Sachbuch Wen der Bumerang trifft

Weltformel Risikogesellschaft – Ulrich Beck hat eine Theorie für alle Fälle.

Von der Weltgesellschaft, der Weltinnenpolitik und dem Weltethos haben wir schon gehört. Jetzt beschreibt der Soziologe Ulrich Beck, 20 Jahre nach seinem einflussreichen Buch über die Risikogesellschaft, die Weltrisikogesellschaft. In den langen Jahren zwischen den beiden Büchern hat Beck viele Dinge, die wir für real und prägend halten mochten, kurzerhand zu Illusionen einer sterbenden Epoche erklärt. Verabschiedet wurden nacheinander die staatliche Souveränität, die Arbeitsgesellschaft, die Bedrohung durch Feinde, die Macht der Tradition, die Sesshaftigkeit und letztlich die Vor-Beckschen Sozialwissenschaften überhaupt. Die eigentliche Kernthese Becks fanden allerdings auch viele unter denjenigen reizvoll, die den Hype von der ganz anderen, »zweiten« Moderne nie recht glauben wollten: Wo früher Gefahren in Gestalt von Erzfeinden und Naturgewalten lauerten, begegnen uns heute selbst produzierte Risiken, die nichts anderes sind als unbeabsichtigte Bumerangeffekte unserer nicht besonders intelligenten Zivilisation.

Die Konsequenzen unseres Handelns reichen weiter als unsere Motive und sind in mancher Hinsicht auch interessanter. Ohne dass wir es ahnen, sind wir mit zahllosen Menschen überall auf der Welt verbunden, nicht zuletzt dadurch, dass wir ihnen Schaden zufügen. Beck sieht den Müll der Moderne, der selbst in Gegenden angeschwemmt wird, wo Modernisierung noch gar nicht stattgefunden hat. Von ihrer Vorgängerin unterscheidet sich die Weltrisikogesellschaft dadurch, dass inzwischen auch »die anderen« vermehrt zum Zuge kommen. China wird in einigen Jahren die USA als Hauptproduzenten von Treibhausgasen überrunden. Aus anderen Weltgegenden melden sich Fanatiker, die möglichst viele von uns mit diversen technischen Mitteln beseitigen möchten. »So findet die Gedankenwelt des Getötetwerdens«, schreibt Beck, »langsam wieder ihren Platz in Deutschland, notfalls auch die des Tötens.«

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Das Buch ist über weite Strecken das Ergebnis einer Anstrengung Becks, die eigene Theorie der Risikogesellschaft noch einmal zu lesen und sie in der Welt von heute bestätigt zu finden. Zwei Neuigkeiten fallen auf. Erstens kommen jetzt auch die weltweit »Marginalisierten« vor, die von bestimmten Risikolagen, etwa der Klimaerwärmung, härter getroffen werden als andere. Beck findet zu Recht, dass sich die westliche Sozialwissenschaft zu wenig für nichtwestliche Perspektiven auf globale Probleme interessiert. Zweitens betont er deutlicher als früher den kulturell konstruierten und »inszenierten« Charakter globaler Risiken. Damit uns etwas Bange macht, muss es zuvor von anderen maßgebend definiert worden sein und eine kommunizierbare Gestalt angenommen haben.

Im Zentrum des Buches steht jedoch etwas anderes. Der Soziologe versucht, dem Verdacht entgegenzutreten, die »alte« Moderne sei in Wirklichkeit noch nicht ganz tot. Leben wir nicht in einer Welt, in der noch immer Staaten über Krieg und Frieden entscheiden, ihre Grenzen mit allerlei modernem Gerät schützen und Feinde bestimmen und bekämpfen? Diesem Eindruck widerspricht Beck, indem er eine eigene kleine Theorie des Terrorismus anbietet. Deren Erkenntnisse werden besonders den Amerikanern ans Herz gelegt, denen mit landestypisch erhobenem Zeigefinger vorgehalten wird, sie seien in der Welt von gestern stecken geblieben. Die These lautet, dass der islamistische Terror ein Weltrisiko neben anderen ist, das uns in der gleichen Weise bedroht wie Kernschmelzen in Atomkraftwerken, die Fernwirkungen von Kohlendioxid-Emissionen oder die Vogelgrippe.

An dieser Stelle scheitert das Buch. Zwar kann Beck auf den trivialen Umstand hinweisen, dass die Medienberichterstattung die Wirkung von Terroranschlägen vervielfacht und damit Unsicherheit fabriziert. Aber er vermag nicht zu begründen, warum deshalb der Terrorismus in demselben Sinne eine »Selbstgefährdung« der modernen Gesellschaft darstellt wie etwa gentechnisch verändertes Getreide. Beck glaubt an einen »Verschmelzungszustand von Natur und Gesellschaft«, der so weit fortgeschritten ist, dass Terroranschläge, Tankerunglücke und Hurrikans allesamt in dieselbe Kategorie von Ereignissen gehören, die sich letztlich auf ungewollte Nebenfolgen unseres Handelns zurückführen lassen. Der Unterschied zwischen feindseligem Kalkül, Leichtsinn und mangelnder Prognosefähigkeit verschwindet. Alles wird eins.

Terrorgruppen lassen sich angeblich nirgendwo in »Zeit und Raum« lokalisieren. Sie scheinen sich buchstäblich aus Todesengeln zu rekrutieren. Ihre Anschläge sind »wahllos, ziellos und unberechenbar« wie die Angriffe mutierter Killerameisen in japanischen Insektenthrillern. Das widerspricht zahlreichen empirischen Befunden, aber auch der eigenen These, dass Terroristen die mediale Inszenierung der eigenen Massaker gezielt mit einkalkulieren. Beck vermeidet das klassische Vokabular der politischen Feindschaft um den Preis, bedrohliche Gruppen und ihre Praxis zu verdinglichen.

Richtig ist natürlich, dass sowohl Pestizidrückstände im Trinkwasser als auch al-Qaida Unschuldige treffen. Auch wer sich nicht in Gefahr begibt, kann in ihr umkommen. Aber Beck überzieht sein Argument, indem er ganz unterschiedliche Übel, zwischen denen keinerlei Zusammenhang besteht, in das Korsett seines Risikokonzepts zwingt. Was uns angeboten wird, ist keine Theorie, sondern eine Universalformel mit Weltbildcharakter. Anleitungen zum Handeln bleiben vage und beschränken sich auf die übliche Aufforderung zur grenzüberschreitenden Kooperation aller Verantwortlichen, die es ohnehin auf allen Ebenen gibt. Was aber nützt die beste Kooperation, wenn die Dinge auf uns zukommen wie ein Erdrutsch?

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WeltrisikogesellschaftSachbuchAuf der Suche nach der verlorenen SicherheitUlrich BeckBuchSuhrkamp Verlag2007Frankfurt a. M.19,80439
 
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