Phobien In den Fängen der AngstSeite 7/7
Anders gesagt: Jene Menschen, die angstkrank werden, sind, neben möglichen genetischen Veranlagungen, zu großen Teilen unbewusst seit ihrer Kindheit dafür zugerüstet worden und brauchen früher oder später nur den nötigen Auslöser, um in die Karriere des Angstpatienten einzusteigen. In den USA ist vor Kurzem eine verblüffende Studie ausgewertet worden, deren Ergebnis Schneiders These bestätigt: 50 Prozent aller Angststörungen werden im Kindesalter angelegt, weil die Eltern mit den veränderten Lebensbedingungen nicht mehr zurechtkommen und die eigenen Ängste vor dem Versagen im Beruf auf die Kinder übertragen.
Die psychische Gesundheit ist für Margraf mittlerweile zum wichtigsten Kriterium in einer Gesellschaft voller Ängste geworden, die Zunahme der Angst eine der größten Epidemien, die auf die Gemeinschaft zurolle. »Krank macht jener Stress, der nicht vorhersagbar ist«, meint Margraf, »wir leben heute in einer Welt, in der wir, subjektiv gesehen, immer weniger kontrollieren und vorhersagen können.«
Kontrollverlust evoziert Hilflosigkeit, Hilflosigkeit Unsicherheit, Unsicherheit Angst. Um von der ständigen Sorge um die Sorge abzulenken, ersinnen die von Angst Attackierten raffinierte Strategien, um dem zu entgehen, was sie sorgt und ängstigt. Allzumenschlich – derjenige, der eine Angst- oder Panikattacke erleidet, wird alles tun, um den Auslöser zu vermeiden.
»Machen! Erleben! Reingehen in die Angst!« So unerhört klingt es, wenn Thomas Lohmann über den Umgang mit Angst spricht. Ist das fahrlässig? Nein, ein höchst erfolgreiches Konzept. Lohmann ist leitender Arzt der Nexus-Klinik in Baden-Baden, die seit 1999 Angstpatienten hilft, ihre Angst zu verlernen. Angst ist heilbar, wenn man sich ihr aussetzt – das ist Grundgedanke und Ziel der Kognitiven Verhaltenstherapie. Um der Angst wirksam begegnen zu können, muss man wissen, dass man sie hat, wodurch sie ausgelöst wird und welche Strategien man selbst ersinnt, ihr zu entgehen. Man muss sich selbst überlisten.
Eines Nachts, als die Panik wieder zu ihm kam, bat er sie zum Tanz
Was paradox klingt, hat sich in über 85 von 100 Fällen bewährt und kann durch kontrollierte Wirksamkeitsstudien eindeutig nachgewiesen werden. Die Leiter der Nexus-Klinik sind erbarmungslos. Wer Angst vor dem Fliegen hat, muss ins Flugzeug; wer Angst vor Bahnen und Zügen hat, muss in Bahnen und Züge; wer Angst vor Rolltreppen hat, muss auf die Rolltreppe – erst neben dem Therapeuten stehend, dann vor dem Therapeuten, dann ohne Therapeuten. Immer und immer wieder. Rauf und runter. Täglich üben. Täglich erfahren, dass die Angst weniger wird. Die Angst wegfliegen, wegrollen, wegfahren. Den Auslöser sukzessive entmystifizieren.
Irgendwann hat sich Roger Groß einfach in die Mitte eines Kreises von fremden Menschen gestellt. Es fiel ihm unglaublich schwer, die Augen zuzumachen, und noch viel schwerer fiel es ihm, sich fallen zu lassen. Die anderen fingen ihn auf. Da war jemand, der ihn rettete! Er war nicht allein. Er hat sich an seiner empfindlichsten Stelle verwundbar gemacht, hat Vertrauen geübt, gefordert und gewonnen.
Peter Körber, der Arzt, ist wochenlang täglich Zug gefahren, S-Bahn, U-Bahn, ist nach London und zurück geflogen, nach Kopenhagen, nach Berlin, alles auf eigene Kosten, Billigflieger. Er hat gelernt, sich seinen Ängsten auszusetzen, wie es der Panikpatient Goethe einst tat, als er intuitiv auf das Straßburger Münster stieg und so lange im Eck kauerte, bis ihn die Angst vor der Höhe freiwillig verließ. Und Lothar Siewert* hat in einer Vollmondnacht sogar die Angst zum ersten Mal zum Tanz gebeten.
Der 60-jährige Fachhochschullehrer hatte die übliche Karriere eines spätmodernen Angstpatienten: Überlastung, Selbstüberschätzung, Stresspegel-Überschreitung, Panikattacken. Eine Agoraphobie. Angst vor Mitmenschen, Angst vor Massen, in Zügen, U-Bahnen, 220er Puls, Tablettensucht, Entzug, neue Attacken, Todesangst in Schüben, Angst vor dem Herztod, soziale Isolation. Doch eines Nachts geschah etwas Unerhörtes, damals, im Zimmer der Klinik, in der Einsamkeit der Seelenverschattung, im Angesicht des wieder einmal nahen Todes.
Es war in einer der üblichen schlaflosen Nächte vor eineinhalb Jahren, als er mit seiner Psyche zu spielen begann. Plötzlich war er hellwach. Die Angst war da. Da bist du ja, willkommen! Das Herz raste. Er stand er auf und fing an, mit seiner Angst zu reden. Er nahm sie sich vor. Er machte seine Angst zum Subjekt und sprach sie an wie seine Frau. Er sagte: »Du gehörst zu mir.« Und fragte: »Was willst du von mir?«
Nach einer halben Stunde wurde das Herz ruhig. Dann kam die nächste Attacke, und er nahm sie hin. Er fing an, mit der Angst zu tanzen. Er lief umher und drehte sich und unterhielt sich mit ihr, und es begann ihm zu dämmern. Sein Tanz mit der Angst dauerte bis zum Morgengrauen, dann war sie verschwunden.
Sie ist ihm bis heute eine treue Partnerin. Wenn sie wieder heranschleicht und er hellwach ist, beinahe jede Nacht, dann flüstert er mit ihr, um seine Frau beim Schlafen nicht zu stören. Dann tanzt er mit seiner Angst, einen Pas de deux in der inneren Stille. Dann geht er wieder fremd. Und vor lauter Aufregung bleibt das Herz ruhig.
* Name von der Redaktion geändert
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Information im Internet
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- Datum 12.05.2007 - 11:36 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.04.2007 Nr. 17
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mal was aufheiterndes
http://www.youtube.com/wa...
...ich weiß, wovon ich spreche, da ich selbst in einem (hochangesehenen!) Unternehmen arbeitete, in dem psychisch kaputt(gemacht)e Kollegen zum Alltag gehörten.
'Interessant' war, daß fast alle einer völlig irrationalen Neigung nachgingen, den Bossen um jeden Preis gefallen zu müssen - irrational deshalb, da ´eh klar war, daß fast jeder dort über kurz oder lang gefeuert wurde, d.h., die 'vorauseilende Angst um den Arbeitplatz' konnte man sich auch gleich schenken.
Um die, die sich nicht zu schade waren, andere zu mobben, tat es mir ausdrücklich nicht leid, wenn sie irgendwann (flapsig gesagt) 'klapsmühlenreif' wurden.
Ein bißchen mehr Rückgrat hätte jenen Laden recht bald völlig auseinandergesprengt und somit einige 'psychiatrische' Fälle verhindert - aber selbst dieses bißchen durfte man von kaum jemandem erwarten.
Unter diesem Aspekt muß ich bei jeder Person, über die hier etwas mitleidig berichtet wird, erst mal kritisch nachfragen: hätten die wenigstens dieses bißchen Rückgrat gezeigt oder tragen sie diesen ganzen - mit Verlaub - Mist mit???
ich habe die Angst vor der Angst zwar nicht ganz so schlimm erlebt, wie im Artikel beschrieben, ich erlaube mir aber trotzdem mal meine Sicht der Dinge zu beschreiben.
Dieses Problem taucht bei Menschen auf, die ein Leben führen, das ihrem Wesen widerspricht. Man muss unterscheiden zwischen dem Menschen an sich und dem durch Erziehung und Gesellschaft veränderten Menschen. Laufen diese beiden zu sehr auseinander, so kann diese Angst auftreten, die irgendwo aus dem tiefsten Inneren sich mit ungeheurer Wucht an die Oberfläche drängt. Erlebt man diese Angst, so ist es höchste Zeit sich Gedanken über sein Leben zu machen und sich evtl. neu zu definieren.
'Nichts mehr wollen' klingt vielleicht etwas übertrieben, hat aber bei mir zu Angstfreiheit und einem besseren Leben geführt. Ich bin dankbar dafür, dass ich diese Art von Angst, mit all ihren physischen Erscheinungen (Herzrasen, Händezittern, Schweissausbrüche) erlebt habe und immer wieder erlebe wenn dieses unnatürliche Wollen in mir aufsteigt.
Es wird einem überall dieses Bild vom richtigen Leben vorgehalten: Karriere, Geld, Status, Bildung, viele Freunde, eine harmonische Partnerschaft, häufiger Sex und noch vieles mehr. Schafft man es, sich davon zu lösen, so ist man frei. Auch frei von Angst.
Ich halte nichts von Medikamenten und Verhaltenstherapie, in Extremfällen könnten diese aber am Anfang doch nötig sein, das weiss ich nicht.
Zunächst einmal Glückwunsch und Dank an Christian Schüle für seinen ausgezeichnet recherchierten und ausführlichen Artikel zum Thema Ausbeutung menschlicher und psychischer Ressourcen – denn darum geht es hier, wie auch die Kommentare seiner Leser zeigen. Das manche Opfer als Teil des Systems auch als Täter fungieren, ist nur eine Erkenntnis daraus. Doch besser, diese Einsicht kommt spät als nie.
Ich selbst habe diesen selbstmörderischen Kampf um Anerkennung in meiner Karriere als Werbetexter erlebt und dabei auch (man glaubt es kaum) positive Erfahrungen mit Vorgesetzten gemacht, denen ich vertrauen durfte – die sich aber gerade wegen ihres Rückgrats nicht lange halten konnten. Gott sei's geklagt.
Mit Hilfe einer guten ärztlichen und psychotherapeutischen Beratung (Gott sei es gedankt) habe ich rechtzeitig den Absprung geschafft und profitiere heute von allen Segnungen, die unser Sozialstaat (noch) zu bieten hat: Krankengeld, Übergangsgeld, Umschulung und – falls nötig – demnächst auch Arbeitslosengeld. Das sind keine Kosten, die von irgendwelchen schmarotzenden Faulenzern verursacht werden, sondern von einem System, das einige seiner Leistungsträger an den Rand des Suizids treibt. Es ist nur gerecht, wenn mit einem Teil seines Mehrwerts jenen Menschen geholfen wird, die diese Ausbeutung nicht mehr mitmachen können oder wollen.
Aus diesem Blickwinkel erscheint auch die Debatte um ein Grundeinkommen oder Bürgergeld, wie sie dieser Tage in der Zeit geführt wird, in einem neuen Licht. Eine solche Leistung wäre eine echte Investition in Menschlichkeit und Zivilcourage in unserer zunehmend korrumpierten Welt.
Empfehle den Angst-Piraten sich eine ehrliche Arbeit zu suchen , und mehr auf ihr gutes Ansehen unter rechtschaffenen Menschen zu achten als auf ein übersteigertes Prestige im Zuge des Zeitgeists.
[entfernt wegen Mehrfachposting/ Redaktion]
Ich bin 69 und habe 50 Jahre Arbeit auf 'hoeherer Konzernebene' hinter mir. Waehrend dieser Zeit traten oefter Situationen auf, mit denen man glaubte, nicht fertig werden zu koennen. Es haengt wirklich davon ab, welche Karriere man machen will und ob man von der Ausbildung, dem Talent, der Erfahrung und der Persoenlichkeit her darauf vorbereitet ist und Konflikte so loesen kann, dass sie einen nicht psychisch zu hoch belasten.
Natuerlich ist der Druck gross, aber das war er immer schon. Man muss sich dann wirklich, wie heinzschmidt sagt, hinsetzen und sich fragen: kann ich das oder kann ich das nicht. Leider ist aber der soziale Druck im Privatleben meistens noch staerker, wodurch sich viele gezwungen sehen, Aufgaben zu uebernehmen, fuer die sie nicht geeignet sind. Und dann kann leicht ein Kollaps eintreten.
Aber wer setzt sich schon hin und macht eine richtige Analyse.
Diese Krankheiten rühren aus dem heutigen Produktivitätsniveau in Verbindung mit unserer gewinnbasierten Wirtschaft her. Jeder will sich retten und nicht zu den Überflüssigen gehören.
Therapie: Produktivität weiter steigern. Produzieren zwecks Gewinnerzielung ersetzen durch Produzieren allein zur Bedürfnisbefriedigung. Klingt utopisch, es wird aber nicht anders gehen.
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