Pop Musik von FreundenSeite 2/2
Er hört, wie sich unter der Oberfläche die Songtraditionen doch noch einmal neu mischen, er bewundert, auf welch beiläufige Weise das Material hier auseinandergeschraubt und wieder zusammengesetzt wird. Sea Lion Woman etwa: Das Stück beginnt elektronisch, schielt auf die Tanzfläche, um nach und nach das Herz eines Gospels zu offenbaren. Oder Brandy Alexander: Vordergründig handelt es sich um eine Hommage an einen unzeitgemäß gewordenen Cocktail, unter dem beschwipsten Gesang aber lauert eine Traurigkeit aus Zeiten, als Frauen ihren Kummer über ausweglose Liebschaften noch mit zuckrigen Partygetränken betäubten. Mit jedem Song öffnen sich neue Fenster auf neue verborgene Details und Zusammenhänge. Das Schöne: Man darf sie mithören, man muss aber nicht.
»Subversiven Poptraditionalismus« hat ein Kritiker der Musik von Feist attestiert: traditionell, weil sie auf der Klaviatur des Bekannten spielt, subversiv, weil sie unerwartet viel Experimentelles mit sich führt. Diese Musik ist wie ein Kassiber, sie schmuggelt längst Vergangenes in den Gegenwartspop ein. Sie funktioniert im Frühstücksradio genauso gut wie abends im Club, sie ist anspruchsvoll, ohne kompliziert zu sein, vor allem aber ist sie nicht denkbar ohne all die Kenntnisse und Kommunikationen, die in sie eingeflossen sind. Das ist es, was man auf The Reminder am allerdeutlichsten heraushört: die Intimität einer Wohnzimmerproduktion, bei der befreundete Musiker sich morgens im Schlafanzug um das Mikrofon herum versammelten, um Lieder nach ihrem Geschmack aufzunehmen.
Es sind solche Freundschaftsnetzwerke, in denen momentan weltweit der interessanteste Pop entsteht. Ob Toronto, Paris oder Berlin: In Bands aus Freunden wird noch hart am Material experimentiert, hier zirkuliert das Wissen am freiesten, weil keine Firma, sondern der wechselseitige Respekt über Chancen und Risiken entscheidet. Man weiß, wem man vertrauen kann und wem nicht, man setzt auf Kreise, die weitere Kreise ziehen, hilft sich gegenseitig und organisiert sich in sogenannten Projekten. Ein Fuß steht dabei in der Tür zum Mainstream, ohne dass der Markt alles wäre: Wenn eine Sache ausgereizt ist, heißt es eben weiterziehen. Denn bei aller Intensität der Beziehungen spielt diese neueste alte Musik in einer Welt der Optionen, die sich morgen schon wieder ganz anders darstellen können.
Was wird Leslie Feist tun, wenn das Modell der subversiven Popchanteuse sich eines Tages überlebt hat? Sie weiß es nicht, es interessiert sie aber auch nicht besonders. Ihre vielen Kontakte haben sie bis hierher getragen, in irgendeiner Richtung wird es schon weitergehen. Vielleicht steigt sie wieder als rappende Sexsocke bei Kollegin Peaches ein, vielleicht erneuert sie ihre derzeit ruhende Mitgliedschaft beim Bandprojekt Broken Social Scene, das auch schon als
next big thing
aus Kanada gehandelt wurde. Vielleicht wird sie sich einfach auf ihre Ursprünge als Punkgirl vom Lande zurückbesinnen. Nicht dass dies derzeit sehr wahrscheinlich wäre. Aber es hätte sich ein weiterer Kreis geschlossen.
Weitere Berichte, Reportagen, Rezensionen und Galerien finden Sie
auf
www.zeit.de/musik
.
- Datum 15.04.2007 - 08:49 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 12.04.2007 Nr. 16
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren