FrankreichEpochenwende in Paris

Bei der wichtigsten Wahl in Frankreich, seit Mitterand über Giscard siegte, geht es auch um uns.

Die Präsidentschaftswahl in Frankreich, deren erster Akt an diesem Sonntag über die Bühne geht, elektrisierte das Land wie kaum eine der großen Entscheidungen seit 1981, als François Mitterrand, der Neusozialist von rechts, den liberalen Aristokraten Giscard d’Estaing aus dem Élysée verscheuchte. Die Leidenschaften brandeten in der bataille à trois dieses Jahres heftiger auf als seit Menschengedenken, obschon die Passionen zwischen den Protagonisten Nicolas Sarkozy, Ségolène Royal und François Bayrou kaum politisch motiviert sind.

Auch die Anteilnahme von Frankreichs Nachbarn, zumal die der Deutschen, ist lebhafter, als wir’s erinnern. Spätestens seit dem Nein zur EU-Verfassung – auch wenn damals vor allem die eigene Regierung bestraft werden sollte – haben wir begriffen, dass die Franzosen auch für uns ihre Wahl treffen. Die europäische Integration, zumal im französisch-deutschen Kern der Union, duldet keine isoliert nationalen Prozesse mehr. Die sogenannte Souveränität, die wir artig respektieren, ist in Wirklichkeit zur Schimäre geworden.

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Das Schlachtgetöse war von keinen überragenden Themen beherrscht – und trotzdem scheint sich mit der Wahl des sechsten Präsidenten der Fünften Republik eine Art Epochenwende zu vollziehen. Die Fronten zwischen den ideologischen Lagern, seit der Revolution von 1789 durch nichts und niemanden aufzusprengen, beginnen sich zu verwischen, so starrköpfig die Sozialisten auch darauf bestehen, dass in alle Ewigkeit »links« sein müsse, was nicht »rechts« sein wolle. In Wahrheit bediente sich Ségolène Royal konservativer Kennworte, wann immer ihr die »Stimme des Volkes« zu einem Rechtsausleger riet: jene mysteriöse Kollektivvernunft, der stets zu gehorchen die Kandidatin geschworen hat. Anders ließ sich der ridiküle Appell nicht erklären, am Ende jeder Versammlung die Marseillaise anzustimmen und jedes Eigenheim mit der Trikolore auszurüsten: ein gespenstischer Versuch der Obristentochter, das welke Pathos der Nation in den Dienst ihrer Kampagne zu stellen.

Nicolas Sarkozy wiederum versuchte, neben präzis kalkulierten Exkursionen nach links, das Tor weit für den Anhang des zynischen Postfaschisten Le Pen zu öffnen, zumal mit dem peinlichen Einfall, ein »Ministerium für Einwanderung und nationale Identität« zu installieren – eine Art ethnischer Kontrollbehörde, die sich auch durch den patriotischen Eifer des Immigrantensprösslings der zweiten Generation nicht rechtfertigen lässt: eine Variante des Napoleon-Komplexes, den man dem talentierten und überambitionierten Streber nachsagt. Es würde ihn bitter ankommen, von einer Frau besiegt zu werden.

Aber sind die Franzosen denn schon bereit, eine Frau ins höchste Amt der Republik zu berufen? Alle Prognosen sprachen Sarkozy einen klaren Vorsprung vor Mme. Royal und dem dritten Kandidaten zu, der erst vor zwei Monaten als Konkurrent nach vorn stürmte: François Bayrou, der Mann der Mitte, der sich zutraut, die artifizielle Spaltung der Nation in ein linkes und ein rechtes Lager zu überwinden. Da es in Frankreich keine »natürliche« Mehrheit der Linken gibt, hätte Mme. Royal gut daran getan, von Beginn an auf eine Koalition der »linken Mitte« zu setzen. Der Chef der kleinen liberalen Partei – in Wirklichkeit ein Christdemokrat im Geiste des großen Robert Schuman und damit ein geeichter Europäer – schickte einladende Signale genug. Die Sozialisten zeigten ihm die kalte Schulter – bis auf den klugen Michel Rocard und Bernard Kouschner, den Gründer von Médecins Sans Frontières, denen eine bornierte Zurückweisung durch François Hollande zuteil wurde, den Generalsekretär der Partei (und Lebenspartner der Kandidatin).

Man soll den Demoskopen misstrauen. Doch sie waren sich in der Voraussage einig, dass der gemäßigte Bayrou – Sohn eines Kleinbauern, dem »noch die Erde an den Schuhen klebt« (wie die Franzosen sagen) – die besseren Chancen hätte, Sarkozy im zweiten Wahlgang zu schlagen. Vielleicht entschließt sich Mme. Royal, wenn sie die nächste Etappe erreicht, doch noch zu der rettenden Allianz mit Bayrou. Der Zentrist lebt Europa. »Sarko« und »Ségo« waren die Union und die deutsch-französische Kooperation im Wahlkampf kaum eine Erwähnung wert. Sie werden aber, falls gewählt, die europäischen Lektionen lernen – wie vor ihnen Mitterrand oder Chirac. So will es das Gesetz der Geschichte.

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Leserkommentare
    • jaso
    • 21.04.2007 um 20:01 Uhr

    Ich staune über die Begeisterung der deutschen Zeitungen für die französische Präsidenschaftswahl. Zwar sind Präsidentschaftswahlen immer interessant, in etwa wie die Wahl in England und in Italien, von den USA ganz zu schweigen: Je größer der Staat, umso spannender und weitreichender. Aber in der Heftigkeit, in welcher hier um eine Wahl debattiert wird, in Frankreich und in Deutschland, schwebt auch so etwas wie aufgeblasene Belanglosigkeit mit.

    Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich plädiere für viele Wahlarten und Formen der Berichterstattung. Aber der Gusto, den viele Journalisten anschlagen, so als ob Europa an der Schwelle zu einem weiteren Jahrtausend steht, erschreckt mich in der gleichen Weise, wie letztes Jahr die ersten zwei Wochen nach der Karikatur-Angelegenheit und die erstaunliche Zurückhaltung verblüfften.

    Ohne in Relativismus zu verfallen, wünschte ich mir etwas mehr Distanz. Denn mir scheint, als ob das Thema künstlich am Leben erhalten wird, trotzdem es die meisten nicht wirklich-wirklich interessiert, außer jene, die sowieso in der Materie sind und nach neuen Informationen dursten. Es ist nicht gerade so, als ob es an politischen Themen, ganz besonders für eine erörternde Zeitung wie Die Zeit, mangelte.

    Wärmstens, ...

  1. dass er nicht nur Fakten vermittelt sondern auch über die Hintergründe aufklärt.
    Glaubten wir Einfaltspinsel es handle sich um eine Wahl, wo der fähigste Kandidat bzw. die für das Land notwendige Politik gewählt würde, erfahren wir dass diese Wahl wieder mal ein Teil des Endkampfes ist.
    Böse gegen Gut.
    Alt gegen Neu.
    Reaktion gegen Fortschritt.
    Mann gegen Frau.

    Das ist die Quintessenz.

    Oder was sollte uns sonst mit solchem Stuss:

    „Es würde ihn bitter ankommen, von einer Frau besiegt zu werden.
    Aber sind die Franzosen denn schon bereit, eine Frau ins höchste Amt der Republik zu berufen?“

    gesagt werden?

  2. Mein Vorredner hat im Grunde schon alles gesagt.

    Seltsamer Journalismus, der nicht Informiert, sondern perönliche Vorlieben Propagiert. Nach der Lektüre des 'Artikels' heißt es: 'Es kann nur eine geben!' Nur schade, dass die Franzosen wählen dürfen - ein echter skandal.

  3. Ich lebe seit fast zwanzig Jahren in Frankreich und bin als Deutscher!! französischer Beamter. Was mich schon immer überrascht/geschockt hat ist diese künstliche Zweiteilung in ein rechtes und linkes politisches Lager. Diese Blindheit, dass man, nur weil der Gegner einen Vorschlag gemacht hat, diesen sofort und in allen Teilen zurückzuweisen hat, ist mir unverständlich. Ich kann jetzt nur noch sagen was passieren wird.
    Wenn N. Sarkozy gewählt würde können wir uns für September auf Straßenschlachten und Generalstreiks einstellen. Das ultraliberale Programm würde in Frankreich zur Explosion führen, besonders in den Vorstädten ... Es sind gute Ideen in seinem Programm aber zB die Einführung eines Grundbetrags bevor die Krankenversicherung eine Behandlung zurückerstattet bringt die Ärmsten in Bedrängnis.Außerdem sind seine verbalen Ausfälle (Kärcher, Gesindel usw.) ein rotes Tuch für viele. Ich persönlich kann ihm spätetens seit der Affaire um seine Wohnung in Neuilly nicht mehr glauben. Ich hätte auch gern für 300000€ neue Einrichtungen in meiner Wohnung gehabt. Der Mehrgewinn beim Wiederverkauf von mindestens 600000€ dieses Jahr spielt (fast) keine Rolle.
    Über die linke Kandidatin, Ségolène Royal, ihre Vorschläge sind, meiner persönlichen Ansicht nach, ein Sammelsurium um es jedem Recht zu machen ohne eine klare politische Linie, doch schon das Programm ist deutlich mehr links ausgerichtet, aber mit, nach meiner Ansicht nach, deutlichen 'Law and Order' Projekten ... Kriminelle Jugendliche sollen vom Militair erzogen werden . Ich würde, wenn ich wählen könnte, ihr nicht meine Stimme geben. Der Grund ist dass ich die Frau Ségolène Royal persönlich kennengelernt habe als ich als Universitätsdozent mit dem französischen Erziehungsministerium zu verhandeln hatte.
    Der einzige Kandidat, der eine vernünftige Zukunftsperspektive für Frankreich und Europa vorschlägt ist F. Bayrou
    Mit freundlichen Grüssen
    Ulrich Gottlieb

  4. mitterrant wird mit zwei 'r' geschrieben.

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