Documenta 2007 Revolte in KasselSeite 5/5
7. Scheitern ist nicht ausgeschlossen
Nur: Wie soll das alles zusammengehen? Wie lässt sich ästhetischer Eigensinn mit ethischer Bildung vereinbaren, wie historische Rückbesinnung mit dem politischen Gegenwartshandeln, wie globaler Fernblick mit lokaler Nahbetrachtung? Die Gefahr, dass aus dem ehrgeizigen Sowohl-als-auch der Documenta 12 am Ende ein flaues Weder-noch wird, ist nicht gerade gering. Doch auch das hat diese Documenta vielen anderen Großausstellungen voraus: Sie setzt nicht auf das Erwartbare, weder auf die kontrollierende Didaktik der vorigen Documenta noch auf den schönheitsseligen Populismus der Berliner MoMA-Ausstellung. Sie bleibt unberechenbar, voller Wagnisse.
Eines dieser Wagnisse heißt Dmitrij Gutow, ein bekannter Künstler aus Moskau. Er wird im Gewächshaus der Documenta einen langen, hohen Zaun aus verwittertem Metall und verknoteten Drähten aufbauen. Dabei denkt man natürlich als Erstes an den Eisernen Vorhang. Doch das meint Gutow nicht. Seine metallenen Gespinste beziehen sich auf ein Manuskript von Karl Marx, das er mit seltsamen Fratzen überzog. Und er denkt auch an die Kleingärten rund um Moskau, eingefriedet von selbst gebauten Zäunen aus Planken und rostigen Matratzenfedern. Und drittens an Kalligrafie, für die er sich mindestens so sehr interessiert wie für den Marxismus. In seiner Kunst durchdringen sich fernöstliche Formen und nahwestliche Gedankengebilde ganz ähnlich wie auf der persischen Miniatur des 14. Jahrhunderts. Doch wird der Documenta-Besucher erkennen, was Gutow bei seiner Installation vor Augen hatte?
Jedenfalls beginnt im Juni eine windungsreiche Bildungsreise. Viele dialektische Haarnadelkurven warten auf den Betrachter, Panoramastrecken der Schönheit und Tunnel des Unverständlichen. »Vielleicht wird es sein wie auf einer Heimfahrt von Ferran Adrià«, sagt Buergel und erzählt von dem experimentierlustigen katalanischen Koch, der auch zur Documenta 12 eingeladen wurde. »Er hat sein Restaurant hoch in den Bergen. Am Ende des Abends ist man voll der wundersamsten Speisen und schön angetrunken. Dann muss man mit dem Auto die rasend steilen Serpentinen hinunter und weiß nicht, ob man jemals heil ankommen wird.« So soll sie sein, die Documenta 12: beglückend und gefährdend, befriedend und bedrohend – eine dialektische Sensation.
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Feuilleton auf ZEIT online
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- Datum 15.04.2007 - 10:50 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.04.2007 Nr. 16
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Gründe sind anzuführen, warum die d12 die „Gesetze des Kunstbetriebs“ NICHT „umstürzen“ wird; trotz „Revolte in Kassel“. Mit Empörung und Aufruhr reagiert kontradiktorisch hierzu, wer zur d12 an KUNST (nicht „Nicht-Kunst“ oder „Anti-Kunst“) interessiert ist.
Rautenberg glaubt, die schocking-d12 werde „ein historischer Wendepunkt“: „Sie wird die Kunstwelt verändern. Eine Ausstellungsrevolution“! „Kunst darf wieder Kunst sein“ führt DIE ZEIT zur d12 aus, obgleich der d12-Leiter nebulös-mysteriös wie beim Papstwahl-Konklave kaum etwas über „Kunst“ und „Künstler“ preisgibt.
Das abzureißende d12-Glashaus solle „nicht zufällig“ an die „Gartenschau-Ursprünge“ der d1 (1955) erinnern. Faktum ist: B. erbaute seine 3,5 Mio. Asphalt/Glas-„Kathedrale“ zunächst trickreich ohne Genehmigung als „Bodenskulptur“. Der „Kristallpalast“ („Kunst“ im Schwitzkasten) soll ein „integraler Bestandteil der Komposition“ des sinnlichen „Mediums“ der „Kollaboration“ und „Revolution“ im „Laboratorium“ von B. & Co. sein (Magazin Nr. 1, Appendix, S. 218).
Es gehe um „Formen“ lesen wir wiederholt. Deren „Zusammenspiel“ solle ein „Schock“ sein, sagt B. und ihn „faszinieren“ deren „Herkunft“, „Migration“(in alter Kunst) und er „ will auch wissen, warum sie wann entstanden sind und was sie bedeuten.“ Nur hohle NICHTSsagende Redereien zum „Formen“-Begriff. B. hat die Pflicht, den Stand der aktuellen KUNST zu dokumentieren: zur „Förderung des allgemein Besten auf geistig-kulturellem Gebiet“ (§ 2 d12-Ges.-Vertrag).
Die 3 aufgesetzten „Leitfragen“ der unberechenbaren d12-Motto-Show erklären nichts. Was ins Motto-Konzept der kleinen Plattformerei passt, wird zur Alles-ist-erlaubt-d12 eingesammelt: Z. B. „eat-art“ des Adriá und Nicht-Kunst des Ai Weiwei: Post/Nach-Dada 3-Mio.-Readymade-mit-5x200-Chinesen.
Mit neuer Politisierung (B: ohne Kunstbegriff) arbeitet die d12-Institution intensiv an ihrer Selbstauslöschung und (nach d10/d11 forciert) an der weiteren documenta-Entkunstung. Die peinliche „Bildungsmission“ des dilettierenden d12-Großkurators (er schilt sich „Idiot“) wird voraussichtlich scheitern, was R. M. B. in „U_mag“ (04/07) vorausahnte: Er ist „ja nicht der Marketingonkel vom Dienst“ (a.a.O.); daher kaum Medienresonanz. (Mehr hierzu und zum Reform-Vorschlag „Hessische documenta Akademie“ im Internet: www.art-and-science.de in 7 Essays, Links PDF documenta 12 und documenta-Demokratisierung, Kunstbeurteilung-Kriterien.)
Die Frage 'Was tun?' hat nicht Lenin originär hervorgebracht, sondern sich auf seinen Landsmann Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski bezogen, ein Arzt, Schriftsteller und - zugegeben - Sozialromantiker. Es handelt sich um eine Art Roman, der Sozialutopien im Kleinen verhandelt und der mehr als 50 Jahre vor Lenins politischem Pamphlet erschien. Ich habe während meines Studiums beide 'Was tuns' gelesen, das von Tschernyschewski ist wesentlich beeindruckender, zumindest für eine junge romantische Seele.
Wegen der „wohl niederschmetterndsten Kritiken aus dem In- und Ausland“ (FAZ-Fazit, 28.12.07) meinte die SZ (in „Themen des Jahres“): „Kassel muss sich ein neues Kuratoren-Konzept ausdenken“! Der hr ( R. Schmitz) sah "den Ruf der Kasseler documenta als wichtigste Kunstausstellung der Welt ruiniert". Vom „Kunstflop“ 2007 und „Kunstbuhmann“ des Jahres“ sprach WELT Online (30.12.) Im Internet fordert ein anklagendes „MAHNMAL der 101 documenta-Verrisse zur Landtagswahl in Hessen 2008: Änderung der KUNST-Politik ist gefragt! Documenta-REFORM – Stillstand überwinden!“ Das „memorial“ zur Erinnerung an die „gründlich gescheiterte“ documenta 12 (Tim Sommer, „art“ 1/2008) hat die Titel 1. ‘DOCUMENTA-DEMOKRATISIERUNG tut not: documenta12-Verrisse’ und 2. ‘Documenta am Ende: Verrisse zur gescheiterten documenta 12 – Teil 2. „So geht das alles nicht weiter“ (FAZ-Sonntagszeitung, 6.11.). “DOCUMENTA-DEMOKRATISIERUNG“ zeigt in www.art-and-science.de, wie es zur d13 weitergehen könnte (sollte).
„Verblüffung“ habe die d12 bewirkt, die den „Feuerzorn vieler Kritiker“ auf sich gezogen habe, schreibt Hanno Rauterberg in einer Kritiker-Umfrage („Art“ – 01/08) Sich vom „Diktat der Innovation“ frei zu machen, war aber BUERGELs großer Fehler; Kriterien einer „Evolutionären Ästhetik als Erkenntnisästhetik“ wurden missachtet.
Rauterbergs kluge Einsichten über „ERKENNTNIS-Kunst“ im Buch „Und das ist Kunst?!“ könnten Wege aus der Qualitäts-Krise der KUNST (samt Anti- und Nicht-KUNST-„Kunst“) weisen und die ästhetische Werte-Debatte (auch zur d13) beleben. Im Erkenntnis-Denken in der KUNST beleben sich idealerweise Phantasie (Einbildungskraft) und Verstand (Wissenschaftlichkeit) gegenseitig, so dass ästhetische Weiterbildung erfolgt. Die Museen sollten heute „stärker auf gute Erkenntniskunst setzen“ fordert Rauterberg (S. 270 ebenda): Die QUALITÄT eines Erkenntniskunstwerks (das „heute nur geringe Chancen“ habe, weil es „öffentlich kaum eingefordert wird“) bemesse sich „danach, welchen Reichtum an künstlerischen Mitteln, welche Fülle an gewitzten Anspielungen, welches Repertoire an gelehrter Ikonographie es aufbietet, um die Imagination und damit die Erkenntnisfähigkeiten zu beflügeln.“ Eine andere Ausstellungspolitk der Museen wird gefordert (S. 280), so dass „Kunsterkenntnis weit mehr zählt als bisher“! Das Kunst-System müsse befreit werden „von den Zwängen der Verwertbarkeit und Beschleunigung, von vordergründigen Sammler- und Händlerinteressen“.
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