Und dann war die Angst da, aus heiterem Himmel, wie eingeschaltet. Er merkte, wie es höher kam, wie der Rücken sich versteifte, wie es hinaufkroch und ihn am Nacken packte. Die Oberschenkel tremolierten. Die Muskeln schmerzten. Im Hals hämmerte der Puls. Der Mund war ausgetrocknet, Schlucken unmöglich. Die Arme zitterten heftig, die Hände gingen in Pfötchenstellung. Luft bekam er nicht. Dann waren die Beine taub. Er spürte seine Füße nicht mehr. Er hörte auf zu denken. Er horchte in sich hinein: Es ist wieder so weit! »Ich flehte«, sagt er, »helft mir, lasst es endlich aufhören!« »Das Dröhnen im Kopf hat nicht aufgehört. Die Angst war da.« BILD

An diesem Samstag war er allein. Er ist immer allein. Er war sein ganzes Leben lang allein. Am 1. Oktober 2005 nietete der letzte von vielen Rückschlägen die erfolgsverwöhnte Führungskraft Roger Groß* um. Auf einmal war der Boden unter den Füßen weg und mit dem Boden der Sinn. Das sei kein Leben mehr gewesen, sagt er heute, das war nur noch Qual. Vom Gipfel war er hinabgestürzt in den Herrschaftsbereich der Angst.

Groß ist 36, ein körperlich präsenter Mann in Cerruti-Anzug, Markenhemd, mit gestreifter Krawatte; der neue Nokia-Communicator steckt am Gürtel. Er ist Bereichsorganisationsleiter bei einem großen Versicherungsunternehmen, und es ist klar, was das bedeutet: Alle zwei Jahre kommen die Controller. Alle zwei Jahre heißt es: 30 Prozent Personalabbau, um Gewinne zu maximieren. Alle zwei Jahre heißt es auch: 20 Prozent mehr Leistung bei 30 Prozent weniger Personal. Also hat Groß Leute entlassen, Karrieren beendet, 14 Stunden am Tag gearbeitet. Ein Mann, für den nur Leistung zählte, monatliches Nettoeinkommen nicht unter 4000 Euro. Gefühle hat er nie zeigen können. Er wusste nicht einmal, ob er welche hat.

Jetzt ist es keine 24 Stunden her, da hat er den ganzen Tag durchgeheult. Die Angst ist wieder da. Seit drei Wochen kämpft er jeden Morgen um sein Leben, das er sich am liebsten nehmen will. Groß ist stark suizidgefährdet. Schlafen kann er nur, weil er irgendwann erschöpft ist vor Angst. Wovor er diese alles lähmende Angst hat, weiß er nicht. Er hat Angst vor der Angst.

»Ist das ein Leben?«, fragt er.

Vor einiger Zeit hat das Team um den Medizinsoziologen Johannes Siegrist von der Universität Düsseldorf zwei Studien veröffentlicht, die den Zusammenhang zwischen bedrohlichen Veränderungen im Erwerbsleben, körperlichen Beschwerden und Angst empirisch erhärten. In Kooperation mit belgischen Kollegen fanden die Düsseldorfer Forscher bei anfangs gesunden Beschäftigten, die von sich verschärfenden Arbeitsbelastungen und Arbeitsplatzunsicherheit betroffen waren, bereits nach einem Jahr dreimal so häufig ausgeprägte Angstzustände wie bei Arbeitnehmern, die davon verschont geblieben waren.

Siegrists Erhebungen und diejenigen seiner Kollegen bestätigen die Vermutung, dass Angst im Verbund mit Depression zur vierthäufigsten Todesursache in westlichen Industriestaaten gehört und laut Schätzung der Weltgesundheitsorganisation im Jahr 2020 nach den kardiovaskulären Ursachen zur zweithäufigsten aufsteigen wird. Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass Angst zu einer festen gesellschaftlichen Konstante geworden ist.

Die Auswirkungen des Arbeitsalltags auf die Psyche sind enorm

Im Ganzen gesehen, gehen die Wissenschaftler von einer Zunahme der Angst seit den fünfziger Jahren um mindestens 1,2 Standardabweichungen aus – was sich wenig anhört, statistisch betrachtet aber eine höchst beunruhigende Steigerung ist. Mit der legendären German angst hat das so wenig zu tun wie mit kulturell gepflegter Hypochondrie; kein Volk Europas ging vor der Einführung der Praxisgebühr laut Statistik so häufig und gern (und meist grundlos) zum Arzt wie die Deutschen.

Legt man als Maßstab von Krankheit aber die Angststörung an, lassen sich die Auswirkungen des globalisierten Wirtschaftens in fast allen westlichen Industriestaaten feststellen. Auch japanische Untersuchungen bestätigten kürzlich deutsche Befunde, wonach Arbeitnehmer, die Angst vor Entlassung haben, viermal so häufig depressive Störungen aufweisen wie jene Arbeitnehmer, die diese Angst nicht haben. Herzfrequenz und systolischer Blutdruck waren während des gesamten Arbeitstages, teilweise auch während der Nacht und am Wochenende, signifikant erhöht. In starkem Maße wurde das Stresshormon Kortisol ausgeschieden, was auf permanente Gefahrenbewältigung hinweist – auf eine existenzielle Erschütterung und Verunsicherung, die zur Angst wird, zur Angst vor der Angst, schließlich zur Angststörung, der Angst vor dem sofortigen Sterben.

Seit vier Jahren fürchtet Peter Körber* von morgens bis abends, dass sein Herz im nächsten Moment zu schlagen aufhört. Körber ist selbstständiger Arzt und arbeitete unter Hochdruck von morgens um halb sieben bis abends um 21 Uhr in einem Krankenhaus. Seit drei Jahren ist er krankgeschrieben. Sein Körper ist kerngesund, die Daten lügen nicht. Das Wort »leistungsfähig« ist sein liebstes. Er joggt täglich, geht dreimal die Woche ins Fitness-Studio, fährt Hunderte von Kilometern mit dem Fahrrad. Wenn er mit dem Rad unterwegs ist, fährt er auf der Hauptstraße neben Brummis, nie auf dem Radweg. Führe er dort und überfiele ihn das Herzflimmern – niemand wäre zur Stelle, ihn zu retten. Sekunden später könnte er tot sein. Der Gedanke zu sterben, ohne dass es jemand merkt, hat Körber in die Tablettensucht getrieben. Er ist abhängig von Antidepressiva.

Im April 2001 raste sein Herz zum ersten Mal mit 200 Schlägen pro Minute, ohne jeden Grund. Kurzatmigkeit folgte, Schweißtreiben. Schwindel kam dazu und ließ wieder nach. Zurück blieb ein tiefes Unwohlsein. Am nächsten Tag verschwanden die Symptome. Fünf Monate lang geschah nichts. Ausgerechnet am 11. September 2001 raste Körbers Herz zum zweiten Mal, auf 230, dreifach so schnell wie normal. Mit den Bildern von den Anschlägen auf das World Trade Center in New York hatte jenes Schlagen nichts zu tun. Zu keiner Zeit hatte Körber einen Infarkt, das bestätigten die behandelnden Ärzte. War alles Einbildung? Sollte er »bekloppt« sein?