Amoklauf Aufmarsch der MachtlosigkeitSeite 2/2

Wie schon nach dem Massaker an der Columbine-Highschool ist in den USA auch jetzt der rituelle Streit über den landesüblichen Umgang mit Schusswaffen ausgebrochen – allerdings nicht unter Politikern, die das Thema inzwischen meiden. Weder Hillary Clinton noch Barack Obama, die beiden aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, fügten ihren Beileidsbekundungen irgendwelche Forderungen nach verschärfter Waffenkontrolle bei. Die Demokraten haben seit der Präsidentschaftskandidatur von Al Gore die Erfahrung gemacht, dass sie diese Position zu viele Stimmen in den Südstaaten kostet und zu wenige in den liberalen Küstenstaaten einbringt. Das Weiße Haus ließ noch am Montag, dem Tag des Amoklaufs in Blacksburg, durch eine Pressesprecherin ausrichten, dass der Präsident am Recht eines jeden Bürgers auf Waffenbesitz festhalte. Die National Rifle Association (NRA), Amerikas bekannteste Waffenlobby, ließ auf ihrer gerade stattfindenden Jahrestagung dasselbe verlauten. Blogger debattieren seit Blacksburg hitzig über die Frage, ob man nicht wenigstens Lehrer und Professoren gegen Amokläufer bewaffnen soll.

Das Klischee vom waffenstarrenden Amerika scheint sich wieder einmal zu bestätigen. Scheint. Denn die Statistiken zeichnen ein etwas anderes Bild. Die NRA mag weiterhin über reichlich Einfluss verfügen, doch die Gesamtbevölkerung wird offenbar langsam waffenmüde. Wie die Universität von Chicago unlängst in einer Studie ermittelte, ist die Zahl der amerikanischen Haushalte, die eine Schusswaffe besitzen, in den vergangenen 30 Jahren von 54 auf 30 Prozent geschrumpft.

Ähnliches gilt auch für die Zahl der Waffenhändler. Anfang der neunziger Jahre hatte das Washingtoner Violence Policy Center noch feststellen müssen, dass es in den USA mehr lizenzierte Waffenhändler als Tankstellen gab. Inzwischen ist die Zahl der Händler dank schärferer bundesstaatlicher Kontrollen von fast 250000 auf knapp 55000 gesunken.

Das macht umgerechnet immer noch über 1000 Waffenhändler pro amerikanischen Bundesstaat. Darunter befinden sich dann Großgeschäfte wie Bob Moates und Old Dominion Guns and Tackle in Virginia, die trotz der Tragödie in Blacksburg in den kommenden Tagen jedem Kunden eine Schusswaffe schenken werden, der für mehr als 100 Dollar einkauft. Das Ganze ist eine Protestaktion gegen den New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, der Waffengeschäfte in Virginia und mehreren anderen Bundesstaaten verklagt hat, weil sie die ohnehin schon laxen Kontrollen ignorieren und damit auch Kriminellen aus New York ermöglichen, sich problemlos mit Schusswaffen einzudecken. Auch diese Konfrontation ist symptomatisch für die aktuelle Debatte.

Auf der großen medialen Bühne des anlaufenden Präsidentschaftswahlkampfs wird das Thema Waffenkontrolle gemieden. Doch auf kommunaler und einzelstaatlicher Ebene haben Bürgermeister und Gouverneure der Waffenlobby und der Industrie sehr wohl den Kampf angesagt. Allen voran der Republikaner Bloomberg in New York und sein Parteifreund, der kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger, ehemals bekannt als Blei spuckender Terminator.

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Leser-Kommentare
  1. das ist jetzt ein moment zu schweigen und den jungen menschen die da umkamen zu gedenken und sonst von gar nichts. die zeit zu kritik kommt noch. und auch dann ist es nicht das richtige thema für arrogante fernanalysen und pauschalisierungen.

    • iceman
    • 18.04.2007 um 12:29 Uhr

    The New York Times:

    http://www.nytimes.com/20...

    • OJM
    • 18.04.2007 um 12:36 Uhr

    Sicher nicht, liebe Zeit. Vermutlich ist Kaliber .22 gemeint ( http://de.wikipedia.org/w... )

    • uff
    • 18.04.2007 um 13:45 Uhr

    in vielerlei Hinsicht, verehrte Frau Böhm.
    Sie dreschen nicht auf den Täter ein und sind doch selbst voller Trauer über die Toten.
    Ich habe für mich eine Weile gesucht, bis ich in der amerikanischen 'Öffentlichkeit' das fand und wiederfand, was eben verhindert, dass man an den Amis verzweifelt.
    Sie haben das eindrucksvoll bestätigt mit den Statistiken über Waffenbesitz etc.
    Ich meine zwei Filme, die ganz sicher nicht zufällig den Namen L.A. im Titel tragen.
    Der erste ist der 'Leben und Sterben in L.A.', in dem die Wehrlosigkeit von Menschen gegenüber der Gewalt gezeigt wird, aber an Menschen, die Gewalt ausüben bzw. wie selbstverständlich damit umgehen.
    Der zweite Titel ist mir gerade nicht präsent. Er ist von 2004, hat zu Recht einige Oscars bekommen, Sandra Bullock spielt mit.
    Das ist ein Märchen, aber eines, das in den USA wahr werden möchte.
    Danke Frau Böhm

  2. 'Zum Beispiel gab es mal ein wahnsinnig aggressives Volk, das sich die Silastischen Waffenteufel von Striterax nannte....Und so kam man schließlich darauf, dass jeder Waffenteufel, der in seinem silastischen Beruf eine Waffe tragen musste (Militärs, Verkehrspolizisten, Volksschullehrer) täglich eine Dreiviertelstunde lang auf einen Kartoffelsack eindreschen musste, um seine überschüssigen Aggressionen loszuwerden.' (Douglas Adams, Per Anhalter durch die Galaxis, Teil 3)

    Manche Ideen der Schriftsteller können gar nicht absurd genug sein, als dass die Wirklichkeit sie nicht einholen könnte: Gegen Amokläufer bewaffnete Lehrer, zum Beispiel.

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