Kinder Weg vom Rockzipfel
Krippenkinder verkraften die Trennung von den Eltern besser, als viele wahrhaben wollen
Kartoffeln und Blumenkohl lassen an diesem Dienstagmittag ungewöhnlich lange auf sich warten. Levi, Ekke und Silas sitzen in frischen Windeln und mit nackten Beinen auf ihren Holzhockern am Tisch und starren Löcher in die Luft. Mit perfekt geschnürten Lätzchen erwarten die Ein- und Zweijährigen den Wagen mit den dampfenden Schüsseln. Weil nichts anderes auf dem Tisch steht, entdeckt Silas den Früchtetee als Zeitvertreib. Er gießt das kleine Glas vor sich voll bis zum Rand und versucht, den Tee mit der Gabel auf seinen Teller zu transportieren. Die Idee gefällt den anderen Kindern so gut, dass bald auf allen Tellern himbeerrote Pfützen schwimmen. Während Kindern zu Hause mit einem deutlichen »Mit Essen spielt man nicht!« schnell die Lust am Experimentieren genommen wird, ist diese geduldete Sauerei in der Hamburger Krippe Tornquiststraße ein Moment des Lernens. Dass sich Flüssiges mit Gabeln nur mühsam bewegen lässt, das haben sich die Kinder kurz vor ihrem Mittagsschlaf noch schnell selbst beigebracht.
Nun ist es aber so, dass Levi, Silas und Ekke durch ihre Stunden in der Krippe Gefahr laufen, später als Störenfriede und Unruhestifter in ihren Schulklassen aufzufallen. Das zumindest behaupten US-Forscher des National Institute of Child Health and Human Development (NICHD) aufgrund der neuesten Ergebnisse einer seit 1991 laufenden Längsschnittstudie. Sie zeigt an zwölfjährigen Schulkindern, was vor einigen Jahren schon bei vierjährigen Kindergartenkindern auffiel: Kinder, die besonders früh und für lange Zeiträume eine Krippe besuchten, neigten später eher zu auffälligem Verhalten als jene, die zu Hause betreut wurden. Zwar blieb das beobachtete Verhalten durchweg noch im normalen Rahmen. Dennoch sind solche Forschungsergebnisse Wasser auf die Mühlen all jener, die angesichts des geplanten Krippenausbaus gerade noch einmal tief in die konservative Wertekiste greifen und vor den Gefahren zu früher »Fremdbetreuung« warnen – die nach den Worten des Augsburger Bischofs Walter Mixa gar »inhuman« sei. Was also wird aus unserem Land, wenn spätestens 2013 jedes dritte Kind in eine Krippe gehen darf, 750000 insgesamt, und diese Kinder später die Schulklassen aufmischen? Produzieren Krippen Ungehorsam und Aggressivität?
»Die Amerikaner sagen nicht, dass die außerfamiliäre Betreuung für Kinder unter drei Jahren schlecht sei«, sagt die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert von der Universität Köln. »Die Studie belegt aber, dass es eine große Rolle spielt, wie viel Zeit Kleinkinder neben der Krippe noch mit ihren Eltern verbringen.« Bindungsforscher glauben, dass nicht die Krippen allein für die Verhaltensauffälligkeiten verantwortlich gemacht werden können. Kinder brauchen die unverplante, gehaltvolle Zeit mit Vater und Mutter, quality time, in der sie keinem Gruppenschema unterliegen. »Die Zeit des Kindes mit der Mutter und seiner Familie darf nicht beliebig reduziert werden«, sagt auch der Schweizer Kinderarzt Remo Largo. Bindung sei eine reine Zeitfrage. »Das Kind bindet sich an die Person, die verfügbar ist, die Zeit hat.« Das heißt, solange es ein ausgewogenes Zeitverhältnis zwischen Krippe und Elternhaus gibt, ist das seelische Gleichgewicht des Kindes außer Gefahr.
Trotzdem fragen sich Eltern besorgt, wie das Kind die »Mutterentbehrung« verkraften wird. Wie viele Stunden in der Woche sind in welchem Alter zumutbar? In den USA geht man davon aus, dass sechs Monate alte Babys bereits für maximal 20 Stunden pro Woche in eine Einrichtung gegeben werden können. Deutsche Wissenschaftler halten sich mit konkreten Empfehlungen zurück. Aber die moderne Bindungsforschung ermutigt Eltern, auch Kinder unter zwei Jahren außerhalb der Familie betreuen zu lassen. Unbestritten ist, dass schon Kleinkinder neben der Beziehung zur Mutter innige Kontakte zu anderen Erwachsenen und auch Kindern aufbauen können – und dass ihre kognitive und sprachliche Entwicklung davon profitiert. Die Mutter-Kind-Bindung leidet unter diesen »Fremdbeziehungen« nicht. »Der Mutter-Mythos der letzten 50 Jahre beruht auf der überholten Annahme, dass allein die sichere Bindung zur Mutter die entscheidende Basis für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung des Kindes ist«, sagt Remo Largo. Selbst die beste Mutter der Welt könne dem Kind nicht alle Erfahrungen bieten, die es für seine Sozialisierung brauche.
Kleinkinder lernen früh, Konflikte zu lösen
Dass bereits Kleinkinder über Sozialkompetenz verfügen, hat die Psychologin Heidi Simoni vom Marie-Meierhofer-Institut für das Kind in Zürich durch langjährige Beobachtung von Krippenkindern herausgefunden. »Schon neun Monate alte Babys interessieren sich für andere Kinder, nehmen Kontakt auf, ahmen sie nach«, sagt Simoni. Bereits die Kleinsten gehen sehr vertrauensvoll miteinander um, versuchen Konflikte zu lösen, beginnen sich zu helfen und gegenseitig zu trösten. Simoni stellte aber auch fest, dass es stark von einer harmonischen Atmosphäre und einer überschaubaren, konstanten Gruppe abhängt, wie gut sich die Kinder aufeinander einlassen.
Eine Krippe kann schon für die Kleinsten zum spannenden Ort des Lernens und Entdeckens werden, wenn sie sich ganz auf die Bedürfnisse der Kinder einstellt. Leider entspricht der Istzustand deutscher Krippen noch lange nicht dem Idealbild der Kleinkindforscher. International gelten drei bis vier Kinder unter drei Jahren pro Erzieherin als guter Standard – in Deutschland sind es eher sechs bis sieben. Gerade die unter Dreijährigen sind aber auf den direkten Dialog mit ihrer Betreuerin angewiesen. »Kleine Kinder brauchen zeitnahe Reaktionen auf ihr Verhalten und ihre Bedürfnisse«, sagt Lieselotte Ahnert. Für sie ist eine individualisierte Betreuung die wichtigste Voraussetzung, damit sich ein Kind in der Krippe wohlfühlt. »Wenn das Kind allein der Gruppe ausgeliefert ist, kann das im schlimmsten Fall zu sozialer Unsicherheit führen und sich negativ auf seine Entwicklung auswirken.« Durch Messungen des Stresshormons Cortisol im Speichel der Kinder hat die Kölner Bindungsforscherin herausgefunden, dass Trennung und Eingewöhnung durchaus Stress für das Kind bedeuten. Allerdings pegelten sich die Werte nach den ersten fünf Monaten in der Krippe wieder ein.
Eine behutsame Eingewöhnungszeit gilt als wichtigster Baustein für eine glückliche »Krippenkarriere«. Dafür nehmen es Erzieherinnen in Kauf, dass Mutter oder Vater noch nach drei Wochen mit im Gruppenraum sitzen. Die Erfahrungen aus DDR-Krippen sind heute nur noch abschreckendes Beispiel. Dort wurden alle Kinder unter drei Jahren zu einem festen Termin im September ohne jegliche Eingewöhnung aufgenommen – egal ob sie acht Wochen oder zwölf Monate alt waren. Damals konnte man sehen, wohin es führt, wenn Kinder den Stress, den ihnen die Trennung von den Eltern bereitet, nicht mehr ausbalancieren können, wenn kein Vertrauen entsteht. »Die Kinder sind reihenweise krank geworden«, sagt Lieselotte Ahnert, »teilweise so schlimm, dass sie am Ende als ›krippenunfähig‹ galten.« Andererseits bestätigen neuere Studien aber auch, dass die Erfahrungen der ersten Lebensjahre nicht so prägend sind, wie das lange angenommen wurde. »Es gibt immer die Möglichkeit, negative durch neue, positive Erfahrungen zu überschreiben«, sagt die Psychologin Ahnert.
Es gibt viel, was Krippenerzieherinnen heute von der Bindungsforschung lernen könnten. Über Entwicklungspsychologie, Dialogstrukturen, Zwiegespräche, Bedürfnisbefriedigung, die Notwendigkeit, feinfühlig auf die Signale der Kinder zu reagieren. Doch das meiste kommt in den Fachschulen und in der Praxis nicht an. In einem Land, in dem die außerfamiliäre Betreuung von unter Dreijährigen eine Angelegenheit von karrierebesessenen Rabenmüttern war, sah man jahrzehntelang keine Notwendigkeit, die Ausbildung der Erzieherinnen auf den Krippenbereich auszuweiten. »Die Erzieherinnen sind nicht gut auf die Krippe vorbereitet«, sagt auch Torsten Lübke, der Leiter der Krippe Tornquiststraße. Als Konsequenz rüstet er seine Mitarbeiterinnen mit zusätzlichen Qualifikationen aus. Die einen sind gut in Körperwahrnehmung und Psychomotorik, die anderen in Musik, die nächsten in Kunsterziehung. Sobald die Kinder in der Tornquiststraße aufrecht stehen können, dürfen sie an Staffeleien ihre ersten Kunstwerke malen. Meist nur zu zweit, sodass genügend Zeit bleibt, die wilden Pinselstriche der Kinder zu deuten.
Wer einmal am Morgen mit klassischer Musik in der Tornquiststraße empfangen wurde und einen Rundgang durch die hellen Räume der Villa gemacht hat, der versteht kein Wort mehr von den Argumenten, die gegen eine Betreuung der unter Dreijährigen sprechen sollen. Über 15 Jahre hinweg hat Lübke mit seinen Kolleginnen ein kindgerechtes Gesamtkonzept entwickelt. In jedem Raum werden alle Sinne der Kinder angesprochen; sie laufen barfuß über unterschiedliche Bodenbeläge mit Wellen, Treppen und Steigungen. Die Räume haben zweite und dritte Ebenen, Seile zum Balancieren, Hängebrücken. Schon die Kleinsten versuchen sich mit kleinen Hämmern und Meißeln als Bildhauer, lernen, mit Messer und Gabel zu essen, und singen meist schon, bevor sie überhaupt richtig sprechen können, ein beachtliches Repertoire an Kinderliedern. Man möchte Pflichtbesuche in der Tornquiststraße für alle verordnen, die in den kommenden Jahren 500000 neue Krippenplätze schaffen werden. Denn ob Mütter und Väter ihre Kinder am Ende überhaupt mit gutem Gewissen dorthin schicken, wird davon abhängen, wie die Krippen von morgen aussehen und wie die Erzieherinnen ausgebildet sind.
Die meisten Bildungsprogramme der Länder klammern die Krippe aus
Die Stadt Köln plant, vom kommenden Schuljahr an über 100 ehemalige Horterzieher im Krippenbereich einzusetzen. Ganz ohne zusätzliche Fortbildungen. Wer gerade noch Fußball mit Drittklässlern spielte, wird dann Babys wickeln und in den Schlaf singen.
Nach Einschätzung des Deutschen Jugendinstituts werden für den geplannten Ausbau der Betreuung rund 100000 zusätzliche Erzieherinnen und Tagesmütter benötigt. »Wir brauchen endlich ein elaboriertes Gesamtkonzept für den Bereich der Null- bis Zehnjährigen«, fordert der Frühpädagoge Wassilios Fthenakis von der Universität Bozen – und meint damit nicht nur die Ausbildung von Erziehern, sondern auch die Programme zur frühkindlichen Bildung. Diese sind zwar inzwischen in allen Bundesländern entwickelt, klammern den Krippenbereich aber meistens aus. Thüringen zum Beispiel hat inzwischen seinen Bildungsplan auf die Null- bis Zehnjährigen umgeschrieben und wird vom kommenden Schuljahr an die Krippenpädagogik mit 120 Stunden Umfang als Vertiefungswahlfach an den Fachschulen unterrichten.
Levi, Ekke und Silas haben inzwischen ihren Mittagsschlaf beendet. Sie turnen vier Meter über ihren Freunden auf einer Holztreppe herum. »Höhenangst bekommen die jedenfalls nicht«, sagt Torsten Lübke. Werden sie dafür später ihre Lehrer ärgern, wie es die NICHD-Studie vorhersagt? Zwei Mädchen jedenfalls machen Lübke Mut, dass es nicht so kommen wird. Die ehemaligen Krippenkinder besuchen ihn immer mal wieder, um nachzusehen, ob über der Tür seines Büros noch das alte Foto von ihnen hängt. Es zeigt sie mit Schnuller und Schlafanzug auf einer Matratze liegend, die Köpfe aneinander gelehnt. 18 Jahre später sind sie immer noch befreundet, haben zusammen ihr Abitur gemacht und studieren jetzt. Ganz brav und angepasst.
- Datum 19.04.2007 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19.04.2007 Nr. 17
- Kommentare 4
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Na prima! Und der nächste Schritt ist die Abschaffung der Gebärbutter...wie es Gudrun Nositschka in Veröffentlichungen der Gerda-Weiler-Stiftung vorhersagt.
Ich lese nur ab und DIE ZEIT. Von ihr erwarte ich eigentlich, dass ihre Artikel gut recherchiert sind. Leider ist dies bei diesem Artikel nicht der Fall. Allein schon ie Überschrift zeigt deutlich die Einstellung der Verfasserin, die völlig einseitig und suggestiv argumentiert und nur fast nur solche 'Fachleute' anführt, die ihre Einstellung unterstützen.
Jegliche gegenteiligen Meinungen kommen nicht zu Wort. Die eindeutige und bisher ausführlichste Langzeitstudie spielt sie herunter. Alle ihre Ausführungen sind klare Negativwertungen. Nach ihrer Einstellung macht es Kindern nichts aus, egal von welchem Alter an (schon ab Geburt), wenn sie fremdversorgt werden.
Dies ist ein großer und gefährlicher Irrtum, denn die Schäden, die die Kinder der Eltern davon tragen werden, die sich von diesen falschen, irreführenden und bagatellisierenden Darstellungen dazu verleiten lassen, die Kinder unter drei Jahren bereits fremdbetreuen zu lassen, muss sie nicht ausbaden. Dies wird die Generation nach diesen Kinder erleiden müssen.
Solche einseitigen und falschen Berichte dürfte es in einer seriösen Zeitung die DIE ZEIT eigentlich nicht geben.
Eltern, lasst euch nicht für dumm verkaufen. Ein Kind ist immer noch am besten bei seinen Eltern aufgehoben, Kinderkrippen sind schädlich!
Wenn FDP-'Schwestern' nix von Bindungsforschung verstehen...und vermutlich nicht wissen, welche Kosten von Müttern ehemals Verlassene in Psychotherapeutischen Kliniken verursachen, wenn sie dort neun Wochen auf Krankenschein auf Matten einschlagen...aber Mami kommt nicht zurück :-(
Mal gugeln: Matriarchat.Net. Und die vielen schönen Artikel lesen..So von Jean Liedloff...z.B. über das 'Zuhause eines patriarchalen Babies'...
Ich frage mich, wieso die Debatte über die Kleinkinderbetreuung so ideologisiert wird. Sind es die unterschiedlichen Gesellschaftsmodelle, die die jeweils andere Fraktion so fürchtet? Meiner Meinung nach sollte es für die unterschiedlichen Situationen in denen Familien leben, auch entsprechende Betreuungsmodelle geben. Schliesslich gibt es Familien, in denen beide Eltern arbeiten, schliesslich gibt es Familien in denen ein Elternteil zu Hause bleibt, schliesslich gibt es alleinerziehende Eltern, etc. Das zu leugnen ist schlicht Unfug. Man sollte nicht versuchen, durch künstliche Einschränkung der Betreuungsmöglichkeiten das Gesellschaftsmodell der 'guten 50er Jahre' zu erzwingen - das wird ohnehin nicht funktionieren. Der Bedarf nach Betreuung ist da und wird sich so oder so gedeckt - und sei es durch entsprechende Stellen im privaten Umfeld. Noch ein wort zu den zitierten Experten, die 'reinhardf49' kritisiert: die meisten Eltern werden Remo Largo kennen: ein ausgewiesener, vielzitierter Experte, den ich persönlich als ausgesprochen kinderfreundlich einschätze. Eine Einschätzung seinerseits ziehe ich jeder Polemik ewig gestriger vor!
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren