Ehrenamt Für das Glück eines anderen

Ein Junge ohne Vater, eine Schülerin mit schlechten Noten, eine Laotin vor der Abschiebung - ihnen stehen Paten bei, das Leben zu meistern. Vermehrt übernehmen ehrenamtliche Helfer Aufgaben, die Staat und Familie nicht mehr bewältigen können.

Der Brief hatte im Briefkasten auf sie gewartet, »Bundesamt für Migration und Flüchtlinge« stand darauf; noch im Treppenhaus hatte sie ihn aufgerissen, »Asylverfahren«, »Ladung zur Anhörung«, die Worte darin klangen deutsch und eckig: »Bitte nehmen Sie den Termin unbedingt wahr.« Sie hatte schon nicht mehr damit gerechnet. Bereits im September 2004 war Chindavong Pavatxay aus Laos nach Berlin eingereist. Mit einem Touristenvisum war sie in Frankfurt gelandet, Alter: 19, Aufenthaltsdauer: 30 Tage.

Eineinhalb Jahre später gehörte sie zu den besten Schülern einer 9. Realschulklasse in Pankow. Sie hatte Kabale und Liebe gelesen und kannte die Eckdaten des Dreißigjährigen Krieges. Die Lehrer lobten sie für ihren Fleiß, die anderen sollten sich ein Beispiel an ihr nehmen.

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Sie lebte in einer betreuten Jugendwohngemeinschaft im Wedding. Nach ihrer Ankunft in Berlin hatte sie sich jünger gemacht. Sie hatte behauptet, erst 15 zu sein, weil unbegleitete Minderjährige im Berliner Jugendhilfesystem aufgefangen werden, zur Schule gehen dürfen, schwerer abgeschoben werden können.

Manchmal rief sie in Laos an. In der dunklen Kabine eines Internetcafés hörte sie die Stimme ihrer Mutter: »Komm nicht zurück! Bleib in Europa. Du kannst hier nicht lernen. Hier musst du Suppe verkaufen auf dem Markt.«

Von Telefonaten mit Laos kam Chindavong meist deprimiert zurück. Sie war weggegangen, um eine Ausbildung zu machen, vielleicht sogar zu studieren, Ärztin oder was mit Tourismus, auf jeden Fall aber lernen, »lähn«, wie sie sagt.

An einem verregneten Tag im Mai fuhr sie mit der S-Bahn zum Anhörungstermin, ohne zu ahnen, dass ihr wahres Alter noch auffliegen könnte. Der Satz der Sachbearbeiterin kam wie ein Schock.

»Mir ist bekannt, dass Sie nicht 1989, sondern 1986 geboren wurden.« So steht es im Protokoll, das von der Anhörung angefertigt worden ist.Chindavong erinnert sich an den durchdringenden Blick der Beamtin. Noch nie in ihrem Leben sei sie so angeschaut worden.

»Ich bestehe darauf, dass ich 1989 geboren wurde«, antwortete sie.

Die Beamtin: »Ich habe Sie vorhin gebeten, wahrheitsgemäß auf meine Fragen zu antworten.« Da fing Chindavong an zu weinen.

»In Deutschland hast du keine Chance«, sagt der Dolmetscher leise auf Laotisch.

Aber wo dann? In Laos würde sie mit ihren Eltern in einem Bett schlafen müssen, und auf dem Markt würden die Leute über sie lachen, wenn sie zurückkäme aus Europa, aus dem Paradies, in der Hand nur Schulzeugnisse. Sie hatte Angst, auf der Straße zusammenzubrechen. Ab morgen muss ich mich verstecken, dachte sie, die Polizei kann mich jeden Moment abholen.

Als sie die Tür zu ihrer Wohnung öffnete, breiteten sich dort zwei Arme aus, wartete dort eine Frau, Deutsche, Mitte 60, mütterliche Brust, energisches Kinn. Ein schmales Mädchen aus Laos und eine breite Frau aus Pankow saßen da und schluchzten, lange schwarze Haare wühlten sich in kurze blonde Strähnen, und auf dem Tisch wurde eine Kanne Tee kalt, bevor Chindavong erzählen konnte, was passiert war. »Wir schaffen das schon«, sagte die Frau.

Christa Gigold war als Erzieherin in Chindavongs Wohngemeinschaft gekommen. Acht Stunden in der Woche sollte sie für das Mädchen und ihre afrikanische Mitbewohnerin da sein, dafür wurde sie von dem Jugendhilfeverein Alep bezahlt. Aber schnell wurde klar, dass Chindavong täglich Hilfe brauchen würde, wenn sie von einer Förderklasse für Ausländer auf eine Realschule wechseln sollte. Und Christa Gigold bemerkte, dass es ihr ernst war mit der Schule. Gleich beim ersten Treffen packte Chindavong die Schulbücher auf den Tisch. Sie konnte gerade mal ein paar Worte Deutsch, da fragte sie schon nach einem Bibliotheksausweis. Von ihrem ersten Taschengeld kaufte Chindavong sich einen Atlas.

»Irgendwo war da ein Funke«, sagt Christa Gigold, die viele junge Flüchtlinge betreut hat, denen es vor allem darum gegangen sei, möglichst schnell schwanger zu werden und Sozialhilfe zu beziehen. »Wir denken ähnlich. Sie ist anständig, hilfsbereit und freundlich. Die ganzen Tugenden.«

Eigentlich hatte sich die Erzieherin mit 65 langsam aus der Jugendarbeit zurückziehen wollen. Stattdessen kam sie nun jeden Nachmittag. Bald rief sie Chindavong abends noch mal an, um ihr eine gute Nacht zu wünschen.

»Denk an deine eigene Familie«, sagte ihr erwachsener Sohn.

»Du hast es doch schon so oft erlebt«, meinte ihr Mann, ein Restaurator, und erinnerte sie daran, wie sie jahrelang Hausaufgaben gemacht hatte mit Jugendlichen, die dann abgeschoben wurden oder untertauchten. Es könne doch nicht sein, dass die nur kämen und die Hände aufhielten, sagten ihre Nachbarn in Pankow-Niederschönhausen.

In vielen Fällen sei dieser Einwand sicherlich berechtigt, sagte Christa Gigold, die die Dinge ungern beschönigt. Aber hier sei ein junges Mädchen, das ihren Weg suchen wolle und das ohne ihre Hilfe keine Chance hätte. »Für mich war das eine menschliche Notwendigkeit. Wie heißt es noch? Einer trage des anderen Last. Darauf gründen wir doch unsere Gesellschaft.«

Wie naheliegend eigentlich. Und wie rührend. Dass man dem Leben eines fremden Menschen an einem kritischen Punkt, in einer schwierigen Phase eine bessere Richtung geben könnte. Jemanden aus einer schwierigen Situation herausbegleiten. Vielleicht sogar: ein Leben retten. Es ist eine neue Form von ehrenamtlicher Arbeit, die in den letzten Jahren entstanden ist. Leute, die sich engagieren wollen, aber die ihre Kraft nicht mehr in große Erlösungslehren stecken oder in kleine Vereine, sondern in einen einzigen Menschen. Die sich vornehmen, jemandem zu helfen, mit dem sie nicht verwandt oder befreundet sind.

Wer diese Person nicht zufällig trifft, wie Christa Gigold, kann sich in Deutschland von etwa 200 verschiedenen Vereinen eine Patenschaft vermitteln lassen. In Berlin gibt es einen Verein, big friends for youngsters, der Bezugspersonen für die Kinder alleinerziehender Mütter vermittelt. Nokia hatte das Projekt vor drei Jahren gegründet, wohl weil es perfekt zum Slogan passte: »Connecting people«. Man kann sich in Berlin auch als Ansprechpartnerin für eine tschetschenische Flüchtlingsfamilie vermitteln lassen oder als Job-Mentor für einen Migranten. In Augsburg werden seit einigen Jahren sogenannte Sozialpaten in ärmere Stadtteile ausgesandt, meist Rentner, die überschuldete Familien vor der Zwangsräumung bewahren sollen. In Wolfratshausen hat eine ehemalige Familientherapeutin vor zehn Jahren einen Verein gegründet, der schlechte Hauptschüler mit Ausbildungsmentoren zusammenbringt, um sie in eine Lehrstelle zu bugsieren. Erfolgsquote: über 80 Prozent.

Es sieht so aus, als ob in einer Gesellschaft, deren Mitglieder einander fremd geworden sind, neue Verbindungen geknüpft würden: von einem Menschen zum anderen, vom guten Teil der Stadt in den armen. Doch was so familiär und unpolitisch daherkommt, ist Teil einer großen Veränderung im Verhältnis zwischen Bürgern und Staat. Gesucht wird eine neue Antwort auf die Frage, wer zuständig ist für Randständige und Lebensuntüchtige, wenn die traditionellen Netze – Sozialstaat und Familie – sich auflösen.

Viele Mentoren erkennen erst mit der Zeit, in welcher gesellschaftlichen Gemengelage sie sich befinden. Die Patenschaften beginnen meist aus persönlichen Motiven. So war es bei Randolf Gränzer, als er vor 18 Jahren in einem Anzeigenblatt die Annonce einer alleinerziehenden Mutter entdeckte. In Paris war das, wo er bei der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, als Volkswirt beschäftigt war. Sie suche Ersatzgroßeltern, schrieb die Frau, die Lust hätten, ab und zu etwas mit ihrem sechsjährigen Sohn zu unternehmen. Gränzer war zwar erst Anfang 50 und verheiratet, aber seine beiden Kinder waren gerade ausgezogen. »Da wurd’ mir ein bisschen einsam.« Ein paar Tage lag die Anzeige auf seinem Schreibtisch. Dann rief er an.

25 Kilometer trennten ihre Häuser, und schon auf halber Strecke schien ihm die Idee merkwürdig. »Ein Fremder, der sich mit fremden Kindern befasst. Was muss diese Frau von mir halten?«, dachte er und drehte um.

Andererseits lag neben seinem Haus ein Tennisplatz, auf dem er nicht mehr spielte. Er hatte niemanden, mit dem er zusammen Skifahren konnte. Und seit seine Frau Psychologie studierte, interessierte er sich für die Frage, warum in manchen Familien klappt, was in anderen schiefgeht. Erneut wendete er sein Auto.

In der ersten Zeit machte er mit dem Jungen Ausflüge: auf den Eiffelturm, zum Schlittschuhlaufen. Bis sich die Sozialarbeiterin der Familie einschaltete. Es sei illegal, dass Fremde regelmäßig mit Kindern unterwegs seien, selbst wenn die Mutter einverstanden sei. Sie nannte ihm den Namen einer Organisation, die Patenschaften vermittelt und begleitet. Eigentlich war sie für Heimkinder gedacht, aber es war die einzige Möglichkeit, ihre Beziehung zu legalisieren.

Erst Jahre später – er stand vor der Pensionierung, sein Patensohn vor dem Abitur – bemerkte er, dass in England und Amerika lange vor ihnen Leute auf diese merkwürdige Idee gekommen waren. Im Internet las er, dass Tony Blair jedes Jahr ein Weihnachtsfest für Mentoren gibt. Oder dass in den USA die Organisation Big Brothers Big Sisters seit über hundert Jahren benachteiligte Kinder mit älteren Bezugspersonen zusammenbringt. Ein Gerichtsschreiber in New York City hatte die Idee gehabt, weil er straffällig gewordenen Straßenjungen helfen wollte. 1904 war das. »Es gibt nur eine Möglichkeit, einem solchen Knaben zu helfen«, sagte dieser Ernest Coulter auf einer Versammlung von 40 Geschäftsmännern. »Nämlich dass ein ernsthafter, wahrhaftiger Mann sich bereit erklärt, sein Großer Bruder zu sein, ihm das Gefühl zu geben, dass es in dieser großen Stadt einen einzigen Menschen gibt, der sich für ihn interessiert. Ein Freiwilliger möge sich melden.« Das ist die Urszene von Amerikas größter Patenschaftsorganisation, und jeder einzelne Mann im Saal, so geht der Mythos, habe den Arm gehoben.

Es passt nicht zum deutschen Gesellschaftsbild: vom Sozialstaat, dem Kapitalismus abgetrotzt in harten Klassenkämpfen und im Grundgesetz festgeschrieben, der Unterschiede ausgleicht und die Schwachen im Notfall unterstützt. Dessen Zuwendung nicht punktuell, nicht zufällig zu sein hat, kein Almosen. Bereits die beginnende Industriegesellschaft hat die Sozialversicherung eingeführt und wie alles Übrige auch das Mitgefühl rationalisiert, normiert und nach möglichst objektiven Regeln verteilt. Aus dem Sozialstaatsgebot der Bundesrepublik ergab sich erstmals ein Rechtsanspruch auf staatliche Fürsorge.

Aber dann häuften sich die schlechten Nachrichten. Rütli, Pisa, Parallelgesellschaft, Unterschicht, Überalterung, Selbstverantwortung sind die Reizwörter einer öffentlichen Diskussion, deren Subtext immer derselbe ist: Es hat nicht funktioniert, und wir können es auch gar nicht mehr leisten.

»Es ist ein Trend, der sich gar nicht verhindern lässt«, sagt Gränzer über Patenschaften. 1999 gründete er einen Förderverein für Mentorenprogramme. Damals gab es in Deutschland zehn solcher Vereine. Heute gibt es 200 lokale Organisationen, die Hälfte von ihnen vermitteln Ausbildungspaten. Die nächste große Welle, prognostiziert Gränzer, seien Patenschaften für Problemfamilien und für Migranten.

Im November war er nach Berlin gekommen. Auf einer Jugendhilfekonferenz sprach er vor europäischen Sozialarbeitern. Er zitierte amerikanische Studien, in denen die positive Wirkung von Mentoring gegen Gewalt, Teenager-Schwangerschaften, Drogenkonsum und Schulabbruch nachgewiesen worden ist. »Wie wollen Sie die Qualität dieser Betreuung sicherstellen?«, fragte ein Teilnehmer am Ende des Vortrags.

Gränzer kennt die Bedenken professioneller Helfer: dass Privatleute erst die Sozialarbeiter und dann den Sozialstaat ersetzen sollen; dass sie nicht genügend qualifiziert seien, nur ihr Helfersyndrom auslebten. Und den speziellen Verdacht, der bei männlichen Mentoren immer mitschwingt.

Er brachte seine Argumente vor: Dass Päderasten sich kaum an Organisationen wenden würden, dass Patenschaften professionelle Helfer nicht ersetzen sollten, sondern oft dadurch entstünden, dass ein Sozialarbeiter die leichteren Fälle an ein Programm überweise. Davon abgesehen kenne er viele Sozialpädagogen, die selbst eine Patenschaft übernommen hätten, weil sie nicht länger nur Notversorgung leisten wollten, wenn ein Leben längst nicht mehr zu retten sei.

Welchen Einfluss er auf das Leben seines Schützlings hatte, vermag Randolf Gränzer nicht zu sagen. Der Junge ist heute 24. Ein erstklassiger Skifahrer, sagt Gränzer, überhaupt sehr begabt. Vor Jahren hat er ihm ein Internat finanziert und sich erlaubt, zu träumen, dass ein Banker aus ihm würde. Er erzählt das nicht gern, weil es bei Patenschaften eigentlich nicht um materielle Zuwendung geht. Am Ende landete der Junge doch wieder auf einer staatlichen Schule, weil er sich unter den Internatszöglingen unwohl fühlte. Später brach er ein Biologiestudium ab und zog im Streit bei seiner Mutter aus. Da hat Gränzer ihn mit seinem alten Mercedes abgeholt. Sie hatten eines ihrer Gespräche, von denen Gränzer hofft, dass das ein oder andere hängengeblieben ist.

»Sag mal, hast du schon mal einen langfristigen Plan gehabt?«, fragte er den jungen Mann.

»Wieso sollte ich? Bei meinem Pech.«

»Ich denke nicht, dass das allein das Pech ist«, warf Randolf Gränzer ein.

Der junge Mann habe lange geschwiegen. Dann die Frage: »Glaubst du eigentlich an Glück?«

»Einmal im Leben spielt Glück eine Rolle«, sagte Gränzer: »Bei der Herkunft. Aber irgendwie mein ich schon: Du bist deines Glückes Schmied.«

Er sah mit an, wie sein Schützling in eine Sozialwohnung zog. Da hätte er es sich mit staatlicher Unterstützung bequem machen können, so wie er es aus seiner Familie kannte. Aber in diesem Winter habe er, obwohl er die Wohnung dafür aufgeben musste, einen Job in einer Skistation in den französischen Alpen angenommen. »Ob er das ohne mich getan hätte? Wer weiß schon, wie die Dinge irgendwann mal aufgehen. Ich kann nur sagen: Skifahren hat er von mir gelernt.«

»Wieso hast du mir eigentlich nicht vertraut?«, fragt Christa Gigold, am Esstisch sitzend, an dem sie jeden Nachmittag mit Chindavong eine Arbeitspause macht. Mal bringt Christa Buletten mit, mal schiebt Chindavong Frühlingsrollen in die Mikrowelle. Bis zu der Anhörung hatte sie Christa nie ihr wahres Alter verraten. Eine laotische Freundin hatte ihr eingeschärft, dass sie niemals die Wahrheit sagen dürfe, egal wie nett jemand zu ihr sei.

»Aber ich hab dir doch ganz oft erzählt, dass es nicht meine Aufgabe als Betreuerin ist, zu entscheiden, ob jemand hierbleiben darf oder nicht. Ich hab dir doch erzählt, wie wir Jugendliche aus der Abschiebehaft geholt haben, damit sie ihre Ausbildung beenden können.«

»Ich hab dir nicht geglaubt. Ich hab auch gedacht, dass es bei der Anhörung gut gelaufen wäre.«

»…gut laufen würde«, sagt Christa.

»Wenn ich die Wahrheit erzählt hätte, ich weiß nicht, ob du dann… ich hab Angst gehabt, dass du mir dann nicht mehr helfen würdest.«

»Aber wir hätten Zeit gehabt, wir hätten planen können.« Nach dem Anhörungstermin war es dafür zu spät. Wer jahrelang die Behörden täuscht, hat eigentlich keine Chance auf eine Aufenthaltserlaubnis. Die einzige Möglichkeit, die es jetzt noch gab, war ein Antrag bei der Berliner Härtefallkommission, über den der Berliner Innensenator entscheidet. Christa Gigold fand über ein Berufsbildungszentrum für junge Flüchtlinge eine Anwältin, die auf Ausländerrecht spezialisiert ist. Dabei war sie selbst offiziell gar nicht mehr zuständig. Nachdem ihr wahres Alter bekannt geworden war, stand Chindavong keine Betreuung mehr zu.

»Zwischen uns gibt es etwas Komisches«, sagt Chindavong. »Sie weiß, was ich denke. Ist ganz schlimm.« Sofort schießen Tränen in ihre Augen, wie immer, wenn sie erzählt, wie eng ihre Verbindung ist. Einmal habe sie in der Jugendstilwohnung der Gigolds übernachtet. Am nächsten Tag sei ihre erste Schulstunde ausgefallen, sie wartete auf einer Parkbank. Um zehn nach acht habe Christa angerufen. Ob alles in Ordnung sei.

»Hä, Christa, woher weißt du denn, dass ich keine Schule habe?«, fragte Chindavong. »Mein siebter Sinn«, sagte Christa. »Den habe ich von meiner Oma geerbt, die wusste auch immer, an welchen Wochenenden ich aus dem Internat kam, und hat am Bahnhof auf mich gewartet.«

Als sie im Krankenhaus war, eine kleine Operation am Augenlid, saß Christa vier Stunden lang im Wartezimmer. Chindavong sagt, dass es niemanden auf der Welt gebe, der so viel für sie tun würde wie Christa. Auch in Laos nicht. Ihr Vater ist Fernfahrer, ihre Mutter ist Analphabetin, beide wollten, dass sie nach der sechsten Klasse anfinge zu arbeiten. Zur Schule konnte sie nur gehen, weil ihre Großmutter sie bei sich aufnahm. Als deren Zuckerkrankheit schlimmer wurde, kaufte sie von den Ersparnissen ihres Lebens ein Flugticket nach Deutschland. Vom Tod ihrer Oma erfuhr Chindavong im Internetcafé.

In dieser Nacht hätten sie zusammen auf dem Fußboden gesessen, erzählt Christa, bei Kerzenlicht. Damals habe Chindavong angedeutet, dass die Gewalt, unter der viele laotische Ehefrauen litten, auch ihre Familie betreffe. »Sie dorthin zurückzuschicken«, sagt Christa Gigold, »schien mir undenkbar.«

Für Chindavong begann nach der Anhörung eine schlimme Zeit. Sie schlief schlecht. In ihren Träumen stand sie am Flughafen, und zwischen sie und ihre Freunde schob sich eine Glastür. Ihr Schulweg führte nun über den Hinterhof, falls vorn die Polizei auf sie wartete. Sie hatte gehört, dass man jederzeit in Abschiebehaft genommen werden konnte, wenn der Asylantrag abgelehnt wurde, auch wenn Christa ihr sagte, dass der Antrag bei der Härtefallkommission sie davor schützen sollte. Gute Schulnoten seien jetzt ihr wichtigstes Argument, sagte die Vorsitzende der Kommission. Doch mit 21 war sie zu alt, um in die zehnte Klasse zu gehen. Christa Gigold rief die Schulrätin an und erwirkte, dass Chindavong weiter die Realschule besuchen durfte.

Mittags kämpften sie sich durch Kabale und Liebe, Christa sprach mit ihr über Schillers Flucht vor dem württembergischen Hof. »Die Angst, die er hatte und was daraus für eine schriftstellerische Leistung erwachsen ist. Weißt du noch? Wie ich dir erklärt habe, dass es zu allen Zeiten Flucht und Vertreibung gegeben hat, auch in Europa.«

Im September kam die Antwort der Härtefallkommission. Die Vorsitzende schrieb in persönlichen Worten an Chindavong: Es tue ihr sehr leid, ihr mitzuteilen, dass der Innensenator ihren Antrag nicht bewilligt habe. Am selben Tag faxte Chindavongs Rechtsanwältin einen Antrag an den Petitionsausschuss, um das Verfahren hinauszuzögern und sie dadurch vor der Abschiebehaft zu bewahren. »Wir haben die Chancen nicht besonders hoch eingeschätzt«, sagt Christa Gigold, und sie machte mit ihrem Mann und Chindavong einen Ausflug nach Schloss Sanssouci, damit Chindavong zumindest schöne Erinnerungen mit nach Laos nähme.

Aussichtslose Situationen. Davon hört man oft, wenn man mit Mentoren spricht. Vielleicht weil sie es sich leisten können, Leuten zu helfen, die keine realistische Chance haben. Weil es nicht darum geht, am Ende des Jahres Erfolge nachzuweisen. Ihre Loyalität liegt nicht bei einem gemeinnützigen Verein, der belegen muss, dass mit Steuergeldern möglichst viel erreicht wird. Sondern bei einem einzelnen Fall, egal wie groß die Aussicht auf Erfolg ist.

Zum Beispiel Neu-Isenburg. Die Stadt ist von Frankfurt durch einen acht Kilometer breiten Stadtwald getrennt, die Probleme sind dieselben: Die Kinder der Einwanderer haben selbst auf der Hauptschule Probleme, für schlechte Hauptschüler gibt es immer weniger Arbeitsplätze. In den neunziger Jahren schloss in Neu-Isenburg das Generatorenwerk, und im Umland gingen die Metallbetriebe zugrunde. In der Zeit entstand eines der ältesten Patenprogramme in Deutschland, Alt Hilft Jung. Es begann vor zehn Jahren als Bewerbungstraining für Schüler durch Rentner. Aber dann trafen die ehemaligen Buchhalter, Chemiker, Bankangestellten sich auch mal zum Lernen mit den jungen Leuten. Zurzeit sind es 18 Freiwillige, die 40 Schüler oder Auszubildende begleiten. Das Programm ist ans Neu-Isenburger Jugendbüro angegliedert, ein Sozialarbeiter, Klaus- Peter Martin, hält den Kontakt zwischen Jugendlichen, Ehrenamtlichen und Lehrern. Er erinnert sich an einen Schulbesuch. Ein Pate, ein pensionierter Chemiker, hatte sich ausgerechnet den Klassenschlimmsten ausgeguckt. »Um den? Um den braucht ihr euch nicht zu kümmern«, habe der Lehrer gesagt. Der sei Legastheniker, schlecht in der Schule, mache zudem Lehrerinnen fertig, wohl weil er zu Hause ohne Mutter aufwachse. Man habe ihn bereits an die Sonderschule verwiesen. »Doch«, sagt der ältere Herr leise. »Doch. Das probier ich mal.«

Im Jugendbüro trat der Junge von Anfang an höflich auf, bedankte sich nach jedem Treffen, wurde bald besser in Mathe und hörte auf, im Unterricht den Clown zu spielen.

Nicht alle Patenschaften entwickelten sich so weit, sagt Herr Martin, von den Siebtklässern, die in das Programm kommen, hörten ein Drittel auf. Aber von denen, die dabeiblieben, fänden alle eine Lehrstelle.

Der Junge ist heute im zweiten Lehrjahr als Heizungsmonteur. Seinen Lehrern muss es wie ein Wunder erscheinen.

Was ist passiert?

Da deutet Herr Martin auf eine Tür. Dahinter sitzen eine ehemalige Stewardess, Mitte 60, und ein jordanisches Mädchen, Hauptschule, achte Klasse, seit vier Jahren in Deutschland. Seit einem Jahr treffen sie sich jeden Donnerstag, um gemeinsam Deutsch und Englisch zu üben. Die Dame sei alleinstehend, sagt Herr Martin, sehr zurückhaltend. Sie komme zum Beispiel nicht gerne mit, wenn die Paten zusammen essen gingen, manchmal mache er sich etwas Sorgen um sie. Dass Mädchen habe viele Geschwister, zu Hause würde wohl nur Arabisch gesprochen.

»Gehen Sie ruhig rein«, sagt er.

Ein Konferenzzimmer, grau in grau, am Tisch sitzen ein Teeniemädchen mit wilden Locken im pinkfarbenen T-Shirt und eine gepflegte Frau im hochgeschlossenen Kaschmirpulli. Sie habe keine Erfahrung mit der Presse, sagt die Frau, aber dann beugen sie sich wieder über das Englischbuch. »Many people think, golden California gets its name from the golden sunshine and beaches«, liest das Mädchen vor, und es dauert ewig. Sie ist kaum zu verstehen, sie liest the wie they, sie weiß nicht, was big heißt, und wenn sie ein Wort übersetzen kann, dann zumeist in falsches Deutsch. Sie kann auf Englisch nicht fehlerfrei bis zwanzig zählen. Dabei gehört sie noch nicht mal zu den Schlechtesten ihrer Klasse. »So schlimm hätt ich’s mir bei uns eigentlich nicht vorgestellt«, hatte einer der Rentner von seinen ersten Stunden erzählt.

Man kann sich dieses Mädchen leicht im Unterricht vorstellen, wie es in den Augen ihrer Lehrer in einer bonbonfarbenen, lauten, nicht besonders intelligenten Horde verschwimmt. Wie schwer es sein muss, nicht mit Verachtung auf solche Schüler zu blicken. Und wie verunsichernd es umgekehrt sein muss, jeden Tag auf diese Weise betrachtet zu werden.

Aber jetzt ist es anders: In ihrem schönen Stewardessenenglisch liest die Frau jeden Satz so oft vor, bis das Mädchen ihn nachsprechen kann. Sie zählt mit einem Lächeln bis zwanzig, sie erklärt die Bedeutung des Wortes big im Unterschied zu bag, und sie erzählt von der Sonne Kaliforniens. Sie hat nicht die Spur von Ungeduld in ihrer Stimme. Sie hat Zeit, bis es dunkel wird. So werden sie noch stundenlang sitzen bleiben, Frau und Mädchen, beide auf ihre Ellenbogen gestützt, Kopf in der Hand, vor einem Englischbuch. Wenn die Frau eine Vokabel intoniert, kreuzen sich ihre Blicke. Mit einem vorsichtigen Lächeln im Gesicht spricht das Mädchen nach.

Man erlebt solche Momente oft, wenn man Patenschaftsprogramme recherchiert, Szenen familiärer Vertrautheit. Opa beim Vorlesen. Mann und Junge in der Küche, beim Kochen. Erwachsener und Kind beim Ausflug. Im Bus. Im Zoo. Die Umrisse sind bekannt. Aber die Details stimmen nicht. Die Klamotten passen nicht zusammen, die Sprache, die Gesichter. Passanten schauen ihnen oft hinterher, erzählen Paten, weil die Mittelschicht die Unterschicht im Allgemeinen nicht zu Sonntagsausflügen einlädt. Bisher kannte man sich nur aus dem Fernsehen. Jetzt kommt man sich auch im wahren Leben näher, und das verändert beide Seiten.

Abends in der Kneipe in Neu-Isenburg. Herr Moormann und Herr Kaestner haben Wein getrunken. Hannes Moormann kümmert sich um einen deutschen Sonderschüler, Herr Kaestner um eine türkische Auszubildende. Zwei ehemalige Siemens-Angestellte, Exportmanager und Verkaufsleiter, geraten ins Erzählen, von einem glücklichen Arbeitsleben, von Kraftwerken, die sie zwischen Bagdad und Abu Dhabi in Wüsten gepflanzt haben, von Scheichs und anderen wichtigen Männern. Neulich gab es eine Betriebsweihnachtsfeier für Ehemalige, auf der ein früherer Abteilungsleiter mitten im Vortrag plötzlich ganz allein dagestanden habe, weil ihm nun keiner mehr zuhören musste.

»Ich bin ja sowieso der Meinung«, sagt Herr Kaestner, »viele der Probleme, die wir in diesem Land haben, sind auf eitle Herren zurückzuführen.«

In den sechziger Jahren, da kannten sie sich noch nicht, arbeiteten beide in Berlin. Die Studentendemonstrationen auf dem Kurfürstendamm hätten sie mit ihren Ehefrauen besucht, wie eine Filmvorführung, sagt Herr Kaestner. Er war nie in einer Partei, hat sich stets geweigert, für Gewerkschaftsredner und Kommunalpolitiker das Publikum abzugeben: »Ich ertrage das nicht: dieses Sich-Spreizen.«

»Quatschbuden«, sagt Herr Moormann, dessen Gewerkschaftsmitgliedschaft im Lauf der Jahrzehnte eine passive wurde.

Nach seiner Pensionierung wollte Kaestner sich beim Stadtmarketing Neu-Isenburg engagieren, doch ein paar Sitzungen bestätigten seine ärgsten Vorurteile. Von da an schrieb er, wenn ihm etwas nicht gefiel, einen Leserbrief an die Lokalzeitung. »Reg dich nicht auf über Dinge, die du nicht ändern kannst«, sagte seine Frau am Frühstückstisch, »das macht nur krank und sauertöpfisch.« Klaus Kaestner, Anfang 70, beschloss, dass es in der verbleibenden Zeit nur noch darum gehen könne, sein unmittelbares Umfeld in Ordnung zu halten, sich einzusetzen, wo er wirklich Einfluss hatte. So kam er zu »Alt hilft Jung«. Sein Ziel: einen pro Jahrgang in eine Ausbildung zu bringen. Das wäre dann sein gesellschaftlicher Beitrag.

Aber dann wurde es doch wieder kompliziert.

»Bald haben wir gemerkt«, sagt Moormann, »dass die Kinder oft keine Chance haben, eine ordentliche Prüfung zu machen.«

»Die werden gnadenlos geprüft«, sagt Kaestner. »Dabei haben sie das zum Teil nie im Unterricht gehabt. Die setzen seit Pisa das Anforderungsprofil hoch…«

»…und der Roland Koch schreibt sich das auf die Fahnen.«

Alle paar Wochen treffen sich die Paten jetzt mit Lehrern, Ausbildern und dem Bürgermeister. Der Bürgermeister sorgt dafür, dass die Diskussion sachlich bleibt. Aber wenn die Paten im Jugendbüro unter sich sind, dann wird es schnell politisch. Es fängt mit Ausbildungsplätzen an, führt über den Beamtenstatus von Lehrern zur Landespolitik und zur Föderalismusreform und endet mit dem Grundgesetz.

»Aber wir wollten uns ja nicht aufregen«, sagt Herr Kaestner. Seine Ärztin hat ihm Betablocker verschieben.

1998 setzte der Bundestag eine Enquete-Kommission ein, die das ehrenamtliche Engagement der Deutschen erforschen sollte. In jeder Wahlperiode gibt es nur wenige solcher überparteilicher Arbeitsgruppen, in denen Abgeordnete und Experten versuchen, Leitlinien zu großen gesellschaftlichen Fragen zu entwickeln. In der Rückschau lesen sich die Themen wie eine Chronik der deutschen Debatten der letzten vierzig Jahre: Jugendprotest im demokratischen Staat, Frau und Gesellschaft, Aids, Folgen der SED-Diktatur, Globalisierung der Weltwirtschaft. 2002 legte die Kommission »Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements« ihren Abschlussbericht vor. Es ging um die Frage, wie die Bedingungen für 22 Millionen Ehrenamtliche in Deutschland verbessert werden können. Ihr Einsatz ist nicht länger ein Luxus zum Zwecke persönlicher Sinnerfüllung, es geht nicht mehr ohne sie. »Der Staat alleine wird es nicht richten können.« Sagt Michael Bürsch, SPD-Bundestagesabgeordneter, der damalige Vorsitzende der Kommission. »Unsere Gesellschaft steht vor so großen Herausforderungen, dem demografischen Wandel, dem Umbau der Sozialsysteme, der Reform des Bildungswesens, der Integration und in der Pflege. Um nur einige zu nennen. Keine dieser Herausforderungen wird sich ohne Freiwillige bewältigen lassen.«

Wie bringt man Menschen (und Firmen) dazu, freiwillig etwas für ihr Land zu tun? Es wurde ein Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement gegründet, in dem Ehrenamtliche, Organisationen und Unternehmen zusammengebracht werden sollen. Der Versicherungsschutz für Freiwillige wurde verbessert. Im Dezember kündigte der Finanzminister Steuererleichterungen in Höhe von 400 Millionen Euro für Ehrenamtliche und Stifter an. Und es gibt mittlerweile Dutzende von Preisen für ehrenamtliche Arbeit. Sie seien wichtig, sagt Bürsch, denn sie motivierten die Menschen stärker als Geld und Steuervorteile. Am 5. Dezember, dem »Internationalen Tag der Freiwilligen«, war er zwischen zwei Preisverleihungen unterwegs. In Frankfurt war ihm am Nachmittag der Preis »pro Ehrenamt« verliehen worden. Ein bronzener Pflock, der nun schwer in seiner Aktentasche lag. Am Abend saß er im Taxi zwischen Tegel und Regierungsviertel, um bei der Preisverleihung des Deutschen Studentenwerks für engagierte Studenten dabei zu sein. Als er an der schleswig-holsteinischen Landesvertretung aus dem Taxi stieg, wartete ein junger Mann in Fahrradklamotten auf ihn: ein Mitarbeiter, der noch vorbeigeradelt war, um ihn von der Statue zu erleichtern.

»War’s schlimm im Krankenhaus?«, wollte er wissen.

»Nicht so schlimm wie erwartet«, sagte Bürsch.

Nein, nein, er sei nicht krank, erklärte er später. Aber es war doch etwas Ernstes. Er hatte am Tag zuvor in einem Krankenhaus in seinem Wahlkreis erklären müssen, ob die Gesundheitsreform zu Personalabbau führen würde. Er hatte Riesenproteste befürchtet. »Es war dann aber ein sachorientierter Austausch von Argumenten.« Beruhigen konnte er die Mitarbeiter nicht, nur, »aufklären, anhören und Anliegen mitnehmen«.

Wie viel macht der Staat und wie viel in Zukunft seine Bürger? Um diese Arbeitsteilung geht es, und keine Stadt in Deutschland hat das so offengelegt wie Augsburg. Dort werden Ehrenamtliche in die städtische Sozialarbeit eingebunden, als freiwillige »Sozialpaten«, die überschuldeten Familien helfen, die ihre Miete nicht mehr bezahlen können.

Die Paten haben einen eigenen Raum im Amt für Soziale Leistungen, sie können dort telefonieren und ihre Fälle mit dem Fallmanager besprechen. Der tut dann, was er schon immer getan hat: Anträge prüfen, Mietschulden begleichen, Stromrechnungen übernehmen. Und im Notfall: Obdachlosenwohnungen zur Verfügung stellen. Der Staat hat weiterhin die Mittel und die Macht.

Aber die Paten haben Einfluss: Sie können reden, ermahnen, motivieren, trösten und Plastiktüten voller ungeöffneter Rechnungen sortieren. Sie können Fragen stellen, die einen Beamten nichts angehen. Brauchen die Kinder wirklich Markenkleidung? Muss ein Auto sein, wenn die Leasingraten die Familie fast auffressen? Hat der Zahnarzt zu viel in Rechnung gestellt? Die Paten sprechen auf der Bank vor und bei Vermietern. Einer von ihnen geht jeden Monat mit einer Frau zur Bank, wo sie den größten Teil ihres kleinen Gehalts überweist, um ihre Schulden zu tilgen. Wenn sie gemeinsam vor dem Geldautomaten stehen, lobt er sie für ihre Disziplin.

»Liebevolle Hilfe« nennt das der Sozialreferent der Stadt Augsburg. »Ein Pate tritt einer Privatperson anders gegenüber als ein Sozialarbeiter. Das Gegenüber akzeptiert beim Paten auch, auf sozial nicht angemessenes Verhalten aufmerksam gemacht zu werden: dass er schlampig ist oder vergesslich, solche Bewertungen würde er, legitimerweise, im Amtsdialog nicht akzeptieren. Umgekehrt bekommt er auch Lob, Ermunterung, Zuwendung.« So redet Konrad Hummel, ein Mittfünfziger, der manchmal wie erschöpft die Augen schließt und Habermas zitiert; ein SPD-Mann, der in der baden-württembergischen Landesregierung zwölf Jahre lang daran gearbeitet hat, in der Altenvorsorge staatliche Unterstützung mit privater Initiative zu verbinden. Das sei für ihn kein notwendiger Widerspruch, sagt Hummel. Er glaubt, dass die antietatistische Vorstellung von Zivilgesellschaft zu amerikanisch sei, für Westeuropa keine hilfreiche Definition. »Es geht nicht um die Frage: Staat oder privat? Wir quälen uns ja damit, aber woran wir leiden, das ist eigentlich unsere Stärke. Die meisten Staaten kriegen den Spagat ja gar nicht hin. Es braucht Leute, die den Mut haben, diesen Spagat herzustellen.« Leute wie ihn, der von sich sagt, an Widersprüchen leide er nicht, dazu sei er zu sehr geprägt vom dialektischen Denken der Frankfurter Schule.

In Augsburg finden ihn manche abgehoben. Aber mit der Arbeit am Boden sind sie ganz zufrieden. Im Sozialbudget sind im letzten Jahr 40000 Euro frei geworden, weil kaum noch Familien in die städtischen Obdachlosenunterkünfte ziehen müssen, seit es die Sozialpaten gibt. Von 127 Wohnungen für obdachlose Familien standen Ende letzten Jahres die Hälfte leer; ein Jahr zuvor waren sie fast alle belegt gewesen. Demnächst will Hummel noch zehn ehrenamtliche Wohnpaten rekrutieren, die Langzeitobdachlosen helfen sollen, sich so zu verhalten, dass sie aus ihrer Wohnung nicht gleich wieder rausfliegen. Er glaubt, dass die Arbeit seiner Paten deshalb so wirkungsvoll ist, weil sie genau da ansetzt, wo staatliche Hilfe aufhört und Familien nicht mehr weiterwissen. »Jeder Sozialarbeiter hat doppelt so viel Klienten wie früher. Und die Familie ist, wie wir wissen, auch ein Hort der Gewalt und der Enge, der Ort, an dem Neurosen entstehen. Beide sind, unter dem Druck der Modernisierung, kaum in der Lage, sich liebevoll einzulassen.« Seine Paten, meist gut situierte, gut ausgebildete Leute in Frührente, sind die perfekte Zwischenform. »Es ist die Rolle, die in Filmen immer von Robin Williams gespielt wird.«

Gäbe es Christa Gigold nicht im Leben von Chindavong Pavatxay, wäre diese längst zurück in Laos. Aber dann passierte ein Wunder. Mitte Oktober, zwei Wochen nachdem Chindavong beim Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses darum gebeten hatte, ihre Ausbildung hier zu Ende machen zu dürfen, bekam sie einen Anruf von Sylvia Pfaff-Hofmann, ihrer Anwältin. Keiner hatte damit gerechnet, dass es so schnell gehen könnte, oft laufen die Anträge jahrelang, bevor eine Entscheidung fällt. »Setz dich mal hin, Chindavong«, sagte die Anwältin: Der Innensenator hatte die Entscheidung vom September revidiert: Wenn Chindavong sich ihren Lebensunterhalt selbst finanzieren würde, würde sie eine Aufenthaltserlaubnis bis zum Ende ihrer Ausbildung bekommen. Sie gilt zunächst nur bis zur mittleren Reife, aber die Anwältin ist optimistisch, dass sie sich bis zum Abschluss ihrer Schulausbildung oder sogar eines Studiums verlängern lässt. Seitdem haben bereits viele Freunde und Freundinnen zugesagt, Chindavong jeden Monat mit kleineren Beträgen zu unterstützen. Mit Babysitting und Putzen verdient sie sich am Wochenende etwas dazu.

Eigentlich hätte alles perfekt sein können.

Bis Chindavong ihr Halbjahreszeugnis bekam und eine Empfehlung fürs Gymnasium. Diesmal reagierte Christa anders, als Chindavong es erwartet hatte.

»Willst du wirklich Abitur machen?«, fragte sie, ehrlich besorgt, dass Chindavong das Gymnasium ohne stundenlanges tägliches Üben vielleicht nicht schaffen würde. Und was, wenn sie dann die Schule wieder verlassen müsste, schließlich ist ihre Aufenthaltserlaubnis an eine Ausbildung gekoppelt. Wäre es nicht sinnvoller, eine Lehre zu machen oder sich mit dem Fachabitur zu begnügen, damit sie nicht noch jahrelang von der finanziellen Unterstützung anderer Leute abhängig wäre? Und wer könnte ihr garantieren, dass Christa Gigold noch jahrelang in der Lage sein würde, jeden Tag mit ihr zu lernen?

»Aber ich habe eine Empfehlung für ein Gymnasium«, beharrte Chindavong, die sich noch nicht auf eine Fachrichtung oder einen Beruf festlegen will. Vielleicht will sie Ärztin werden, vielleicht Lehrerin, sie weiß es noch nicht.

»Sie ist so perfektionistisch«, seufzte Christa Gigold, wenn Chindavong nicht in der Nähe war.

»Sie hat gesagt, ich habe vielleicht nicht die Fähigkeiten, ein deutsches Abitur alleine zu schaffen«, sagte Chindavong, wenn Christa nicht zuhörte. Sie dehnte das Wort Fähigkeiten wie eine neue, schreckliche Vokabel, die sie sich nur ungern merkte. »Ich liebe Christa sehr, aber wenn sie so etwas sagt, das tut mir sehr weh.«

»Sie glaubt vielleicht, ich gönne ihr das nicht«, sagte Christa Gigold, die ein Fachabitur für einen guten Kompromiss hielt. »Aber sie überschätzt sich manchmal. Sie kann nicht einschätzen, wie schwer das ist.«

»Es ist mein Leben«, sagte Chindavong.

»Es ist ihr Leben«, sagte Christa.

Im Februar entschied sich Chindavong für eine Gesamtschule mit Gymnasialzweig. Christa war bei der Anmeldung dabei. Aber Chindavong wusste, dass sie sich eine andere Entscheidung gewünscht hätte.

Zwei Wochen lang traute sich Chindavong nicht mehr, Christa um Hilfe beim Lernen zu bitten. Auf ihren Klassenaufsatz über die Verlorene Ehre der Katharina Blum bereitete sie sich allein vor. Christa ging früher nach Hause als in den letzten beiden Jahren. Sie telefonierten immer noch jeden Abend, aber über die Schule redeten sie nicht.

Erst in den Osterferien lernten sie wieder gemeinsam.

»Vielleicht wollte sie mir zeigen, wie schwierig es für mich alleine ist«, vermutet Chindavong.

»Sie ist alt genug. Sie muss ihre eigenen Fehler machen«, sagt Christa.

Wenn man die beiden jetzt so reden hört, klingt es ein bisschen wie in einer Familie.

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Leser-Kommentare
  1. ist loeblich und notwending. Allerdings spricht sich sowas in Laos oder Timbuktu per Handy und Internet schnell herum. Daher frage ich mich: wird durch diesen Einsatz nicht die illegale Schleusung von Jugendlichen nach Deutschland erleichert und gefoerdert ? Sicher, man hilft denen, aber hilft es uns ? Haben wir nicht schon genug von denen ?

    PS: die guten Schulleistungen der Laotin wie sicher auch anderer Kinder in der gleichen Situation sind nicht neu. Die strengen sich echt an, um bleiben zu koennen. Im Gegensatz zu vielen deutschen Kindern.

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