Ich habe einen Traum Seyran Ates

43, Frauenrechtlerin, wurde in Istanbul geboren. Im Alter von sechs Jahren folgte sie ihren Eltern nach Berlin. Mit 20 begann sie in einem Kreuzberger Frauenladen zu arbeiten. 1984 erschoss dort ein Mann eine Frau und verletzte Ateş lebensgefährlich. Der Mann auf der Anklagebank wurde mangels Beweisen freigesprochen. Ateş studierte Jura und spezialisierte sich als Anwältin auf die Verteidigung von Musliminnen. 2006 gab sie ihre Zulassung ab - wegen fortgesetzter Bedrohung durch türkische Ehemänner, sagt sie. Sie engagiert sich weiter gegen Zwangsheirat und Ehrenmorde. Hier träumt sie von der Freiheit

Meine Traumwelt beginnt mit einem Albtraum. Ich war gerade fünf Jahre alt, als meine Mutter von heute auf morgen verschwand – als Gastarbeiterin nach Deutschland. Mein Vater folgte ihr kurz darauf. Das wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht. Man sprach in unserer Welt mit Kindern nicht über solche Dinge. Deshalb konnte ich überhaupt nicht verstehen, was geschah. Bis zu diesem Tag hatte ich wohlbehütet in einer türkischen Großfamilie gelebt. Die Eltern und Geschwister meiner Mutter wohnten ganz nah bei uns. So nah, dass ich jedes Haus in weniger als einer Minute erreichen konnte. Die Erwachsenen kümmerten sich um alle Kinder, und diese spielten miteinander, meistens auf der Straße. Na ja, echte Straßen gab es eigentlich nicht. In unserem Armenviertel gab es zwischen den Häusern nur Fußwege. Mein Onkel väterlicherseits kam mit seiner Familie aus dem Dorf nach Istanbul, um auf uns fünf Kinder aufzupassen, bis meine Mutter zurückkam.

Der Onkel prügelte mich bei jeder Gelegenheit. Als ich begann, mich verbal zur Wehr zu setzen, wurde ich von ihm für verrückt erklärt. Ich hätte den Verstand verloren, schrieb er meiner Mutter, denn ich gäbe Widerworte und zollte den Älteren keinen Respekt. Natürlich schrieb er meiner Mutter nicht, dass er mich täglich misshandelte. Glücklicherweise glaubte sie ihm nicht, sondern spürte, dass der Onkel mich wirklich verrückt machen würde, wenn sie mich nicht bald zu sich holen würde. Ihr ging es in Deutschland nicht besser als uns in Istanbul. Sie liebte ihre Kinder, und kein Geld der Welt konnte sie beruhigen. Sie wollte lieber arm bleiben, aber bei ihren Kindern sein.

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Mein Vater versuchte sie zu überreden, es noch eine Weile auszuhalten, nur noch ein Jahr, bis sie genug Geld gespart hätten, um in die Türkei zurückzukehren. Meine Mutter sagte Nein. Sie waren schon ein knappes Jahr weg von den Kindern. Das war zu viel für sie. Sie sagte zu meinem Vater, wenn ich schon hier arbeiten soll, dann holen wir unsere Kinder, sonst kehre ich sofort zurück. Mein Vater gab widerwillig nach. So hatte er es sich nicht vorgestellt. Er wollte mit meiner Mutter nur ein Jahr in Deutschland bleiben, am Fließband, mit dem Ersparten zurückkehren und sich in der Türkei eine Existenz aufbauen. Aber meine Mutter war durch nichts zu überzeugen. Ihr Mutterherz tat zu weh.

Mit sechs Jahren holten mich meine Eltern von Istanbul nach Berlin. Und aus war der Traum von der glücklichen Wiedervereinigung unserer Familie, den ich bis dahin geträumt hatte. Wir lebten in Berlin in einer Einzimmerwohnung im zweiten Stock. Als unsere Schwester aus Istanbul kam, waren wir sieben Personen in einem Raum, fünf Geschwister und zwei Eltern. Das war aber nicht mein größtes Problem. Ich kann mich nicht daran erinnern, ob ich jemals davon träumte, ein eigenes Zimmer zu haben. Das war mir nicht wichtig. Ich weiß gar nicht mehr, ob wir überhaupt jeder ein eigenes Bett hatten. Auch das war mir ziemlich egal. Aber ich litt darunter, als Mädchen in eine Unfreiheit gedrängt zu werden, die ich bis dahin nicht gekannt hatte.

Berlin bedeutete für mich: eingesperrt sein. In Berlin konnte ich mich nur auf 30 Quadratmetern bewegen. Sofern die vorhandenen Möbel Platz ließen. Mein kindlicher Bewegungsdrang wurde jäh unterdrückt. Jede Sportstunde war für mich eine Befreiung. Ich fing an, von einem besseren Leben zu träumen. Das bessere Leben war das Leben der anderen. Die anderen waren in erster Linie die Deutschen. In der Schule sah ich, dass die deutschen Mädchen viel freier lebten als ich. Ich träumte davon, so frei zu sein wie sie. Jeder Blick aus dem Wohnungs- oder Autofenster schmerzte. Denn ich sah Menschen frei auf den Straßen spazieren. Welche Leichtigkeit sie hatten. Ich konnte nicht einmal auf die Straße und selbstbestimmt gehen, wohin ich wollte. Ständige Kontrolle umgab mich.

Leser-Kommentare
    • tatil
    • 16.04.2007 um 19:31 Uhr

    es ist schön, wenn sich leute aus ihrem 'käfig' befreien und dann noch anderen leuten helfen können.

    nicht schön ist es immer wieder nur zu lesen wie türkische und/oder muslimische frauen nichts dürfen und immer nur zuschauen wie andere alles dürfen.

    frau ates-> machen sie die augen wieder auf. das könnte ihnen helfen folgendes zu sehen.

    hier gibt es 2 verallgemeinerungen, die einfach unerträglich sind. 1. türkinnen dürfen nichts. 2. deutsche dürfen alles.

    vergessen werden hier die türken, die mit hinterwäldlern nichts am hut haben, aber trotzdem in denselben topf geworden werden, dank solcher beiträge.

    vergessen werden auch die deutschen mädchen und auch jungs, die nichts dürfen und tagtäglich von ihren deutschen eltern verprügelt werden. die findet man teilweise in blumenkästen oder sonstwo.

    setzen sie sich für diese auch ein? naja, sie können sich ja nicht um alle kümmern. stimmt.

    gute nacht,

    nazire

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