Der Brief hatte im Briefkasten auf sie gewartet, »Bundesamt für Migration und Flüchtlinge« stand darauf; noch im Treppenhaus hatte sie ihn aufgerissen, »Asylverfahren«, »Ladung zur Anhörung«, die Worte darin klangen deutsch und eckig: »Bitte nehmen Sie den Termin unbedingt wahr.« Sie hatte schon nicht mehr damit gerechnet. Bereits im September 2004 war Chindavong Pavatxay aus Laos nach Berlin eingereist. Mit einem Touristenvisum war sie in Frankfurt gelandet, Alter: 19, Aufenthaltsdauer: 30 Tage. Chindavong im buddhistischen Tempel in Berlin BILD

Eineinhalb Jahre später gehörte sie zu den besten Schülern einer 9. Realschulklasse in Pankow. Sie hatte Kabale und Liebe gelesen und kannte die Eckdaten des Dreißigjährigen Krieges. Die Lehrer lobten sie für ihren Fleiß, die anderen sollten sich ein Beispiel an ihr nehmen.

Sie lebte in einer betreuten Jugendwohngemeinschaft im Wedding. Nach ihrer Ankunft in Berlin hatte sie sich jünger gemacht. Sie hatte behauptet, erst 15 zu sein, weil unbegleitete Minderjährige im Berliner Jugendhilfesystem aufgefangen werden, zur Schule gehen dürfen, schwerer abgeschoben werden können.

Manchmal rief sie in Laos an. In der dunklen Kabine eines Internetcafés hörte sie die Stimme ihrer Mutter: »Komm nicht zurück! Bleib in Europa. Du kannst hier nicht lernen. Hier musst du Suppe verkaufen auf dem Markt.«

Von Telefonaten mit Laos kam Chindavong meist deprimiert zurück. Sie war weggegangen, um eine Ausbildung zu machen, vielleicht sogar zu studieren, Ärztin oder was mit Tourismus, auf jeden Fall aber lernen, »lähn«, wie sie sagt.

An einem verregneten Tag im Mai fuhr sie mit der S-Bahn zum Anhörungstermin, ohne zu ahnen, dass ihr wahres Alter noch auffliegen könnte. Der Satz der Sachbearbeiterin kam wie ein Schock.

»Mir ist bekannt, dass Sie nicht 1989, sondern 1986 geboren wurden.« So steht es im Protokoll, das von der Anhörung angefertigt worden ist.Chindavong erinnert sich an den durchdringenden Blick der Beamtin. Noch nie in ihrem Leben sei sie so angeschaut worden.

»Ich bestehe darauf, dass ich 1989 geboren wurde«, antwortete sie.

Die Beamtin: »Ich habe Sie vorhin gebeten, wahrheitsgemäß auf meine Fragen zu antworten.« Da fing Chindavong an zu weinen.

»In Deutschland hast du keine Chance«, sagt der Dolmetscher leise auf Laotisch.

Aber wo dann? In Laos würde sie mit ihren Eltern in einem Bett schlafen müssen, und auf dem Markt würden die Leute über sie lachen, wenn sie zurückkäme aus Europa, aus dem Paradies, in der Hand nur Schulzeugnisse. Sie hatte Angst, auf der Straße zusammenzubrechen. Ab morgen muss ich mich verstecken, dachte sie, die Polizei kann mich jeden Moment abholen.

Als sie die Tür zu ihrer Wohnung öffnete, breiteten sich dort zwei Arme aus, wartete dort eine Frau, Deutsche, Mitte 60, mütterliche Brust, energisches Kinn. Ein schmales Mädchen aus Laos und eine breite Frau aus Pankow saßen da und schluchzten, lange schwarze Haare wühlten sich in kurze blonde Strähnen, und auf dem Tisch wurde eine Kanne Tee kalt, bevor Chindavong erzählen konnte, was passiert war. »Wir schaffen das schon«, sagte die Frau.

Christa Gigold war als Erzieherin in Chindavongs Wohngemeinschaft gekommen. Acht Stunden in der Woche sollte sie für das Mädchen und ihre afrikanische Mitbewohnerin da sein, dafür wurde sie von dem Jugendhilfeverein Alep bezahlt. Aber schnell wurde klar, dass Chindavong täglich Hilfe brauchen würde, wenn sie von einer Förderklasse für Ausländer auf eine Realschule wechseln sollte. Und Christa Gigold bemerkte, dass es ihr ernst war mit der Schule. Gleich beim ersten Treffen packte Chindavong die Schulbücher auf den Tisch. Sie konnte gerade mal ein paar Worte Deutsch, da fragte sie schon nach einem Bibliotheksausweis. Von ihrem ersten Taschengeld kaufte Chindavong sich einen Atlas.

»Irgendwo war da ein Funke«, sagt Christa Gigold, die viele junge Flüchtlinge betreut hat, denen es vor allem darum gegangen sei, möglichst schnell schwanger zu werden und Sozialhilfe zu beziehen. »Wir denken ähnlich. Sie ist anständig, hilfsbereit und freundlich. Die ganzen Tugenden.«

Eigentlich hatte sich die Erzieherin mit 65 langsam aus der Jugendarbeit zurückziehen wollen. Stattdessen kam sie nun jeden Nachmittag. Bald rief sie Chindavong abends noch mal an, um ihr eine gute Nacht zu wünschen.

»Denk an deine eigene Familie«, sagte ihr erwachsener Sohn.

»Du hast es doch schon so oft erlebt«, meinte ihr Mann, ein Restaurator, und erinnerte sie daran, wie sie jahrelang Hausaufgaben gemacht hatte mit Jugendlichen, die dann abgeschoben wurden oder untertauchten. Es könne doch nicht sein, dass die nur kämen und die Hände aufhielten, sagten ihre Nachbarn in Pankow-Niederschönhausen.

In vielen Fällen sei dieser Einwand sicherlich berechtigt, sagte Christa Gigold, die die Dinge ungern beschönigt. Aber hier sei ein junges Mädchen, das ihren Weg suchen wolle und das ohne ihre Hilfe keine Chance hätte. »Für mich war das eine menschliche Notwendigkeit. Wie heißt es noch? Einer trage des anderen Last. Darauf gründen wir doch unsere Gesellschaft.«

Wie naheliegend eigentlich. Und wie rührend. Dass man dem Leben eines fremden Menschen an einem kritischen Punkt, in einer schwierigen Phase eine bessere Richtung geben könnte. Jemanden aus einer schwierigen Situation herausbegleiten. Vielleicht sogar: ein Leben retten. Es ist eine neue Form von ehrenamtlicher Arbeit, die in den letzten Jahren entstanden ist. Leute, die sich engagieren wollen, aber die ihre Kraft nicht mehr in große Erlösungslehren stecken oder in kleine Vereine, sondern in einen einzigen Menschen. Die sich vornehmen, jemandem zu helfen, mit dem sie nicht verwandt oder befreundet sind.

Wer diese Person nicht zufällig trifft, wie Christa Gigold, kann sich in Deutschland von etwa 200 verschiedenen Vereinen eine Patenschaft vermitteln lassen. In Berlin gibt es einen Verein, big friends for youngsters, der Bezugspersonen für die Kinder alleinerziehender Mütter vermittelt. Nokia hatte das Projekt vor drei Jahren gegründet, wohl weil es perfekt zum Slogan passte: »Connecting people«. Man kann sich in Berlin auch als Ansprechpartnerin für eine tschetschenische Flüchtlingsfamilie vermitteln lassen oder als Job-Mentor für einen Migranten. In Augsburg werden seit einigen Jahren sogenannte Sozialpaten in ärmere Stadtteile ausgesandt, meist Rentner, die überschuldete Familien vor der Zwangsräumung bewahren sollen. In Wolfratshausen hat eine ehemalige Familientherapeutin vor zehn Jahren einen Verein gegründet, der schlechte Hauptschüler mit Ausbildungsmentoren zusammenbringt, um sie in eine Lehrstelle zu bugsieren. Erfolgsquote: über 80 Prozent.

Es sieht so aus, als ob in einer Gesellschaft, deren Mitglieder einander fremd geworden sind, neue Verbindungen geknüpft würden: von einem Menschen zum anderen, vom guten Teil der Stadt in den armen. Doch was so familiär und unpolitisch daherkommt, ist Teil einer großen Veränderung im Verhältnis zwischen Bürgern und Staat. Gesucht wird eine neue Antwort auf die Frage, wer zuständig ist für Randständige und Lebensuntüchtige, wenn die traditionellen Netze – Sozialstaat und Familie – sich auflösen.