schließlich nur die Werbefolkore »Du bist Deutschland« übrig blieb.

Doch in Frankreich, das ohnehin einen Hang zur Nabelschau hat und das bei der Erforschung von Erinnerungsorten, Traditionen und Mentalitäten ein Weltmeister ist, liegt der Drang nach Selbstvergewisserung tiefer.

Das Land, das sich stets einredete, in allen Disziplinen vom Gesundheits- und Bildungssystem bis zum republikanischen Integrationsmodell Klassenbester zu sein, weiß längst, dass es selbst europaweit oft nur im Mittelfeld rangiert. War es bislang das größte Malheur der abtretenden politischen Klasse, die Lage schönzureden, so gefällt sich die nachrückende Generation jetzt umgekehrt darin, die nahende Katastrophe zu beschwören.

In Sarkozys Schreckensszenarien drohen dem Land Staatsbankrott, Rassenkonflikte, Gewaltexzesse, Überfremdung und Autoritätsschwund.

Royals düstere Prognosen sprechen von Entsolidarisierung, Desintegration, Ungleichheit, Perspektivlosigkeit und Staatsverfall.

Der monatelange Wettkampf der Schwarzmaler hat vielen Franzosen das Gefühl gegeben, die fünftgrößte Wirtschaftsmacht der Welt sei ein Entwicklungsland. Da erscheint der Umschwung der Apokalyptiker hin zur nationalen Erbauungslyrik geradezu wie kalkuliert. Seitdem zum objektiven Krisenbewusstsein noch das subjektive Notstandsgefühl der Bürger kommt, werden die Vorkämpfer des Identitätsdiskurses tatsächlich zur letzten Rettung.

Doch das Errichten von Drohkulissen artet bei den leicht erregbaren Franzosen schnell in Handgreiflichkeiten aus. Das haben sie bei den Banlieue-Krawallen 2005 erlebt. Damals bescherte Nicolas Sarkozy mit der Beschimpfung der Vorstadtjugend seinem Land einen dreiwöchigen Ausnahmezustand. Auch nach vielen Jahren knallharter Polizeiarbeit und Strafverschärfung kann es der ehemalige Innenminister bis heute nicht wagen, die Vorstädte zu besuchen. So gleicht er seine notleidende Sicherheitsbilanz mit Patriotismus-Appellen aus. Als vergangene Woche in der Pariser Gare du Nord eine mehrstündige Massenschlägerei zwischen Polizei und Vorstadtjugendlichen entbrannte, drehten die Wahlbarometer völlig durch: Sarkozy triumphiert, Le Pen holt auf, Royal sinkt, und der Überraschungsstar Bayrou ist plötzlich abgeschlagen.

Das Schicksal des liberalen Christdemokraten François Bayrou ist bezeichnend. Als Einziger behält er in der Gefühlskampagne klaren Kopf und prangert die »Identitätsneurose« und »nationale Obsession« seiner Mitbewerber an. Doch neuste Umfragen zeigen, dass der Kurzschluss zwischen National- und Sicherheitsrhetorik funktioniert: Nur wer Patriotismus propagiert, kann in den Augen der Bürger die öffentliche Ordnung schützen.

Schon 2002 hatte der Überfall auf einen alten Mann kurz vor den Wahlen die Franzosen derart empört, dass die Rechtsextremen zur zweitstärksten politischen Kraft wurden. Wer heute überzeugend Sicherheit und Identität im Doppelpack verspricht, darf sich die schönsten Hoffnungen machen. Aber vielleicht dauert der Spuk nur bis zum ersten Wahlgang. Bis dahin setzen die Kandidaten Himmel und Hölle in Bewegung, um im Rennen zu blieben. Danach bleiben ihnen noch zwei Wochen bis zur Stichwahl, um sich an das zu erinnern, was sie den Franzosen bei diesem politischen Generationswechsel eigentlich versprochen hatten.

Wahlkampf in Frankreich. Ein Weblog von A.-X. Wurst: www.zeit.de/campagne

 
  • Quelle DIE ZEIT Nr.15 vom 04.04.2007, S.12
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service