Rock Trinken für die Freiheit
Mit seiner Band Joyside ist Bian Yuan der Schrecken des chinesischen Mainstream. Eine Begegnung in Peking
Die Chengfu Lu ist eine belebte Straße im Norden Pekings, doch Bian Yuan war leicht zu erkennen. Schon von Weitem ragte seine leptosome, unablässig rauchende Gestalt aus dem Strom der Passanten, Studenten zumeist, die in Grüppchen auf dem Weg zur nahe gelegenen Uni vorüberzogen und dabei laut durcheinanderredeten. Aber auch ohne seine statuarische Erscheinung wäre Bian Yuan schwer zu verwechseln gewesen, denn wie immer war er einwandfrei gestylt. Er trug eine dunkelrote Kunstlederjacke vom Flohmarkt zu engen schwarzen Röhrenjeans und Turnschuhen. Unter der Jacke schaute sein eigentliches Erkennungszeichen hervor, ein trotz der winterlichen Temperaturen ziemlich weit aufgeknöpftes dunkles Hemd mit roten Punkten.
Das Hemd hatte ich zum ersten Mal in Beijing Bubbles gesehen, einem (jetzt in die Kinos kommenden) Dokumentarfilm von Susanne Messmer und George Lindt über Punk und Rock in der chinesischen Hauptstadt. »People are strange«, sagt Bian Yuan darin gleich zu Anfang, einer von vielen markanten Sätzen, die seine Entfremdung von der chinesischen Gesellschaft zum Ausdruck bringen. So ähnlich redete er auch an diesem Pekinger Herbstnachmittag, den wir bei einem Bier in einem der umliegenden Lokale einläuteten. Eine bizarre Situation: Unsere Verständigung war durch Sprachbarrieren eingeschränkt – Bian Yuans Englisch muss als bruchstückhaft bezeichnet werden –, wir suchten nach Worten, die uns beiden etwas sagten, und kamen nur langsam voran. Dennoch ging eine fast unheimlich zu nennende Vertrautheit von ihm aus. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, warum.
Bian Yuan ist ein wandelndes Lexikon der Coolness. Seine Sprechweise beruht auf der Kenntnis berühmter Songzeilen der Rock’n’Roll-Geschichte. Seine Bewegungen verdankt er dem intensiven Studium von Plattencovern und Konzertaufnahmen. Er trinkt mit der souveränen Geste, die man von Bands wie den Pogues kennt, er raucht mit einer Eleganz, wie sie sonst noch in sehr alten Filmen erhalten ist. Er hat die verschiedensten Einflüsse in sich aufgesogen und seinem eigenen Habitus anverwandelt. Seine Art, nervös am Tisch zu sitzen und sich dabei unablässig mit der Hand durch die Haare zu fahren, weckt Assoziationen an den Punk der späten Siebziger, an legendäre, ausgemergelte Gestalten wie Johnny Thunders oder Sid Vicious. Aber auch klassischer Rock à la Doors oder Stones hat seine Spuren hinterlassen. All das sorgt bei Besuchern aus dem Westen für überraschende Wiederkennungseffekte. Und ist doch nur die halbe Wahrheit.
Zugleich nämlich lebt Bian Yuan den Traum vom Rock’n’Roll-Lifestyle auf eine speziell chinesische Weise. Bei unserem Treffen war er guter Dinge, die Regisseure von Beijing Bubbles planten bereits, ihn und seine Gruppe Joyside zu einer Konzerttournee nach Deutschland zu holen. Ein ungeheurer Schritt für eine Band, die kaum je über Peking hinausgekommen ist. Nur ein paar Unterschriften noch, und Bian Yuan würde im fernen Europa auftreten. Beflügelt von der Aussicht, womöglich die Wirkungsstätten seiner Helden zu besuchen, sprach er von seinen Wünschen: einmal das Grab Jim Morrisons besuchen, auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris. Ein Blick in seine Augen zeigte, dass er es vollkommen ernst meinte. Hier war sie, die Differenz: So rührend unabgebrüht träumt man nur in einem Land, in dem der Rock’n’Roll in den Kinderschuhen steckt.
Anders als im Westen, wo fünfzig Jahre Aufbegehren im Namen von Sex, Drogen und Rock’n’Roll ein schickes, aber müdes Wiedergängertum hinterlassen haben, liefert die Rockgeschichte in China noch auf gänzlich unironische Weise den Stoff für exzentrische Lebensentwürfe. Das Verfahren ist so naiv wie verblüffend: Man kopiert einfach die Oberflächen, ohne deren kulturelle Voraussetzungen und wirkungsgeschichtliche Verwerfungen im Detail zu kennen oder gar zu teilen. Das Ergebnis ist noch verblüffender: Alles Bekannte, selbst das x-mal Gesehene, beginnt für einen Moment wieder zu schillern. China ist, unter alltagsästhetischen Gesichtspunkten gesehen, ein Wunderland des Stils, oft auch ein Stilmuseum. Dieser Effekt bestimmte auch unser Gespräch. Obwohl wir uns auf dieselbe Geschichte bezogen, meinten Bian Yuan und ich nicht dasselbe, wir spielten gleichsam unsere Rollen und verstanden uns, weil wir uns zugleich missverstanden. Wir sprachen eben von unterschiedlichen Seiten der Historie: Für mich als Europäer war vieles bereits zu Ende, für Bian Yuan schien alles gerade erst anzufangen.
Wie hierzulande vor langer, langer Zeit, ist es die Gesellschaft, die dazu herausfordert. Verkrustete Strukturen nannte man das damals, Muff von 1000 Jahren. Bian Yuan konnte mir keinen chinesischen Namen dafür nennen, doch ohne die vielen unsichtbaren Regeln, die China noch immer beherrschen, wäre der Protest einer Band wie Joyside nicht denkbar. Zwar hat sich vieles gelockert, das Netz lässt Bilder hereinströmen, die Internetcafés sind stets gut besucht. Filme, die vor ein paar Jahren noch als westliche Pornografie verboten waren, sind in Peking heute an jeder Straßenecke erhältlich, und Raubkopien von Musik-CDs gibt es für beinahe jeden Geschmack. Chinas Jugend hat den Konsumismus für sich entdeckt – und doch brechen nur wenige aus ihrer Rolle aus. Das Lebensziel der Mehrheit ist immer noch ein eigenes Appartement mit einem Kind und vielleicht noch einem Kätzchen darin, das Wochenendvergnügen besteht im Besuch eines guten Restaurants mit anschließender Karaoke-Party. Der Rest ist, nach alter Väter Sitte, Arbeit.
- Datum 29.08.2008 - 13:54 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.04.2007 Nr. 17
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