Immer mehr Menschen in Deutschland treten zum Islam über. Diese Botschaft verbreiteten viele große Medien in den vergangenen Wochen und gingen dem Phänomen mit Berichten über bekehrte Neumuslime nach. Rund 4000 Konversionen habe es – »trotz des islamistischen Terrors« – binnen eines Jahres gegeben, schrieb der Spiegel, viermal so viele wie im Zeitraum zuvor. Von einer Verzehnfachung der jährlichen Übertritte nach 2001 konnte man in der Süddeutschen Zeitung lesen. Muslimischer Alltag in Deutschland BILD

Die Artikel konnten sich alle auf eine scheinbar seriöse Quelle berufen: eine Untersuchung des Zentralinstituts Islam-Archiv-Deutschland im westfälischen Soest. Die Studie wurde immerhin mit Geld des Bundesinnenministeriums finanziert. Ressortchef Wolfgang Schäuble äußerte sein Unbehagen an der neuen Koranbegeisterung mancher Deutschen. Die »wachsende Zahl von Menschen«, die zum Islam konvertierten, habe »etwas Bedrohliches«, sagte Schäuble und verwies auf die »fanatische Übersteigerung« mancher Konvertiten.

Düsteres Rätsel Islam: Sickert die fremde Religion jetzt von innen in die Gesellschaft ein? Nein. Die Islamisierung findet offenbar nicht statt. Die enormen Steigerungsraten sind – alle Indizien sprechen dafür – Fantasiezahlen. Das Institut mit dem pompösen Namen erweist sich als Einmannbetrieb samt ein paar Hiwis, deren Erhebungen sowohl Muslime als auch Islamforscher jede Seriosität absprechen. Erhellend waren die Medienberichte und die Schäubleschen Warnungen dennoch – als Lehrstück für den Umgang mit Fakten und Zahlen zur zweitgrößten Religion in Deutschland.

Die Wissenschaft hat das Thema über Jahrzehnte verschlafen

Denn kaum eine Woche vergeht, in der Muslime nicht Schlagzeilen machen. Oft sind es negative. Sie handeln von Zwangsheiraten und Ehrenmorden, von Integrationsverweigerung und Parallelgesellschaften, von Machojungen, Kopftuchmädchen und prügelnden Ehemännern. Vergangene Woche haben sich die organisierten Anhänger des Korans zu einem Koordinierungsrat zusammengeschlossen. Damit entwickelt sich der Islam hierzulande auch zur politischen Größe. Bei so viel öffentlicher Präsenz sollte man von einem recht soliden Wissen über den Islam in Deutschland ausgehen. Man stellt sich Forscher vor, die seit Jahren Studie an Studie reihen; Politiker, die auf diesem empirischen Fundament Entscheidungen treffen. Schließlich leben Muslime seit 40 Jahren in Deutschland; die »Einbürgerung des Islams« wird parteiübergreifend als eine der größten innenpolitischen Herausforderungen betrachtet. Doch die Wirklichkeit der Faktenlage sieht trübe aus.

»Was Muslime in Deutschland glauben, wie sie ihre Religion leben, darüber wissen wir kaum etwas«, sagt Peter Heine, Islamexperte an der Berliner Humboldt-Universität. Die Wissenschaft habe das Thema über Jahrzehnte verschlafen. Dennoch dürfte es wenige politische Felder geben, auf denen die Faktenschwäche so sehr durch Meinungsstärke kontrastiert wird. In die Leerstelle drängen viele: islamkritische Publizisten und Multikulti-Anhänger, Verfassungsschützer und Verbandsmuslime, Lobbygruppen oder pseudowissenschaftliche Institute wie das Islam-Archiv in Soest.

Seit vielen Jahren veröffentlicht sein Leiter, Muhammad Salim Abdullah, selbst Muslim und ehemaliger Journalist, angeblich detaillierte Angaben zum islamischen Leben in Deutschland: zur Teilnahme an Freitagsgebeten und Korankursen, zu muslimischen Parteienpräferenzen und Konversionen. Das umfassende Zahlenwerk sei Ergebnis einer »Vollerhebung bei allen islamischen Verbänden« sowie ausgewählten Moscheen, sagt Abdullah gegenüber der ZEIT. Es sei »in jedem Fall repräsentativ«.

Doch die besagten Organisationen können sich nicht daran erinnern, Angaben zu Konvertiten gemacht zu haben. »Wir beantworten nur Anfragen von Institutionen, die wir ernst nehmen. Das Islam-Archiv gehört nicht dazu«, sagt Bekir Alboga von Ditib, der größten islamischen Gruppierung in Deutschland. Auch aus der Zentrale von Milli Görüş können die Informationen nicht stammen, versichert Generalsekretär Oguz Üçüncü. Wer zum Islam übertreten will, muss vor zwei Zeugen das Glaubensbekenntnis (Shahada) sprechen. Dann ist er Muslim. Ein Register von Konvertiten führe sein Verband nicht, sagt Üçüncü. Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime bestätigt immerhin, eine Anfrage vom Islam-Archiv erhalten zu haben. Dabei sei es jedoch nicht um Konvertiten gegangen, sondern um andere Themen. Die Fragestellung sei jedoch »sehr unwissenschaftlich« gewesen, sagt Mazyek. Dieses Unbehagen habe man dem Bundesinnenministerium mitgeteilt.

Bei der Zentrumsmoschee in Hamburg stößt man endlich auf eine Stelle, die eine Konvertitenzahl nach Soest gemeldet hat. »Das schätzen wir so Pi mal Daumen«, sagt Mustafa Yoldaş. Zum Beispiel schaue man beim Freitagsgebet, wie viele blonde Köpfe man entdecke. Selbst einstige Mitarbeiter des Islam-Archivs wie Metin Ilhan, der für Abdullah vor Moscheen Gläubige befragte, bezweifeln die Aussagekraft der Erhebungen. »Repräsentativ war das nicht«, sagt Ilhan. Allenfalls zeige es eine Tendenz an.

Doch auch den Trend zum Konvertitentum kann kein Verbandsfunktionär bestätigen. Einen größeren Anstieg von Übertritten könne man nicht bestätigen, heißt es übereinstimmend bei Islamrat, Zentralrat und Ditib. In seiner Heimatmoschee in Mannheim, immerhin der größten der Stadt, gebe es allenfalls ein, zwei Übertritte pro Jahr, sagt Ditib-Mann Alboga. Der Beitrittsgrund sei meist ein muslimischer Ehepartner.

Erneut mit den Aussagen der Verbände konfrontiert, entgegnet der Leiter des Islam-Archivs, man müsse seinen Angaben schon glauben. Er habe Informanten in den Spitzen aller Verbände, die ihm die Zahlen vertraulich lieferten. Die meisten Übertritte habe es in den Reihen des Islamrats gegeben. Deren Generalsekretär weiß von nichts. »Wir können einen Anstieg von Übertritten nicht feststellen«, sagt Ali Kizilkaya. Unwahrscheinlich, dass Kizilkaya einen solchen Anstieg leugnen würde. Im Gegenteil: Ein steigender Zulauf würde die Verbände freuen.

Die Konvertitenwelle ist offenbar ein Phantom. Dass die Nachricht dennoch so begierig aufgenommen wurde, führt die Kulturwissenschaftlerin Monika Wohlrab-Sahr auf eine »neurotische Erregbarkeit beim Thema Islam« zurück. Die Leipziger Professorin ist Autorin der einzigen größeren Untersuchung über Neumuslime und ihre Motive zum Religionswechsel. Über gesicherte Konvertitenzahlen verfügt jedoch auch sie nicht. Dass die Angaben aus Soest hochgradig verdächtig seien, hätte jedem auffallen müssen, sagt die Wissenschaftlerin. Das habe sie auch allen Journalisten gesagt, die sie befragten. »Nur geschrieben hat es kaum jemand.«

Der Mangel an halbwegs verlässlichen Kenntnissen bestimmt die gesamte Debatte über den Islam in Deutschland. Im Koranunterricht der Moscheen lernten junge Muslime neben dem Koran auch Intoleranz gegenüber Andersgläubigen, lautet ein Vorwurf. Doch stimmt er tatsächlich? Und wie viele Kinder und Jugendliche besuchen die Klassen beim Hodscha? Die Zahl der kopftuchtragenden Frauen nehme zu, sagt der Augenschein in Berlin-Kreuzberg oder Duisburg-Marxloh. Doch wie viele Frauen tragen das Tuch? Verlässliche Antworten fehlen.

Was predigen die Vorbeter beim Freitagsgebet in der Moschee? Woher stammen sie, und mit welchen Vorstellungen kommen sie nach Deutschland? Niemand weiß es. Überhaupt ist wenig bekannt über die Rolle, welche die Moscheen bei der Integration der Migranten spielen. Sind sie ein Hindernis auf dem Weg der Muslime in die deutsche Gesellschaft, oder fungieren sie vielleicht als Brücke? Alle Aussagen darüber sind vage Annahmen oder Behauptungen, die sich oft nur auf eine Handvoll Beispiele stützen.

Wer aus der Türkei eingewandert ist, glaubt an Allah. Oder etwa nicht?

Bislang hat diese Unkenntnis kaum jemanden gestört. Nun aber wird die Ignoranz zum politischen Problem. Denn der neue Dachverband der muslimischen Organisationen tritt als offizieller Interessenvertreter des Islams dem deutschen Staat gegenüber. Wer hinter den Organisationen steckt und wen sie tatsächlich vertreten, durchblickt kaum jemand. So gibt es keine einzige Studie zum größten islamischen Verband, der türkeinahen Ditib. Wer über den Islamrat und die dahinterstehende Milli Görüş spricht, ist weitgehend auf Informationen des Verfassungsschutzes angewiesen, der die Vereinigung beobachtet. Doch die (veröffentlichten) Belege der Staatsschützer für ihren Islamismusvorwurf sind dünn. Das Gleiche trifft auf die Frage zu, für wie viele Gläubige der Dachverband sprechen kann. Die einzige halbwegs verlässliche Quelle zur Religionszugehörigkeit ist eine Telefonumfrage unter Bürgern mit türkischstämmigen Namen vom Zentrum für Türkeistudien 2005.

Im Grunde genommen kennen wir noch nicht einmal die Zahl der Muslime in Deutschland. Die Schätzungen schwanken zwischen 2,5 und 3,5 Millionen und basieren meist auf Angaben des Herkunftslands der Einwanderer. Die Gleichung heißt: Wer aus der Türkei oder dem Libanon stammt, glaubt an Allah und seinen Propheten Mohammed. Mit eingemeindet werden damit alle Atheisten, alle Christen und andere religiöse Gruppen wie etwa die Aleviten, deren Zugehörigkeit zum Islam umstritten ist. Sie sehen sich wie viele andere religionsferne Muslime auch nicht von dem neu gegründeten Dachverband vertreten. Doch was glauben die sogenannten säkularen Muslime, die allenfalls am Ende des Ramadans eine Moschee aufsuchen? Auch hier fehlt es an Wissen.

Eigentlich obliegt es der Wissenschaft, Licht ins Dunkel zu tragen und steile Thesen durch empirisch abgesicherte Fakten zu ersetzen. Doch die zuständigen Universitätsgelehrten haben sich für den heimischen Islam lange kaum interessiert – vor allem die Islamwissenschaftler nicht. Der Glauben der Migranten galt als rückständig und intellektuell anspruchslos. Zudem verstehen sich die Orientalisten eher als Philologen denn als Sozialwissenschaftler. »In einer Hinterhofmoschee zu schauen, was die Muslime dort glauben, war wenig karriereförderlich«, sagt Peter Heine, Professor an der Humboldt-Universität.

Zugespitzt formuliert: Schön alt und möglichst weit weg musste das Forschungsobjekt sein. So kommt es, dass die deutschen Islamgelehrten mehr über Sufi-Dichter im alten Persien zutage gefördert haben als über Vorbeter in Deutschland. Wer sich dennoch mit dem hiesigen Islam beschäftigte, wurde nicht ernst genommen oder erhielt nie eine Professur wie die Marburger Turkologin Ursula Spuler-Stegemann. Bis heute gibt es keinen ausgewiesenen Islamwissenschaftler, dessen Forschungsschwerpunkt in Deutschland liegt.

Nur langsam verschieben sich die Interessen. Der Orientalistentag im September diskutiert laut Programm nicht nur über die islamische Buchkultur des 17. Jahrhunderts, sondern auch über den muslimischen Religionsunterricht an deutschen Schulen. An einigen Forschungsstandorten – insbesondere in Erfurt oder Berlin – arbeiten Nachwuchswissenschaftler an interessanten Themen wie etwa Frauen in muslimischen Organisationen. Zudem sind in Frankfurt, Münster und Erlangen Professuren für islamische Religionskunde entstanden, hauptsächlich mit dem Ziel, künftige Religionslehrer auszubilden.

Die Neuorientierung erfolgt jedoch äußerst zögerlich. Oft hört man die These, Wissenschaft gedeihe dann am besten, wenn man die Forscher in Ruhe lasse. Im Fall des Islams in Deutschland würde man sich einen wissenschaftspolitischen Anstoß jedoch sehr wohl wünschen, etwa in Form eines großen Forschungsprogramms. Denn auch andere Disziplinen wie die Migrationsforschung, die Religionswissenschaften oder die (interkulturelle) Pädagogik haben das Thema lange Zeit brachliegen lassen. Ausnahmen wie der in Frankfurt (Oder) lehrende Ethnologe Werner Schiffauer bestätigen die Regel.

»Der Islam wurde als traditionelles Relikt betrachtet, das in der zweiten und dritten Generation kaum noch eine Rolle spielen würde«, sagt Yasemin Karakasoglu, Professorin für interkulturelle Bildung in Bremen. Sie ist Autorin einer der wenigen repräsentativen Studien zu Denken und Alltag von Migrantenjugendlichen, unter ihnen viele türkischer und bosnischer Herkunft. Bei den anderen Untersuchungen zu jungen Muslimen handelt es sich meist um Interviews mit mal zehn, mal dreißig Probanden. Sie bieten interessante Einsichten, etwa wie sich junge muslimische Männer und Frauen integriert fühlen. Allgemeingültige Erkenntnisse können sie nicht liefern.

Nun ist die Erforschung des Islams und seiner hiesigen Anhänger nicht einfach. Um die Zahl der Mitglieder der christlichen Kirchen zu erfahren, reicht ein Anruf bei der Statistikabteilung der jeweiligen Konfession. Den islamischen Gemeinden fehlt diese Verwaltungsbürokratie – und oft der Wille zur Transparenz. Gerade Deutschland mangelt es, anders als Frankreich oder Großbritannien, zudem an einer Migrantenelite, die sich für den eigenen Glauben interessiert.

Gerade die Wissenschaft sollte sich von solchen Hürden nicht abschrecken lassen. Die politische Bedeutung des Themas verlangt nach repräsentativen Studien. Mit solchen Erhebungen ließe sich etwa ermitteln, wie groß das Problem der Zwangsehen tatsächlich ist – und welche Strategien dagegen helfen. Bisher nämlich kursieren auch hier höchst unterschiedliche Angaben, wie viele Frauen und Männer ohne ihr ausdrückliches Einverständnis verheiratet werden. Zählt man lediglich die Frauen, die sich bei Frauenhäusern oder Beratungsstellen melden, sind es jährlich nur einige hundert Fälle. Definiert man wie die Islamkritikerin Necla Kelek jede arrangierte Ehe als Zwangsheirat, dürfte die Zahl bei mindestens zehntausend liegen.

In jedem Fall aber kann es unmöglich jedes Jahr 30000 neue Zwangsverheiratungen in Deutschland geben. Denn diese Zahl übersteigt sogar die Gesamtmenge der aus der Türkei jährlich nachziehenden Ehepartner. Dennoch taucht die Angabe in Zeitungsartikeln immer wieder auf und findet sogar Eingang in Gesetzesanträge und Parlamentsdebatten. Als Quelle wird meist die Frauenorganisation Terre des Femmes angegeben.

Doch die Vereinigung will von den 30000 nichts wissen. »Es handelt sich um eine Falschmeldung«, sagt Mitarbeiterin Sibylle Schreiber. Die Zahl sei »völlig unrealistisch« und entbehre »jeglicher Wissenschaftlichkeit«. Das habe die Organisation wiederholt versucht klarzumachen. Einmal in die Welt gesetzt, taucht die Angabe jedoch immer wieder auf. »Da scheint der eine vom anderen abzuschreiben«, kritisiert Schreiber.

Ein solch langes Leben könnte auch der Nachricht von der wundersamen Konvertitenvermehrung blühen – selbst wenn sie womöglich niemals offiziell das Licht der Welt erblickte. Bisher nämlich ist die viel zitierte Studie, in der die Sensationszahl steht, noch gar nicht veröffentlicht. Niemand außer den Autoren und der zuständigen Fachabteilung im Bundesinnenministerium hat sie bislang gesehen. Das Innenministerium hat das Islam-Archiv inzwischen gebeten, seine Quellen deutlicher zu kennzeichnen. Das ist bislang jedoch nicht geschehen – ob der Bericht jemals veröffentlicht wird, ist höchst ungewiss. Am Ende hat es die Nachricht also gar nicht gegeben.

Anfang dieser Woche betonte eine Sprecherin des Schäuble-Ressorts die »dringende Notwendigkeit von verlässlichen sozialwissenschaftlichen Daten – nicht nur zu Konvertiten, sondern zum Islam in Deutschland insgesamt«. Die Umfragen des Islam-Instituts sind damit nicht gemeint. Die Zusammenarbeit mit der Einrichtung werde nicht fortgeführt.

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Information im Internet
Islam-Archiv Deutschland »

Stiftung Zentrum für Türkeistudien »