Außenpolitik: Von Merkel umgarnt
Bei der Bundeskanzlerin laufen unerwartet die Fäden der Weltpolitik zusammen
Was ist eine gute Außenpolitik? Die beste Antwort liefert noch immer der schlaueste Fuchs in diesem Gewerbe, Charles-Maurice de Talleyrand, der erst der Revolution, dann der Reaktion als französischer Außenminister gedient hat: »surtout pas trop de zèle« – vor allem kein blinder Eifer. »Überhebe dich nicht« wäre die noch treffendere deutsche Übersetzung, weil sich Preußen/Deutschland so oft überhoben hat: unter Friedrich, Wilhelm, Adolf. Und weil in dem Verbum auch das Adjektiv »überheblich« steckt.
Für die Außenpolitik der Angela Merkel trifft keines der beiden Ü-Wörter zu, und das ist schon der Hauptgrund dafür, dass sie von den Medien, zumal den internationalen, als »Weltstaatsfrau« in der »Mitte der Bühne« gefeiert wird. Gewiss spielt auch der Zufall des Kalenders eine Rolle: Berlin hält derzeit den Vorsitz in der EU wie auch in der G8. Biografische Zufälle kommen dazu, verlassen doch zwei natürliche Rivalen – Blair und Chirac – 2007 das Feld, derweil der dritte – Bush – noch schwächer dasteht als Nixon 1974 vor seinem erzwungenen Rücktritt.
Bloß hat Glück nur der Tüchtige, doziert der Volksmund, weshalb die tieferen Gründe jenseits des Kalenders zu suchen sind. Schlicht gefasst, liegt das Geheimnis im minutiös austarierten Gleichgewicht von Mitteln und Zielen, was die deutsche Außenpolitik selten geschafft hat. Der Alte Fritz wäre mit seinen unbändigen Ambitionen fast an einer gesamteuropäischen Koalition im Siebenjährigen Krieg zugrunde gegangen, schrecklich scheiterten Wilhelm II. und Hitler an globalen Bündnissen gegen Deutschland.
Adenauer, Brandt und Kohl kannten ihre Grenzen und sind deshalb mit ihrer West-, Ost- und Vereinigungspolitik grandios gefahren. Wenn Merkel denn einen Lehrmeister hätte, wäre es der Vierte im Bunde: Bismarck. Dessen Leitlinie, niedergelegt im berühmten »Kissinger Diktat«, war eine »politische Gesamtsituation, in welcher alle Mächte außer Frankreich unserer bedürfen…« Die Fäden sollten also in Berlin zusammenlaufen, in der Mitte, die zugleich den Mittler spielen sollte. Nie gegen-, immer miteinander, damit Berlin das »Bleigewicht am Stehaufmännchen Europa« bleibe.
Ob Merkel den Meister gelesen hat oder nicht: Das ist der Kern ihrer Außenpolitik, selbstverständlich nicht ohne, sondern mit Frankreich. Ein »offenes System, kein closed shop« ist ein Lieblingsspruch. Wie die Fäden legen? Ein Berater: »Nie die Führung beanspruchen, sondern die anderen mitziehen, sie für die Zusammenarbeit belohnen.« Das gelinge, weil man nicht wie »arrogante Deutsche« auftrete.
Nehmen wir Nahost, wo Wilhelm II. die Briten provozierte, indem er mit seiner Bagdad-Bahn ins Herz ihres Imperiums vorstieß. Merkel aber arbeitet nicht gegen die amerikanische Hauptmacht, wie es Schröder vor dem Irakkrieg tat, sondern mit ihr. »Ohne Amerika wird in dieser Region erst mal gar nichts.« Und siehe da: George W., der Schröder im Gegenzug den Sitz im Sicherheitsrat verweigerte, erwidert die Geste. Er, der die Akte »Israel/Palästina« jahrelang in die Ablage verbannt hatte, gibt nach, indem er das »Quartett« (Russland, EU, UN, USA) wiederbelebt. Und schon ist Berlin wieder im Spiel.





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