New York Die Show geht weiter

Mit den Jazzclubs ist der Glanz nach Harlem zurückgekehrt. In kleinen Kellern und feinen Lokalen wird wieder gejammt bis in die Morgenstunden

Klicken Sie auf das Bild – hier finden Sie die Adressen der besten Jazzclubs in Harlem BILD

In New York kann das Überqueren einer Straße eine Weltreise sein. Wer von der Lenox Avenue in Harlem auf die 133. Straße einbiegt, macht diese Erfahrung. Unmittelbar hinter den ramschigen Gemischtwarenläden, den unappetitlichen Imbissbuden und zwielichtigen Hauseingängen der Lenox Avenue beginnt eine Wohnstraße von großbürgerlicher Eleganz. Linden und gusseiserne Laternen stehen auf dem Trottoir, breite Steintreppen führen zu den Eingängen dreigeschossiger townhouses mit neoklassizistischen Säulen. Man spürt ihn wieder, hier wie an vielen anderen Ecken, den Glanz der Harlem Renaissance – jener goldenen Epoche von 1920 bis in die sechziger Jahre, als das Manhattan zwischen 110. und 155. Straße zum kulturellen Mittelpunkt des schwarzen Amerika aufstieg. Dass am Kellerabgang zur Nr. 148 West 133. Straße eine rote Markise mit dem Schriftzug »Bill’s Place« das Entree zu einem Jazzclub markiert, passt hervorragend in dieses Bild – denn nichts stand so für die Harlem Renaissance wie der Jazz.

Bill’s Place will anknüpfen an die Zeit, als sich Schwarze und Weiße in Schale warfen, um im berühmten Savoy Ballroom zur Band Duke Ellingtons den Jitterbug zu tanzen. An der Tür wird man von Simone, einer Lady mit roten Lippen und großen Brillantohrringen, wie ein alter Bekannter mit Küsschen empfangen. Ein paar Barhocker stehen um brusthohe Cocktailtische, an den Wänden hängen bunte Lichterketten. Zehn, höchstens zwölf Leute passen in den Kellerraum. Man muss sich gegen die Wand drängen, um nicht halb auf der Bühne zu sitzen. Schwarze Paare aus der Nachbarschaft, meist ähnlich herausgeputzt wie die Empfangsdame, und ein paar weiße Jazzliebhaber aus Downtown haben sich Bier und Wein mitgebracht, weil Bills Privatclub keine Schanklizenz besitzt.

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Irgendwann trudeln die Musiker ein, gegen halb elf tritt der Hausherr auf die Bühne – der 63-jährige Bill Saxton, in Harlem eine Saxofonlegende. Ohne viel Getue legt er los mit seiner kompromisslosen Hard-Bop-Session. Seine drei jungen Mitspieler – ein Schlagzeuger, ein Bassist und ein Pianist – sind, wie er später stolz erzählt, die talentiertesten Jazzer, die er auftreiben konnte. Manches Stück dauert länger als eine halbe Stunde, eine Improvisation bringt die nächste hervor. Auch wer nur wenig von Jazz versteht, spürt: Das ist alles andere als Routine. Die Männer spielen nicht allein, um das Eintrittsgeld von zehn Dollar pro Person zu kassieren. Sie ziehen das Publikum in ihren Bann, zwei, drei Stunden lang. Und wenn sie sich nach einer kurzen Pause erholt haben, legen sie noch einmal los – nicht selten bis in die Morgenstunden.

In den kommerziellen Jazzclubs weiter downtown , im weißen Manhattan, sitzen die Gäste an gedeckten Tischen und hören für 50 Dollar oder mehr einer exakt bemessenen 45-Minuten-Inszenierung zu, während sie essen. Hier oben, nördlich der 110. Straße, wird Jazz hingegen wie eh und je zelebriert. Er ist kein Entertainment. Er ist ein Ereignis. So wie damals bei den Samstagabend-Barbecues auf den Plantagen im Süden und später bei den berühmten Rent-Partys im Harlem der dreißiger Jahre, als es üblich war, sich Musiker ins Haus zu holen und gegen geringen Eintritt Feste zu veranstalten, um die Miete für den nächsten Monat zusammenzubekommen.

Das Viertel verslumte, kein Weißer traute sich mehr hierher

Als Bill Saxton sich vor fünf Jahren einen Lebenstraum erfüllte und den Keller seines Hauses auf der 133. zum Club umbaute, hatte er genau diese Art, Jazz zu machen, im Kopf. »In meiner Jugend habe ich als Zeitungsjunge gearbeitet«, sagt er. »Auf dem Weg von der 145. zur 125. Straße bin ich mindestens an einem Dutzend Clubs vorbeigekommen. Auf der Lenox Avenue war ein Plattenladen neben dem anderen, mit Lautsprechern an den Außenwänden. Man konnte damals gar nicht anders, als mit dem Jazz aufzuwachsen.«

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