Ist im Norden alles besser? (I) Die gemütliche Festung

Die Dänen sind das glücklichste Volk der Welt – und sie haben Grund dazu. Sie kennen weder Arbeitslosigkeit noch Kündigungsschutz, im Arbeitsamt steigen Partys. Doch nicht jeder darf mitfeiern.

Wenn Deutschland um die richtigen Rezepte gegen Arbeitslosigkeit und Bildungsmisere streitet, kommt die Sprache schnell auf den Norden. In Finnland und den skandinavischen Staaten, heißt es dann, gebe es genug Arbeit für alle, wenig Ungleichheit und viele gute Schüler.

1. FOLGE: DÄNEMARK: Wie schafft man Arbeit für alle?

Auf Elvira Zipprich hat das Glück nie gewartet, sie muss es erwischen, wenn es ihr morgens um sechs die Fabriktür aufhält, drüben bei Danfoss in Gråsten. Schnell einen Kaffee gestürzt, Zigaretten eingesteckt und raus aus der Doppelhaushälfte, leise, damit Dieter nicht aufwacht, ihr Mann. Es ist Viertel nach fünf, kein Licht brennt in Jarplund-Weding, Schleswig-Holstein, als Elvira Zipprich den Motor ihres alten Hyundai-Coupés startet und das Radio einschaltet. Calimba de luna … Es wäre eigentlich Zeit, Düsternis und Kühle zu verfluchen, doch sie sagt: »Ich freu mich jeden Morgen.«

Elvira Zipprich ist eine kleine Frau von fünfzig Jahren, das Alter hat ihr erste Flecken auf die Hände getupft, die nun das Lenkrad halten. Sie fährt auf der Bundesstraße 200 nach Norden, an Flensburg vorbei zu ihrem persönlichen Jobwunder, nur dreißig Kilometer von zu Hause entfernt. Laster reißen Gischt aus dem Asphalt, Birken lassen ihre regenschweren Häupter hängen, doch Elvira Zipprich schwärmt von diesem kleinen Land, dem sie sich nähert, als handele es sich um das Paradies: Dänemark. »Alle per Du«, ruft sie, »da braucht man keine Angst vorm Chef zu haben!«

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Seit letztem Sommer hat sie Arbeit bei Danfoss im Süden Jütlands, als eine von fünfzig Deutschen, die der Maschinenbaukonzern eingestellt hat, weil es kaum noch arbeitslose Dänen gibt. »Das war gerade übrigens die Grenze«, sagt sie, »ab hier ist alles anders.«

Dänemark. Jahrelang war das für Elvira Zipprich nicht mehr als ein Bingoabend in der Festhalle direkt hinter der Grenze, voll fröhlicher Menschen mit komischen Namen und mit Bier, das øl heißt. Als sie vor einigen Jahren ihren Motorradführerschein gemacht hatte, wagte sie sich etwas tiefer hinein, »Tempo achtzig und überall Kreisverkehre – das war ideal zum Üben«. Hinter der Grenze begann der Urlaub. Nichts Ernstzunehmendes außer vielleicht dem Karikaturenstreit, nichts, was für ein deutsches Leben von Belang sein könnte. Dachte sie damals.

Heute laden dänische Konzerne deutsche Arbeitslose zu Informationstagen ein – und Hunderte, Tausende kommen. Die Firmen schicken kostenlose Pendelbusse bis nach Flensburg, bis nach Kiel, und fahren die Besucher in das Land des Lächelns. Umfragen zufolge sind die fünfeinhalb Millionen Dänen das glücklichste Volk der Welt. Kein Ort liegt weiter als 52 Kilometer vom Meer entfernt, ein Drittel aller Dänen fährt mit dem Rad ins Büro, kaum jemand wohnt noch zur Miete, nahezu alle haben Arbeit.

Elvira Zipprich hatte zwei Jahre lang keine. Sie, eine Tischlerstochter ohne Ausbildung, hat ihr deutsches Arbeitsleben stets am unteren Rand der sozialen Marktwirtschaft verbracht, als Taxifahrerin, Verkäuferin, Arbeitslose. Im Arbeitsamt Flensburg rieten sie ihr irgendwann, sie solle Dänisch lernen, ihre letzte Chance. »Erst war das wie Japanisch rückwärts für mich«, sagt sie und lacht, har du lyst til at arbejde?, hast du Lust zu arbeiten?

Es ist kurz vor sechs, als Elvira Zipprich in Gråsten auf den Werkparkplatz fährt. In der Fabrik ruft sie »hej« nach links und »hej« nach rechts, froh wie ein Mädchen, das unverhofft doch noch zum Kindergeburtstag eingeladen worden ist. Die Randi ist schon da, die Berit, die Vickie. Elvira Zipprich eilt zu ihrem Spind. Darauf steht ELVIRA.

Danfoss stellt Steuerungsgeräte für Fließbänder her. Im Moment ist es so, dass China Fließbänder braucht. Deshalb braucht Danfoss Elvira. Sie heißt hier operatør. Das klingt gut, fast wie Chirurg. Sie verdient mehr Geld, als sie in Deutschland je bekommen hat. Sie hat einen unbefristeten Arbeitsvertrag, 30 Tage Urlaub und volle Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Es gibt auch einen Massagestuhl in der Fabrik.

Was an diesem Morgen wie das Paradies der Arbeitnehmer wirkt, wie ein streng regulierter Sozialstaat, ist in Wahrheit das Resultat eines freien Spiels der Kräfte: Vor mehr als hundert Jahren, 1899, haben Gewerkschaften und Arbeitgeber beschlossen, den Arbeitsmarkt allein zu regulieren, durch direkte Absprachen. Das dänische Arbeitsrecht zeichnet sich seitdem dadurch aus, dass es dieses Arbeitsrecht quasi nicht gibt, zum Beispiel keinen Kündigungsschutz. An die Stelle von Paragrafen trat ein Mit- und Gegeneinander, verbindlich im Ton. 80 Prozent der Dänen sind in einer Gewerkschaft, jedes einzelne Danfoss-Werk handelt seine eigenen Tarife aus. Über 70 Prozent der Dänen sehen die Globalisierung als Chance, in der gesamten EU sind weniger als 40 Prozent dieser Meinung. In Dänemark findet ein Arbeitsloser nach durchschnittlich 17 Wochen eine neue Stelle, in Deutschland erst nach 40. Jahr für Jahr wechseln 800000 Dänen den Job. Das ist fast jeder dritte Arbeitnehmer.

Neben der Werkhalle von Danfoss, in einer birkenholzhellen Kantine, die einem riesigen Wintergarten ähnelt, wartet Kaj Iversen, Abteilung Human Resources. Der Kaj. Ausgewaschene Jeans, einen Pott Kaffee in der Rechten, das Knie an der Tischkante. Er könnte auch Sozialpädagoge sein, seine Stimme klingt so sanft, als rede er den ganzen Tag lang mit Kindern. »Schön bei uns, nicht wahr?«, fragt er.

Draußen verebbt die Ostsee im Schilf, im kleinen Hafen gegenüber legt ein Fischer an. Er hat ein Headset im Ohr.

Iversen erzählt, dass er in den Vorstellungsgesprächen staune, wie sehr sich Dänen und Deutsche auseinanderentwickelt hätten. »Die Dänen«, sagt er, »fragen mich offensiv nach Löhnen, Arbeitszeiten, Pensionsfonds. Und bevor sie zusagen, lassen sie sich noch die Kantine zeigen.« Und die Deutschen? Iversens Blick schweift übers Wasser. »Wie sagt ihr dazu? Defensiv? Demütig? Ja, ihr seid demütig geworden in der Krise. Die Deutschen bei uns sind immer pünktlich. Sie haben die wenigsten Krankheitstage. Sie ziehen nicht von einem Job zum nächstbesseren. Ihr Deutschen seid wahnsinnig dankbar.«

Manchmal macht sich Iversen einen Spaß aus der deutschen Angst und fragt die Bewerber, ob sie rauchen. Er sieht dann das Zucken in den Gesichtern und hört oft ein »Äh, nein«. – »Wirklich nicht?« – »Wirklich nicht.« – »Ach, schade. Dabei dürften Sie es bei uns.« Auf seinen Rundgängen durchs Werk trifft er dann überall rauchende Nichtraucher.

Iversen weiß, dass sich die deutschen Politiker jetzt sehr für den dänischen Arbeitsmarkt interessieren. Er sagt: »Mit Kündigungsschutz hätte Elvira den Job nie bekommen. Wir können in guten Zeiten nur Leute einstellen, wenn wir ihnen in schlechten Zeiten kündigen können.« Iversen spricht vom Glück der Dänen wie von einem scheuen Wesen, das sich gar nicht ins Land trauen würde, wenn man es dort auf ewig festzuhalten drohte.

Sollte Danfoss einmal Leute feuern wollen, müsste die Firma keine Rücksicht nehmen. Nicht auf das Alter der Angestellten, die Zahl ihrer Kinder, die Treue zum Betrieb. Es gäbe dann nur ein Maß, die Effizienz. Jeder Arbeiter muss auf jedem Werkstück einen Aufkleber mit einer persönlichen Nummer hinterlassen, für die Qualitätskontrolle. Wenn Iversen will, kann er jeden mit jedem vergleichen, Vickie mit Randi, Randi mit Berit, Berit mit Elvira. Und wenn er es müsste, weil der Weltmarkt schlechte Laune hat, dann würde er Listen erstellen und einfach von hinten wegstreichen, der Kaj.

In der Kleinstadt Munkebo auf der Insel Fünen wird ausgemistet, der ganze Plunder fliegt auf die Straße. Vor dem Rathaus liegen herausgerissene Fußleisten und Regalbretter. Die morschen Reste einer viel zu großen und viel zu mächtigen Behörde. Das Schild mit der Aufschrift »Sozialamt« haben sie als Erstes weggeschmissen und ein neues Schild aufgehängt, »Jobcenter«, darunter die Pforte zur Arbeit. Die Tür zum Sozialamt ist jetzt nicht mehr so leicht zu finden.

Dass hier ein anderer Sozialstaat einziehen würde, hat niemanden in Munkebo überrascht, nicht seit Kenneth Damsgaard den Ton angibt. Ein drahtiger Typ mit einem schmalen Lächeln. Wie elektrisch aufgeladen rennt dieser Kenneth durch die Büros, sein ganzer Körper steht unter Spannung. Einen Vertrag mit Erfolgsklauseln hat er unterschrieben, und sein Englisch klingt geschliffen. Dänemark scheint ein Land zu sein, in dem Kaj Iversen und Kenneth Damsgaard die Jobs tauschen müssten – sieht der Manager doch aus wie ein Arbeitsamtsleiter und der Arbeitsamtsleiter wie ein Manager.

Im neuen Jobcenter rief Kenneth Damsgaard im Januar die Angestellten zusammen, er sah diese Frau mit dem Schlabberpullover und den mädchenhaft wilden Locken, die Sozialarbeiterin Elizh Hansen, er sah ihre Handrücken, auf die sie mit einem Filzstift Telefonnummern schreibt, er sah sich von einer nutzlosen Vergangenheit umzingelt, er suchte nach einem klärenden Satz und hörte sich sagen: »Ihr seid also diejenigen, die die Leute im System behalten wollen. Ihr wollt sie gar nicht abgeben, was?« Elizh Hansen wich erschrocken zurück. Schon wie er dieses Wort aussprach – System. Bei ihm klang das nach einer schweren Krankheit. Elizh Hansen dachte an ihre Schützlinge, die arbeitslosen Einwanderer aus Afrika, die schon jetzt nur die Hälfte vom normalen Arbeitslosengeld bekommen, weil die dänische Regierung meint, ein wenig Druck könne ihnen nicht schaden. Und nun auch noch Kenneth. »Seid härter!« Das sagt er immer wieder zu den Sozialarbeitern. »Uns geht es besser denn je«, sagt er, uns, dem dänischen Wirtschaftswunderland, »wir brauchen jeden, der arbeiten kann.« Kommt einer ins Jobcenter und verlangt Arbeitslosengeld, dann antwortet Kenneth Damsgaard: »Wir haben Arbeit für dich. Geld haben wir nicht, dafür such dir eine andere Tür.«

Dänemark, das sind knapp vier Prozent Arbeitslose. Deutschland, das sind fast zehn Prozent. Den Unterschied erkennt man an den Zetteln auf den Stellwänden im Jobcenter. Elektriker gesucht, Maurer, Lasterfahrer, Krankenschwestern, Putzfrauen, Gärtner, Sozialarbeiter, Lehrer, Glaser. Wer frühmorgens Zeitungen austrägt, dem wird ein eigenes Moped gestellt. In Werbespots bieten Firmen sich an. Wer ihnen einen zuverlässigen Arbeiter beschafft, bekommt eine Prämie. Sogar im Jobcenter rufen private Personalvermittler an, weil sie die Namen von Arbeitslosen herauskriegen wollen – oder die staatlichen Arbeitsberater abwerben.

Besonders die Einkaufszentren sind hungrig nach Leuten. Vor ein paar Monaten, erzählt Kenneth Damsgaard, habe ein Lieferant zu dem Mann hinter der Fleischtheke eines Supermarkts gesagt: »Warum bist du noch hier? Ich kenne eine Stelle für dich, die viel besser bezahlt ist.« Der Fleischer ließ sich überzeugen und ging. Damsgaard kennt die Geschichte so gut, weil der Fleischer sein Bruder ist.

Die Dänen wechseln im Schnitt alle vier Jahre den Job, und Angst vor der Zukunft ist nicht weitverbreitet, weil sich Gewerkschaften und Arbeitgeber auf einen Solidarpakt einigten: größtmögliche Freiheit auf dem Arbeitsmarkt, solange die Gemeinschaft die wenigen Verlierer unterstützt. Dänemark hat staatliche Gesetze gekippt und sich den Gesetzen des Marktes unterworfen. Das funktioniert so lange, wie die Konjunktur mitspielt – oder spielt die Konjunktur gerade deshalb mit in Dänemark? »Jedenfalls hält unser Modell die Sache am Laufen«, sagt ein Berater des Arbeitsministers.

Die Vorstellung von einer lebenslangen Anstellung ist aus den Banken verschwunden, den Versicherungsfirmen, den Autoläden. Die pausenlose Bewegung schreckt die wenigsten Dänen, die Zuversicht überwiegt, weil das soziale Netz nicht zerrissen ist, das die Langsamen und Fußkranken der beschleunigten Wirtschaft auffängt. Sie müssten in Munkebo zu finden sein, eine große Werft herrscht über das Schicksal der Stadt, mit der Werft kamen viele Jobs und viele Krisen.

Fragt man die Sozialarbeiterin Elizh Hansen nach den Brennpunkten der Gesellschaft, spricht sie von einem »Ghetto« am Rande der Stadt. Den Weg dorthin zeichnet sie auf ein Stück Papier, damit man es bloß nicht übersieht. Das Ghetto besteht aus ein paar gelb verklinkerten Wohnblocks mit Balkonen. Neben den gepflegten Rasenflächen stehen die Garagenhäuschen der Bewohner. Das Auffälligste am Ghetto ist, dass es drei Geschosse hat. Dänemark ist eingeschossig, höhere Häuser zeigen die Normabweichung an, den Sonderfall, das Ghetto. Dass dänische Ghettos nicht bedrohlicher wirken als Reihenhaussiedlungen in deutschen Vororten, hat damit zu tun, dass der dänische Sozialstaat nicht so hartherzig ist, wie es sich manche wünschen, die jetzt in Deutschland nach »der harten Tour« verlangen. Der dänische Sozialstaat ist sogar erstaunlich gut gelaunt.

Man muss nur ein paar Stunden im Jobcenter Munkebo verbringen, sich mit Kenneth Damsgaard in ein Zimmer neben einem Besprechungsraum setzen. Der ernsthafte Kenneth Damsgaard hebt gerade zu einem kühlen Gedanken an, da gackern sie nebenan schon wieder los. Kurzes Pochen gegen die Wand, leiser bitte. Danach prusten sie so sehr vor Freude, dass sogar er lächeln muss. Glaubt man nach einer stillen Viertelstunde, die Besprechung nebenan sei zu Ende gegangen, versinkt das Jobcenter plötzlich in fröhlichem Gejohle. »Wir machen oft längere Pausen«, sagt Kenneth Damsgaard, »zwei offizielle Pausen, nein, drei am Tag.« – »Und Sommerpartys, Winterpartys, Geburtstagspartys«, sagt eine Kollegin. Sie feiern auch immer ein bisschen ihren Erfolg.

Drüben auf der Werft von Munkebo wurde eine Krankenschwester eingestellt, die sich um die Verletzten kümmert. Dänemark ist plötzlich ein Land der Unfallopfer, und auch das hat mit seinem Erfolg zu tun. Überall berichten Unternehmer von Unfällen schnell geheuerter Hilfsarbeiter. Ein rumänischer Lkw-Fahrer stellt sich beim Verladen unter einen Kran, polnische Bauarbeiter laufen ohne Schutzhelme herum, ständig passiert etwas. Es bleibt keine Zeit, die Arbeiter aus dem Osten an die westlichen Gebote der Sicherheit zu gewöhnen.

Die einzigen Dänen, die den Arbeitsvermittlern noch Sorgen machen, sind die letzten drei Prozent. Menschen mit kaputten Zähnen und kaputten Lebensläufen. In der Sprache der Sozialarbeiter heißen diese Menschen Multi-Problem-Fälle. Kenneth Damsgaard nennt sie »den Rest«, in Deutschland wären sie »die Unvermittelbaren«. Aber Kenneth Damsgaard will jetzt jeden. Deswegen kümmern sich in Munkebo gleich zwei Sozialarbeiter um 30 bis 40 Langzeitarbeitslose. Elizh Hansen betreut diese Leute zu Hause, einer ihrer Kollegen sucht nach gutmütigen Arbeitgebern mit passenden Jobs, und wenn es nur ein paar Stunden sind, weil ein Alkoholiker mehr nicht schafft. »Es soll keiner mehr durchrutschen«, sagt Kenneth Damsgaard. Der dänische Staat ist ein wechselhaftes Wesen, mal macht er sich klein, dann baut er sich auf. Vier Jahre lang zahlt dieser Staat Arbeitslosengeld, im Monat bis zu 2000 Euro. Arbeitslose, die sich mit diesem Geld zur Ruhe setzen wollen, kommen nicht zur Ruhe, weil der Staat sie ständig aufscheucht und mit Jobangeboten bedrängt. Der Staat zahlt ihnen auch Fortbildungen, Umschulungen. Der Staat ist gierig, holt sich Geld von Bürgern und Firmen, verlangt hohe Steuern, mit denen er das Soziale bezahlt. Der Staat verteilt um, einerseits, andererseits: Der Staat ist großzügig, er verteilt die Freiheit, etwas zu unternehmen, die Freiheit des Unternehmers, aber auch Sicherheit für die, denen in der Freiheit nichts gelingt.

In Kopenhagen, seiner Hauptstadt, leuchtet dieser Staat in Reichtum und in Zuversicht. Alter Backstein und neuer Stahl, überstrahlt von goldglänzenden Kirchtürmen. Touristen schlendern durchs Regierungsviertel und fotografieren das Parlament, die sichtbare Seite der Macht. Die unsichtbare Macht residiert in einem blassen Häuserblock im Schatten der Prachtbauten. Hier arbeitet Det Centrale Personregister, eine Abteilung des Innenministeriums. Jeder Däne kennt es unter CPR.

1968 machten die Dänen ihrem Land ein großes Geschenk. Sie händigten ihm ihre Identität aus. Die Regierung wollte damals eine neue Steuer einführen, eine bessere Steuerorganisation gleich mit – und begann deshalb mit der zentralen Registrierung all ihrer Bürger, eine fortlaufende Volkszählung, ohne dass damals eine große Debatte losgebrochen wäre.

Seither trägt jeder Däne eine CPR-Nummer bei sich, einen zehnstelligen Code, gültig von der Geburt bis zum Tod. Wer keine CPR-Nummer hat, bekommt keinen Job, nur schwerlich eine Wohnung, einen Telefonanschluss, einen Arzttermin, noch nicht einmal ein Buch in der öffentlichen Bibliothek. Der Staat speichert laufend Adressen, Geburtstage, Bankverbindungen, Telefonnummern, Jahreslöhne, Kinderzahlen, Religion. Die Daten laufen in einem Riesenrechner in einem stark gesicherten Haus am Stadtrand zusammen. An einem geheimen Ort in Dänemark steht eine Kopie bereit, für den Fall eines Angriffs. Dieser Computer ist Dänemarks Hirn, er speichert 27 Gigabyte Staatsbürgerschaft, täglich schieben die Behörden Informationen über ihre Bürger hin und her, jede Geburt, jeden Umzug, jede Gehaltsüberweisung. Im Frühjahr bekommen die Dänen fertig ausgestellte Steuerklärungen, die sie nur noch unterschreiben oder geringfügig korrigieren müssen. Ministerien fragen beim CPR-Büro nach, wie viele Frauen im gebärfähigen Alter in Dänemark leben und wie viele Kinder in den nächsten Jahren in die Schulen kommen werden, um ihre Politik danach auszurichten. Die Polizei fahndet in feinsten Rastern. Die Krankenhäuser werden automatisch über den Umzug von Organspendern informiert. Private Banken kaufen sich Abonnements für die stetige Aktualisierung ihrer Kundendaten.

Die Gesetze sind streng, doch rein technisch könnte das Innenministerium ganz einfach herausfinden, welche Bücher seine Bürger lesen und wie oft sie im Krankenhaus einen Aids-Test machen lassen. Allerdings ist das ein sehr deutscher Gedanke, ein misstrauischer Gedanke.

Ist es überhaupt denkbar, dass die Menschen in einem Land zufrieden vor sich hin rackern, ohne in Streit zu geraten? Nie würde eine Kassiererin im Supermarkt aufstehen, um in die Einkaufswagen ihrer Kunden zu blicken. An den Landstraßen stehen Regale voller Kartoffeln, Eier und Brennholz. Hier verkaufen die Bauern ihren Überschuss, ohne ihn zu bewachen; man wirft das Geld in eine Spardose. Sicherheitsschlösser wegen ein paar Kartoffeln? Eine abwegige Idee. Das alles funktioniert, solange man sich vertraut. Der Chef der Arbeitgeber und der Chef der Gewerkschaften, zwei bärtige Brillenträger, sind sich politisch so nahe gekommen, dass sie gemeinsam Artikel über die dänische Erfolgsgeschichte schreiben.

Ein Land ohne Konflikte? Im Arbeitsgericht müsste man darüber etwas erfahren können. Das Arbeitsgericht von Kopenhagen liegt sehr zentral, ein weiß getünchter, wuchtiger Bau. Es ist ein gewöhnlicher Donnerstagmorgen, kurz nach zehn Uhr, aber die Pforte ist geschlossen. Nach langem Klingeln öffnet ein Angestellter und sagt, dass gerade nur zwei Sekretärinnen im Hause seien, kein Richter. Es gebe sechs Richter, sagt die eine der beiden Sekretärinnen, während sie stumme Telefonapparate auf leeren Schreibtischen bewacht. Heute, sagt sie, sei keiner der Richter da, weil die Herren im Hauptberuf am höchsten Gerichtshof zu tun hätten und das Arbeitsrecht nebenbei erledigten. Meist würden, sagt die Sekretärin, mehrere Verfahren auf einen Tag gelegt, damit ein Richter richtig was wegschaffen könne, wenn er denn mal da sei. Um 400 Verfahren hätten sich die nebenamtlichen Arbeitsrichter zu kümmern, sagt sie, 400 in einem Jahr, im ganzen Land. Es gebe nämlich nur dieses eine Arbeitsgericht in Dänemark, hier ende der gesammelte Streit aus allen Firmen. Mehr muss man über den Betriebsfrieden nicht wissen. Vielleicht noch, dass es in Deutschland 103 Arbeitsgerichte gibt, die es mit rund 147000 Verfahren im Jahr zu tun haben.

Fragt man Peter Gundelach nach einem Begriff, unter dem sich die Dänen mühelos versammeln könnten, denkt er nicht lange nach und antwortet: Homogenität. »Unser Nationalstolz beruht darauf, unser ganzes Glück.« Über das außerordentliche Glück der Dänen hat der Soziologe ein Buch geschrieben, das sich blendend verkauft. Gerade ist Gundelach mit dem Fahrrad von der Universität nach Hause gekommen, sieben Kilometer gegen den Wind. Seine Frau packt die Koffer, weil sie am nächsten Morgen nach Berlin aufbrechen wollen, wo sie ein Apartment gekauft haben, eine Ferienwohnung mitten in der Stadt, so viel günstiger als in diesem durchgedrehten Kopenhagen, wo sich die Immobilienpreise schon lange nicht mehr beruhigen. »Unser innerer Frieden hängt mit der Exklusion zusammen«, sagt Gundelach. Ausschluss des Andersartigen, bloß keine Wohnviertel, die in ausländische Hände geraten. An den wenigen Ausländersiedlungen, die es in großen Städten gibt, entzünden sich heftige Debatten. Die Immigranten seien zwar im alltäglichen Leben kein großes Problem, sie fielen ja kaum auf, »aber die Leute sehen in ihnen eines. Deswegen sind die Immigranten sehr wohl ein Problem, ein ideologisches«, sagt der Soziologe. Weitverbreitet ist das Gefühl, dass Araber und Afrikaner, überhaupt alle dunkelhäutigen Einwanderer nur Kosten verursachten. Bosnische Kriegsflüchtlinge wurden zwar freundlich aufgenommen, aber sobald sie sich auf der Straße in der Sprache ihrer Heimat unterhielten, machten sie sich unbeliebt. Das fand ein junger Soziologe in einer Forschungsarbeit heraus. Gundelach sagt: »Jeder, der nach Dänemark kommt, soll uns lieben und selber Däne werden wollen. Das ist die Botschaft dieses Landes.« Dies ist der illusorische Anspruch Dänemarks.

Weit im Westen Kopenhagens, wo sich kein goldener Kirchturm mehr in den Himmel zwirbelt und die Stadt in Gewerbewürfel zerfällt, präsentiert ein Mann von Ende dreißig den Dänen eine Versuchung, die lange Zeit einer Sünde glich. Über Jahrzehnte ergrauten hier, an einem Autobahnzubringer, die Autohäuser von Opel, Toyota und Citroën. Doch nun glänzt da diese neue Stahl-Glas-Rotunde. In schwarzen Lackschuhen stakst Michael Lassen durch den Schutt, den deutsche Bauarbeiter hinterlassen haben. Sein nach hinten gegeltes Haar entspricht in etwa der Stromlinie der Autos, die er verkauft. Porsche.

»Hier«, sagt Lassen mit der wortkargen Selbstgewissheit eines Siegers und entfaltet einen Zettel, »die Zahlen.« 1997 wurden in ganz Dänemark elf Porsches verkauft. Im vergangenen Jahr waren es 484. Und das, obwohl die Wagen wegen der Luxussteuer fast dreimal so teuer sind wie in Deutschland. Das Lieblingsmodell seiner Kunden, der Cayenne, ist in Deutschland ab 52000 Euro zu haben, bei Lassen kostet er umgerechnet 146000. Er hat nun trotzdem mal wieder seine Filiale vergrößert, 8000 statt 4000 Quadratmeter, 23 statt acht Hebebühnen. In seinem neuen Porsche Center Sjælland wartet eine Herde schwarzer Cayennes, umsorgt von nunmehr 70 Mitarbeitern.

Vor zehn Jahren war Lassen allein. »Da war das typisch dänische Auto ein Mazda 6«, sagt er. »Wenn ich doch mal einen Porsche verkauft habe, wusste ich schon, dass der neue Besitzer ihn ein paar Wochen später zerkratzt zurückbringen würde.« Er hat die Wagen damals in einer Art Hinterhof ausgehändigt, wie ein kleiner Dealer. Noch nicht mal bei den Frauen konnte man mit einem Porsche Eindruck machen! Lassens Lachen rollt durch die Halle, »ja, vor zehn Jahren war Dänemark ein kleines, enges Land. Keiner durfte zeigen, was er hat. Heute heißt ein Porsche: Ich habe Erfolg in der Welt. Wir alle haben Erfolg in der Welt.«

In Dänemark, dem Land mit der gleichmäßigsten Einkommensverteilung weltweit, ist ein Porsche-Boom eigentlich der größte denkbare Widerspruch, sind die anderen Staaten, in denen die Marke ähnlich stark wächst, doch China und Russland – wo jeder Porsche ein Beleg von Ungleichheit ist, von demonstrativer Ungleichheit. Da sagt Lassen etwas hastig, dass es in Dänemark »ganz anders« sei, »natürlich ganz anders«. Die gesamte Gesellschaft prosperiere, und die Spitze dieser Gesellschaft dürfe sich nun etwas gönnen, »keinen Ferrari, das Signal wäre nach wie vor zu laut, zu grell«, sagt Lassen, aber ein Porsche sei akzeptabel. Ein Land, in dem sich niemand mehr als Verlierer fühlt, beneidet seine größten Gewinner nicht mehr. Ein Land, das sich zur Elite auf dem Weltmarkt zählt, erträgt Elite auch in seinem Inneren.

Freitags abends, erzählt Lassen, flüchtet die Elite. Da setzen Dänemarks Porsche-Fahrer mit den Autofähren nach Deutschland über, wo sie ihre Statussymbole ohne Tempolimit ausfahren dürfen. Deutschland ist ihr Urlaubsland geworden. Nichts Ernstzunehmendes, nichts, was für ein dänisches Leben von Belang und Beispiel sein könnte, nur schön leer und naturbelassen, besonders im Osten.

Manchmal gibt es dann Unfälle. An diesem Tag liegt schon wieder ein halbseitig zerquetschter 911er in der Werkstatt, silbrig und schief wie ein gestrandeter Hai. »Kurve zu eng«, sagt Lassen. Die Dänen üben noch. Aber die Wagen, die sie zu Michael Lassen bringen, sind nicht mehr Opfer des Neides, sondern des Überschwangs.

Was muss ein Däne anstellen, damit das Glück ihn übergeht? Sanne Møller Jensen ist 22 Jahre alt, schmal und blass. Im Schnellrestaurant in Esbjerg setzt sie sich in die dunkelste Ecke. Sie gehört nicht mehr dazu. Sanne hat zwei Fehler gemacht: Sie wollte für ein Jahr sie selbst sein. Und sie hat sich dabei in den falschen Mann verliebt. Jedenfalls aus Sicht ihrer Landsleute.

Sanne erzählt, sie habe seit ihren Kindheitsurlauben für Spanisch geschwärmt, Mädchenromantik, »vor zwei Jahren, nach der Schule, bin ich deshalb nach Bolivien gegangen, in ein Heim für geistig behinderte Kinder, ehrenamtlich«. Schon das habe damals niemand in ihrer Klasse verstanden. »Meine Freundinnen haben gefragt: Sanne, wie blöd bist du denn?« Es gibt derzeit sehr schnell sehr viel Geld zu verdienen. Die Firmen suchen Mitarbeiter, der Staat fördert seine Studenten großzügig und treibt sie an mit seiner Statens Uddanelsesstøtte, einer Art geschenktem Bafög für maximal sechs Jahre, je nach Studienfach. Die Freundinnen konnten es nicht fassen: Sannes Stillstand inmitten rastloser Biografien. Sanne wiederum traf in den Vorbereitungskursen der Hilfsorganisation »viele Deutsche, Engländer, aber keinen einzigen Dänen«. Da habe sie zum ersten Mal gespürt, wie stromlinienförmig ihre Generation sei.

In Cochabamba, einer Stadt von 700000 Menschen, sah Sanne dann zum ersten Mal in ihrem Leben Armut und Elend. Die Bolivianer fanden sie so schön, so skandinavisch bleich, dass sie Sanne für eine landesweite Kampagne von Christian Dior fotografierten. Und Sanne traf Claudio, Sohn eines reichen Zuckerfabrikanten, zwei Jahre älter als sie. Sie hat Fotos mitgebracht. Sie zeigen einen Wuschelkopf im Wollpullover, einen Faxenmacher, verlegen vor der Kamera. Sanne lacht bitter auf und sagt: »Ich habe mich lange dagegen gewehrt. Ich wusste ja, so eine Liebe ist dumm. Sie ist immer dumm, aber für eine Dänin ganz besonders.«

Sanne Møller Jensen hatte das Pech, sich zu verlieben, nachdem Dänemark beschlossen hatte, Einwanderer je nach Herkunft in nützliche und weniger nützliche einzuteilen – mit Gesetzen, die so streng sind wie kaum sonst auf der Welt. Seit 2001 ist eine konservative Minderheitsregierung an der Macht, sie wird gestützt von der Dansk Folkeparti, die mit Ressentiments gegen Zuwanderer Stimmen sammelt. So verglich die Abgeordnete Louise Frevert auf ihrer Internetseite junge Muslime mit Krebszellen, die man am besten wegschneide. Ihr Claudio ist eine Krebszelle, erfuhr Sanne.

Als sie mit Claudio aus Bolivien heimfliegen wollte, in eine gemeinsame Zukunft, gab es zwei Gesetze, die ihr eine Rückkehr verwehrten. Auch eine Hochzeit würde ihr nicht helfen. Das erste Gesetz sagt, dass Partner einer »gemischten Ehe« mindestens 24 Jahre alt sein müssen; damit sollen offiziell Zwangsehen verhindert werden. Dieses Gesetz träfe die 22-Jährige bald nicht mehr, aber dann griffe die zweite Vorschrift: Sannes und Claudios Bindung an Dänemark müsste stärker sein als die an Bolivien. Sie haben sich aber in Bolivien kennengelernt, die Bindung an Dänemark sei deshalb schwächer. Keine Chance.

Der Staat hat kein Interesse daran, die Liebe seiner Bürger zu fördern, er will sein Paradies verteidigen. So ist Dänemark zu einer Festung innerhalb der Festung Europa geworden.

Nun müssen sich immer mehr Dänen zwischen ihrer Liebe und ihrem Land entscheiden. Rund 3000 Dänen leben inzwischen mit ihren ausländischen Partnern in Schweden im Exil, einige Hundert in Deutschland. Dabei waren viele für Dänemark in die Welt gezogen, als Manager, Botschaftsangestellte. Aufsehen erregte der Fall eines Ingenieurs, der mit Hilfe des dänischen Außenministeriums jahrzehntelang in Vietnam Brücken baute, eine Vietnamesin heiratete, mit ihr Kinder bekam – und als Rentner nicht zurück in seine Heimat durfte, nur ohne seine Familie. Bis Zeitungen darüber berichteten.

Sanne sagt, sie werde jetzt manchmal angeblafft in Esbjerg. Sogar ihr Onkel frage sie hin und wieder: »Was willst du mit so einem Macho?« Sanne sucht jetzt eine Wohnung für sich und ihren Freund, sie sucht eine Zukunft. In Schweden. »Wir werden dort nicht warten, dass sie uns irgendwann wieder nehmen, weil wir dann dänisch genug sind oder wirtschaftlich attraktiv«, sagt sie, »jetzt verlieren sie mich für immer.« Sanne wird wegziehen, drei Brücken und 350 Kilometer weiter, nach Lund in Schweden. Sie klingt sehr entschieden. Dennoch wird sie sich fühlen wie eine Vertriebene, wenn sie das Paradies verlässt.

ZEIT-Serie: Ist im Norden alles besser?
Schweden – Warum hat ein Land ohne große Probleme so viel Angst? »

Finnland – Was ist die Schule wert? »

Diese netten Dänen – Warum wir Deutschland so gern mit kleinen Ländern vergleichen – Nachtrag zur ZEIT-Serie»

 
Leser-Kommentare
  1. Hier ist ein Fehler in der Berichterstattung der Zeit. In DK leisten die Jobcenter keine Arbeitslosenfinanzierung. Diese werden durch die A - Kassen geleistet und zwar 90% Arbeitslosengeld und das 4 Jahre lang. Diese Arbeitslosen - Kassen sind Einrichtungen der Gewerkschaften, die auch die Beiträge kassieren.

    Wer keinen Anspruch hat auf Arbeitslosengeld kann zwar zur Jobvermittlung AF gehen aber er erhält kein Geld dazu muss er zum Sozialkontor seiner Kommune gehen, dort bekommt er Geld aber gleichzeitig einen Job im offentlichen Sektor, Papieraufsammeln im Park oder so.

  2. Hier ist ein Fehler in der Berichterstattung der Zeit. In DK leisten die Jobcenter keine Arbeitslosenfinanzierung. Diese werden durch die A - Kassen geleistet und zwar 90% Arbeitslosengeld und das 4 Jahre lang. Diese Arbeitslosen - Kassen sind Einrichtungen der Gewerkschaften, die auch die Beiträge kassieren.

    Wer keinen Anspruch hat auf Arbeitslosengeld kann zwar zur Jobvermittlung AF gehen aber er erhält kein Geld dazu muss er zum Sozialkontor seiner Kommune gehen, dort bekommt er Geld aber gleichzeitig einen Job im offentlichen Sektor, Papieraufsammeln im Park oder so.

    [Wenn sich ein Fehler in der Berichterstattung eingeschlichen hat, heißt das noch lange nicht Leserbetrug - oder denken Sie, die Redakteure handeln vorsätzlich?/ Redaktion]

  3. Es ist erst eine kurze Zeit Aufschwung in Dänemark und bereits jetzt purzeln die Häuserpreise.
    Die Arbeitslosigkeit ist sogar wieder am steigen, während sie in Deutschland fällt und das Gesundheitssystem ist eines der schlechtesten in Europa.(Ich fahre inzwischen lieber nach Deutschland zum Arzt, auch wenn ich es dann selber zahle)
    Viele Patienten sterben hier, weil sie zu lange auf einen Krankenhausplatz warten müssen. Viele Krankenhäuser sind so unsauber(berichtete die Zeitung BT, nachden sie einen Hundekot Test gemacht haben), dass Menschen dort an Infektionen sterben, obwohl sie nur eine harmlose Operation hatten.
    Dänen haben eine der kürzesten Lebenszeiten in der EU.
    Die Kaufkraft eines Dänen ist die drittschlechteste in Europa. Waren sind im durchschitt 24% teuer als der EU Durchschnitt.
    Kindererziehung ist hier kein Thema mehr. Immer mehr Familien geben ihre Kinder auch in den Ferien zur Pflegestelle(oft bis zu 8h am Tag). Ob das nu so toll ist??
    Anerkannt wird man hier tatsächlich nur, wenn man die Dänen ohne Zweifel liebt.
    Ich habe jedenfalls in Deutschland genau so gut oder schlecht gelebt wie in Dänemark.
    In Deutschland durft ich jedoch jederzeit das Land kritisieren, das darf ich hier nicht. Meinungsfreiheit gilt hier nur für Dänen.

    Ich könnte jetzt noch die einen ganzen Haufen gute Dinge über Dänemark erzählen, aber dafür sorgen die Dänen ja selber mehr als genug. Ich denke nur, wer das Land so stark lobt, der sollte hier ersteinmal ein paar Jahre wohnen(als Deutscher) .

    Viel Spaß

    • cegog
    • 16.04.2007 um 16:17 Uhr

    Jene Länder, die für ihren sozialen Frieden bei gleichzeitiger wirtschaftlicher Prosperität so hoch gelobt werden, haben eins gemeinsam: sie sind relativ 'klein' und müssen es - vielleicht mit Ausnahme der Niederlande - nicht mit ausgeprägten regionalen, ethnischen und sozialen Unterschieden aufnehmen. 'Homogenität' ist denn auch für mich das Schlüsselwort des gesamten Artikels. In Deutschland wären aufgrund seiner Größe, seiner starken regionalen Unterschiede und seiner Geschichte solche paradiesischen (?) Verhältnisse gar nicht herstellbar. Man kann sicherlich einzelne Maßnahmen in Deutschland kopieren. Ob diesen hier in Deutschland der gleiche Erfolg beschieden wäre, bliebe abzuwarten. Ich befürchte, dass dieses dänische Modell nur in seiner Gesamtheit und auch nur in seinem dänischen Milieu funktioniert.

    • iceman
    • 15.04.2007 um 14:35 Uhr

    Für die Kinderbetreuung geben die Dänen 3,35 mal so viel aus wie die Deutschen.
    Im Falle der Arbeitslosigkeit gibt es in Dänemark volle Lohnfortzahlung.
    Das BSP der Dänen liegt pro Kopf um ein gutes Viertel höher als bei uns, Tendenz steigend.
    In Dänemark gibt es eine de facto- Vollbeschäftigung, viel höhere Löhne im unteren Lohnbereich, eine Kinderquote von fast zwei pro Frau, weniger Bürokratie, und ein leistungsfähigeres Gesundheitssystem.
    In soziologischen Feldversuchen wurden Portemonnaies auf der Strasse liegen gelassen - in Skandinavien die meisten zurück gegeben.
    Und: Die sind gut drauf!
    Wer gerade die Dänen näher kennt, der weiss, wie entspannt die miteinander umgehen, wie unverkrampft und offen die sind, wie die feiern können.
    Hanseatische Trauermienen findet man da eher selten.

    Aber das alles zählt nicht!

    Nicht in den Augen der ZEIT-Redaktion, die kaum eine Gelegenheit auslässt, um dieses Land in den Dreck zu ziehen.
    Anders kann man das nicht mehr bezeichnen.
    Ich erinnere an das Verhalten der ZEIT im Karikaturenstreit, an den Aufruf von Helmut Schmidt und vier weiteren ehemaligen EU-Regierungschefs.
    Ich erinnere an die ständigen Verzeichnungen der Dänen als rassistisch oder provinziell.
    Ich erinnere an den letztjährigen Artikel von Wolfgang Zanker (Name ist Programm) mit dem Titel: 'In der Festung Dänemark', siehe:
    http://www.zeit.de/2006/1...
    Geschmückt war dieser Beitrag damals noch von einem grossen Foto, auf dem - von hinten fotografiert - ein stiernackiger kurzhaariger (natürlich blonder) Typ zu sehen war, der wie ein Icon für bierselige Hooligans wirkte.

    Welchen Zweck soll eine solche Scheisse eigentlich erfüllen???

    Wen will man mit solchen Machwerken überzeugen???

    Glaubt die Redaktion der ZEIT tatsächlich, dass man mit solchen hässlichen Verzerrungen die Menschen der Mitte erreicht?
    Und falls ja: Für was? Wogegen?

    Psychopathologische Amokläufe, auch in Druckerschwärze gegossen und auf höherem Niveau, erwecken Widerwillen, sie stossen ab, oder - noch schlimmer - sie färben ab und machen den Leser krank!
    Über eine konservative Welle des Bürgertums braucht sich niemand zu wundern, ihr habt diese Leute vertrieben, und es ist gut möglich, dass aus diesen 'Neocons' eines Tages Wähler radikaler Parteien werden, ohne dass sie selber radikal sind.
    Wer das nicht haben will, der sollte sich als Journalist neu aufstellen, an seiner Psychohygiene arbeiten.

    War der Artikel von Sussebach und Willeke nun besser?
    Nein, das war er nicht!
    Jeder regelmässige Leser erfährt mit der Zeit, dass die 'message' immer an den Schluss gestellt wird, die frohe Botschaft am Ende.
    Und da haben wir es wieder, das alte Spiel:
    Vom guten dänischen Modell bleiben uns künftig die Einzelfälle (angeblich) diskriminierter Menschen in Erinnerung, die gerne nach Dänemark einwandern wollen, aber es nicht dürfen.
    Oder anders: Die Diskriminierung liegt angeblich bereits im Anspruch der Dänen auf Souveränität!
    Machen wir uns doch nichts vor, verdammt nochmal.
    Es sind doch nicht die reichen 'bolivianischen Zuckerfabrikanten', die nach Europa einwandern wollen, und es sind auch nicht die vietnamesischen Ehefrauen europäischer Diplomaten mit vier Kindern.
    Was ihr hier verbreitet, ist zwar als solches nicht die Unwahrheit, aber im grösseren Kontext ein Haufen bullshit.
    Der Vorteil des dänischen Modells liegt - gerade im Vergleich mit dem deutschen - in einer sehr viel niedrigeren Migrantenquote, und die möchten die Dänen aus verständlichen Gründen gerne behalten.
    Trotz der wenigen Migranten gehen in dänischen Grossstädten über die Hälfte der Vergewaltigungen auf das Konto meist muslimischer Zuwanderer, und der grösste Imam des Landes, Abu Laban in Kopenhagen, verbreitet seit Jahren eine einzigartige Hetzpropaganda.
    Individuelle Ungerechtigkeiten gibt es in jedem System, die lassen sich nicht vermeiden, aber bei uns in Deutschland sind die Ungerechtigkeiten, entstanden durch naiven Multikulturalismus, viel grösser.
    Man sollte wenigstens in der Lage sein, Existenzielles von Nebensächlichem zu unterscheiden, die Verfassung einer ganzen Volksgemeinschaft von extremen Ausnahmefällen.
    Die ZEIT und ihre Redaktion kann das nicht, und das lässt sie als sehr dumm erscheinen.
    Jedenfalls ist das mein Eindruck, als Leser.
    Die ZEIT hat das skandinavische Modell verraten, und das schon vor sehr langer Zeit, und das kann und werde ich ihr niemals verzeihen.
    Die linksliberale Ideologie war wichtiger als jeder Pragmatismus, das mulitkulturell Bunte wichtiger als jede Qualität, und der stilisierten Opferhaltung von integrationsresistenten Migranten wurde Vorschub geleistet, wurden Alibis verschafft, es wurde argumentativ aufmunitioniert.
    Mit nationalem Selbsthass wurde als Antriebskraft wurde das Asoziale kultiviert, meist nur in unscheinbaren - aber nichts desto trotz prägenden - Nebensätzen oder Randbemerkungen (darin ist man geübt), wie zum Beispiel bei Robert Leicht in einem Artikel zum Thema Schuluniformen ('...mehr Gemeinsinn - wenn wir ihn denn brauchen').
    Nö, Herr Leicht, Gemeinsinn brauchen wir nicht, wir Menschen sind bloss raffigierige Tiere und leiden nur unter zuviel Staat, und irgendwie regelt sich schon alles von alleine.
    Ehrlichkeit ist nicht wichtig, wir haben ja die Gesetze, nicht wahr?
    Nur zu dumm, dass die wieder störend wirken, wenn es zuviele werden!
    Vielleicht einfach nochmal nachdenken, ganz in Ruhe, ja?
    Ansonsten entsteht nämlich schnell der Eindruck des religiösen Eifers.
    Eher soll die Welt um einen herum in Stücke zerfallen, als dass man auch nur ein Jota an der eigenen Anschauung verändert.

    • Anonym
    • 17.04.2007 um 12:02 Uhr

    ...wie ist es sonst erklärbar, daß im 'eigentlich kranken' Deutschland die Mehrzahl der Arbeitnehmer - wenn auch immer mehr nicht - in absolut paradiesischen Zuständen lebt, während andere Menschen völlig ausgegrenzt werden.
    Letzteres liegt wohl daran, daß D´land unter dicken 'kulturellen Problemen' leidet.
    Mein 'Informant' - ein gebürtiger Schwede, der den Großteil seines Lebens in Dänemark verbrachte - jedenfall versicherte mir oft, daß Dänemark unter sehr ähnlichen 'kulturellen Problemen' leidet.
    Er selbst lebt+arbeitet als Hochqualifizierter (im IT-Bereich) mittlerweile zufrieden in den Niederlanden, da man ihm in DK nicht die geringste Perspektive bot, da irgendwelche lebenslauftechnischen Details den Personalentscheidern nicht passen (->D´land läßt grüssen!!! :-) ).

    Eigentlich paßt das zum Inhalt des Artikels:
    er klingt für mich so, als hätte sich da ein Land extrem abgeschottet (die Dame mit dem Latino mag zu keiner Mehrzahl gehören, aber der Fall grenzt doch sehr an Menschenverachtung), um - so wie im 70er-Jahre-D´land - geringqualifizierten Fließband-Arbeitern wahnsinnig gute Job-Bedingungen bieten zu können, während - s. mein 'Informant' - so mancher Fähige vertrieben wird.
    Das einzige, was er aus DK immer bei sich trägt, ist eine Krankenversich.-Karte - da einmal längere Zeit dort regulär ansässig, kann er auf ewig hinaus relativ luxuriöse gratis medizinische Leistungen in Anspruch nehmen.
    Für mich klingt das ganze nach dem Modell einer völlig abgeschlossenen Paradies-Insel, aus der jeder (->die Dame aus dem Schlußteil d. Artikels; mein 'Informant'), der nicht ganz ins Konzept paßt, brutal rausgeschmissen wird.
    Ist das gut? Und zukunftsfähig?
    Das lasse ich als offene Fragen hier so stehen...

  4. 7.

    nunja
    dazu hätte man auch blos nach südbayern schauen müssen. die herzlichkeit ist ja auch teil unserer mentalität die im norden sonst so gern belächelt wird. nur bei den dänen ists natürlich toll, weil das sind ja ausländer ;-) wir haben übrigens großen fachkräftemangel hier unten, also liebe nordlichter kommts zu uns! gutes essen, gutes wetter und schöne landschaft ;-)

    • benboe
    • 15.04.2007 um 14:39 Uhr

    'Dänemark hat staatliche Gesetze gekippt und sich den Gesetzen des Marktes unterworfen. Das funktioniert so lange, wie die Konjunktur mitspielt – oder spielt die Konjunktur gerade deshalb mit in Dänemark? »Jedenfalls hält unser Modell die Sache am Laufen«, sagt ein Berater des Arbeitsministers.'

    Den Satz und die darauffolgende Theorie halte ich persönlich für falsch. Ja, Dänemakrt zeichnet sich durch ein relativ flexibles System aus - aber das Hauptaugenmerk liegt auf der Verständigung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Jeder weiß das er vom anderen abhängig ist, und jeder behandelt den anderen mit Respekt.

    Das galt auch einmal in Deutschland. Es galt. Heute, wo nur noch Shareholder Value gilt, wo Mitarbeiter nur noch Kostenfaktoren sind, würde ein Systemwechsel wie in Dänemark nicht funktionieren. Dafür sind die wirtschaftsverbände in Deutschland viel zu verwöhnt - arbeitnehmer haben halt einzustecken ...

    Ich selbst habe erleben dürfen wie Chefs in diesem Land das große Katzenjkammern bekamen, tortz voller Bücher, trotz fantastischer Gewinne. Aber sobald es darum ging Mitarbeitern Ihren 'gerechten Lohn' auszuzahlen, waren sie alle ganz ganz arme Schlucker.

    soetwa wäre in Dänemark kaum möglich. Und dieser kleine Unterschied macht das skandinavische System dort möglich und hier nicht.

    Leider.

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