Taschenbuch Zu wenig Hass
Zu den wichtigsten Texten der deutschen Philosophie nach dem Kriege zählt für mich Odo Marquards Moratorium des Alltags. Der Aufsatz von 1987 lehrt, dass zwischen Alltag und Fest eine Balance herrschen soll: Weder darf das Fest dem Alltag geopfert werden, noch darf der Alltag zu einem Dauerfest geraten. Man muss die Differenz aushalten und sich im Alltag die Freude aufs Fest bewahren. Das Fest wiederum (also auch die Kunst oder der Urlaub) hilft, den Alltag zu ertragen. Es sei eine Kultur der Feste notwendig. Der Grund nämlich, warum seinerzeit so viele Menschen den Krieg wollten, war, dass sie den Alltag als unerträgliche Last empfanden. Sie wollten aus dem Alltag ausbrechen und ein Fest jenseits aller Alltäglichkeit, das totale Fest, sei der Krieg (oder der Bürgerkrieg, wie Marquard im Hinblick auf die revolutionäre Rhetorik der Studentenbewegung meinte).
Wichtig ist der Aufsatz auch, weil er charakteristische Schwächen zeigt - er ist an manchen Stellen von einer spießigen Angst diktiert, mit der der Autor alles verwirft, was die Grenzen wohlgeordneter Bürgerlichkeit überschreitet. So zählt er nicht nur Ernst Jüngers Stahlgewitter zu den vom Krieg begeisterten Werken. Die gleiche Faszination sei in Thomas Manns Zauberberg und in Musils Mann ohne Eigenschaften wirksam: »Der Ausbruch des Krieges überholt dort den vergeblichen Versuch, dem bürgerlichen Alltag ins höhere Krankfeiern oder in einen anderen Zustand zu entkommen.«
Die nach meiner Ansicht beste Einführung in Musils Denkweise stammt von Klaus Amann: Robert Musil Literatur und Politik - mit einer Neuedition ausgewählter politischer Schriften aus dem Nachlass - Rowohlts enzyklopädie 55685 - Rowohlt Verlag, Reinbek 2007 - 317 S., 12,90 . Amann ist gemeinsam mit Walter Fanta und Karl Corino Herausgeber der digitalen Edition von Musils Gesamtwerk, die 2008 erscheinen wird. Die ewigen Editionsgeschichten bei Musil interessieren mich kaum, anderseits muss ich zugeben, dass ich unbedingt alles haben möchte, was er je geschrieben hat.
In Amanns Buch steht eine dieser Formulierungen Musils, die dem heutigen Literaturbetrieb ins Stammbuch geschrieben sind. Musil spricht von einer Literatur, die sich wandelte »nach dem geheimnisvollen Gesetz der Hunderassen, Bargetränke und Tanzarten. Die geistige Produktion war in hohem Grade merkantilisiert. Anstelle des Bildungsideals der Klassik war in hohem Grade das Ideal der Unterhaltung getreten, wenn es auch künstlerisch angehauchte Unterhaltung war.«
Es ist logisch, dass Musil einerseits zu den Klassikern der Moderne zählt und dass es ihm anderseits immer noch gelingt, genügend Leute, die ihn hassen, auf die Beine zu stellen. Gefährlicher für Musil ist die gedankenlose Zustimmung, mit der viele den Titel Der Mann ohne Eigenschaften zum Ausschmücken ihrer geistigen Anstrengungen nehmen: Sie setzen Eigenschaftslosigkeit mit Charakterlosigkeit (die sie stets bekämpfen) gleich. Das geht aber in Musils Namen nicht.
Amann führt vor Augen, wie intensiv Musil der Kriegsbegeisterung nachgegangen ist. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Frage evident, wie der betriebsame Bürger im Kriegsdienst zum Mörder, Totschläger, Dieb oder Brandstifter werden konnte. Die Erfahrung des Krieges, so Musil, habe in einem Massenexperiment bestätigt, »dass der Mensch sich leicht zu den äußersten Extremen und wieder zurück bewegen kann, ohne sich im Wesen zu ändern. Er ändert sich, aber er ändert nicht sich.«
Das ist mit der Skepsis Marquards, die noch einen Krieg mehr kannte, vergleichbar. Musil studieren lohnt sich!
- Datum
- Quelle DIE ZEIT Nr.15 vom 04.04.2007, S.58
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