Im Dezember 2006 lag der Wasserpegel des Bodensees bereits im vierten Jahr in Folge extrem niedrig, und im Januar sank er weiter. Vorsorglich bildete Helmut Schlichtherle, Baden-Württembergs oberster Denkmalpfleger für Feuchtböden und Unterwasserbefunde, zwei Eingreiftrupps von je drei wetterfesten Archäologen: Sie sollten bei weiter sinkendem Wasserspiegel auftauchende Pfahlbaureste markieren, vermessen und beproben. Die Pfahlbauten am Bodensee wurden im Freilichtmuseum von Unteruhldingen rekonstruiert BILD

Das Malheur vom Vorjahr durfte nicht wieder passieren. Damals sank im Februar der Pegel des Bodensees bei Konstanz auf 2,26 Meter, den tiefsten Wert seit 1858. Am Seeufer entstand eine Wattlandschaft, stellenweise mehrere Hundert Meter breit. Die Archäologen vom Institut für Denkmalpflege in Hemmenhofen begannen, das nasse Neuland nach prähistorischem Holz, Scherben und Knochen abzusuchen.

»Beim ersten Mal sehen Sie nichts. Und nach ein paar Frostnächten kommen Sie wieder und stehen vor einem riesigen Pfahlfeld«, erzählt Schlichtherle. »Überall gucken die Hölzer raus. Und etwas später sind sie oben aufgesplittert und kaputt.« So tauchte an der Hafenmole von Unteruhldingen eine bisher unbekannte Siedlung aus dem 17. Jahrhundert vor Christus auf.

Ursache war die kombinierte Wirkung von Niedrigwasser und Frost: Der gefrorene Seeboden hatte die angespitzten Pfahlreste aus Eschen-, Ahorn- und Buchenholz zentimeterweise hochgedrückt. Nun war Eile geboten. Aber der harte Boden erschwerte die Bergung. Nur vier Hölzer konnten die Pfahlbauforscher pro Stunde heraushacken. Dann stieg mit dem Tauwetter der Seespiegel rasch wieder an – und ein Teil der begehrten Pfähle schwamm davon.

Seit Jahren sorgen sich die Archäologen um die berühmten etwa hundert Pfahlbausiedlungen aus Jungsteinzeit und Bronzezeit, aus den Jahren 4000 bis 900 vor Christus. Nur etwa ein Hundertstel ihrer vermuteten Siedlungsfläche ist erforscht. Zwar wurden bereits über 80000 Hölzer von den Baumkundlern (Dendrologen) in Hemmenhofen analysiert. Dennoch liegen in der Siedlungsgeschichte am Bodensee noch ganze Jahrhunderte im Dunkeln. Dies wäre nicht weiter schlimm, doch durch den Klimawandel, geologische Effekte und Verwitterung sind inzwischen 80 Prozent der Fläche erosionsgefährdet. Beispielsweise driftet der Boden zwischen den Pfählen langsam Richtung Seemitte. Die ehemals bis zu vier Meter im Boden steckenden Rundlinge faulen bis auf kurze Stummel ab und werden dann von Wellen und Strömung herausgezogen. Aber nicht nur die Pfähle sind bedroht. »Am schlimmsten ist es, wenn es die Kulturschicht trifft«, sagt Schlichtherle. In diesen von den Menschen erzeugten Abfallschichten könne »man sehen, was auf den Teller kam und wie es auf den Teller kam«. Das organische Material hat sich unter Luftabschluss bestens erhalten, es ist einzigartig in Deutschland. BILD

Die Ursachen für die Verluste sind vielfältig. So hat der mittlere Wasserspiegel des Bodensees seit 1925 um 35 Zentimeter abgenommen, im Sommer sogar noch mehr. Dadurch geraten weitere Siedlungen ins Flachwasser, aus einst stillen Ruhezonen in die Brecherzone. Die Wellen sind zudem stärker, wenn sie von verbauten Ufern und Hafenmolen zurückprallen, anstatt wie früher im Schilf auszulaufen.