Erziehung Gut für die Kleinen?
Plötzlich rufen alle nach Krippenplätzen. Doch kaum jemand achtet auf deren Qualität.
Jubel hört sich anders an. Da bricht eine CDU-Ministerin mit dem Dogma ihrer Partei, dass allein die Mutter für die Erziehung eines Kleinkindes zuständig sein soll. Nur ein paar Wochen später einigen sich Bund, Länder und Kommunen, für 500000 Kinder unter drei Jahren Betreuungsplätze zu organisieren. Und wenn am Montag der Koalitionsausschuss in Berlin für das Vorhaben tatsächlich Bundesgelder zur Verfügung stellt, dann ist der Weg frei: für eine gesellschaftliche Großreform im Eiltempo.
Doch wie reagieren diejenigen, die diese Reform immer gefordert haben? Die Familienforscher, die nicht müde wurden, den skandalösen Mangel an Krippenplätzen in Deutschland zu monieren? Die Wissenschaftler, die seit Jahren gegen den Mythos kämpfen, dass eine Betreuung außerhalb der Familie kleinen Kindern schade? Sie sprechen »von falschen Schwerpunkten der Debatte«, wie der Entwicklungspsychologe Wassilios E. Fthenakis. Sie prophezeien »Riesenprobleme« bei der Umsetzung des Ausbauprogramms, wie die Frankfurter Kleinkindpädagogin Wiebke Wüstenberg. Und wie Kathrin Bock-Famulla, Krippenexpertin von der Bertelsmann Stiftung, warnen sie davor »die gleichen Fehler zu machen wie vor zehn Jahren – nur diesmal mit gravierenderen Folgen, weil die Kinder kleiner sind«. Damals garantierte die Politik im Zusammenhang mit der Reform des Abtreibungsrechts allen Drei- bis Sechsjährigen täglich vier Stunden Betreuung in einem Kindergarten – als flankierende Maßnahme zum Schutz des ungeborenen Lebens. Dieser Rechtsanspruch wurde indes teuer erkauft. Die Einrichtungen senkten ihre Standards, die Zahl der Kinder pro Gruppe wuchs, geringer qualifiziertes Personal wurde eingestellt. Noch gravierender: Während Deutschland vollauf damit beschäftigt war, die Zahl der Plätze zu erhöhen, investierten andere Nationen längst in die Qualität der vorschulischen Erziehung. Sie verbesserten die Ausbildung der Erzieher, gestalteten ihre Kindergärten zu Bildungseinrichtungen um, machten aus Kitas Familienzentren. Bis heute ist Deutschland trotz vieler Bemühungen – Bildungspläne für Kitas, Schulungen für Erzieher – weit vom internationalen Niveau frühkindlicher Pädagogik entfernt.
Nun droht sich das Schema Anspruchslosigkeit bei den unter Dreijährigen zu wiederholen. Denn Politik und Öffentlichkeit diskutierten in den vergangenen Wochen viel über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und darüber, dass Akademikerinnen wieder Kinder bekommen sollen. Sie stritten darüber, wie viele Plätze die Familien tatsächlich benötigen und wer diese im föderalen Zuständigkeitsgeflecht finanzieren soll. Von den Kindern war kaum die Rede. Ebenso wenig spielte eine Rolle, welche Art der Obhut die Kleinsten benötigen. »Es geht bisher immer nur um Quantität, nie um Qualität der Betreuung«, kritisiert Familienforscher Fthenakis – viel um neue Strukturen, wenig um Inhalte. Alles nach dem Motto: Die Kinder sind ja noch so klein, da kann eine Erzieherin nicht viel falsch machen.
Das ist ein Irrtum. Ein- bis Zweijährige – und erst recht Säuglinge – bedürfen einer speziellen Pädagogik. Sie benötigen andere Methoden der Anregung als Fünf- oder Sechsjährige, mehr Zuwendung und feste Bezugspersonen, die die Signale von Kindern dieser Altersgruppe genau zu deuten wissen. »Kleinkinder leben weniger im Wir, sondern im Ich und Du«, sagt Gerhard Stranz, Geschäftsführer der Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten. Dafür brauchen sie kleinere Gruppen und – wenn es sich um altersgemischte Kitas handelt – mehr Raum, da man die Kleinen nicht nur zum Schlafen immer wieder von den Großen trennen muss. Doch an alldem mangelt es.
Wissenschaftler empfehlen für Kinder zwischen null und 24 Monaten ein Betreuungsverhältnis von eins zu drei, bei Zweijährigen eins zu fünf. Der Personalschlüssel in heutigen Krippen dürfte doppelt so hoch sein, schätzt Kathrin Bock-Famulla, Leiterin des Projektes »Kinder früher fördern« der Bertelsmann Stiftung. Genaue Zahlen fehlen. Mehrere Bundesländer haben ihre Kindergärten in der jüngsten Zeit für Zweijährige geöffnet, ohne das Personal aufzustocken. In Niedersachsen zum Beispiel ist es möglich, dass zwei Erzieher 25 Kinder betreuen, darunter vier unter Dreijährige. In Rheinland-Pfalz sind es 26 Kinder und fünf unter drei. »Oft müssen sich die Kleinen den Großen anpassen. Das aber überfordert viele Kinder«, sagt Kleinkindpädagogin Wüstenberg. Der Entwurf des neuen Kindergartengesetzes in Nordrhein-Westfalen verschiebt die Verantwortung für die Gruppengrößen stärker auf die Träger. Auch damit droht eine Betreuung nach Kassenlage.
- Datum 11.04.2007 - 07:08 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.04.2007 Nr. 16
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Für diesen Artikel, der endlich auf die noch wichtigeren, jedoch in der Öffentlichkeit kaum diskutierten Missstände in Sachen 'Fremdbetreuung' aufmerksam macht, ist Herrn Spiewak nur zu danken!
Bei meiner Suche in Bremen nach einem Vollzeit-Betreuungsplatz für mein damals einjähriges Kind, gab es zwei Erkenntnisse:
1.Krabbelgruppen mit ausreichend Personal und gutem pädagogischem Konzept sind hoffnungslos ausgebucht (20 und mehr Kinder auf der Warteliste)
2.Die aufgesuchten Tagesmütter verfügten nur selten über ein pädagogisches Konzept, manche junge hatten selber ein Kleinkind, für das sie eine Art 'Spielkamerad' wollten, es gab auch welche, die offensichtlich ungeeignet für diese verantwortungsvolle Tätigkeit waren, absolut ohne Empathie oder entsprechendes Wissen um den Umgang mit Kleinkindern (ein 14-tägiger 'Kurs' ist definitiv keine komptentzerlangende Ausbildung!). Und die qualifizierten, empfehlenswerten Tagesmütter waren natürlich wieder komplett 'belegt'. Nur durch einen Zufall fand ich bei einer noch einen Platz, bei der ich kein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken haben musste, dass mein Sohn so viele Stunden dort verbringen würde.
Auch bei der kürzlichen Kindergartenplatzsuche gab es wahrliche 'Gruselerfahrungen' - Vor allem die festgelegte Betreuungsquote von eins zu zwanzig, als auch manche (teils sehr dogmatische) Konzepte (bzw. deren Überhauptnichtvorhandensein) von privaten Einrichtungen (in einer wurde den schwächeren Jungs das Boxen beigebracht, damit sich diese nicht peinlicherweise von Mädchen gegen große böse Kinder helfen lassen müssen !!!!!), geben Anlass zu Unglauben und manchmal Verzweiflung.
Es gibt gute Einrichtungen und auch Tagesmütter, nur bieten diese eben lang nicht ausreichend Plätze. Noch schwieriger wird es, wenn man 'konfessionsfreie' oder zumindest wirklich liberale christliche Einrichtungen such.
Sehr engagierten Kräften (Erziehern und auch Eltern in Vereinen) werden mit Auflagen und Einschnitten dagegen an der Umsetzung von pädagogisch sinnvollen und wünschenswerten Konzepten gehindert.
Sosehr die Politik seit Jahren tönt, die Kinder seien die Zukunft und müssten bestmöglichst gefördert werden, sosehr Wissenschaftler aus Pädagogik, Soziologie und selbst Wirtschaft seit Jahren genau das fordern, ... genau das Gegenteil tritt ein - Kürzungen statt Investitionen, Deformation statt Reformation.
Ein Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten ist notwendig, aber solange dabei nicht die Qualität von vorhandenen und geplanten Plätzen im Vordergrund steht, wird es höchstens einen Ausbau von tatsächlichen Aufbewahrungsanstalten geben.
hat in einer öffentlich heißdiskuierten Frage mehr Sachverstand bewiesen als Frau von der Leyen und Herr Mixa zusammen. Die Frage muss in der Tat lauten: sind die Krippen für die Mütter oder für die Kinder da? Wenn letzteres, ist nichts dagegen einzuwenden.
Ein sehr wichtiger Artikel, mit einem erschreckenden Fazit, was auch die Kommentare bestätigen: Neben der Quantität stimmt vor allem die Qualität der Fremdbetreuung nicht!
Aber warum? Warum benötigen wir hier erst viele internationale!!! (nicht deutsche) Studien und andere skandinavische Länder sind uns in Erkenntnis und Umsetzung um zig Jahren voraus?
Ich erlaube mir mal eine zugegeben provokante These:
Liegen wir vielleicht im Glauben, dass Frau in frühen Kinderzeiten zwar wichtig für die Kinder sind, aber auch automatische gute Mütter / (emphatievolle) Erzieherinnen sind, womöglich falsch?
Müßten nicht vor allem betroffene Frauen/ Mütter seit Jahren diesen Fremdbetreuungs-Mangel erkannt und hier ein verstärktes Qualitätsinteresse haben und auf die Barriekaden gehen (bessere Ausbildung, Anzahl und Ausstattung)? Und wieso hinkt die Anzahl der Erzieher ggü Erzieherinnnen so weit zurück (so wie es auch nur wenige Grundschullehrer gibt)?
Oder durfte dies alles öffentlich nicht wirklich zur Debatte gestellt werden? Fehlte nur das Bewußtsein, oder widersprach es irgendwelchen Interessen?
Wir müssen uns bewußt sein, wenn wir die Fremdbetreuungs-Qualität öffentlich anprangern, prangern wir in einem gewissen Maße auch die Qualität der Frau/ Mutter als von Natur aus automatisch gute Erzieherin an. Das rüttelt an tief sitzenden Denkmustern, wie ich befürchte.
Dies ist zugegeben nur eine These, aber die öffentliche Kita, etc Debatten erscheinen mir doch sehr verkrampft, als ob tief unten mehr dahintersteckt. Daher, danke für den Artikel.
mfg bv
070430mo1042
Aber Hallo, liebe Mit-Leut,
wie tief muß doch der Glauben derer sitzen, die da sagen...
<>
Solch einem Glauben können eigentlich 'nur' die 'aufsitzen' - 'man' entschuldige mir meine krasse Ausdrucksweise -, die selber nix in der Birne haben.
Wann lernen se es noch...
SoWat kommt von SoooooooooooWat!! gelle?
gruß
klaus w.
Dat KlaKoWa
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