Phobien

In den Fängen der Angst

Alles lief doch prima: Karriere, Geld, Status. Aber plötzlich ist da nur noch bodenlose Panik. Mit dem Leistungsdruck nimmt die »Angstkrankheit« zu – vor allem in der Mittelschicht, oft in jungen Jahren.

Und dann war die Angst da, aus heiterem Himmel, wie eingeschaltet. Er merkte, wie es höher kam, wie der Rücken sich versteifte, wie es hinaufkroch und ihn am Nacken packte. Die Oberschenkel tremolierten. Die Muskeln schmerzten. Im Hals hämmerte der Puls. Der Mund war ausgetrocknet, Schlucken unmöglich. Die Arme zitterten heftig, die Hände gingen in Pfötchenstellung. Luft bekam er nicht. Dann waren die Beine taub. Er spürte seine Füße nicht mehr. Er hörte auf zu denken. Er horchte in sich hinein: Es ist wieder so weit! »Ich flehte«, sagt er, »helft mir, lasst es endlich aufhören!«

An diesem Samstag war er allein. Er ist immer allein. Er war sein ganzes Leben lang allein. Am 1. Oktober 2005 nietete der letzte von vielen Rückschlägen die erfolgsverwöhnte Führungskraft Roger Groß* um. Auf einmal war der Boden unter den Füßen weg und mit dem Boden der Sinn. Das sei kein Leben mehr gewesen, sagt er heute, das war nur noch Qual. Vom Gipfel war er hinabgestürzt in den Herrschaftsbereich der Angst.

Groß ist 36, ein körperlich präsenter Mann in Cerruti-Anzug, Markenhemd, mit gestreifter Krawatte; der neue Nokia-Communicator steckt am Gürtel. Er ist Bereichsorganisationsleiter bei einem großen Versicherungsunternehmen, und es ist klar, was das bedeutet: Alle zwei Jahre kommen die Controller. Alle zwei Jahre heißt es: 30 Prozent Personalabbau, um Gewinne zu maximieren. Alle zwei Jahre heißt es auch: 20 Prozent mehr Leistung bei 30 Prozent weniger Personal. Also hat Groß Leute entlassen, Karrieren beendet, 14 Stunden am Tag gearbeitet. Ein Mann, für den nur Leistung zählte, monatliches Nettoeinkommen nicht unter 4000 Euro. Gefühle hat er nie zeigen können. Er wusste nicht einmal, ob er welche hat.

Jetzt ist es keine 24 Stunden her, da hat er den ganzen Tag durchgeheult. Die Angst ist wieder da. Seit drei Wochen kämpft er jeden Morgen um sein Leben, das er sich am liebsten nehmen will. Groß ist stark suizidgefährdet. Schlafen kann er nur, weil er irgendwann erschöpft ist vor Angst. Wovor er diese alles lähmende Angst hat, weiß er nicht. Er hat Angst vor der Angst.

»Ist das ein Leben?«, fragt er.

Vor einiger Zeit hat das Team um den Medizinsoziologen Johannes Siegrist von der Universität Düsseldorf zwei Studien veröffentlicht, die den Zusammenhang zwischen bedrohlichen Veränderungen im Erwerbsleben, körperlichen Beschwerden und Angst empirisch erhärten. In Kooperation mit belgischen Kollegen fanden die Düsseldorfer Forscher bei anfangs gesunden Beschäftigten, die von sich verschärfenden Arbeitsbelastungen und Arbeitsplatzunsicherheit betroffen waren, bereits nach einem Jahr dreimal so häufig ausgeprägte Angstzustände wie bei Arbeitnehmern, die davon verschont geblieben waren.

Siegrists Erhebungen und diejenigen seiner Kollegen bestätigen die Vermutung, dass Angst im Verbund mit Depression zur vierthäufigsten Todesursache in westlichen Industriestaaten gehört und laut Schätzung der Weltgesundheitsorganisation im Jahr 2020 nach den kardiovaskulären Ursachen zur zweithäufigsten aufsteigen wird. Es führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass Angst zu einer festen gesellschaftlichen Konstante geworden ist.

Die Auswirkungen des Arbeitsalltags auf die Psyche sind enorm

Im Ganzen gesehen, gehen die Wissenschaftler von einer Zunahme der Angst seit den fünfziger Jahren um mindestens 1,2 Standardabweichungen aus – was sich wenig anhört, statistisch betrachtet aber eine höchst beunruhigende Steigerung ist. Mit der legendären German angst hat das so wenig zu tun wie mit kulturell gepflegter Hypochondrie; kein Volk Europas ging vor der Einführung der Praxisgebühr laut Statistik so häufig und gern (und meist grundlos) zum Arzt wie die Deutschen.

Legt man als Maßstab von Krankheit aber die Angststörung an, lassen sich die Auswirkungen des globalisierten Wirtschaftens in fast allen westlichen Industriestaaten feststellen. Auch japanische Untersuchungen bestätigten kürzlich deutsche Befunde, wonach Arbeitnehmer, die Angst vor Entlassung haben, viermal so häufig depressive Störungen aufweisen wie jene Arbeitnehmer, die diese Angst nicht haben. Herzfrequenz und systolischer Blutdruck waren während des gesamten Arbeitstages, teilweise auch während der Nacht und am Wochenende, signifikant erhöht. In starkem Maße wurde das Stresshormon Kortisol ausgeschieden, was auf permanente Gefahrenbewältigung hinweist – auf eine existenzielle Erschütterung und Verunsicherung, die zur Angst wird, zur Angst vor der Angst, schließlich zur Angststörung, der Angst vor dem sofortigen Sterben.

Seit vier Jahren fürchtet Peter Körber* von morgens bis abends, dass sein Herz im nächsten Moment zu schlagen aufhört. Körber ist selbstständiger Arzt und arbeitete unter Hochdruck von morgens um halb sieben bis abends um 21 Uhr in einem Krankenhaus. Seit drei Jahren ist er krankgeschrieben. Sein Körper ist kerngesund, die Daten lügen nicht. Das Wort »leistungsfähig« ist sein liebstes. Er joggt täglich, geht dreimal die Woche ins Fitness-Studio, fährt Hunderte von Kilometern mit dem Fahrrad. Wenn er mit dem Rad unterwegs ist, fährt er auf der Hauptstraße neben Brummis, nie auf dem Radweg. Führe er dort und überfiele ihn das Herzflimmern – niemand wäre zur Stelle, ihn zu retten. Sekunden später könnte er tot sein. Der Gedanke zu sterben, ohne dass es jemand merkt, hat Körber in die Tablettensucht getrieben. Er ist abhängig von Antidepressiva.

Im April 2001 raste sein Herz zum ersten Mal mit 200 Schlägen pro Minute, ohne jeden Grund. Kurzatmigkeit folgte, Schweißtreiben. Schwindel kam dazu und ließ wieder nach. Zurück blieb ein tiefes Unwohlsein. Am nächsten Tag verschwanden die Symptome. Fünf Monate lang geschah nichts. Ausgerechnet am 11. September 2001 raste Körbers Herz zum zweiten Mal, auf 230, dreifach so schnell wie normal. Mit den Bildern von den Anschlägen auf das World Trade Center in New York hatte jenes Schlagen nichts zu tun. Zu keiner Zeit hatte Körber einen Infarkt, das bestätigten die behandelnden Ärzte. War alles Einbildung? Sollte er »bekloppt« sein?

Niemand konnte ihn von der Überzeugung kurieren, bald zu sterben. Er ging in die Klinik, erhielt ein stark sedierendes Medikament, das ihn von 230 auf 0 brachte. Zehn Sekunden lang stand sein Herz still. Auf dem EKG-Monitor flimmerte seine eigene Nulllinie. Von diesem Tag an war er nicht mehr leistungsfähig. An Arbeit war nicht zu denken, nicht an Sport. Für Körber, den groß gewachsenen Athleten, der nie geraucht und nie getrunken hat, war es eine »narzisstische Kränkung«. Die Angst hat ihn bis heute nicht mehr verlassen.

Sind die Wohlstandsindividualisten allzu verweichlicht?

Lange waren die Themen »Stress im Arbeitsalltag« und »Angsterkrankungen« nicht relevant. Lieber wurde über Erschöpfungszustände gesprochen, über Burn-outs oder Urlaubsreife. Die meisten Angststörungen wurden und werden als solche nicht erkannt oder von Allgemeinärzten als depressive Verstimmung diagnostiziert; der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen geht von 50 Prozent Fehldiagnosen in der hausärztlichen Behandlungspraxis aus, was die Chronifizierung der Angststörung und also längerfristige Behandlungskarrieren zur Folge hat.

Als Sujet, das auch unter Wissenschaftlern größere Aufmerksamkeit gewonnen hat, ist die pathologische Angst erst seit Mitte der achtziger Jahre interessant, seit der weltweit einheitliche Kriterienkatalog ICD (International Classification of Diseases) die Psychologie revolutionierte und verbindliche Zuschreibungen von Symptomen und Diagnosen vorgenommen werden konnten.

Hat sie, die Angst, denn wirklich zugenommen? Ließe sich nicht einwenden, dass jetzt eben genauer hingesehen, gedeutet und deswegen logischerweise eine Steigerung des Drucks sowie eine Zunahme der Störungen festgestellt werde? Kann der Einzelne dieser Tage vielleicht viel weniger ertragen als vor 100, vor 50, vor 30 Jahren der Bauer auf dem Feld im Angesicht von Missernten und Seuchen? Kurzum – sind die Wohlstandsindividualisten von heute womöglich allzu verweichlicht?

Oder ist – im Gegenteil – die Versagensangst mittlerweile so groß, weil der Einzelne in pluralisierten Gesellschaften für alles selbst verantwortlich ist, weil persönliche Identität sich größtenteils nur noch über die Arbeit und den Job definiert und Siegen in einer Gewinnerkultur zum Imperativ geworden ist, während gleichzeitig alle Gewissheiten und Sicherheiten zerfallen?

Durch die Verlagerung der Arbeitsorganisation vom körperlichen auf den psychomentalen Bereich hat sich auch das Krankheitsbild verlagert. Die ersten medizinischen Langzeitstudien, die seit Beginn der 1990er Jahre insbesondere in Finnland, Schweden und Großbritannien das Verhältnis zwischen Stress und Gesundheit untersuchen, kommen nach ihren Auswertungen jetzt zu eindeutigen Ergebnissen: Die Auswirkungen des Arbeitsalltags auf die psychische Gesundheit des Einzelnen sind enorm. In den vergangenen 20 Jahren haben Begriffe wie Flexibilität, Mobilität und lebenslanges Lernen Karriere gemacht; die berechenbare Biografie wurde zum Märchen aus einer versunkenen Welt und die Unberechenbarkeit zu einer mentalen Dauerbedrohung.

Der Beruf hat für das seelische und körperliche Wohlergehen des Einzelnen heute eine immense Bedeutung, weil er drei elementare Existenzbedürfnisse befriedigt: das Selbstwertgefühl, die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und das Gefühl von Zugehörigkeit. Wenn diese grundlegenden Bedürfnisse nun durch Radikalisierung des Wettbewerbs, durch Konkurrenzkämpfe, Verlagerung der Produktion ins Ausland, Lohndruck, Kostendämpfung, Stellenabbau, zunehmende Rationalisierung und Mobbing bedroht sind, pathologisiert sich die permanente Verunsicherung zur Angst. Jeder siebte Angstpatient stirbt von eigener Hand.

Zwei repräsentative Umfragen der Gesellschaft für Konsumforschung von 2001 und 2005 zeigen den Anstieg in einem relativ kurzen Zeitraum: 2001 hatten 9,1 Prozent Angst, arbeitslos zu werden; 2005 waren es schon 24 Prozent. Vor sechs Jahren fürchteten 23 Prozent, die Rente reiche nicht aus; vor zwei Jahren waren es 34 Prozent. 36 Prozent der Deutschen sorgten sich 2005, in wirtschaftliche Not zu geraten, elf Prozent mehr als vier Jahre zuvor.

Das Verhältnis zwischen Leistungsfähigkeit, den eigenen Ansprüchen und jenen, die von außen an einen herangetragen werden, ist stark gestört. Der gute Stress nimmt ab, der schlechte zu. Unter Bedingungen erhöhter Konkurrenz mehren sich zwischenmenschliche Spannungen, die Solidarität in Belegschaften wird geschwächt.

Folgen des sogenannten Downsizings, der permanenten Konfrontation des einzelnen Mitarbeiters mit Personalabbau und angedrohtem Personalabbau, sind, wie finnische Wissenschaftler nachgewiesen haben, erhöhte Arbeitsunfähigkeitsraten und eine signifikant erhöhte Sterblichkeit an koronaren Herzkrankheiten. Mit dem Anstieg der Stressbelastung am Arbeitsplatz steigt die Herz-Kreislauf-Mortalität um das 2,4-Fache an, Risikofaktoren wie Rauchen oder Alkohol bereits herausgerechnet. Weniger Menschen müssen mehr Arbeit verrichten. Jene, die keine Arbeit haben, fühlen sich unterfordert, jene, die arbeiten dürfen, überlastet. Psychische Konsequenzen hat es für beide.

Dann kam der Hörsturz.

Ein unerträgliches Rauschen im Kopf, wie ein Radio, das keinen Sender findet. Kopfschmerzen, Tag und Nacht. In der Klinik kam Roger Groß, die 36-jährige Führungskraft, wieder an den Tropf. An den Tropf! Der Tropf hatte ihm vier Monate zuvor seine erste Angstattacke bereitet, das wusste er jetzt. Damals war er mit dem Auto von Darmstadt nach Mannheim gefahren, als plötzlich die Beine, die Hände und das Gesicht taub wurden. Er hatte zu hyperventilieren begonnen. Gerade noch rechtzeitig war er auf den Parkplatz einer Autobahnraststätte gefahren und dann zusammengebrochen. Am Boden hatte er gekauert wie ein Haufen Elend. Niemand hatte geholfen, keiner war für ihn da gewesen. Er hätte sterben können, auf dem Parkplatz an einer Autobahn, und niemand half, und keiner war da! Wie könnte er je wieder jemandem vertrauen?

Irgendwann war der Rettungswagen gekommen. Dass sich tatsächlich jemand um ihn kümmerte, hatte er nicht mehr wahrgenommen. Er hatte Blut erbrochen. Zwei Liter Blutverlust, Lebensgefahr. In der Klinik hatten sie ihn dann zum ersten Mal acht Stunden an den Tropf gehängt. Er war abhängig von einem Tropf gewesen! Er war im Gang umhergelaufen, es hatte kein Bett gegeben. Das Dröhnen im Kopf hatte nicht aufgehört. Die Angst war da, und sie ging nicht wieder.

Nach jener ersten Angstattacke auf dem Raststättenparkplatz und dem Hörsturz im Krankenhaus ein halbes Jahr später hatte er das beständige Gefühl, es stimme etwas nicht mit ihm. Doch alles lief gut. Er arbeitete, ging teuer essen, kaufte sich Anzüge, Roger Groß hat es gern edel. Die Welt war irgendwie in Ordnung, bis am 4. Juli 2005 sein großer Tag kommen sollte.

Auffällig ist, dass die Angst vermehrt die höher Qualifizierten trifft

Bei einem Assessment-Center in der hauseigenen Führungskräfte-Akademie in Köln wollte man durch Prüfungen seine Eignung als Filialdirektor feststellen. Was wäre das für ein Karrieresprung gewesen! Kurz zuvor waren die Zahlen des Vormonats auf seinen Tisch geflattert, sie waren schlecht. Er hatte sich geärgert. Er war dafür verantwortlich. Die Zahlen waren schlecht, obwohl er für gute verantwortlich ist. Er ärgerte sich immer stärker. Roger Groß braucht Triumphe, sonst hat er nichts. Als er Kind war, hat seine Mutter ihn mit dem Gürtel geschlagen, weil er dem Vater so ähnlich sah. Der Vater war permanent fremdgegangen. Roger wurde von seiner Mutter verstoßen. Sein ganzes Leben ist der einzige Versuch, dem Verstoßen zu entgehen. Es ist eine Folge aus umgesetztem Ehrgeiz und gewonnenen Kämpfen.

Die Direktoren setzten auf ihn, weil er ein Kommunikationstalent ist, jung, vital, ambitioniert. In der bundesweiten Statistik des Unternehmens hat Groß seine Region vom letzten Platz ins vordere Drittel geholt. Also hasst er schlechte Zahlen. Was er liebt, weiß er nicht. Er weiß, dass er täglich das Controlling verbessern muss, Mitarbeiter überwachen, Bewerbergespräche führen, Tagungen organisieren, Mitbewerber schwächen, Marktanteile sichern. »Möglichst große Stücke aus dem Kuchen schneiden.«

Am Morgen jenes so bedeutsamen 4. Juli 2005, der den großen Karrieresprung bedeuten könnte, brach in seiner Wohnung ein Wasserrohr. Das war kein guter Start. Er hatte Atemprobleme. Es goss in Strömen. Das Herz begann zu rasen. Er schwitzte. Es war wie damals. Auf einen Parkplatz fuhr er nicht. Er schlich voran mit 40 Stundenkilometern. Als er in Köln ankam, war er fix und fertig. Das Abendessen mit den Direktoren überstand er irgendwie, dann ging er ins Bett. Nachts um drei war er hellwach. Der Magen rebellierte, dann der Darm. In wenigen Stunden würde es um seine Zukunft gehen – und er spazierte im Zimmer herum, an Schlaf war nicht zu denken!

Um acht Uhr meldete er sich bei der Leiterin des Assessment-Centers ab. Der Landesdirektor war enttäuscht. Enttäuscht! Das Prüfungsthema wäre sein Lieblingsthema gewesen, eine hundertprozentige Chance auf den größten Triumph in seinem Leben. Der Job ist Rogers Leben. Freunde hat er nicht. Eine Beziehung ging in die Brüche, weil die Frau ihm zu nahe sein wollte. Gefühle mag er nicht. Aber keine berufliche Herausforderung, die Roger Groß nicht bewältigt hätte. Stets gab er 120 Prozent, und wenn am Anfang jeden Jahres bei den Zielvereinbarungen die Ansprüche wieder höher gesetzt wurden, gab Roger Groß eben 130 Prozent. Seine biologischen und psychischen Grenzen hat er ignoriert. Er gab sich an jenem 4. Juli nicht einmal die Möglichkeit zu versagen. Er gab vorher auf.

Jetzt ist der Leistungsträger neun Kilogramm leichter und krankgeschrieben. Seine letzte Angstattacke liegt zwei Tage zurück. Roger spricht sanft und rund, das badisch Weiche seiner Stimme wirkt, als lebe er in Frieden. Welch Trugschluss! Es gibt nicht viele Gründe, morgens aufzustehen. Das Überleben setzt ihm mächtig zu.

Auffällig ist, dass die Angststörungen vermehrt die höher Qualifizierten treffen. Erhebungen in der Vergangenheit haben zwar gezeigt, dass diejenigen, die in sozial benachteiligten Schichten aufwachsen, ein niedrigeres Bildungsniveau und ein geringes Haushaltseinkommen haben, doppelt so häufig krankmachenden Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind wie Arbeitnehmer aus mittleren und höheren Schichten. Jetzt aber sind auch arbeitslose Akademiker in den Dreißigern keine Seltenheit mehr.

Angstambulanzen und Kliniken werden bevölkert von jungen Elektroingenieuren, die bei Kommunikationsunternehmen wegrationalisiert und Hunderte Kilometer von zu Hause entfernt fachfremd als Hartz-IV-Berater eingesetzt wurden; von Technikern, die die Anforderungen ständiger Mobilität und Flexibilität, die Ortswechsel und Fernbeziehung nicht ertragen können – oder eben von erfahrenen Bauleitern wie jenem in Bayern, der nach 30 Jahren Betriebszugehörigkeit mit dem Wechsel vom Senior- zum Junior-Chef den Sympathiebonus eingebüßt hatte, weil der Sohn plötzlich rationalisierte, wo der Vater das menschliche Miteinander in den Mittelpunkt gestellt hatte.

Angst zu haben ist normal – eine Angstneurose zerstört alle Normalität

127 Millionen Menschen in Europa, mehr als ein Viertel der Bevölkerung, leiden an den zwölf häufigsten psychischen Erkrankungen, ein Drittel davon unter Ängsten und Panikattacken. Die jährlichen Behandlungskosten der psychischen und psychosomatischen Krankheiten in den europäischen Ländern schätzt das European Brain Council auf 386 Milliarden Euro. In Deutschland ist nach einer Statistik der DAK die Rate der »Arbeitsausfalltage infolge von Angststörungen« von 2000 bis 2005 um 27 Prozent gestiegen; bei Depressionen liegt im gleichen Zeitraum eine Zunahme um 42 Prozent vor. Insgesamt gehen fast zehn Prozent der Krankschreibungen in Deutschland auf psychische Erkrankungen zurück. Vor Pyschotherapiepraxen der gesamten Republik gibt es Staus. Die Wartelisten wachsen.

Peter Körber, der Arzt mit dem Fahrrad, ging nirgendwo mehr hin, weil er von dort, wo auch immer es war, nirgendwohin mehr fliehen konnte. Das Leben, sagt er, wurde zu einer einzigen Katastrophe. Das Leben war eine einzige endlose Panik. Eine permanente Suche nach Fluchtmöglichkeiten. Eine Ansammlung aus Herzrasen, Schweißausbrüchen, Schlaflosigkeiten, Ohrensausen, Magenschmerzen, Hitzewallungen. In der Klinik bekam er angstlösende Benzodiazepine, danach reduzierte sich die Angst, der Schlaf kam zurück. Trotzdem stimmte etwas nicht. Herzrasen. Stiche in der Brust. Atemnot. Man legte den zweiten Herzkatheter – die untersuchenden Ärzte sagten ihm, es gebe nichts, was nicht stimmen würde.

Aber ich könnte sterben, sagte er sich, immer schneller drehte sich die Spirale, es stimmt doch was nicht, das Herz raste, 200, 210, gleich sterbe ich, dachte er, 220, Blut schoss ins Gehirn, 230, die Pupillen weiteten sich, der Puls, der Puls! – 240, gleich ist es aus. Die folgenden vier Jahre hat Körber mit wenigen Ausnahmen in deutschen Krankenhäusern verbracht, in Akut-Ambulanzen und Rehazentren. Die Kardiologen sagten: Abwarten und kaltes Wasser trinken. Die Psychologen fragten: Was könnte denn schlimmstenfalls passieren? Beides hielt Körber für falsch. Er, der Arzt, glaubte den Ärzten nicht mehr. Drei Psychiater hatte er verschlissen. Er war zugedröhnt mit Valium. Es folgten Herzkatheter drei und vier.

»Alle dachten, ich bin bekloppt.«

Aber er ist nicht bekloppt. Er ist krank vor Angst. Angstkrank. Normalerweise dauern Angstattacken zehn Minuten. Körbers Angst vor dem Tod durch Herzflimmern dauerte Stunden. Er mied Situationen, in denen er hilflos auf dem Boden liegen und sterben könnte, und das war so gut wie überall. Sein Leben bestand darin, das Leben zu vermeiden.

Nichts ist normaler als Angst. Jeder hat Angst, weil jeder Angst haben muss. Ohne Angst kann der Mensch nicht leben und nichts leisten. Als Alarmsystem ist Angst evolutionsbiologisch sinnvoll. Jahrtausendelang war der Mensch Jäger und Sammler, Hirte, Ackerbauer und schließlich Industriearbeiter. Die Angst ließ ihn rechtzeitig vor dem Säbelzahntiger fliehen und sich gegen Hungersnöte wappnen. Angst hat sich als Überlebensstrategie eingebrannt ins kulturelle Gedächtnis. Heute gibt es hauptsächlich reale Ängste vor konkreten Auslösern wie Blut, Bienen, Höhen. Und es gibt irreale Ängste vor Problemen, die noch gar nicht eingetreten sind. Die häufigsten von ihnen sind die soziale Phobie und, wie in Groß’ und Körbers Fall, die generalisierte Angststörung, jene Störung also, die der selbst panikgestörte Sigmund Freud »Angstneurose« nannte.

Die generalisierte Angststörung ist eine reale Angst, die maßlos übertrieben ist, die soziale Phobie eine irreale Angst, die ein Einserstudent vor jeder Prüfung hat. Beide Angstformen haben die gleichen körperlichen Symptome.

Meist sind Angstpatienten sehr jung. Die soziale Phobie tritt in der Pubertät auf, mit 15, die generalisierte Angststörung zwischen 30 und 35. Jeder zweite Sozialphobiker ist alkoholabhängig, bei mehrfach erhöhtem Suizidrisiko. Die Leistungsfähigkeit von Menschen mit generalisierter Angststörung ist halbiert, ein großer Teil von ihnen erkrankt zudem noch an einer Depression. Vor übersteigertem Leistungswillen fällt die Leistungsfähigkeit in sich zusammen.

Dreitausend Angstpatienten hat der biologische Psychiater Borwin Bandelow von der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen in seinem Leben bisher gesehen. Er finde es bedenklich, sagt er, hätte ein Mensch keine Angst. Der Zusammenhang zwischen Evolution und Angst ist auch hirnphysiologisch evident. Einer der ältesten Hirnteile, der Mandelkern, Amygdala genannt, ist als Teil des limbischen Systems die neurologische Schaltzentrale der Auslösung von Ängsten. Wie im Fall fast aller psychischen Krankheiten sieht Bandelow auch Angst als zu 40 Prozent vererbt an, was er aus eigenen Studien mit ein- wie zweieiigen Zwillingen und aus der Evolutionsgeschichte ableitet. Wer Verwandte ersten Grades mit einer Angststörung habe, dessen Risiko sei um ein 4,25-Faches erhöht, ebenfalls eine Angststörung zu entwickeln.

Niemand ist gefeit, jeder Mensch kann eine Angstkrankheit entwickeln, und jeder Vierte hat im Laufe seines Lebens einmal eine Angststörung. »Angst ist ein biologisches Phänomen«, sagt Bandelow, »sie ist kulturunabhängig.« Zur Störung wird die biologisch sinnvolle Angstreaktion erst, wenn sie unverhältnismäßig wird, wenn sie Leid verursacht und ohne adäquaten Grund auftritt, wenn die Reaktion dem Anlass entsprechend unangemessen heftig ist, wenn sie nicht kontrolliert oder akzeptiert wird. Dann erhalten die Auslöser eine überdimensionale Bedeutung: der permanente Kreislauf aus Unwohlsein, Deutung des Unwohlseins, Bewertung der Deutung, Einbildung aufgrund der Bewertung, gesteigertes Unwohlsein.

Und mit einem Mal schießt die Angst aus der Tiefe des zerebralen Raums empor und hält an, bevor sie langsam zerfällt, und mit jeder Attacke wird die Kurve steiler und hält länger an und dann noch länger. Der Sympathikus fährt hoch. Der Körper ist zum Kampf bereit. Alles Notwendige ist bestens durchblutet. Darm und Blase entleeren sich, weil man in einer existenziell gefährlichen Situation nichts weniger braucht als deren beschwerenden Inhalt. Und dann fällt die Angstkurve nicht wieder ab, irgendwann kann sie nicht mehr abgeschaltet werden.

Es begann schon beim mündlichen Abitur vor zwölf Jahren. Sabrina Lederer* saß da und heulte, weil sie dachte, es nicht zu schaffen. Die Noten waren immer gut, das wusste sie, trotzdem war sie davon überzeugt, dass sie nichts könne. Sie wuchs auf in gut situierten Verhältnissen, bürgerliche Mittelschicht. Papa finanzierte das Studium, der Ehrgeiz war grenzenlos. Im ersten Semester Zahnmedizin griff zum ersten Mal die Angst nach ihr, so oft, bis sie nicht mehr in das Universitätsgebäude gehen konnte. »Ein einziger Horror.«

Auf Partys war sie verloren – Panik! Bei Freunden übernachten? Niemals!

An Schlaf war nicht zu denken. Sie konnte nichts mehr essen. Sie verlor sechs Kilogramm. Vier Semester quälte sie sich durch. Zum Physikum im fünften war sie angemeldet. Tage vorher fing sie an zu zittern. Die Mutter reiste an. Sie sagte das Physikum ab. Im sechsten Semester drehte sie schließlich durch.

Jede Panikattacke beantwortete sie mit Büffeln. Sie vergrub sich und prügelte sich zehn Stunden am Tag »Zahnheilkunde« in den Kopf, um glänzen zu können, obwohl niemand es von ihr verlangte. Aber sie war felsenfest davon überzeugt, dass man genau das von ihr erwartete. Also machte sie Freunde verrückt und steigerte sich in die Überzeugung hinein, ihre Freunde wollten ihr nicht helfen. Als sie im Winter 2001 einen Patienten behandeln sollte, zitterte sie am ganzen Körper und hatte Heulkrämpfe. Sie terrorisierte ihre Eltern. Auch der Vater konnte nicht mehr schlafen. Die Mutter schickte sie zur Angstambulanz des Universitätsklinikums.

Nach zwei Monaten wirkten die SSRI-Tabletten, die Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer aus der Gruppe der Antidepressiva. Die Angst löste sich. Die Stimmung hellte sich auf. Den Therapeuten verlachte sie anfangs. Dann kam das neue Semester, und da war der Ofen endgültig aus.

Sabrina sollte für eine Prothese Kronen im idealen »Kronos-Winkel« von drei Grad schleifen. Nicht einmal ein Professor vermag es, den Anstellwinkel bei drei Grad zu halten. Drei Grad sind ja nur ein theoretischer Richtwert. Sabrina aber musste im Kronos-Winkel schleifen. Sie wollte es allen beweisen. Sie wollte, dass der Assistent sie endlich anerkannte. Sie schliff zu schräg oder zu parallel. Drei Grad waren es nie. Als sie danach einem Patienten eine Spritze setzen sollte, zitterten ihre Hände so, dass sie aufgab.

Ihre Angstkurve stieg immer dann, wenn jemand ihr zusah. Lange Jahre war sie so unsicher, dass sie nie ihre Meinung sagte aus Angst, es hätte negative Folgen. Jede Art von Aufmerksamkeit war ihr Pein, obwohl sie nichts mehr anstrebte als Aufmerksamkeit. Auf Partys war sie verloren, weil sie sich nicht zurückziehen konnte. Bei Freunden übernachten ging nicht, weil sie nicht nach Hause konnte, wann sie wollte. Deswegen sagte sie die Einladung zur Hochzeit ihrer besten Freundin ab. Die Freundschaft zerbrach. Sie vereinsamte.

Ärzte sind sicher, dass die Zahl der Sozialphobiker zunehmen wird

Sabrina ist Sozialphobikerin. Heute ist sie 30 und arbeitet als Dozentin an der Universität. In dem Maße, in dem sie den Mut fand, über die Angst zu sprechen, merkte sie, wie viele Menschen in ihrem Umkreis unter den gleichen Störungen leiden. Sie sehen keine Zukunft mehr. Sie wissen nicht, was sie mit ihrem Leben machen sollen. Sie geben sich hinein in den Teufelskreis aus Deutungen und deren Bewertungen: Was passiert, wenn ich an dieser Aufgabe scheitere? Was passiert, wenn ich dann das Semester nicht bestehe? Was mache ich ohne Studienabschluss? Was mache ich dann ohne Beruf und Geld? Was bin ich wert ohne Beruf und ohne Prestige?

Stundenlang wälzen sie Spekulationen, für die es keinen Anlass gibt. Ihr Alltag besteht aus der Sorge um etwas, das sie noch gar nicht kennen. Es ist ein Leben im Konjunktiv. Zwei Jahre lang hatte Sabrina zwei Panikattacken pro Woche. Jeden Tag war die Angst anwesend. »Man verlässt sich nur noch auf die tägliche Tablette«, sagt sie. Diese Selbstsicherheit, die andere an ihr neuerdings bewundern, basiert auf einer kleinen Pille Serotoninblocker am Tag.

Oft sind Angstpatienten Narzissten, wobei nicht alle Narzissten eine Angststörung haben. Sozialphobiker wie Sabrina haben Angst vor der Bewertung durch andere Menschen, weil sie gerade durch deren Bewertung nach sozialer Anerkennung streben. Deshalb arbeiten sie hart an sich, setzen sich unter Leistungsdruck, sind perfektionistisch und extrem arbeitswillig. Sie kennen kein Jammern, verbeißen sich in ihren Job. Keine Frage, dass sie beim Arbeitgeber beliebt sind. Sie bereiten sich besser vor als nötig. Sie haben Erfolg und dennoch ständig Angst, es könnte auffliegen, dass sie nichts können.

Therapeuten und Ärzte sind sich sicher, dass die Zahl der sozialen Phobien in naher Zukunft wachsen wird. Im Arbeitsalltag wird vom Einzelnen erwartet, dass er sich in Teams integriert, dass er Vorträge hält, an der Flip-Chart steht, wie selbstverständlich dem Druck standhält, die eigene Kompetenz und das eigene Ich permanent unter Beweis zu stellen. Wer weiß, dass er zur Selbstdarstellung nicht geboren ist, wird allein durch die allgemeine Erwartungshaltung bereits Angst vor dem Scheitern haben.

Die Spannungen zwischen Einsatz und Gewinn werden sich in dem Maße verschärfen, wie die Angst vor Jobverlust zunimmt. Das prophezeit Medizinsoziologe Siegrist, dessen Modell beruflicher Gratifikationskrisen seit Langem weltweit anerkannt ist. Es beschreibt das Ungleichgewicht zwischen Verausgabung und Belohnung des Arbeitnehmers, unabhängig von Branche und Status. Die Leistungsbereitschaft des Einzelnen steigt, wenn es entsprechende Belohnungen gibt: den als angemessen empfundenen Lohn und, noch wichtiger, Aufstiegsmöglichkeit, Arbeitsplatzsicherheit und Wertschätzung des Arbeitgebers.

Je größer jedoch die Diskrepanz zwischen erbrachter Verausgabung und Belohnung wird, je weniger man für die eigene Leistung zu gewinnen scheint, desto stärker wird das Stresserleben und längerfristig das Erkrankungsrisiko. Dann sind die »Kosten« (der Einsatz) und der »Gewinn« (die Gratifikation) nicht mehr in einem für gute Gesundheit zuträglichen Gleichgewicht. Die Krise ist da.

Siegrist kennt drei Gründe, warum Menschen in eine Gratifikationskrise kommen. Erstens: Es fehlt die Alternative zum Arbeitsplatz. Der Einzelne ist auf genau den einen, auf eben seinen Arbeitsplatz angewiesen, weswegen Arbeitgeber oft für ihn ungünstige Bedingungen durchsetzen können. Zweitens: Viele Menschen beziehen ihr Selbstwertgefühl ausschließlich über den Arbeitsplatz. Um sich soziale Anerkennung von Kollegen und Chefs zu erkämpfen, bürden sie sich zu viel auf und brechen irgendwann ein. Drittens: Fast alle Berufszweige sind heute hoch kompetitiv. Wenn sich 20 Akademiker, die bereits große Vorleistungen erbracht haben, auf eine ausgeschriebene Stelle bewerben, erhöht der Arbeitgeber, im Wissen um knappe Aufstiegsmöglichkeiten, den Druck; er verlangt mehr und bezahlt schlechter, wobei fehlende Anerkennung Siegrists Studien zufolge den meisten stärker unter die Haut geht als zu wenig Geld.

Roger Groß, die Führungskraft, kam aus der Klinik nach Hause und räumte seine Wohnung auf, um etwas zu tun, das hatten die Therapeuten empfohlen. Er joggte und traf sich mit Bekannten. Einen halben Tag ging es gut, dann begann das Spiel von Neuem. Er hyperventilierte, der Nacken versteifte sich, er rief den Therapeuten an. Gemeinsam atmeten sie übers Telefon. In der Klinik hatten sie ihm Atemtechniken beigebracht. Er atmete sich in die momentane Angstfreiheit. Ins Auto steigen konnte er nicht mehr. Die Bilder kamen wieder hoch, die Fahrt nach Mannheim, die Raststätte, die Einsamkeit, der Tropf, die Todesangst.

Dann sprang Groß über seinen Schatten, weihte seinen Chef ein und schrieb seinen Untergebenen eine lange E-Mail. Sie sollten wissen, was zu tun ist, wenn der Tod wieder nach ihm greift. Es gibt Chefs, die nutzen derartige Geständnisse zum Stellenabbau. Rogers Vorgesetzter hatte Verständnis. Verständnis: eine wichtige Erfahrung für die in ihrem Ich gekränkte Führungskraft. »Es lohnt sich zu vertrauen«, sagt er.

Die Angst ist geblieben. Wie eine Walnuss, die im Kopf steckt, die drückt und dafür sorgt, dass er jeden Moment verrückt werden kann. Atemübungen, Sport und Yoga hielten ihn »unten«, wie er sagt. Dann kam die erste Führungskräftetagung seit Langem. Die Autofahrt überstand er mit großer Mühe, und dann saß der ehrgeizige Leistungsträger Roger Groß mit 35 Jahren zitternd auf dem Podium und weinte die ganzen drei Stunden lang.

Heute ist er aufgeräumt. Heute geht es ihm gut. Nach seinen Klinikaufenthalten arbeitet er wieder. Er baut gerade ein Haus. Aber morgen kann die Angst wiederkommen. »Der Druck, den schnellen Erfolg zu haben, hat sich seit 1995, als ich zu arbeiten anfing, verdoppelt«, sagt er und stellt sein Wasserglas so sanft auf den Tisch, dass man keinen Laut hört. »Wenn du nicht täglich 15 Stunden das Rad drehst, wirst du die betriebswirtschaftlichen Zielvereinbarungen vom Jahresanfang nie erreichen können.«

Und wie soll es im nächsten Jahr sein, bei neuen Zielvorgaben, und im übernächsten, weil doch die Konkurrenz immer härter wird? Dass sein Unternehmen bis 2008 weitere 500 Mitarbeiter entlässt, weiß Roger, und die Mitarbeiter wissen es auch. Für den Arbeitgeber könnte dieses öffentlich gemachte Geheimwissen durchaus von Vorteil sein: Entweder geben die Leute auf und gehen ohne Abfindung von selbst, oder sie legen sich, ganz im Sinne der Geschäftsführung, noch heftiger ins Zeug. 150 Prozent. Manche brauchen das. Manche motiviert das. Manche schaffen es. Manche zerbrechen daran. Viele landen in der Klinik, weil die Psyche sich nicht befehlen lässt. Es werden immer mehr.

»Einer der größten Angststressoren ist das Schwinden der Solidarität«, sagt Jürgen Margraf, Ordinarius für Klinische Psychologie und Psychotherapie in Basel, wo immer er auftritt. Sogleich fügt er an: »Der wichtigste Schutzfaktor gegen Angst sind stabile soziale Bindungen.« Margraf ist vor allem den gesellschaftlichen Faktoren und Folgen von Angststörungen auf der Spur und attestiert der Gegenwart den Zerfall der sozialen Verbundenheit: Nie war die Zahl der Single-Haushalte in den Städten Deutschlands größer als heute, nie die Scheidungsrate höher (44 Prozent), nie das Heiratsalter höher (Männer 31,3, Frauen 28,5), nie die Geburtenrate niedriger (1,34 Kinder pro Frau).

Gerade hat Margraf, der Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie der Bundesärztekammer ist und als Koryphäe der Verhaltenstherapie gilt, mit seinem Baseler Team eines der größten interdisziplinären Projekte zur Ursachenforschung von Angst gestartet, eine auf 20 Jahre angelegte Dreigenerationenerhebung mit Soziologen, Genetikern und Psychologen. Titel: Sesam (Swiss Etiological Study of Adjustment and Mental Health). Von der zwölften Schwangerschaftswoche an sollen ausgewählte Mütter und Kinder beobachtet werden. Aus strukturierten Interviews wollen die Wissenschaftler destillieren, welche die biogenetischen, welche die sozialen Faktoren der Angst sind. Angst, so ist die Grundannahme, wird von früh auf angelegt, gelernt und tradiert.

Die Hälfte aller Angststörungen ist im Kindesalter angelegt

Kinder, sagt Silvia Schneider, die in Basel eine Förderprofessur für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie innehat, »übernehmen schnell die Bewertungsstile der Eltern.« Zeigten die Eltern Phobien, reagierten Kinder oft mit Trennungsangst. Jeder Abschied gerät zum Drama. Also vermeiden sie den Kindergarten- oder Schulbesuch, meiden es, aus dem Haus zu gehen, meiden es, tagsüber allein daheim zu bleiben. 90 Prozent jener trennungsgeängstigten Kinder weisen als junge Erwachsene ab 14 Jahren entweder eine Angststörung oder eine depressive Erkrankung auf.

Anders gesagt: Jene Menschen, die angstkrank werden, sind, neben möglichen genetischen Veranlagungen, zu großen Teilen unbewusst seit ihrer Kindheit dafür zugerüstet worden und brauchen früher oder später nur den nötigen Auslöser, um in die Karriere des Angstpatienten einzusteigen. In den USA ist vor Kurzem eine verblüffende Studie ausgewertet worden, deren Ergebnis Schneiders These bestätigt: 50 Prozent aller Angststörungen werden im Kindesalter angelegt, weil die Eltern mit den veränderten Lebensbedingungen nicht mehr zurechtkommen und die eigenen Ängste vor dem Versagen im Beruf auf die Kinder übertragen.

Die psychische Gesundheit ist für Margraf mittlerweile zum wichtigsten Kriterium in einer Gesellschaft voller Ängste geworden, die Zunahme der Angst eine der größten Epidemien, die auf die Gemeinschaft zurolle. »Krank macht jener Stress, der nicht vorhersagbar ist«, meint Margraf, »wir leben heute in einer Welt, in der wir, subjektiv gesehen, immer weniger kontrollieren und vorhersagen können.«

Kontrollverlust evoziert Hilflosigkeit, Hilflosigkeit Unsicherheit, Unsicherheit Angst. Um von der ständigen Sorge um die Sorge abzulenken, ersinnen die von Angst Attackierten raffinierte Strategien, um dem zu entgehen, was sie sorgt und ängstigt. Allzumenschlich – derjenige, der eine Angst- oder Panikattacke erleidet, wird alles tun, um den Auslöser zu vermeiden.

»Machen! Erleben! Reingehen in die Angst!« So unerhört klingt es, wenn Thomas Lohmann über den Umgang mit Angst spricht. Ist das fahrlässig? Nein, ein höchst erfolgreiches Konzept. Lohmann ist leitender Arzt der Nexus-Klinik in Baden-Baden, die seit 1999 Angstpatienten hilft, ihre Angst zu verlernen. Angst ist heilbar, wenn man sich ihr aussetzt – das ist Grundgedanke und Ziel der Kognitiven Verhaltenstherapie. Um der Angst wirksam begegnen zu können, muss man wissen, dass man sie hat, wodurch sie ausgelöst wird und welche Strategien man selbst ersinnt, ihr zu entgehen. Man muss sich selbst überlisten.

Eines Nachts, als die Panik wieder zu ihm kam, bat er sie zum Tanz

Was paradox klingt, hat sich in über 85 von 100 Fällen bewährt und kann durch kontrollierte Wirksamkeitsstudien eindeutig nachgewiesen werden. Die Leiter der Nexus-Klinik sind erbarmungslos. Wer Angst vor dem Fliegen hat, muss ins Flugzeug; wer Angst vor Bahnen und Zügen hat, muss in Bahnen und Züge; wer Angst vor Rolltreppen hat, muss auf die Rolltreppe – erst neben dem Therapeuten stehend, dann vor dem Therapeuten, dann ohne Therapeuten. Immer und immer wieder. Rauf und runter. Täglich üben. Täglich erfahren, dass die Angst weniger wird. Die Angst wegfliegen, wegrollen, wegfahren. Den Auslöser sukzessive entmystifizieren.

Irgendwann hat sich Roger Groß einfach in die Mitte eines Kreises von fremden Menschen gestellt. Es fiel ihm unglaublich schwer, die Augen zuzumachen, und noch viel schwerer fiel es ihm, sich fallen zu lassen. Die anderen fingen ihn auf. Da war jemand, der ihn rettete! Er war nicht allein. Er hat sich an seiner empfindlichsten Stelle verwundbar gemacht, hat Vertrauen geübt, gefordert und gewonnen.

Peter Körber, der Arzt, ist wochenlang täglich Zug gefahren, S-Bahn, U-Bahn, ist nach London und zurück geflogen, nach Kopenhagen, nach Berlin, alles auf eigene Kosten, Billigflieger. Er hat gelernt, sich seinen Ängsten auszusetzen, wie es der Panikpatient Goethe einst tat, als er intuitiv auf das Straßburger Münster stieg und so lange im Eck kauerte, bis ihn die Angst vor der Höhe freiwillig verließ. Und Lothar Siewert* hat in einer Vollmondnacht sogar die Angst zum ersten Mal zum Tanz gebeten.

Der 60-jährige Fachhochschullehrer hatte die übliche Karriere eines spätmodernen Angstpatienten: Überlastung, Selbstüberschätzung, Stresspegel-Überschreitung, Panikattacken. Eine Agoraphobie. Angst vor Mitmenschen, Angst vor Massen, in Zügen, U-Bahnen, 220er Puls, Tablettensucht, Entzug, neue Attacken, Todesangst in Schüben, Angst vor dem Herztod, soziale Isolation. Doch eines Nachts geschah etwas Unerhörtes, damals, im Zimmer der Klinik, in der Einsamkeit der Seelenverschattung, im Angesicht des wieder einmal nahen Todes.

Es war in einer der üblichen schlaflosen Nächte vor eineinhalb Jahren, als er mit seiner Psyche zu spielen begann. Plötzlich war er hellwach. Die Angst war da. Da bist du ja, willkommen! Das Herz raste. Er stand er auf und fing an, mit seiner Angst zu reden. Er nahm sie sich vor. Er machte seine Angst zum Subjekt und sprach sie an wie seine Frau. Er sagte: »Du gehörst zu mir.« Und fragte: »Was willst du von mir?«

Nach einer halben Stunde wurde das Herz ruhig. Dann kam die nächste Attacke, und er nahm sie hin. Er fing an, mit der Angst zu tanzen. Er lief umher und drehte sich und unterhielt sich mit ihr, und es begann ihm zu dämmern. Sein Tanz mit der Angst dauerte bis zum Morgengrauen, dann war sie verschwunden.

Sie ist ihm bis heute eine treue Partnerin. Wenn sie wieder heranschleicht und er hellwach ist, beinahe jede Nacht, dann flüstert er mit ihr, um seine Frau beim Schlafen nicht zu stören. Dann tanzt er mit seiner Angst, einen Pas de deux in der inneren Stille. Dann geht er wieder fremd. Und vor lauter Aufregung bleibt das Herz ruhig.

* Name von der Redaktion geändert

Zum Thema
Fehlalarm im Mandelkern - Panikattacken und Phobien machen Millionen Menschen das Leben schwer. Mit der richtigen Therapie bekommen die Patienten das Problem gut in den Griff (DIE ZEIT 01/2006)»

Die verfehlte Furcht - Sind Angststörungen so verbreitet? Handelt es sich dabei nicht um eine erfundene Krankheit? Eine Gesundheitsfrage»

Information im Internet
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Leser-Kommentare

  1. ich habe die Angst vor der Angst zwar nicht ganz so schlimm erlebt, wie im Artikel beschrieben, ich erlaube mir aber trotzdem mal meine Sicht der Dinge zu beschreiben.

    Dieses Problem taucht bei Menschen auf, die ein Leben führen, das ihrem Wesen widerspricht. Man muss unterscheiden zwischen dem Menschen an sich und dem durch Erziehung und Gesellschaft veränderten Menschen. Laufen diese beiden zu sehr auseinander, so kann diese Angst auftreten, die irgendwo aus dem tiefsten Inneren sich mit ungeheurer Wucht an die Oberfläche drängt. Erlebt man diese Angst, so ist es höchste Zeit sich Gedanken über sein Leben zu machen und sich evtl. neu zu definieren.

    'Nichts mehr wollen' klingt vielleicht etwas übertrieben, hat aber bei mir zu Angstfreiheit und einem besseren Leben geführt. Ich bin dankbar dafür, dass ich diese Art von Angst, mit all ihren physischen Erscheinungen (Herzrasen, Händezittern, Schweissausbrüche) erlebt habe und immer wieder erlebe wenn dieses unnatürliche Wollen in mir aufsteigt.
    Es wird einem überall dieses Bild vom richtigen Leben vorgehalten: Karriere, Geld, Status, Bildung, viele Freunde, eine harmonische Partnerschaft, häufiger Sex und noch vieles mehr. Schafft man es, sich davon zu lösen, so ist man frei. Auch frei von Angst.

    Ich halte nichts von Medikamenten und Verhaltenstherapie, in Extremfällen könnten diese aber am Anfang doch nötig sein, das weiss ich nicht.

  2. Empfehle den Angst-Piraten sich eine ehrliche Arbeit zu suchen , und mehr auf ihr gutes Ansehen unter rechtschaffenen Menschen zu achten als auf ein übersteigertes Prestige im Zuge des Zeitgeists.

  3. Ich bin 69 und habe 50 Jahre Arbeit auf 'hoeherer Konzernebene' hinter mir. Waehrend dieser Zeit traten oefter Situationen auf, mit denen man glaubte, nicht fertig werden zu koennen. Es haengt wirklich davon ab, welche Karriere man machen will und ob man von der Ausbildung, dem Talent, der Erfahrung und der Persoenlichkeit her darauf vorbereitet ist und Konflikte so loesen kann, dass sie einen nicht psychisch zu hoch belasten.

    Natuerlich ist der Druck gross, aber das war er immer schon. Man muss sich dann wirklich, wie heinzschmidt sagt, hinsetzen und sich fragen: kann ich das oder kann ich das nicht. Leider ist aber der soziale Druck im Privatleben meistens noch staerker, wodurch sich viele gezwungen sehen, Aufgaben zu uebernehmen, fuer die sie nicht geeignet sind. Und dann kann leicht ein Kollaps eintreten.

    Aber wer setzt sich schon hin und macht eine richtige Analyse.

    • 24.04.2007 um 22:29 Uhr
    • jueck

    Diese Krankheiten rühren aus dem heutigen Produktivitätsniveau in Verbindung mit unserer gewinnbasierten Wirtschaft her. Jeder will sich retten und nicht zu den Überflüssigen gehören.

    Therapie: Produktivität weiter steigern. Produzieren zwecks Gewinnerzielung ersetzen durch Produzieren allein zur Bedürfnisbefriedigung. Klingt utopisch, es wird aber nicht anders gehen.

  4. [externer Link entfernt, Sie können Sich gerne hier austauschen/ Redaktion]

    generell bin ich der Überzeugung, dass mehr psychologische Sensibilität oder vielmehr Qualifikation in die Arztpraxen der Allgemeinmediziner einziehen muss. Der Großteil der heutigen Patienten - machen wir uns nichts vor - hat psychische bzw. psychosomatische Beschwerden und sollte auch entsprechend behandelt werden. Ich betrachte es beinahe schon als fahrlässig, dass viele Störungen einfach nicht erkannt werden (wollen?) und Menschen nach Hause geschickt werden ('Sie haben gaaanz sicher keinen Herzinfarkt!') oder ewig mit beliebigen Tabletten vollgestopft werden, ohne dass zB eine Psychotherapie auch nur angeraten wird.

    • 25.04.2007 um 2:55 Uhr
    • Ibelin

    Durch Scheinargumente (Bla Bla Globalisierung) werden wir gezwungen, immer schneller zu arbeiten. Dies wird üblicherweise durch eine Handvoll von gegelten BWLern forciert, die nie einer ehrlichen Arbeit nachgegangen sind und mit einem fantasievollen Vokabular ihr Dasein als berechtigt ansehen (bla: Total Cost of Ownership, Shareholder Value,..).
    Dieser arme Mann in einer mittleren Poition tut mir persönlich nicht die Bohnen leid. Er hat das ganze forciert und genausowenig Rückrat gezeigt als er Personal abgebaut hat.
    Es gibt zu wenig gestandene Persönlichkeiten um Unternehmen zu führen.

  5. Wer ist heute schon noch ehrlich?
    Die meisten lügen sich 150 % in die Tasche obwohl jeder 100 % hat, mit denen er etwas anfangen kann..................
    Vielleicht lese Sie einmal meinen Beitrag zum Amoklauf und Gewalt an Schulen

    UEBER DIE STOERUNG DES EQUILIBRIUM MONDIALE

    Vielleicht ist jemand einmal bereit, das Prinzip

    Divide ET Impera - DIVIDE!!!

    Anzuwenden................

    Und dem, welchem Respekt zollt, auch Respekt zu geben anstatt selbst alles an sich zu reissen und dann blind und taub zu werden..............

    Zivilcourage?
    Blamage!
    Schöne grosse Seelen totgeschwiegen
    CO KG& GmbH.........
    O quo vadis, Germania.............

    Der in o.g. Artikel genannte

    TOTGESCHWIEGENE(R) ENGEL

    unter Googles so zu finden auf den ersten kompletten Seiten würde sich freuen, nicht länger ausgeschlossen zu werden und freut sich einmal auf ein ECHO..........

    Theresa.

    • 25.04.2007 um 11:56 Uhr
    • almeyer

    ...ich weiß, wovon ich spreche, da ich selbst in einem (hochangesehenen!) Unternehmen arbeitete, in dem psychisch kaputt(gemacht)e Kollegen zum Alltag gehörten.
    'Interessant' war, daß fast alle einer völlig irrationalen Neigung nachgingen, den Bossen um jeden Preis gefallen zu müssen - irrational deshalb, da ´eh klar war, daß fast jeder dort über kurz oder lang gefeuert wurde, d.h., die 'vorauseilende Angst um den Arbeitplatz' konnte man sich auch gleich schenken.
    Um die, die sich nicht zu schade waren, andere zu mobben, tat es mir ausdrücklich nicht leid, wenn sie irgendwann (flapsig gesagt) 'klapsmühlenreif' wurden.
    Ein bißchen mehr Rückgrat hätte jenen Laden recht bald völlig auseinandergesprengt und somit einige 'psychiatrische' Fälle verhindert - aber selbst dieses bißchen durfte man von kaum jemandem erwarten.
    Unter diesem Aspekt muß ich bei jeder Person, über die hier etwas mitleidig berichtet wird, erst mal kritisch nachfragen: hätten die wenigstens dieses bißchen Rückgrat gezeigt oder tragen sie diesen ganzen - mit Verlaub - Mist mit???

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  • Von Christian Schüle
  • Datum 12.5.2007 - 09:36 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 19.04.2007 Nr. 17
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