Ehrenamt Für das Glück eines anderenSeite 5/5
In Augsburg finden ihn manche abgehoben. Aber mit der Arbeit am Boden sind sie ganz zufrieden. Im Sozialbudget sind im letzten Jahr 40000 Euro frei geworden, weil kaum noch Familien in die städtischen Obdachlosenunterkünfte ziehen müssen, seit es die Sozialpaten gibt. Von 127 Wohnungen für obdachlose Familien standen Ende letzten Jahres die Hälfte leer; ein Jahr zuvor waren sie fast alle belegt gewesen. Demnächst will Hummel noch zehn ehrenamtliche Wohnpaten rekrutieren, die Langzeitobdachlosen helfen sollen, sich so zu verhalten, dass sie aus ihrer Wohnung nicht gleich wieder rausfliegen. Er glaubt, dass die Arbeit seiner Paten deshalb so wirkungsvoll ist, weil sie genau da ansetzt, wo staatliche Hilfe aufhört und Familien nicht mehr weiterwissen. »Jeder Sozialarbeiter hat doppelt so viel Klienten wie früher. Und die Familie ist, wie wir wissen, auch ein Hort der Gewalt und der Enge, der Ort, an dem Neurosen entstehen. Beide sind, unter dem Druck der Modernisierung, kaum in der Lage, sich liebevoll einzulassen.« Seine Paten, meist gut situierte, gut ausgebildete Leute in Frührente, sind die perfekte Zwischenform. »Es ist die Rolle, die in Filmen immer von Robin Williams gespielt wird.«
Gäbe es Christa Gigold nicht im Leben von Chindavong Pavatxay, wäre diese längst zurück in Laos. Aber dann passierte ein Wunder. Mitte Oktober, zwei Wochen nachdem Chindavong beim Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses darum gebeten hatte, ihre Ausbildung hier zu Ende machen zu dürfen, bekam sie einen Anruf von Sylvia Pfaff-Hofmann, ihrer Anwältin. Keiner hatte damit gerechnet, dass es so schnell gehen könnte, oft laufen die Anträge jahrelang, bevor eine Entscheidung fällt. »Setz dich mal hin, Chindavong«, sagte die Anwältin: Der Innensenator hatte die Entscheidung vom September revidiert: Wenn Chindavong sich ihren Lebensunterhalt selbst finanzieren würde, würde sie eine Aufenthaltserlaubnis bis zum Ende ihrer Ausbildung bekommen. Sie gilt zunächst nur bis zur mittleren Reife, aber die Anwältin ist optimistisch, dass sie sich bis zum Abschluss ihrer Schulausbildung oder sogar eines Studiums verlängern lässt. Seitdem haben bereits viele Freunde und Freundinnen zugesagt, Chindavong jeden Monat mit kleineren Beträgen zu unterstützen. Mit Babysitting und Putzen verdient sie sich am Wochenende etwas dazu.
Eigentlich hätte alles perfekt sein können.
Bis Chindavong ihr Halbjahreszeugnis bekam und eine Empfehlung fürs Gymnasium. Diesmal reagierte Christa anders, als Chindavong es erwartet hatte.
»Willst du wirklich Abitur machen?«, fragte sie, ehrlich besorgt, dass Chindavong das Gymnasium ohne stundenlanges tägliches Üben vielleicht nicht schaffen würde. Und was, wenn sie dann die Schule wieder verlassen müsste, schließlich ist ihre Aufenthaltserlaubnis an eine Ausbildung gekoppelt. Wäre es nicht sinnvoller, eine Lehre zu machen oder sich mit dem Fachabitur zu begnügen, damit sie nicht noch jahrelang von der finanziellen Unterstützung anderer Leute abhängig wäre? Und wer könnte ihr garantieren, dass Christa Gigold noch jahrelang in der Lage sein würde, jeden Tag mit ihr zu lernen?
»Aber ich habe eine Empfehlung für ein Gymnasium«, beharrte Chindavong, die sich noch nicht auf eine Fachrichtung oder einen Beruf festlegen will. Vielleicht will sie Ärztin werden, vielleicht Lehrerin, sie weiß es noch nicht.
»Sie ist so perfektionistisch«, seufzte Christa Gigold, wenn Chindavong nicht in der Nähe war.
»Sie hat gesagt, ich habe vielleicht nicht die Fähigkeiten, ein deutsches Abitur alleine zu schaffen«, sagte Chindavong, wenn Christa nicht zuhörte. Sie dehnte das Wort Fähigkeiten wie eine neue, schreckliche Vokabel, die sie sich nur ungern merkte. »Ich liebe Christa sehr, aber wenn sie so etwas sagt, das tut mir sehr weh.«
»Sie glaubt vielleicht, ich gönne ihr das nicht«, sagte Christa Gigold, die ein Fachabitur für einen guten Kompromiss hielt. »Aber sie überschätzt sich manchmal. Sie kann nicht einschätzen, wie schwer das ist.«
»Es ist mein Leben«, sagte Chindavong.
»Es ist ihr Leben«, sagte Christa.
Im Februar entschied sich Chindavong für eine Gesamtschule mit Gymnasialzweig. Christa war bei der Anmeldung dabei. Aber Chindavong wusste, dass sie sich eine andere Entscheidung gewünscht hätte.
Zwei Wochen lang traute sich Chindavong nicht mehr, Christa um Hilfe beim Lernen zu bitten. Auf ihren Klassenaufsatz über die
Verlorene Ehre der Katharina Blum
bereitete sie sich allein vor. Christa ging früher nach Hause als in den letzten beiden Jahren. Sie telefonierten immer noch jeden Abend, aber über die Schule redeten sie nicht.
Erst in den Osterferien lernten sie wieder gemeinsam.
»Vielleicht wollte sie mir zeigen, wie schwierig es für mich alleine ist«, vermutet Chindavong.
»Sie ist alt genug. Sie muss ihre eigenen Fehler machen«, sagt Christa.
Wenn man die beiden jetzt so reden hört, klingt es ein bisschen wie in einer Familie.
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- Datum 17.04.2007 - 11:35 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.04.2007 Nr. 16
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ist loeblich und notwending. Allerdings spricht sich sowas in Laos oder Timbuktu per Handy und Internet schnell herum. Daher frage ich mich: wird durch diesen Einsatz nicht die illegale Schleusung von Jugendlichen nach Deutschland erleichert und gefoerdert ? Sicher, man hilft denen, aber hilft es uns ? Haben wir nicht schon genug von denen ?
PS: die guten Schulleistungen der Laotin wie sicher auch anderer Kinder in der gleichen Situation sind nicht neu. Die strengen sich echt an, um bleiben zu koennen. Im Gegensatz zu vielen deutschen Kindern.
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