DIE ZEIT : War die ganze Debatte um die Generation Praktikum nur viel Lärm um nichts?

Annette Schavan : Zumindest belegt die HIS-Studie, dass die tatsächliche Lage besser ist als die gefühlte. Wobei man sagen muss: Für den, der in einem Praktikum steckt ohne Stellenperspektive, ist es egal, ob es sich um ein Massenphänomen handelt oder nicht. Darum gibt es auch keinen Grund zum Schönreden, keinen Grund zur Entwarnung. Wir müssen die Ängste und die Verunsicherung der Hochschulabsolventen ernst nehmen.

DIE ZEIT : Haben Sie den Eindruck, dass Medien, Gewerkschaften, aber auch Politiker die Probleme der Hochschulabsolventen übertrieben haben?

Schavan : Die Berufsaussichten von Akademikerinnen und Akademikern sind gut und haben sich durch den wirtschaftlichen Aufschwung weiter verbessert. Hinzu kommt: Nicht jedes Praktikum wird von den Betroffenen negativ bewertet. Wir müssen also differenzieren. Wenn allerdings die Zahl der prekären Arbeitsverhältnisse auffallend hoch ist, dann ist das ein falsches Signal an die Hochschulabsolventen. Sie müssen die Erfahrung machen, gebraucht zu werden und mit ihren Talenten gefragt zu sein.

DIE ZEIT : Vielen jungen Menschen drängt sich der Eindruck auf: Jene, die am lautesten mehr Flexibilität von ihnen fordern, sind die mit den bezahlten, sicheren Jobs.

Schavan : Das ist doch auch eigentümlich, wenn gerade Leute, die seit Jahrzehnten verbeamtet sind, von der Dynamik schwärmen, die ein offener Arbeitsmarkt ohne Befristungsregeln erzeugt. Umgekehrt muss man schon sagen, dass die übermächtige Stellung des öffentlichen Dienstes in Deutschland auch in anderen Branchen eine Behäbigkeit erzeugt hat, die andere Länder so nicht kennen. Daher glaube ich, dass mehr Flexibilität und Offenheit heilsam und notwendig sind. Die Akzeptanz dafür wächst aber nur, wenn jungen Menschen gleichzeitig klare Perspektiven eröffnet werden und sie nicht das Gefühl haben müssen, dass das Ende einer befristeten Stelle gleichsam Endstation ist.