Schlachtenfilm Der lange Weg nach Westen
Die »freie Welt« kämpfte schon an den Thermopylen: Warum Frank Snyders blutiger Schlachtenfilm »300« in Iran für Empörung sorgt.
Kriegshetze«, »Dämonisierung«, »orientalistische Propaganda« – so donnern die iranischen Vorwürfe gegen einen Film, der seit der vergangenen Woche auch in deutschen Kinos läuft. Er zeigt den legendären Kampf der 300 Spartaner, die bei den Thermopylen tagelang der Übermacht der Perser unter Xerxes standhielten. Frank Snyder hat aus der mythischen Schlacht, angeregt durch Frank Millers gleichnamigen Comic 300, einen Sandalen-Film mit Splatter-Elementen gemacht. Die starken Schwarz-Weiß-Kontraste des Comics hat Snyder ins Ideologische übertragen: Westliche Freiheit und Demokratie werden hier bis zum letzten Mann gegen ein Heer von Fanatikern, Sklavenhaltern und blutgierigen Monstern verteidigt. Am Ende sind alle Helden tot, aber der Westen hat einen moralischen Sieg gegen den barbarischen, brutalen, unfreien Osten erkämpft.
Dass Iraner über einen solchen Film nicht amüsiert sein würden, zumal wenn er ein Box-Office-Hit wird (70 Millionen Dollar am ersten Wochenende) und offenbar einen Nerv des amerikanischen Publikums trifft, ist wenig überaschend. In einer Zeit realer Kriegsfurcht musste ein solcher Film – und mag er sein Thema noch so sehr ins Mythische entrücken – als Indiz für geistige Aufrüstung wahrgenommen werden. Iraner sehen 300 als kulturelle Entsprechung der Kampfmaschine USS Nimitz, die als Drohgeste kürzlich an den Persischen Golf beordert wurde.
Bei Frank Snyder sind die Spartaner eine brutale Sklavenhaltergesellschaft
In der iranischen Öffentlichkeit – im Lande ebenso wie in der Disapora – wird nun schon seit Wochen über 300 geschimpft: Die Spartaner sind nicht die Partei der Freiheit und Demokratie, sondern eine brutale Sklavenhaltergesellschaft! Wir Perser haben unsere Zwangsarbeiter immerhin bezahlt! Wir haben andere Religionen in unserem Reich toleriert (Juden zum Beispiel)! Wir haben großartige Städte gebaut – Persepolis! Susa! Pazargad! Die Spartaner waren in Wirklichkeit nicht 300, sondern 7000 Kämpfer! Frauen hatten bei uns mehr zu sagen als bei den Griechen! Und Xerxes war nicht schwul! Die Wut lässt immer noch nicht nach. Sie wird durch die Empörung darüber angefeuert, dass die andere Seite die ganze Aufregung nicht verstehen will und sich über die Ehrpusseligkeit der Iraner lustig macht. »Es ist doch nur ein Film, regt euch ab«, suggerieren viele oberschlaue Kommentare in westlichen Medien.
Für die Iraner ist es aber mehr als ein Film, und dies nicht zur Kenntnis zu nehmen ist selbst ein Symptom politischer Dummheit. Die Debatte über 300 hat längst die Metaebene erreicht. Ist das nicht aberwitzig: seriöse Abhandlungen, politische Petitionen und sogar Kunstaktionen gegen ein bluttriefendes Popcorn-Abenteuer, das schon morgen auf dem Misthaufen der Filmgeschichte landen wird? Und doch ist der Streit um den Film 300 in seiner Absurdität bezeichnend für die Unfähigkeit der westlichen Öffentlichkeit, die iranische Mentalität zu verstehen. Umgekehrt verrät er einiges über die Schwierigkeit vieler Iraner, den Westen mit seiner Popkultur zu begreifen, in der Ironie und blutiger Ernst nicht immer säuberlich geschieden sind.
- Datum 11.04.2007 - 03:21 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.04.2007 Nr. 16
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wie soll in einer Zivilisation (der westlichen) noch ein Gefühl des Stolzes, des Respektes und der Anerkennung für historische Leistungen bestehen (wie auch immer kritisch reflektiert und einer gewissen notwendigen skeptischen Distanz), der eben dies über 30-40 Jahre lang versucht wurde systematisch abzutrainieren?
Wirkliche Toleranz, wirkliche Achtung vor anderen Kulturen kann es nur da geben, wo die eigene Kultur, die eigene Geschichte geachtet wird - genau darin liegt ja die Lüge, das Unverständnis, die Heuchelei des Multikulturalismus, der nichts war und ist als SELBSTVERGESSENHEIT und SELBSTVERACHTUNG.
Herr Lau zeigt die Wirkung eines Hollywood-Filmes auf, mit Konsequenzen, so wie er sie sieht. Die Erkenntnis, dass sich Diktatoren eines 'gemeinsamen Feindes' bedienen, um die eigene Machtposition zu stärken, ist aber wahrlich keine neue Erkenntnis. Und die Schlussfolgerung, dass sich numehr auf einmal jeder (Exil-)Iraner mit dem Regime in Teheran solidarisiert, dürfte wohl etwas übertrieben sein. Im Gegenteil zeigt doch das Zuherzennehmen einer ungenehmen Darstellung der Vergangenheit vielemhr, dass sich die Iraner daran festklammern, weil die aktuelle Situation des Landes keinen Anlass zur Identifikation oder Stolz bietet. Das kann man auch akzeptieren und hat mit einem angeblich 'unhistorischen Westen' aber auch rein überhaupt nichts zu tun. Aber selbst wenn alles so wäre wie in der Vorstellung von Herrn Lau: was soll die Konsequenz sein? Ein Unterlassen der Herstellung solcher Filme? Dann hätte die Fraktion 'Ihr zeichnet Mohammed und wir zünden die Botschaft an' gewonnen und damit auch das - vom Autor ja selbst kritisierte - Regime in Teheran. Insoweit ist der Artikel unvollständig. Und dies ist deswegen nicht hinnehmbar, weil der Autor es sich nicht verkneifen kann, im letzten Satz auf 'unser selbst verschuldetes Desaster im Nahen Osten' hin zuweisen, das nach seiner Auffassung 'mit der Unfähigkeit, solcherlei zu begreifen, eine Menge zu tun' habe. In diesem Satz wird eine komplexe Situation auf den Nenner reduziert: Man muss die Leute nur verstehen, dann wird alles gut. Dies konterkariert den Appell des Autors aber völlig. Denn man kann Verständnis haben, dass manchen Leuten der Film nicht gefällt, oder sie sich beleidigt fühlen. Daraus aber die Konsequenz zu ziehen, die Situtaion im Nahen Osten - inklusive Terrorismus - könne durch einen Film erklärt werden, ist hingegen nicht haltbar. Höchst ärgerlich also dieser letzte Satz. Vielleicht aber vom Autor auch 'zugespitzt' zum 'aufrütteln' gedacht? In diesem Fall empfehle ich als Übung für mehr geschichtliches Bewusstsein ein Verbot der Asterix-Hefte, da dort die Römer ja auch nicht gerade gut wegkommen, vielleicht hat das mit der politischen Situation in Italien ja auch etwas zu tun.
Ich halte die Wut der Iraner über diesen Film für ein gutes Zeichen, auch wenn das paradox klingt. Die meisten Muslime haben überhaupt kein Gespür und keine Erinnerung an die vorislamischen Kulturen, die auf ihrem Heimatgebiet geherrscht haben. Es ist, als ob die Geschichte dieser Länder erst mit der Eroberung durch den Islam begonnen hat.
Wenn die Iraner sich über diesen Film aufregen, zeigt das zumindest, dass sie ein Gespür für ihre alten nicht-islamischen Kulturen haben. Sie sollten sich auch daran erinnern, dass sie über Jahrhunderte das judenfreundlichste Volk im Mittleren Osten waren und den Juden oft in Bedrängnis geholfen haben.
soll eigentlich Frank Snyder sein?
geht mir vollkommen am ...
als, zunächst gibt's das nicht 'die' iraner. die kritik kommt von einer bestimmten gruppe, die gerne etwas instrumentalisieren möchte, was sie nicht einmal kennt. die darauf spekuliert, den 'karikaturen'-streit noch mal aufzuwärmen. und wie bereits gesagt, das können die sich sonstwohin ...
ich hab' den film jetzt gesehen und bin zufrieden - nicht glücklich, aber zufrieden. der comic ist adäquat umgesetzt, ich freu mich schon darauf, daß jetzt auch andere guten comics jenseits von 'spiderman' und den 'fanta four' in dieser art realisiert werden.
ob dabei irgendso ein heuchler jetzt magengeschwüre bekommt, interessiert mich nicht. wo kämen wir denn hin, wenn jeder radikale religiöse spinner (welcher couleur auch immer) plötzlich darüber befinden dürfte, was ich mir angucke.
zum thema historisch: sorry, aber wie wir so schön im griechischunterricht gelernt haben, haben die alten athener, spartaner und makedonen unsee _kultur_ zuerst geformt und dann verteidigt. darauf beruht unser _gesamtes_ verständnis unserer zivilisation, oder?
sorry, ich sehe da keinen grund, warum ich das einem neugeborenen perser 2000 jahre danach rechtfertigen müsste. das ist alles _pillepalle_. ich konnte in dem film beim besten willen keinen neo-perser entdecken, von dem sich irgendjemand beleidigt fühlen könnte.
ob das jetzt historisch und politisch peinlich korrekt war ist mir auch egal: es ist _nur_ ein verfilmter comic mit all seinen vereinfachungen, stilisierungen, pointierungen. punkt.
man mag das. oder eben nicht.
daraus jetzt vorauseilend etwas 'problematisches' zu machen, halte ich für unangebracht. jammern wir, wenn irgendein iraner einen film macht, in dem er die griechen als päderasten portraitiert?
[hey, die waren das wirklich, das sollten sich mal die hinter die ohren schreiben, die immer so lauthals über mohamed herziehen: ihre eigene kultur beruht auf einer gesellschaft, in der der sexuelle kontakt zu jungen männern normal_ war]
viel rauch um nichts.
naja, um eine nette comicverfilmung eben.
schlimm genug, daß molinocampo mal wieder einen baum gefunden hat, an den er sein 'die Heuchelei des Multikulturalismus,' pieseln kann.
aber mal ehrlich, diese ganze erbsenzählerei geht doch an dem eigentlich ganz einfachen kern der sache vorbei:
es ist 'nur' ein comic. einer von frank miller, dessen 'dark knight returns' hoffentlich in ein paar jahren in schulen gelsen und interpretiert wird, einem großen amerikanischen meister, der viel von den franzosen gelernt hat. das einzige, was mich interessiert: ist der comic so gut umgesetzt wie 'sin city'.
ein comic ist eine abstraktion, er reduziert auf das wesentliche und lebt von der bildsprache - und wenn man glück hat, von guten texten. nicht mehr, aber auch nicht weniger. la 9e art, auch wenn die deutschen das immer noch für 'schund' halten. selbst schuld.
der rest ihn hahnebüchene kaffeetassensatzleserei. ob die iraner sich darüber aufregen, sollte einem sonstwo vorbei gehen - sie haben den film nicht gesehen und daß die mullahs so wenig humor haben wie unsere jesuiten oder dominikaner, huch, wer hätte das gedacht?
lieber mal ein paar gute comics zur hand nehmen (moebius, yslaire, caza, bilal, von mir aus auch ein mcFarlanes, miller oder die neue reihe 'elephantmen') drin stöbern und den iranern ihre selbstgemachten magengeschwüre selbst überlassen.
kein grund jedenfalls für ne debatte, die am kern, das es eben ein COMIC ist, den man mal lesen sollte, vorbeigeht ...
Gegen Herrn Laus Vereinnahmung lege ich nachdruecklich Beschwerde ein, da kein politisches Gebilde, dem ich angehoere, also weder Bayern, Deutschland noch Europa voelkerrechtswidrig im Irak einmarschiert sind.
Ansonsten wird Hollywood wahrscheinlich missverstanden - denn wenn es heute irgendein Pendant zum Alten persischen Reich gibt - einem allen Feinden militaerisch und finanziell 1000fach ueberlegenen Vielvoelkergebilde mit einer Schwarz-Weiss-Ideologie vom 'Reich des Lichts' und 'Reich des Boesen' - dann ist es jedenfalls nicht der Iran.
Was die Iraner, egal ob Regimeangehörige oder Gegner, nicht sehen bzw. nicht sehen wollen ist, dass sich '300' auf GRIECHISCHE und nicht auf persische Legenden stützt. Natürlich haben die Griechen ihren erfolgreichen Unabhängigkeitskrieg gegen das expandierende persische Weltreich später als gloriosen Freiheitskrieg in Legenden und Heldengeschichten überhöht und die Perser als barbarische Eindringlinge dargestellt. Kein Volk ist in seiner 'Nationalgeschichte' objektiv - auch die Iraner sind dies sicher nicht. Insofern kann auch '300' kaum als objektive Historie betrachtet werden. Genauso wenig wie das Nibelungenlied oder Jeanne d'Arc. Diesen Anspruch hat aber weder der Comic (!!) 300 noch der daraus gemachte Film. Er will schlicht eine Geschichte erzählen - es ist ein Hollywoodfilm! Dass die Iraner dies nicht begreifen wollen, weil sie so wieder mal ein Feindbild aufbauen können um von ihren eigenen Problemen abzulenken ist deren Sache. Sich davon beeindrucken zu lassen hieße die Medienfreiheit mit Füßen zu treten - genau wie bei den Mohammed-Karrikaturen letztes Jahr...
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