Ökologie Der Schutz der Natur ist ein Schutz vor uns selbst
Wer über eine sozial gerechte Weltordnung nicht reden will, der sollte vom globalen Klimaschutz besser schweigen.
Angesichts der aus aktuellem Anlass mit dringenden Gründen wieder aufgeflammten Diskussion über die Zukunft der nichtmenschlichen wie der menschlichen Natur ist es hilfreich, sich an ein paar nüchterne Fakten zu erinnern.
Die nüchternste und härteste Tatsache besteht darin, dass »die Natur« nicht zerstört werden kann. Der Mensch ist nicht der Mittelpunkt, die Krone oder der Garant der Natur. Er mag sie hegen oder ausbeuten, in Regie zu nehmen vermag er sie nicht. Hätten die Menschen ihre Lebensbedingungen vollends zerstört, was übrig bliebe, wäre – Natur. Diese gewinnt jeden Wettlauf mit ihr. Ein damit zusammenhängendes zweites Faktum besagt, das Veränderungen »der Natur« zu ihrer Natur gehören. Die Entwicklungen der industriellen Kultur verändern diese Veränderungen, beschleunigen diese oder geben ihr eine andere Richtung, aber bleiben ihrer Dynamik unterlegen. Wir sind ein Faktor in der Geschichte der Natur; ihre Geschichte schreiben wir auch dort nicht, wo wir uns daranmachen, unser genetisches Programm zu modifizieren.
Das dritte Faktum besteht in der Erkenntnis, dass unter heutigen Bedingungen lokale Effekte vielfach eine globale Wirkung zeitigen. Die weltweit steigenden Emissionen, das Abschmelzen der Polkappen, die Überschwemmung von Küsten, die Vergeudung von Wasser, die Verschmutzung der Meere, das Abholzen und Verkümmern der Wälder, die Erosion der Böden, all das summiert sich zu einer Landschaftsveränderung, die kein Staat für sich selbst bremsen, geschweige denn kurieren kann. Soziale, politische und militärische Kämpfe um die Verteilung von Land, Luft und Ressourcen sind die absehbare Folge. Naturpolitik ist Weltinnenpolitik geworden.
Ein vierter, gern verdrängter Umstand besteht darin, dass die Erscheinungen der Natur ihre ästhetische Faszination oft auch dann und dort behalten, wo ihre Wirkungen bedrohlich oder verheerend sind. Unser sinnliches Gespür vermag die Qualität der äußeren Natur nicht zureichend zu ermessen. Es könnte sein, dass wir in einem Schauspiel grausamer Schönheit untergehen. Das erinnert an das fünfte, in praktischer Hinsicht entscheidende Faktum, dass es im Umgang mit der Natur den einen, objektiven, allein ausschlaggebenden Gradmesser nicht gibt. Unser Verhältnis zur äußeren und inneren Natur hängt von einer komplexen Steuerung dessen ab, was wir mit unserem Wissen über den Zustand der Erde anfangen wollen – wie die weitere Gestaltung der menschlichen Lebensform aussehen soll.
Um welche Natur müssen wir uns dabei sorgen? Weniger um die physikalische Natur, so wichtig auch die Forschungen sind, die uns Erkenntnis über die Ökologie des Planeten liefern. Vor allem um eine physiologische Natur, die unserem leiblichen Organismus ebenso bekömmlich ist wie demjenigen der tierischen und pflanzlichen Lebensformen, mit denen in Symbiose und Synergie zu leben wir auf Gedeih und Verderb angewiesen sind. Gerade weil es um uns geht, geht es nicht um uns allein. Es geht um den Erhalt klimatischer, geologischer und geografischer Bedingungen des Lebens auf der Erde. Die Antwort auf die zugespitzte Frage der ZEIT- Redaktion, »Welche Natur es ist, die wir vor uns selbst schützen wollen?«, kann nur lauten: unsere – und deshalb nicht nur unsere. Die Natur, um die es geht, ist kein Gegenstand, den wir besser oder schlechter in unsere Gewalt bekommen, kein Gegenüber, dem wir mehr oder weniger entsprechen könnten, nicht einmal eine Umwelt, an der wir vieles haben zuschanden gehen lassen und die wir nun verzweifelt zu reparieren versuchen, sondern der globale Raum, in dem Kulturen und Gesellschaften entwicklungsfähig bleiben oder in Agonie erstarren werden. Für diesen hat die Menschheit, vertreten vor allem durch die reichen Industrienationen, eine Verantwortung, vor der sie gegenwärtig versagt, weil sie ohne Rücksicht auf Verluste wirtschaftet. Schutz der Natur ist Schutz vor uns selbst, um unserer selbst willen: vor der Verwahrlosung und Verschwendung, mit der wir unsere eigene Lebenssphäre missachten.
Dieser Schutz kann mit einiger Aussicht auf Erfolg nur organisiert werden, wenn es gelingt, sich auf minimale Standards zu verständigen, nach denen eine weltweite Umgestaltung der menschlichen Ökonomie erfolgen kann. Minimal müssen diese Standards sein, damit sie über kulturelle und politische Sphären hinweg Anerkennung finden können. Nur in einer nüchternen, in ihren Voraussetzungen bescheidenen ethisch-politischen Sprache lassen sich die dringendsten Forderungen mit Aussicht auf universales Gehör vorbringen. Schöpfungstheologie, exzentrische Theorien über das Eigenrecht der Dinge und esoterische Lehren über Alleinheit und Allgefühl helfen hier nicht weiter, so motivierend sie bei der Mobilisierung bestimmter Adressatengruppen auch sein mögen. Was es braucht, sind allgemein bekannte, einfache, überall verständliche und in diesem Sinn basale Prinzipien, die das Umdenken und Umlenken leiten können. Nötig ist eine Erinnerung an und Besinnung auf Grundsätze, die in den meisten Lebensformen und Gesellschaften bereits verankert sind, aber zu wenig oder auf die falsche Weise Beachtung finden.
Der wichtigste dieser Grundsätze lautet – Gerechtigkeit. Ihr einfachster Leitsatz schreibt vor, allen Menschen Bedingungen eines für sie materiell und sozial gedeihlichen, in Achtung und Selbstachtung vollzogenen Lebens zu schaffen. Die vorhandenen Güter sind so zu verteilen, dass dieser Zustand wenn nicht erreicht, so doch immer besser erreicht werden kann. Heute wie gestern bleibt dies eine Utopie; aber es ist eine der wenigen Utopien, deren annähernde Realisierung konsistent sowohl denkbar wie wünschbar ist.
In vielen gegenwärtigen Gesellschaften und erst recht im Weltmaßstab wird der Grundsatz der politischen Gerechtigkeit bekanntlich grob und grausam verletzt. Zu diesen Verletzungen einer gerechten Einrichtung der menschlichen Welt gehört die Verrottung und Vergiftung einer den Menschen – und, wie gesagt, nicht allein ihnen – bekömmlichen Biosphäre. Nicht der Natur wird durch den achtlosen Umgang mit den physiologischen Bedingungen des Lebens Gewalt angetan, sondern einer sozialen Ordnung, in der Frieden und Freiheit möglich wären. Für diese geht es um die Sicherung und Wiedergewinnung der Luft zum Atmen in einer buchstäblichen wie metaphorischen Bedeutung. Diese beiden Bedeutungen gehören zusammen: Nur Gesellschaften, die sich im Innern und nach außen um den Erhalt eines Lebens in Freiheit bemühen, werden die Kraft für den Erhalt ihrer natürlichen Lebensgrundlagen finden. Wer über eine gerechte Weltordnung nicht reden will, muss vom Klimaschutz schweigen.
Martin Seel ist Professor für Philosophie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zuletzt erschien von ihm im Fischer-Verlag die Sammlung »Paradoxien der Erfüllung. Philosophische Essays«
Die Zukunft der Natur
Alle reden von Klimakatastrophe und Umweltschutz. Doch welche Natur ist es, die wir vor uns selbst schützen wollen?
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- Datum 11.04.2007 - 13:45 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 12.04.2007 Nr. 16
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