Zwei Großraumbüros, eine Wand dazwischen, in der Wand eine Tür. Die Tür steht meist offen. »Hier sitzen unsere Leute von der IG Metall«, sagt Klaus Hannemann. Der Betriebsratsvorsitzende von Siemens in Erlangen geht durch die Tür: »Und hier nebenan sind die Kollegen von der AUB.« Die sechs Schreibtische sind gerade verwaist, und Hannemann bittet zu beachten, wie schön aufgeräumt dieses Büro doch sei: »Die haben eben die Zeit dafür.« Als Betriebsratschef versuchte der IG-Metaller Klaus Hannemann, die AUB auszumanövrieren BILD

Neulich war die Tür ein paar Stunden lang zu. Da waren die Staatsanwälte zu Besuch bei den Kollegen von der Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger. Nicht um aufzuräumen, sondern um Beweise sicherzustellen.

Wilhelm Schelsky, der langjährige Bundesvorsitzende der AUB, soll über Dienstleistungsverträge mehr als dreißig Millionen Euro von Siemens kassiert und dafür eine willfährige Arbeitnehmervertretung in Konkurrenz zu den weniger gefügigen Betriebsräten der IG Metall aufgezogen haben. Die IG Metall hat Strafanzeige gegen Siemens erstattet, weil sie darin eine gesetzwidrige Begünstigung ihrer Wettbewerber sieht. Weil Verträge mit Schelsky seine Unterschrift trugen, wurde der Siemens-Zentralvorstand Johannes Feldmeyer in Haft genommen; gegen Auflagen ist er mittlerweile wieder frei. Schelsky, der sein Amt als AUB-Chef inzwischen niedergelegt hat, sitzt in Untersuchungshaft.

Deswegen muss nun die Zweite Vorsitzende der AUB, Ingrid Brand-Hückstädt, in der Nürnberger Zentrale der Arbeitnehmerorganisation täglich Erklärungen abgeben – weniger zu den politischen Positionen der Organisation (»betriebsnah, ideologiefrei, zukunftsorientiert«), mehr zum Schelsky-Skandal. Der Rechtsanwältin aus dem schleswig-holsteinischen Plön, die zu Zeiten der Barschel-Affäre Sprecherin der Freien Demokraten in Kiel war, fällt das Reden an sich nicht schwer. Aber wenn die Sprache auf die Finanzen der AUB kommt, wird sie vergleichsweise schweigsam. Schelsky soll den Verband aus den Siemens-Zahlungen auf vielfältige Weise großzügig alimentiert haben. »Wir sind noch beim Kassensturz«, sagt Brand-Hückstädt, »wir können auch wegen der laufenden Ermittlungen nichts sagen.« Sie spricht von Tabula rasa, rigoroser Neuausrichtung und Transparenz.

Aber kann ihr denn entgangen sein, dass hauptamtliche Mitarbeiter der Zentrale auf den Lohnlisten der Unternehmensberatungen Schelskys standen, von zwanzig Personen ist gerüchteweise die Rede? »Es war eben alles sehr auf Herrn Schelsky zugeschnitten«, sagt die Anwältin. Charismatisch sei er gewesen, habe einem in fünf Minuten die Welt neu erklären können. Derzeit arbeiteten nur drei Hauptamtliche in der Zentrale. Bis vor Kurzem seien es noch mehr gewesen, vielleicht »eine Handvoll«. Aufs Geld müsse man jetzt schon ein wenig sehen. Und, nun ja, ein wenig sei die AUB eben auch ein Verein von Individualisten, um nicht zu sagen: Chaoten. »Aber warum«, fragt sie dann, »hätte man uns bestechen sollen? Wir haben doch gar nicht die Mehrheiten und die Macht, jedenfalls nicht bei Siemens.«

Das stimmt, allerdings erst seit den Betriebsratswahlen im Frühjahr 2006. Davor hatte die AUB in etlichen örtlichen Siemens-Betriebsräten die Mehrheit. Und für gewöhnlich macht der Verband sich auch eher groß. An die 32000 Mitglieder hat er nach eigener Aussage, davon sollen 19000 in Betriebsräten sitzen, vorwiegend im Einzelhandel.