Religion Warum die Welt katholischer wird
Nicht in der Botschaft, sondern in ihrer Unbestimmbarkeit liegt die Kraft der Religion.
Mit dem Religiösen verband man einmal den Versuch, Ordnung und Einheit in die Mannigfaltigkeit der Welt zu bringen. Lebensformen kamen in verschiedenen Versionen vor. Religiöser Sinn aber lebte vom Singular. Seit Religion zur »Kultur« geworden ist, kommt sie nun auch in mehreren Versionen vor. Als katholische oder schiitische gegen eine protestantische oder sunnitische Variante, als andere Weltreligion anderer Weltreligionen oder als der multikulturell Andere auf der (inzwischen globalisierten) Straße. Die Affekte gerieren sich dann etwa so, wie »Kulturen« stets mit dem Phänomen der Kultur umgehen: Entweder ist die andere die uneigentlichere, die man dann bestenfalls toleriert; oder man singt das Hohelied der kosmopolitischen Anerkennung und wird dann bisweilen von den so Anerkannten nicht einmal toleriert.
Religiöse »Kulturen« werden unheilbar aufeinander bezogen und erleben ihre Unvereinbarkeit – etwa darin, dass Papst Benedikt in der Blauen Moschee betont, wir verehrten doch alle denselben Gott, nur eben unterschiedlich. Oder indem man wie Hans Küng alles in einem großen Weltethos aufgehen lässt, dessen Allgemeinheit verbürgt, dass man keine anderen praktischen Probleme lösen muss als diejenigen akademischer Sprecher, auf wechselseitig anschlussfähige Sätze zu kommen. Die eigentliche praktische Frage, die sich dahinter verbirgt, ist die nach der »guten« Religion. Was muss Religion mitbringen, damit sie mit dem Rest der Welt kompatibel ist? Es ist dies die in der europäischen Religionsgeschichte immer junge Frage nach der Modernitätsfähigkeit des Religiösen. Was also macht eine Religion »gut«?
Antworten auf eine solche Frage sind – zumindest im europäischen Kontext – erwartbar und liegen auf der Hand: Eine gute Religion muss mit gesellschaftlichem und religiösem Pluralismus umgehen können. Sie muss mit der Idee und der Praxis der individuellen Freiheit kompatibel sein, und sie muss sich auf gleicher Augenhöhe auf einen Dialog mit anderen Religionen einstellen können – und irgendwie hört man den clash of religious civilizations unterschwellig immer mit.
Solchen Argumenten ist kaum zu widersprechen. Und doch treffen sie ihren Punkt letztlich aus der Perspektive einer gewissermaßen religionspolitischen Position. Solche Argumente benutzen die Sprache von Religionsrepräsentanten, von Bischöfen und Ratsvorsitzenden, von Theologen und womöglich Sozialwissenschaftlern, die religiöse »Orientierung« oder wenigstens einen Bedarf danach wiederentdecken. Solche Sprecher haben den Vorteil, dass sie meistens mäßigend wirken – etwa indem sie darauf hinweisen, dass viele der globalen religiösen Kulturkämpfe zwischen den großen Weltreligionen aus der europäischen Religionsgeschichte bekannt sind.
Das Problem solcher Sprecherpositionen ist es aber, dass ihnen Religion als ein kulturwissenschaftlicher Sammelbegriff erscheint. Ihm können dann Kriterien eingeschrieben werden, mit denen das konfessionell kollektivierbare Ziel erreicht werden kann: Man appelliert dann an das liberalprotestantische Ideal der Versöhnung von Wollen und Sollen, an die katholische Idee eines globalen Ethos oder an die Mystik als eine reflexive Form, um Unterschiede nicht mehr zähneknirschend, sondern heiter und gelassen auszuhalten.
Das Kriterium des »Guten« kommt mit großer Geste und geradezu politikförmig daher, wohl wissend, dass sich im Bereich religiöser Erfahrung keine kollektiv bindenden Entscheidungen treffen lassen, aber doch appellierend an die Gemeinsamkeit der Gläubigen. Wahrscheinlich provoziert schon die Frage nach einer »guten« Religion solche Antworten – und die weltgesellschaftliche Gleichzeitigkeit einer Repolitisierung des Religiösen in islamischen Ländern oder der immer breiter werdende bible-belt provoziert solche Sprecherpositionen. Wie aber verhält es sich eigentlich mit religiöser Praxis? Was ist der – um es in der theologischen Sprache des Protestantismus auszudrücken – »Sitz im Leben« der allenthalben bemerkten Wiederkehr des Religiösen? Zeigt dieser »Sitz im Leben« sich heute tatsächlich noch in der Frage der Versöhnung von Aufklärung und Religion, von Freiheit und Bindung? Und erwartet man von religiöser Kommunikation heute tatsächlich noch so etwas wie eine sinnhafte Gesamtperspektive auf die Welt (jenseits ihrer vorübergehenden Politisierbarkeit)? Oder sind das Fragen, die aus der Vergangenheit eines bürgerlichen Kosmos »intakter« religiöser Lebenswelten nachhallen in eine Welt, die nicht mehr nur keine Antworten auf solche Fragen hat, sondern diese Fragen gar nicht mehr kennt?
Was an religiöser Praxis offensichtlich als »gut« empfunden wird, ist ihr Fundus an rituellen Formen. Es ist sicher kein Zufall, dass die mediale Sichtbarkeit des Religiösen im Jahre 2005 mit dem Tod Woytiłas und der Wahl Ratzingers den Eindruck einer »Wiederkehr des Religiösen« hinterlassen hat. Was sich in Rom als Religiöses dargestellt hat, war letztlich eine Form, die mit zugleich großer und einfacher Geste daherkam. Einerseits war es erheblicher pomp and circumstance, der für mediale Inszenierung geradezu gemacht schien. Andererseits atmeten alle Gesten auch eine erstaunliche Einfachheit, weil sie auf der Wiederholbarkeit ritueller Gesten beruhten. Sie erklären sich selbst und vermitteln letztlich das Gefühl, dass sie alles mitsymbolisieren – Leben und Tod, Vergänglichkeit und Ewigkeit, Sünde und Erlösung – und zugleich nichts weiter sind als das, was da geschieht.
»Gut« war daran vor allem, wie sich Kommunikation und Gesten, die ganze Maschinerie römischer Selbstinszenierung, mit einer Selbstverständlichkeit und Widerständigkeit darstellte, die über die Macht der Bilder die Ohnmacht ihrer Legitimationskrise überwindet. Dass selbst protestantische Theologen und Gläubige, aber auch Angehörige anderer Religionen sich beeindruckt gezeigt haben, liegt wohl daran, dass sich das Ostentative am Religiösen weniger über die Frage erschließt, was daran an konkreten Inhalten »gut« ist – es sind gewissermaßen Antworten ohne konkrete Fragen. Insofern ist im Hinblick auf ihre Sichtbarkeit die Wiederkehr des Religiösen eine Wiederkehr ritueller Formen, die sich »irgendwie« von selbst verstehen, weil man sie eigentlich nicht im emphatischen Sinne verstehen muss. Mit einem Wort: Die Wiederkehr des Religiösen zeigt sich nicht in neuem (oder altem) Orientierungswissen, sondern in der Wiederkehr der Kasualien, in der Aufhebung zufälliger Lebensverläufe in der Ritualität von Taufe, Kommunion, Konfirmation, Hochzeit, Begräbnis.
- Datum 18.04.2007 - 12:03 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.04.2007 Nr. 16
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Jede Religion soll ein Mittel sein, die Angst vor dem Sterben zu nehmen und sonst gar nichts! Insofern ist jede andere philosphische Deutung Zeitverschwendung.
Jede Religion soll ein Mittel sein, die Angst vor dem Sterben zu nehmen und sonst gar nichts! Insofern ist jede andere philosphische Deutung Zeitverschwendung.
Eine Grundsatzdebatte ist hier schon angebracht, angesichts dieser Beitragsüberschrift und Einleitung, aber auch vieler Aussagen in diesem Beitrag und die von mir hier geführte bezieht sich sehr wohl und konkret auf diesen. Insofern ist das deklassierende 'verkleistern' hier nicht nur überheblich, sondern wirklich unangebracht. (Angebracht wäre hier wennschon, zu zeigen, ob die z.B. von mir geführte Grundsatzdiskussion Ihres Erachtens nach nun richtig oder falsch ist - was man so halt nur erahnen kann, was aber eben das Entscheidende ist, wenn man dies abwertet.)
Zudem sind meine Beiträge und auch die anderer Kommentatoren weder endlos noch lassen sie für andere Beiträge und Aspekte, wie den Ihren, keinen Raum – andere Reihen, und dort auch viele Beiträge, sind nicht selten viel länger!
Meine etwas saloppe Bemerkung zu ihrem Aspekt: Ja sicher, das Leben ist „nur“ in der Meditation zu ertragen..., das Gehirn muss immer mal tief ausspannen. Ja, auch das, Psychohygiene sozusagen, ist Religion sehr wohl auch und das brauchten wir heute wohl mehr denn je – und zwar in guter Qualität...
Und dazu braucht man eben auch eine gute philosophische Einbettung, um so (immer mal wieder ganz besonders tief) eben seinen Frieden mit der Welt, der gesellschaftlichen und sonstigen Umwelt und mit sich selbst, eben auch wirklich befriedigend machen zu können.
Die Theorie der Religion, gerade auch der christlichen, bietet hierfür, richtig interpretiert aber eben, schon den richtigen Rahmen. (Und da kann – und muss - man mit einer wissenschaftlichen Sicht der Dinge in der Tat sehr gut in Übereinstimmung kommen). Der Fehler des Autors besteht m.E. darin, diesen Zusammenhang und dieses Potential nicht zu ausreichend zu sehen, ja sogar zu leugnen. Hier wird die (christliche) Religion, auf Rituale und Meditation reduziert, insofern entkernt, zu einer hohlen, halt nur schönen Form ohne Inhalt gemacht, was der Realität und zumindest meiner Ansicht nicht entspricht, sondern wohl vor allem der Ausdruck der Haltung das Autors ist. Auch hier ist es der Inhalt, der sich eine Form sucht und gibt. Aber gut, wenn man es so sieht und will, kann auch der Bedarf (des Geistes, des Gehirns) nach der Form, nach innerer Ruhe und Frieden, als der Grund für das Konstrukt angesehen werden. Nur wenn wir unsere Umwelt richtig spiegeln, können wir uns richtig verhalten – und wir müssen diese halt auch spiegeln. Ich kann mir nur insofern vorstellen, dass dies, die Form, der Bedarf, der Grund für Wiederkehr des Christentums oder des Katholischen ist. Ansonsten wäre dies eher ein Grund für den Boom der Esoterik und von allen möglichen anderen Festen, z.B. auch vorchristlichen.
Wenn der Autor hier nun als Hauptgrund für das große öffentliche Interesse an der Beerdigung von Papst Paul dem VI. und der Wahl von Papst Benedikt die Rituale Beerdigung und der Papstwahl also solche, und den vatikanischen mittelalterlichen Pomp, das Event hier eben, ansieht, was hier sicher auch eine beachtliche Rolle spielt, so ist die Reduktion darauf m.E. falsch. Es ist hier gerade auch das Leben, das konkret gelebte Leben dieser beiden Personen, die diese Aufmerksamkeit und Achtung hervorrufen die bei diesen Ereignissen halt kumuliert. Bei hier nicht so glaubwürdigen Päpsten hätten die gleichen Rituale m.E. bei weitem nicht diese Wirkung entfaltet! Das zu übersehen, ist - aus meiner Sicht – schon sehr bedenklich und erstaunlich und kennzeichnend dann auch für den sonstigen Inhalt des Beitrages, das sonstige partielle Fehlverständnis der christlichen Religion hier dann also. Das Besondere dieser Personen besteht ja eben darin, dass sie, ich wiederhole dies, wie Jesus, eine hohe Ethik vertreten und auch gelebt haben, und dass sie, wie Jesus, dennoch, möchte man fast sagen, ganz bewusst auf Kinder, und, deshalb, wohl eben gerade auch, auf Frauen verzichtet haben – sie hätten ihr Leben doch auch in vollen Zügen wie heute üblich, genießen können?! Das ist eben schon etwas Besonderes, heute, und darin könnte eben schon der Schlüssel für die Zukunft bzw. die Gegenwart, und in gewisser Weise eben die Wende in der öffentlichen Diskussion, liegen. Das sind sozusagen gelebte Werte, die hier, indirekt aber nur, sich vermitteln. Das sind eben doch keine außer der Zeit und außerhalb dieser Welt lebende dumme Spinner, sagt sich die Welt, sagen sich die meisten Bewunderer dieser Personen, wohl damit.
Wenn andere diese Sache anders sehen, so wie der Autor hier gerade auch, dann können und sollen sie das hier ruhig sagen – es ist noch genug Platz da! (Sonst denken Leute wie ich nämlich, dass sie mit ihren Einwänden (wohl doch) Recht haben (könnten) und andere, unentschlossene Dritte, werden hier dann ja auch allein gelassen.)
PS: Leider kann ich die Beiträge nicht als Antwort einstellen, es ist dies in vielem eine Antwort auf den Beitrag von fxrichter.
...und ergänzen, dass sie ansonsten überhaupt barocker geworden ist. Die lichte Renaissance weicht dem dichten Barock in dem Maße wie die Realität des Kapitals sich virtualisiert. Die Klasse der Bourgeoisie verwandelt sich in eine aristokratische Kaste, die sie sich zunehmend auch „rassisch“ vom Rest des Volkes unterscheidet. Während die neue Herrenrasse an der Genbank getunt wird, wird das neue Untertanenvolk biologisch auf das Notwendigste hin abgerüstet (Und längst vergessen, der da sagte, dass die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen gewesen sei!) Billig zu halten muss es sein – dieses Volk – (wenig Wasser verbrauchen darf es vor allem), und keinen all zu großen intellektuellen Anspruch soll es stellen und es soll sich nur vermehren soweit Bedarf danach besteht. All zu alt muss es dabei auch nicht werden. Ganz anders die Herrenrasse: Diese trachtet nach dem ewigen Leben und einem Tet á Tet von gleich zu gleich mit ihrem (himmlischen) Ur-Schöpfer. Die Päpste wären dafür die idealen Agenten. Unser bayrischer Rauscheengel Ratzi hätte dafür genau das richtige Protoformat!
Der Beitrag war für Sonntag früh etwas schwierig zu lesen.
Ich habe es aber trotzdem genossen auch wiedermal wissenschaftliche Texte über Religion zu lesen. Derzeit wird man ja eher mit Religionspropaganda bombadiert.
Gruß Plural
...vielleicht haben Sie Lust, auf theologisch.com mitzumachen ? Wir könnten kluge Köpfe gut gebrauchen....
schönen Gruß,
Ihr theologischCom Team
Ich hatte zwar gleich wieder Kopfschmerzen. Aber dieser Beitrag scheint mir wegweisend. Habe ihn gleich aus der Zeit herausgenommen. Muß ihn noch ein paar mal lesen. Dann vielleicht mehr vom Autor......mal sehen.
Jedenfalls Danke Danke!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Der Artikel bemängelt das Verschwinden von Inhalt zugunsten der äußeren Form. Die Inhalte ließen sich verschieben und der jeweiligen historischen Lage anpassen.
Diese Aspekte treffen einerseits sicherlich zu.
Andrerseits ist es vielleicht etwas oberflächlich, anzunehmen, die Inhalte seien in den Hintergrund getreten und man spreche nur noch, um zu sprechen und das Unbenennbare mit Bestimmtheit benennen zu können. Das geht nämlich auch etwas am Kern der Religionen vorbei.
So lebt beispielsweise das Christentum als Offenbarungsreligion eben davon, dass Gott etwas von sich mitgeteilt hat. Somit gibt es durchaus Inhalte, die nicht einfach nur durch leere Formhülsen ersetzt werden können. Auch ein Synkretismus, die Verschmelzung verschiedener Religionen kann so nicht nachvollzogen werden. Selbst, wenn man im Sinne der Verständigung davon spricht, irgendwo wohl denselben Gott anzubeten, heißt das nicht, dass die Gotteserkenntnis verschiedener Religionen dieselbe ist. Und es heißt ferner auch nicht, dass die Inhalte der jeweiligen Religion zugungsten einer reinen Äußerlichkeit verschwinden. Zwar ist diese Äußerlichkeit medial neu aufbereitet, aber ihr Hintergrund bleibt durchaus erhalten.
Zudem findet sich in dem Artikel keine Differenzierung von Religion einerseits als Machtfaktor, andrerseits aber als das, was das Evangelium ausmacht, seine Befreiende Botschaft. Vielmehr geht es nur um ersteres.
Es gibt sicherlich diese neue Ästhetik der medialen Aufbereitung von religiösen Inszenierungen. Aber das ist nur ein Teil dessen, was Religion ausmacht.
Im Sinne von Karl Bart beispielsweise ist ohnehin der Religionsbegriff ein falscher: Religion sei nämlich das, was den Menschen durch Regeln und Gebote versklave - das Evangelium dagegen sei - zumindest von seinem Kern her - das Ende von Religion, das Zugehen Gottes auf den Menschen, der Ende der Gesetzeserfüllung um willen einer Gotteserkenntnis.
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