Glosse Ein Buch zum Glück

Zum Tod von Paul Watzlawick

Die Nachricht vom Tod Paul Watzlawicks traf gleichzeitig mit einer Kurzmeldung ein, die lautete, in Indien habe eine Frau die Ehe mit einem Buch geschlossen. Diese Meldung wäre Watzlawick, dem kalifornischen Familientherapeuten, Kommunikationspsychologen und Bestsellerautor, der ursprünglich aus Kärnten kam, wohl nicht entgangen. Einen Mann wollte diese Inderin um ihres Seelenfriedens willen nicht heiraten, und also wählte sie statt der weltlichen Wirrnis der Geschlechter den Bund mit einem heiligen Buch. Im beziehungsgequälten Westen, dessen Klöster längst schon wieder freiwillige Weltmüde anziehen, wirkt dieser Entschluss heute wie eine weise Abkehr vom konventionellen Glücksgebot. Denn das jagt den Menschen lebenslang durch das seelische Elend, welches in der stets von Neuem verunglückenden Verständigung mit dem anderen seine Spiele treibt.

Die Qual der Verständigung, die nicht glückt, die unausgesetzte Suche nach einem individuellen Glück, das in Amerika gar Verfassungsrang hat, das waren Motive des Werks von Paul Watzlawick, einer der seltenen Persönlichkeiten von Rang, die keinerlei öffentlichen Einblick in ihr Privatleben wünschten. Er war ein hochgebildeter Zauberer der intellektuellen Collage, nannte sich selbst einen »radikalen Konstruktivisten«, der die Wirklichkeit für die Erfindung von Menschen hielt, die sich in ihren Deutungen derselben verheddern, ob in der Ehe oder in politischen Großkonflikten. Während Europa die Tiefenanalyse von Sigmund Freud wiederentdeckte und in Deutschland die Diskurstheorie von Habermas der Verständigung neu philosophischen Rang verlieh, interessierte sich Watzlawick in Kalifornien bloß dafür, wie die Kommunikation seiner Patienten gestört sei, und entwickelte in seinem Werk Menschliche Kommunikation einen Kosmos der Missverständnisse, den Kritiker als oberflächlich abtaten.

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Die Oberflächlichkeit fand aber in Watzlawick selbst bald einen Parodisten, der Kultstatus erlangte. Er trieb das Glücksgebot der Woodstock-Jahre, in deren Folge eine Industrie der Glückverfertigungstechniken entstand, mit seinem millionenfach verkauften Kultbuch Anleitung zum Unglücklichsein in die Groteske. Die eigene Methode der Kurzzeittherapie, die blockierte Konflikte im Handumdrehen zu lösen versprach, wurde in der Anleitung auf die Spitze des Skurrilen getrieben: ein Buch, das zur allgemeinen Entlastung mit dem »jahrtausendealten Ammenmärchen« aufzuräumen versprach, im Glück liege ein erstrebenswertes Lebensziel.

Die Einsicht war, fern der Spielerei, an zahllosen Patienten gewonnen, die ihr Glück vergeblich in Beziehungen gesucht hatten. »Die Ehen unserer Altvorderen waren gut«, sagte Watzlawick einmal, »weil sie keine fantastischen Hoffnungen auf Persönlichkeitsentwicklung, Bewusstseinserweiterung und ewige Leidenschaft hatten.« So gesehen, brauchte, zumindest im Westen, für seinen Seelenfrieden keiner ein heiliges Buch zu heiraten. Ein Mensch täte es auch. Elisabeth von Thadden

 
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