Ich habe einen Traum Seyran AtesSeite 2/2
Es dauerte nicht lange, bis ich begriff, warum ich solch ein Leben führte. Ich war ein Mädchen, ich stellte die Ehre der Familie dar, und mein Jungfernhäutchen, von dem ich lange nicht wusste, was das überhaupt ist, war von größerem Interesse für die Großfamiliengemeinschaft als mein Gehirn. Wenn ich mein Gehirn benutzte und meine Meinung äußerte – meist eine, die sich für ein türkisches Mädchen nicht schickte –, wurde ich für verrückt erklärt. Da war es wieder; wenn auch angeblich scherzhaft. In meiner näheren Umgebung wurde ich als die kluge Verrückte bezeichnet. Ich hatte nicht das Gefühl, verrückt zu sein. Aber irgendwie merkte ich schon, dass wir nicht so gut zusammenpassten: die türkische Kultur in Deutschland und ich. Meine gesamte Umgebung kontrollierte alle weiblichen Wesen auf Schritt und Tritt. Wobei ich leider sagen muss, dass nicht nur Männer dieses System aufrechterhielten.
Ich wollte mich von dieser Enge befreien. Es war nicht die kleine Wohnung, das fehlende Kinderzimmer, sondern der Staub aus Anatolien, der mir die Luft zum Atmen nahm. Jeder Tag fing an mit dem Traum nach Freiheit und endete damit. Ich habe diesen Traum so lange geträumt, bis ich ihn für mich verwirklichen konnte. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Dinge, die ich mir erträumt habe, tatsächlich in Erfüllung gegangen sind. Ich musste nur meinen Anteil dazu tun. Das habe ich von den Deutschen gelernt. Sie haben mir beigebracht, dass ich ein Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit, Freiheit und eigene Meinung habe. Und sie haben mir beigebracht, dass alle Menschen gleich sind. Diese wunderbare Freiheit des Körpers und des Geistes steht allen Menschen zu.
Als Rechtsanwältin und politischer Mensch habe ich mich für Minderheiten eingesetzt, denen diese Freiheiten vorenthalten werden. Ich stifte Unruhe, nur weil ich über tägliche Realitäten und Grausamkeiten rede, die an Frauen und Kindern begangen werden. Wegen meiner direkten Art, die einigen Menschen zu radikal erscheint, wurde ich von türkischen Zeitungen immer wieder für verrückt erklärt und als »Nestbeschmutzerin« beschimpft. Schon wieder verrückt? Dafür, dass ich als Opfer eines Attentats nicht in der Opferrolle erstarrte, sondern mich weiterhin eingemischt habe, bei Fragen der Integration und Emanzipation insbesondere muslimischer Frauen, wurde ich auch von einigen Deutschen als verrückt angesehen. Die spinnt doch nur rum, weil sie biografisch begründete Ängste abarbeitet, heißt es dann.
Ja, ich habe Angst. Angst davor, die Freiheit, die mir Deutschland geschenkt hat, wieder zu verlieren. Ich habe Angst um die Mädchen und Frauen, die in Deutschland einer scheinbar liberalen Idee von Multikulturalismus geopfert werden. Ich träume davon, dass alle Menschen gleichberechtigt und frei leben und frei lieben, ohne dafür als verrückt hingestellt zu werden. Zugegebenermaßen bin ich somit verrückt nach Freiheit.
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- Datum 15.04.2007 - 11:01 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.04.2007 Nr. 16
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es ist schön, wenn sich leute aus ihrem 'käfig' befreien und dann noch anderen leuten helfen können.
nicht schön ist es immer wieder nur zu lesen wie türkische und/oder muslimische frauen nichts dürfen und immer nur zuschauen wie andere alles dürfen.
frau ates-> machen sie die augen wieder auf. das könnte ihnen helfen folgendes zu sehen.
hier gibt es 2 verallgemeinerungen, die einfach unerträglich sind. 1. türkinnen dürfen nichts. 2. deutsche dürfen alles.
vergessen werden hier die türken, die mit hinterwäldlern nichts am hut haben, aber trotzdem in denselben topf geworden werden, dank solcher beiträge.
vergessen werden auch die deutschen mädchen und auch jungs, die nichts dürfen und tagtäglich von ihren deutschen eltern verprügelt werden. die findet man teilweise in blumenkästen oder sonstwo.
setzen sie sich für diese auch ein? naja, sie können sich ja nicht um alle kümmern. stimmt.
gute nacht,
nazire
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