Documenta 2007Revolte in Kassel

Sieben Gründe, warum die Documenta die Gesetze des Kunstbetriebs umstürzen wird. von 

Documenta 2007: Scheitern nicht ausgeschlossen

Documenta 2007: Scheitern nicht ausgeschlossen

So ziemlich alles sprach gegen Roger Buergel. Er hatte keine Erfahrung mit großen Ausstellungen, hatte auch kein Museum, keinen Kunstverein geleitet. Er hatte noch nicht mal eine klare Vorstellung von dem, was er auf der Documenta zeigen wollte. »Vermutlich deshalb entschied sich die Jury am Ende für mich«, sagt Buergel und lächelt sein sibyllinisches Lächeln. »Als einziger Kandidat habe ich in den Bewerbungsgesprächen keine Künstlernamen genannt. Das hat sie überzeugt.«

Nun sind es nur noch neun Wochen bis zur Eröffnung der Documenta 12, doch noch immer ist ihr Leiter überzeugend nebulös. Details werden nicht verraten, auch eine Liste der eingeladenen Künstler hat er bislang nicht vorgelegt. Nur ab und an dringt ein Name durch. Der von Ai Wai Wai zum Beispiel, der 1001 seiner chinesischen Landsleute nach Kassel reisen lässt. Oder der von Sanja Iveković, die mitten auf dem Friedrichsplatz ein Mohnfeld anlegt. Das wird dann in den Zeitungen als Sensation gefeiert. Dabei ist die eigentliche Sensation eine ganz andere: Wenn alles gut geht, wird die Documenta 12 ein historischer Wendepunkt. Sie wird die Kunstwelt verändern. Eine Ausstellungsrevolution, Beginn 16.Juni.

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1. Kunst darf wieder Kunst sein

Die letzten beiden Documenta-Schauen waren eher Studierzimmer als Ausstellungen. Sie produzierten dickleibige Theoriebände und weckten in vielen Besuchern das mulmige Gefühl, sie müssten erst drei Semester lang poststrukturalistische Philosophie studieren, um der Gegenwartskunst überhaupt würdig zu sein. Roger Buergel und seine Frau Ruth Noack, die gemeinsam die Documenta 12 leiten, verzichten auf derlei Einschüchterungsgesten. »Wir wollen die Besucher nicht zutexten«, sagen sie. »Wir vertrauen der Kunst.«

Ihr Katalog wird schmal sein, eine Art Kurzführer. Und sie ergänzen ihn um einen üppigen Band, in dem es nichts geben wird als Fotos. Buergel und Noack wollen allein visuell vorführen, worum es ihnen mit ihrer Ausstellung geht. Nur auf das Zusammenspiel der Formen soll es ankommen, darauf, was die Kunstwerke einander zu erzählen haben. »Das wird ein Schock«, sagt Buergel.

Ein Schock deshalb, weil gegenwärtig zwar viel von Kunst die Rede ist, doch fast immer die Künstler im Mittelpunkt stehen, ihre Absichten und Erlebnisse. Oder aber die horrenden Marktpreise, die Trendgeschichten oder sonstige Nebensächlichkeiten. Buergel und Noack wehren sich gegen die Banalisierung. Sie verstehen sich nicht als Trendmelder, Avantgardekämpfer, Herolde des Neuen. Auch wollen sie keine möglichst fremden Künstler aus möglichst fernen Erdenwinkeln heranschaffen, selbst wenn das auf vielen Großausstellungen heute so üblich ist.

Leserkommentare
  1. Gründe sind anzuführen, warum die d12 die „Gesetze des Kunstbetriebs“ NICHT „umstürzen“ wird; trotz „Revolte in Kassel“. Mit Empörung und Aufruhr reagiert kontradiktorisch hierzu, wer zur d12 an KUNST (nicht „Nicht-Kunst“ oder „Anti-Kunst“) interessiert ist.

    Rautenberg glaubt, die schocking-d12 werde „ein historischer Wendepunkt“: „Sie wird die Kunstwelt verändern. Eine Ausstellungsrevolution“! „Kunst darf wieder Kunst sein“ führt DIE ZEIT zur d12 aus, obgleich der d12-Leiter nebulös-mysteriös wie beim Papstwahl-Konklave kaum etwas über „Kunst“ und „Künstler“ preisgibt.

    Das abzureißende d12-Glashaus solle „nicht zufällig“ an die „Gartenschau-Ursprünge“ der d1 (1955) erinnern. Faktum ist: B. erbaute seine 3,5 Mio. Asphalt/Glas-„Kathedrale“ zunächst trickreich ohne Genehmigung als „Bodenskulptur“. Der „Kristallpalast“ („Kunst“ im Schwitzkasten) soll ein „integraler Bestandteil der Komposition“ des sinnlichen „Mediums“ der „Kollaboration“ und „Revolution“ im „Laboratorium“ von B. & Co. sein (Magazin Nr. 1, Appendix, S. 218).

    Es gehe um „Formen“ lesen wir wiederholt. Deren „Zusammenspiel“ solle ein „Schock“ sein, sagt B. und ihn „faszinieren“ deren „Herkunft“, „Migration“(in alter Kunst) und er „ will auch wissen, warum sie wann entstanden sind und was sie bedeuten.“ Nur hohle NICHTSsagende Redereien zum „Formen“-Begriff. B. hat die Pflicht, den Stand der aktuellen KUNST zu dokumentieren: zur „Förderung des allgemein Besten auf geistig-kulturellem Gebiet“ (§ 2 d12-Ges.-Vertrag).

    Die 3 aufgesetzten „Leitfragen“ der unberechenbaren d12-Motto-Show erklären nichts. Was ins Motto-Konzept der kleinen Plattformerei passt, wird zur Alles-ist-erlaubt-d12 eingesammelt: Z. B. „eat-art“ des Adriá und Nicht-Kunst des Ai Weiwei: Post/Nach-Dada 3-Mio.-Readymade-mit-5x200-Chinesen.

    Mit neuer Politisierung (B: ohne Kunstbegriff) arbeitet die d12-Institution intensiv an ihrer Selbstauslöschung und (nach d10/d11 forciert) an der weiteren documenta-Entkunstung. Die peinliche „Bildungsmission“ des dilettierenden d12-Großkurators (er schilt sich „Idiot“) wird voraussichtlich scheitern, was R. M. B. in „U_mag“ (04/07) vorausahnte: Er ist „ja nicht der Marketingonkel vom Dienst“ (a.a.O.); daher kaum Medienresonanz. (Mehr hierzu und zum Reform-Vorschlag „Hessische documenta Akademie“ im Internet: www.art-and-science.de in 7 Essays, Links PDF documenta 12 und documenta-Demokratisierung, Kunstbeurteilung-Kriterien.)

  2. Die Frage 'Was tun?' hat nicht Lenin originär hervorgebracht, sondern sich auf seinen Landsmann Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski bezogen, ein Arzt, Schriftsteller und - zugegeben - Sozialromantiker. Es handelt sich um eine Art Roman, der Sozialutopien im Kleinen verhandelt und der mehr als 50 Jahre vor Lenins politischem Pamphlet erschien. Ich habe während meines Studiums beide 'Was tuns' gelesen, das von Tschernyschewski ist wesentlich beeindruckender, zumindest für eine junge romantische Seele.

  3. Wegen der „wohl niederschmetterndsten Kritiken aus dem In- und Ausland“ (FAZ-Fazit, 28.12.07) meinte die SZ (in „Themen des Jahres“): „Kassel muss sich ein neues Kuratoren-Konzept ausdenken“! Der hr ( R. Schmitz) sah "den Ruf der Kasseler documenta als wichtigste Kunstausstellung der Welt ruiniert". Vom „Kunstflop“ 2007 und „Kunstbuhmann“ des Jahres“ sprach WELT Online (30.12.) Im Internet fordert ein anklagendes „MAHNMAL der 101 documenta-Verrisse zur Landtagswahl in Hessen 2008: Änderung der KUNST-Politik ist gefragt! Documenta-REFORM – Stillstand überwinden!“ Das „memorial“ zur Erinnerung an die „gründlich gescheiterte“ documenta 12 (Tim Sommer, „art“ 1/2008) hat die Titel 1. ‘DOCUMENTA-DEMOKRATISIERUNG tut not: documenta12-Verrisse’ und 2. ‘Documenta am Ende: Verrisse zur gescheiterten documenta 12 – Teil 2. „So geht das alles nicht weiter“ (FAZ-Sonntagszeitung, 6.11.). “DOCUMENTA-DEMOKRATISIERUNG“ zeigt in www.art-and-science.de, wie es zur d13 weitergehen könnte (sollte).
     
    „Verblüffung“ habe die d12 bewirkt, die den „Feuerzorn vieler Kritiker“ auf sich gezogen habe, schreibt Hanno Rauterberg in einer Kritiker-Umfrage („Art“ – 01/08) Sich vom „Diktat der Innovation“ frei zu machen, war aber BUERGELs großer Fehler; Kriterien einer „Evolutionären Ästhetik als Erkenntnisästhetik“ wurden missachtet.

    Rauterbergs kluge Einsichten über „ERKENNTNIS-Kunst“ im Buch „Und das ist Kunst?!“ könnten Wege aus der Qualitäts-Krise der KUNST (samt Anti- und Nicht-KUNST-„Kunst“) weisen und die ästhetische Werte-Debatte (auch zur d13) beleben. Im Erkenntnis-Denken in der KUNST beleben sich idealerweise Phantasie (Einbildungskraft) und Verstand (Wissenschaftlichkeit) gegenseitig, so dass ästhetische Weiterbildung erfolgt. Die Museen sollten heute „stärker auf gute Erkenntniskunst setzen“ fordert Rauterberg (S. 270 ebenda): Die QUALITÄT eines Erkenntniskunstwerks (das „heute nur geringe Chancen“ habe, weil es „öffentlich kaum eingefordert wird“) bemesse sich „danach, welchen Reichtum an künstlerischen Mitteln, welche Fülle an gewitzten Anspielungen, welches Repertoire an gelehrter Ikonographie es aufbietet, um die Imagination und damit die Erkenntnisfähigkeiten zu beflügeln.“ Eine andere Ausstellungspolitk der Museen wird gefordert (S. 280), so dass „Kunsterkenntnis weit mehr zählt als bisher“! Das Kunst-System müsse befreit werden „von den Zwängen der Verwertbarkeit und Beschleunigung, von vordergründigen Sammler- und Händlerinteressen“.

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