Pop Musik von Freunden

Große Lieder für eine klein gewordene Welt: Die Songwriterin Leslie Feist mit ihrer neuen CD »The Reminder«

Die Kleine-Welt-Theorie hat es Leslie Feist angetan. Sie besagt, dass Kontakte zwischen Menschen, zumindest solchen der westlichen Hemisphäre, immer nur fünf Stationen brauchen, bis jeder mit dem anderen irgendwie bekannt ist. Weil der Mensch nämlich von Natur aus kommuniziert, ist der eine stets mit einem zweiten in Austausch oder verbandelt, der wiederum seine eigenen Kreise mitbringt. Bei Stufe drei hat man bereits einen ansehnlichen Einzugsbereich erreicht, der sich bei der vierten Person exponentiell steigert. Bis man um soundso viel Ecken herum zum Weltbürger geworden ist.

Leslie Feist leuchtet das ein, ihre Karriere ist ganz ähnlich verlaufen. Vor zehn Jahren war sie noch ein Provinzmädchen aus Calgary, Kanada, das zu Hause im Keller mit einem Vierspurgerät Lieder aufnahm. Dann ging sie nach Toronto, wo sie Teil einer regen Rockszene wurde. Als einzelne Vertreter, darunter ein Mann namens Gonzales und eine gewisse Peaches , nach Berlin zogen, zog sie mit. Lustige Zeiten waren das, sie schlief bei ihren Freunden auf der Couch und verdingte sich als Komparsin in deren Shows. Nachdem Berlin auch wieder durch war, ging es mit Gonzales weiter nach Paris, wo neue Kontakte gemacht wurden. Inzwischen erstrecken sich die Kreise bis hin zu Jane Birkin oder Juliette Gréco.

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Letztere hat den Altpariser Gassenhauer La Javanaise mit ihr neu aufgenommen, als wolle sie den Stab des Chansons an sie weiterreichen, Erstere gab ihr eine Gastrolle als Begleitsängerin. Schon seltsam, wie eins ins andere greift, findet Leslie Feist, die zur Vorstellung ihrer jüngsten CD The Reminder für ein paar Tage nach Berlin zurückgekommen ist. Natürlich könnte man von Zufall sprechen, von Glück oder schlicht von Talent. Feist – so nennt sie sich als Künstlerin – verfügt obendrein über den Vorzug eines blendenden Aussehens. Das alles mag eine Rolle spielen, und doch ist sie zu nüchtern, um an die Legenden des Showgewerbes zu glauben. Ihre Botschaft: Die Welt ist klein. Und du selbst bist immer nur so gut wie die Leute, die du kennst.

Feist ist einer dieser neuartigen Stars, die aus Mobilität und Kommunikation geboren sind. Ihre eigentliche Heimat ist die Szene, doch längst sind die Grenzen zwischen klassischer Boheme und Mainstream durchlässig geworden. Um mit den verblassenden Berühmtheiten des alten Starsystems in Berührung zu kommen, ist langwieriges Antichambrieren mittlerweile überflüssig, es genügt, im richtigen Verteiler zu sein. Und um ein Album zu produzieren, das auch in der Welt des Radios Erfolg hat, bedarf es keines Riesenapparats mehr im Rücken, vorausgesetzt, man kennt die entsprechenden Leute. Feist kennt sie, ihr Netzwerk als Songwriterin ist aus Respekt und alten Loyalitäten gewoben. Der Unterschied: Früher schlief sie bei Freunden auf der Couch, heute ist es umgekehrt.

The Reminder ist in La Frette entstanden, einem ehemaligen Landhaus bei Paris, wohin sie ihre engsten Vertrauten plus deren Vertraute zu einer Art Aufnahmefete einlud: Gonzales alias Jason Beck, den Multiinstrumentalisten und Hipster von Welt, Julian Brown und die Baird-Brüder, mit denen sie ansonsten durch Europa tourt, an Bass, Schlagzeug und Trompete. Produziert hat Renaud Letang, bekannt und respektiert durch seine Arbeit für Manu Chao, des Weiteren verzeichnet die Besetzungsliste einen gewissen Mocky . Was Mocky zum Gelingen einer Sache beiträgt, sei nie genau auszumachen, sagt Feist, wichtig sei bloß, dass er dabei ist. Zu seinen Stärken gehört es, im richtigen Moment mit der richtigen Idee anzukommen.

Man muss das alles nicht wissen, um The Reminder als schönste Platte des Frühlings willkommen zu heißen. Wie schon auf dem Vorgänger Let It Die singt Feist mit verhaltenem Schmelz zur Gitarre, oft einer akustischen, während Gonzales Barjazz- und Chansonstimmungen heraufbeschwört. Alles klingt leicht und unbeschwert, eine Listening-Musik, die sich perfekt zur Mitnahme auf dem iPod anbietet, weil sie niemanden ausschließt und niemanden überfordert: Kunden, die sich diese CD kaufen werden, könnten auch das neue Album von Norah Jones gekauft haben oder von Björk, mit der Feist im Übrigen auch schon kooperiert hat. Wer die Umstände der Produktion kennt, hört allerdings mehr.

Er hört, wie sich unter der Oberfläche die Songtraditionen doch noch einmal neu mischen, er bewundert, auf welch beiläufige Weise das Material hier auseinandergeschraubt und wieder zusammengesetzt wird. Sea Lion Woman etwa: Das Stück beginnt elektronisch, schielt auf die Tanzfläche, um nach und nach das Herz eines Gospels zu offenbaren. Oder Brandy Alexander: Vordergründig handelt es sich um eine Hommage an einen unzeitgemäß gewordenen Cocktail, unter dem beschwipsten Gesang aber lauert eine Traurigkeit aus Zeiten, als Frauen ihren Kummer über ausweglose Liebschaften noch mit zuckrigen Partygetränken betäubten. Mit jedem Song öffnen sich neue Fenster auf neue verborgene Details und Zusammenhänge. Das Schöne: Man darf sie mithören, man muss aber nicht.

»Subversiven Poptraditionalismus« hat ein Kritiker der Musik von Feist attestiert: traditionell, weil sie auf der Klaviatur des Bekannten spielt, subversiv, weil sie unerwartet viel Experimentelles mit sich führt. Diese Musik ist wie ein Kassiber, sie schmuggelt längst Vergangenes in den Gegenwartspop ein. Sie funktioniert im Frühstücksradio genauso gut wie abends im Club, sie ist anspruchsvoll, ohne kompliziert zu sein, vor allem aber ist sie nicht denkbar ohne all die Kenntnisse und Kommunikationen, die in sie eingeflossen sind. Das ist es, was man auf The Reminder am allerdeutlichsten heraushört: die Intimität einer Wohnzimmerproduktion, bei der befreundete Musiker sich morgens im Schlafanzug um das Mikrofon herum versammelten, um Lieder nach ihrem Geschmack aufzunehmen.

Es sind solche Freundschaftsnetzwerke, in denen momentan weltweit der interessanteste Pop entsteht. Ob Toronto, Paris oder Berlin: In Bands aus Freunden wird noch hart am Material experimentiert, hier zirkuliert das Wissen am freiesten, weil keine Firma, sondern der wechselseitige Respekt über Chancen und Risiken entscheidet. Man weiß, wem man vertrauen kann und wem nicht, man setzt auf Kreise, die weitere Kreise ziehen, hilft sich gegenseitig und organisiert sich in sogenannten Projekten. Ein Fuß steht dabei in der Tür zum Mainstream, ohne dass der Markt alles wäre: Wenn eine Sache ausgereizt ist, heißt es eben weiterziehen. Denn bei aller Intensität der Beziehungen spielt diese neueste alte Musik in einer Welt der Optionen, die sich morgen schon wieder ganz anders darstellen können.

Was wird Leslie Feist tun, wenn das Modell der subversiven Popchanteuse sich eines Tages überlebt hat? Sie weiß es nicht, es interessiert sie aber auch nicht besonders. Ihre vielen Kontakte haben sie bis hierher getragen, in irgendeiner Richtung wird es schon weitergehen. Vielleicht steigt sie wieder als rappende Sexsocke bei Kollegin Peaches ein, vielleicht erneuert sie ihre derzeit ruhende Mitgliedschaft beim Bandprojekt Broken Social Scene, das auch schon als next big thing aus Kanada gehandelt wurde. Vielleicht wird sie sich einfach auf ihre Ursprünge als Punkgirl vom Lande zurückbesinnen. Nicht dass dies derzeit sehr wahrscheinlich wäre. Aber es hätte sich ein weiterer Kreis geschlossen.

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