Frau Wera Kübens aus Berlin »findet keinen Anschluss, dachte, es wäre noch Hochsaison mit mehr Chancen«. Ende August erst stieg sie im Hotel Waldhaus Vulpera im Engadin ab. Anschluss woran, Chancen worauf? Eine gute Partie, einen Kurschatten, die wahre Liebe oder bloß nette Gesellschaft? Man muss es gar nicht wissen. Der Reiz dieses Dramoletts einer einsamen Dame liegt in seiner Offenheit. Immerhin, so viel erfährt man noch, zog Frau Kübens die Konsequenz, sie blieb nur zwei Tage. Protokollant ihrer Visite dürfte der Chef de Réception gewesen sein, der kühlen Blicks auch andere Gäste auf maschinengetippten Karteikarten porträtierte. Etwa Frau von Helmolt, Chicago: »Macht sich unmöglich im Hotel, – hysterisch, – schimpft über alles von A bis Z.« Die Dame logierte 1931, einen Sommer nach Wera Kübens, im Waldhaus. Nach über siebzig Jahren muss es auch das beste Haus mit der Diskretion nicht mehr so ernst nehmen. Ägyptisches Grandhotel: Das »Luxor Winter Palace« BILD

Ein Ort, an dem schon eine Karteinotiz zum Porträt, zum Kippbild aus Verschwiegenheit und Botschaft gerät, muss seine Literaturtauglichkeit nicht groß beweisen. Die Vulperaner Kartei kann man nun im Münchner Literaturhaus einsehen, wo Reinhard G. Wittmann dem Grandhotel als Wiege großer Literatur – bei Joseph Roth, Vicki Baum, den Manns, Proust, Zweig, Nabokov, Dürrenmatt und anderen schreibenden Hotelbürgern – ein umfassendes Veranstaltungsprogramm gewidmet hat. Mit Ausstellung, Filmen und einer literarischen Kissenschlacht, an der sich etliche Hotels vor Ort beteiligen: So wird Sebastian Koch im Bayerischen Hof lesen (wo Rilke, Kafka, Crichton logierten), Christian Kracht im lässigen Cortiina, Friedrich Ani wohnt und schreibt eine Woche im ArabellaSheraton, anderswo kann man zu Texten von Roth oder Simmel dinieren.

Vergänglichkeit sitzt in den Nischen des üppigen Dekors

Herz des Programms aber ist die Ausstellung zum klassischen Grandhotel, wie es vom späten 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg bestand, wie es Roths Savoy und Manns hotelhafter Berghof feiern, wie es in Dürrenmatts Kurhaus seinen Abgesang findet. Dem theatralen Untertitel der Schau, Bühne der Literatur, gemäß trennen schwere rote Vorhänge sechs Raumthemen: Drehtür, Rezeption, Halle, Restaurant, Lift und Suite. Das hätte man auch anders machen können. Man hätte einzelne Häuser, Autoren, Bücher, Situationen und Gasttypen vorstellen können, die Peeperkorns und Chauchats, die Schwindler und Ruhelosen.

Aber die Raumflucht ist sinnvoll, es geht ja um Topografien, die hier mit Originalmöbeln, Briefen und einem durchgängigen Fries aus verblichenen Hochglanzfotos angedeutet sind. Die Schau ist schlicht gestaltet, aber ungemein suggestiv. Man braucht nur in jenem Barsessel aus dem Waldhaus Sils Maria Platz zu nehmen, auf dessen Lehne schon Hesse, Mann oder Dürrenmatt den Arm gestützt haben – vielleicht zumindest. Es ist diese Aura des magischen Womöglich, der flüchtigen Glorie, die nicht nur auf diesem Sessel ruht, sondern das Hotel überhaupt prägt.

Schon in der Bezeichnung Grandhotel wird das Großartige von terminierter Gastlichkeit durchkreuzt. Dem Glanz und Luxus des Hotels sitzt das Saisonale, Vergängliche, sitzen Vergessen und Niedergang in den Nischen des üppigen Dekors. Was Wunder, dass die Literatur diesen Ort gierig aufgesogen hat – wie eine dringend benötigte Allegorie, die der Moderne endlich den angemessenen Schauplatz gibt! Da verkörpert der Liftboy dialektisch das »Gesetz des Hauses« (Roth), indem er, der kleinste Diener, das große Auf und Ab besorgt. Da wird die Drehtür zum neuen Schicksalsrad – was kein Roman, sondern ein Film in ikonischer Größe zeigt, Murnaus Letzter Mann (1924). Und die Halle, in deren breiten Fauteuils Joseph Roth lieber saß als in seinen billigen Zimmern, nannte er »ahnenlose Galerie«. Was da nicht alles mitschwingt an sehnender Heimatfreiheit, an Flucht und Suche!