Klimaschutz Ein Kontinent auf Stand-by
Die Australier fordern mehr Klimaschutz ein, doch die Regierung antwortet mit symbolischer Politik.
Sydneys schwärzeste Nacht ist Alex Southwell nicht dunkel genug. Hinter dem Rücken des 21-jährigen Australiers, der sich am Rathaus mit Freunden verabredet hat, kontrollieren Sicherheitsleute mit Taschenlampen das Treppenportal. Das unbeleuchtete Zifferblatt der Turmuhr zeigt kurz vor acht. Banken, Büros und Hotels haben ihre grellen Leuchtreklamen ausgestellt.
Düster ragen die Wolkenkratzer der Vier-Millionen-Metropole in den Himmel. McDonald’s hat seine gelben Pommesbögen ausgeknipst. In vielen Restaurants und Bars schimmert Kerzenlicht, einige Köche lassen den Elektroherd aus und garen mit Gas. Selbst Harbour Bridge und Opernhaus, die Wahrzeichen der Stadt, liegen lichtlos am Hafenwasser. Eine Großstadt wie in Tinte getaucht. Trotzdem ärgert sich Southwell: »Es ist noch zu hell, nicht alle haben mitgemacht.«
Die Botschaft kam dennoch an, als Australiens bevölkerungsreichste Stadt am Samstag vor einer Woche eine Stunde lang bewusst den Strom abschaltete. Umweltschützer hatten dazu aufgerufen, ein Zeichen gegen den Klimawandel zu setzen. Und die halbe Stadt, mehr als zwei Millionen Menschen, beteiligte sich Umfragen zufolge. Offiziell hatten sich mehr als 65000 Haushalte und rund 2000 Unternehmen im Großraum Sydney registriert. Sie zogen Stecker, löschten Lampen, schalteten Stand-by-Geräte aus und senkten so den Energieverbrauch allein im Stadtzentrum um mehr als zehn Prozent. Es war der eindrucksvollste Umweltprotest, den es bisher auf dem fünften Kontinent gab – eine öffentliche Kampfansage, mit der Bürger und Betriebe die politische Führung des Landes unter Druck setzen.
Ökologisch sorgenfrei hat sich Australiens konservative Regierung bislang an den Klimazielen der Weltgemeinschaft vorbeilaviert. Bis heute lehnt es Premierminister John Howard ab, das Kyotoprotokoll zu ratifizieren. Dabei räumte das Klimaabkommen seinem Staat bereits einen Sonderstatus ein: Während bis 2012 alle Industrieländer zusammen den Ausstoß von Treibhausgasen um fünf Prozent senken sollen, setzte Australien durch, im selben Zeitraum seine Emissionen um acht Prozent erhöhen zu dürfen.
Das trockene Land, wo Supermärkte den Kunden gern bergeweise kostenlose Plastiktüten mit auf den Heimweg geben und das Summen von Klimaanlagen den Alltag untermalt, ist zwar nur für rund 1,4 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes verantwortlich. Weil es aber Strom und Wärme zu drei Vierteln aus schmutziger Kohle gewinnt, blasen Australier pro Kopf mit 17,53 Tonnen weitaus mehr Treibhausgas in die Atmosphäre als andere Industrienationen.
Premierminister Howard, der eine 25 Milliarden Dollar schwere Kohleindustrie protegiert, bleibt skeptisch. »Ich werde nicht zusehen, wie die wirtschaftlichen Vorteile dieses Landes in einer Panikreaktion für etwas geopfert werden, was möglicherweise gar nicht so schlimm ist, wie viele voraussagen«, bekundete er noch im November. Da aber hatte sich im Land schon der Wind gedreht. Immer neue internationale Katastrophenberichte hatten die Bürger verunsichert. Gleichzeitig wütete die schlimmste Dürre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Untätigkeit der Regierung stieß vielen auf. »Die Massen haben erkannt, dass etwas gegen den Klimawandel getan werden muss«, sagt Greg Bourne, Vorsitzender von World Wildlife Fund Australia.
- Datum 11.04.2007 - 13:44 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.04.2007 Nr. 16
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