Lebenszeichen Zen und Zorn

Martenstein macht Erfahrungen mit dem Buddhismus

Die Redakteure machten eine Serie über Religionen. Sie wollten, dass ihre Religions-Serie nicht zu religiös wird. Also riefen sie bei mir an. Ob ich zu jeder Religion eine Kritik verfassen könne. An jeder Religion gebe es ja wohl irgendwas auszusetzen, sagten die Redakteure, und ich, mit meinem Scharfsinn, sollte die Schwachstelle finden. Ich dachte, ultraschwierig wird es mit dem Judentum, weil alles, was man da kritisieren könnte, auch von den Antisemiten gesagt wird. Na gut, da habe ich in dem Juden-Artikel halt einfach geschrieben: »Es ist schwierig, etwas zu sagen, denn alles, was man am Judentum kritisieren könnte, wird auch von den Antisemiten gesagt.« Und schon ging es. Ehrlichkeit ist beim Schreiben immer die halbe Miete.

Als Letztes kam der Buddhismus dran. Also habe ich über den Buddhismus einiges gelesen. Der Buddhismus gefiel mir am besten von allen Religionen, ehrlich. Im Grunde fand ich nichts auszusetzen. Normalerweise findest du bei einer Religion zumindest Frauenfeindlichkeit, Frauen gehen als Vorwurf immer, aber nicht mal damit konnte man den Buddhisten kommen. Ich dachte, wenn ich Meditieren nicht so langweilig fände, dann wäre der Buddhismus mein Ding. Ich wollte in der Redaktion anrufen und sagen, Buddhismuskritik fällt aus wegen Bekehrung. Aber ich bin Profi. Außerdem war es nur ein Spiel. Ich habe den Buddhisten also auf halbherzig-vorsichtige Weise Passivität, Schluritum und mangelnden Ehrgeiz vorgeworfen, was in meinen Augen natürlich gar kein Vorwurf ist. Im Grunde war die Kritik eine versteckte Hymne auf den Buddhismus.

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Daraufhin brach ein Sturm der Entrüstung los. Meine Mailbox explodierte vor empörten Buddhistenmails. Buddhisten seien tatkräftig, geld-, leistungs- und karriereorientiert wie sonst keiner. Das wisse außer mir jeder. Buddhisten riefen bei mir zu Hause an und beschimpften mich mit Wörtern aus der untersten Schublade. Die Buddhisten waren in einer Weise giftig und aggressiv, wie ich das eher bei den Muslimen erwartet hatte. Die Muslime waren aber total friedlich gewesen. Ich dachte, holla, diese Buddhisten sind keine Kritik gewohnt, die werden seit Jahren immer nur gepampert von allen, so was ist dann das Ergebnis. Ich dachte, Leute mit persönlichen Problemen, bösartigen Vibes und unterschwelligen Aggressionen sind möglicherweise besonders anfällig für die Parolen des Buddhismus, ich selber wäre ja auch fast beigetreten. Ein Wunder, dass es keine buddhistischen Terrorgruppen gibt. Kommt vielleicht noch.

Heute würde ich einem blinden Freund den Buddhismus so beschreiben: sehr zu empfehlen für alle, denen der Islam zu locker und witzig ist. Aber wenn ich diese Meinung aus Versehen öffentlich mache, werden sich vor dem Büro orange gekleidete, glatzköpfige Mönche versammeln und in monotonen Gesängen meine Entlassung fordern, oder sie werden Karma und Zen auf mich hetzen, ihre beiden Kampfhunde. Deshalb erkläre ich hiermit an Eides statt, dass ich den Buddhismus für die einzige makellose Weltanschauung halte. Unser Buddha, er lebe hoch!

 
Leser-Kommentare
    • Nazan
    • 13.04.2007 um 11:52 Uhr

    - bezugnehmend auf Frauenfeindlichkeit im Buddhismus- hätte ich schon. Wann gab es einen weiblichen Dalai Lama ?

  1. Das ist ja das Geniale an dieser Glosse - und Harald Martenstein hat sich hier mal wieder selbst übertroffen! Dass Klischeevorstellungen über den Buddhismus und seine vielschichtige Wirklichkeit, seine zahlreichen und krassen Gegensätze so schön auf den Punkt gebracht werden. So vehement zugestimmt und herzlich gelacht habe ich bei einem satirischen Text zur Rezeption des Buddhismus im Westen seit langem nicht mehr - das letzte Mal vielleicht bei Ludger Lütkehaus' 'Buddha goes West'. Danke!

    Andreas Gruschke

  2. 3.

    Äußerst interessant wie der Autor die Einsichten des Buddhismus im Hinblick auf Ursache und Wirkung bestätigt und andererseits offenbart wie der Mensch, am Beispiel des Autors, und sein Geist doch ein Fähnlein im Wind sind.

  3. Hmm, das ist ja köstlich! Die Tatsache, dass die Buddhisten gern offen ihrem Ärger Luft machen, könnte aber darüber hinwegtäuschen, dass andere Beleidigte vielleicht klammheimlich schon ihre Rachegelüste pflegen. Ich werde keine Religion nennen. Hauptsache, die Buddhisten kommen Martenstein so wehrhaft und aggressiv vor, wie sie selbst nicht gerne zugeben zu sein. Ich schon.

    • zorni
    • 16.04.2007 um 12:39 Uhr

    Immer wenn ich mich als Buddhist oute, glauben die Leute ich müsse irgendwie ein besserer Mensch sein. Viele erwarten, daß ich
    -weise bin
    - Vegetarier bin
    -nicht rauche oder nicht trinke
    -immer lächle
    -mich niemals aufrege
    -etc.
    Wie oft höre ich: 'Du als Buddhist müßtest doch...'
    Daß ich ein Zen-Mönch bin, sag ich manchmal lieber nicht, um den Maßstab nicht noch höher zu setzen und durch meine Gewöhnlichkeit den guten Ruf des Sangha nicht zu gefährden. Leider haben auch manche 'deutsche Buddhisten' eine rosa Brille in Bezug auch sich selbst und ihre Religion. Nun ist es also endlich raus, wir können wütend und doof sein! Besonders viel Bombenanschäge sind allerdings auch weiterhin höchstens in Sri Lanka zu erwarten. Hofft Zorni.

  4. ...wie Martenstein den Buddhismus und die ihn Praktizierenden gegeneinander aus-spielt, wie er sehr richtig schreibt. (In der Schwebe bleibt dann nur, ob auch seine beeindruckende Selbstironie dabei gespielt ist...)

    Seine Abneigung gegen die von Buddha empfohlene "Geistesschulung" des Achtsamkeitstrainings - allenthalben mit dem schillernden Begriff Meditation belegt - ist allerdings bedauerlich. Ich vermute, dass er noch nirgends genau angegeben gefunden hat, um was es dabei eigentlich geht, da dies wirklich selten in der Literatur zu finden ist.

    In der dt. Wikipedia hab ich deswegen das Wichtigste dazu hier in aller Kürze in der Einleitung angegeben.
    ____________________________________
    www.philosophers-today.co...
    www.integraleweltsicht.de...
    www.kirchenkritik.de/arch...
    www.schulfach-ethik.de/et...
    www.sprache-werner.info/i...?

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  • Quelle DIE ZEIT, 12.04.2007 Nr. 16
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  • Schlagworte Buddhismus | Religion | Kampfhund | Judentum
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