Ist im Norden alles besser? (II) Wo die Lehrer sitzen bleiben

Wer in Finnland eine Schule bauen will, muss Schnee und Eis besiegen. Und wer Lehrer werden will, muss harte Prüfungen bestehen. Eine Reise an die Nordgrenze der EU.

Wenn Deutschland um die richtigen Rezepte gegen Arbeitslosigkeit und Bildungsmisere streitet, kommt die Sprache schnell auf den Norden. In Finnland und den skandinavischen Staaten, heißt es dann, gebe es genug Arbeit für alle, wenig Ungleichheit und viele gute Schüler.

1. FOLGE: DÄNEMARK: Wie schafft man Arbeit für alle?
2. FOLGE: FINNLAND: Was ist die Schule wert?

Die Nacht sinkt auf Helsinki, als Matti Meri in seinem Haus auf einer der zahllosen Schäreninseln das Licht anknipst, sich an den Kamin setzt und leise seufzend nach einer Antwort sucht. Warum Finnland ein Vorbild ist? Hat das nicht schon Edmund Stoiber wissen wollen, als er hier war, oder war es Matthias Platzeck, der danach fragte, oder schon Johannes Rau, oder erst Christian Wulff? Es kommen ja ständig Schaulustige aus dem Süden. Von Matti Meri aus betrachtet ist vieles Süden, ahnungsloser Süden, eine ferne und seltsam ungefährdete Welt, in der die Häfen nicht ständig zufrieren wie hier, in der lauwarmer Nieselregen fällt, während hier der Schnee die Städte erstickt. Der Süden, das ist auch eine verstörend kaputte Welt, in der es sogar durch löchrige Schuldächer regnen darf. Der Süden ist verrückt geworden.

Matti Meri wird bald 64 Jahre alt, er ist Professor für Pädagogik an der Universität Helsinki. Seinen Vollbart und seine kleine, runde Brille trägt er wie die Insignien eines milden Lehrerlebens. Aber das täuscht, weil er eigentlich der härteste Lehrer von allen ist. Er ist der Mann mit dem Filter. Er siebt und siebt, in Helsinki wählt er die nächste Lehrergeneration aus. »Es gibt in Finnland keine schwierigere Prüfung als diese«, meint er. Bevor ein einziger Schüler ausgesondert werde, blieben eher die Lehrer sitzen. Die meisten, bevor sie jemals einen Klassenraum betreten dürften.

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Meri lächelt unbekümmert. Es ist das Lächeln eines Profis, der beim Aussortieren schon lange keinen Schmerz mehr empfindet, weil er alles immer am Ergebnis misst. Damit man die besten Schüler der Welt bekomme, müsse man die besten Lehrer der Welt ausbilden. Der Süden staune vielleicht über Finnland wegen der Spitzenwerte bei den Pisa-Studien, aber hier sei das anders, sagt Meri. Von Pisa wolle hier niemand etwas wissen, Pisa ist hier der Name eines verlorenen Dorfes oben in Lappland. Sich mit so etwas zu brüsten sei doch, ach, er wischt das mit einer Handbewegung vom Tisch. Hier fühle sich jemand wie ein Held, wenn er Meris Prüfung bestanden habe.

Ein finnischer Lehrer verdient zwischen 2000 und 3000 Euro brutto, »das ist nicht viel bei den Preisen hier«, sagt der Professor. Doch der Beruf ist nach wie vor so sehr geachtet, dass sich jedes Jahr zehn Prozent aller Schulabgänger für ein Lehramtsstudium bewerben, in Helsinki sind es 1000 Kandidaten auf 100 Plätze. Über Tage füllen sich in der Universität Säle mit jungen Menschen, die sich monatelang vorbereitet haben auf den Test ihres Lebens. Finnische Grundschullehrer müssen bis zur sechsten Klasse Finnisch, Mathematik, Erdkunde, Biologie, Geschichte, Physik, Chemie, Kunst, Sport, Handarbeit, Religion und Ethik unterrichten können – doch Meris Prüfungsfragen zielen nur auf Pädagogik. Du willst Lehrer werden, dann begründe auch, warum. Antwortet ein Kandidat, dass er gerne mit Kindern zusammen sei, winkt Meri ab – was für eine hilflose Phrase. Nächste Frage: Sollen Kinder übers Wochenende Hausaufgaben bekommen?

Die besten 300 Bewerber lädt er zu Einzelgesprächen und Gruppeninterviews ein. 200 Kandidaten müssen noch durchfallen. Wer Meris Blick nicht standhält, wird das auch nicht vor zwanzig Schülern schaffen. Wer schnell die Körperspannung verliert, wird keinen Schultag durchhalten. Wer alles zu wissen glaubt, weiß nichts von Erziehung. »Wer sagt, er hält seine Stunde ›erstens, zweitens, drittens…‹, den nehmen wir nicht. Wer die ganze Prüfung über nicht einmal lacht, den nehmen wir nicht. Wer zu viel redet, den nehmen wir nicht.« Meri könnte stundenlang darüber reden, warum er einen nicht nimmt.

In Finnland darf niemand Lehrer werden, weil ihm nichts Besseres eingefallen ist oder weil er sich für etwas Besseres hält. »Wir brauchen niemanden, der wunderbar Flöte spielt«, sagt Meri, »wir brauchen Menschen, die sich fragen: Wie erreiche ich, dass die Kinder gerne Flöte spielen?« Jedes Jahr im Juli, wenn Matti Meri seine einhundert Besten informiert, steigen in Finnland einhundert Sommerfeste. Die angehende Elite des Landes feiert.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    schülerInnen-lehrerInnenzahl

    hmh scho recht ^^

  2. 2.

    was ist ein 'schöner artikel'?

    • QUOTE
    • 24.04.2007 um 9:42 Uhr
  3. Schon möglich, dass es nur ein Gefühl ist, das Finnland vom „verrückten Süden“ Europas unterscheidet. Das Gefühl des (Un-)Gefährdet-Seins. Wer sich als Vor- und Außenposten menschlicher Existenz begreift, seine Schule als „letzten Festung“ ansieht und in der Alternative zu wirklich gutem Unterricht lediglich das schneeverwehte Nichts sieht, der wird sich hüten, immer nur zu fordern. Er wird schon im ganz eigenen Interesse darauf verzichten, Versagen wie eine Krankheit zu diagnostizierten und die Schuld daran als Monstranz vor sich selbst her zu tragen. Forderungen allein haben angesichts einer ebenso störrischen wie rücksichtslosen Natur nämlich noch nie auch nur das aller kleinste Stück weiter geholfen. Drohungen und Schuldzuweisungen funktionieren einfach nicht, wo der Gegner kein Mensch ist. Durchsetzen wird sich gegen Wetterphänomene nur vermutlich auch in Zukunft nur der, der sinnvoll handelt.

    Dass dort aus einem Provinz-Problem allerdings eine gute Idee fürs ganze Land werden kann, das muss man den Finnen wohl tatsächlich zugute halten. Sie wissen offenbar nicht nur ganz genau, dass sie keinen einzigen Quadratkilometer ihres Landes aufgeben wollen, sie wissen auch, dass Außenposten nur als integraler Teil einer Gesamtkultur überlebensfähig sind, nicht als Exklave mit Sonderrechten. Von einer solchen Einstellung sind wir im dicht besiedelten Mitteleuropa wohl ziemlich weit entfernt. Anderenfalls
    würden wir nicht all jene Grundschulen erbarmungslos schließen, in denen nicht mindestens zwei 20-köpfige Klassen pro Jahrgang mehr zusammenkommen. Wir würden unser Heil auch nicht in vielen verschiedenen staatlich beaufsichtigter Schulversuchen und erst Recht nicht in noch mehr privat finanzierter Elite-Schmieden finden wollen.

    In Mitteleuropa haben wir es leider an all unseren Fronten mit Menschen zu tun, nicht mit Natur. Und Menschen, nicht wahr, kann man einschüchtern, übervorteilen und abspeisen. Man kann Probleme, die man nicht lösen mag, einfach an sie weiter delegieren und anschließend laut über das (absehbar gewesene) Scheitern der Beauftragten lamentieren. Egal, ob der Sündenbock Lehrkörper heißt oder Elternhaus – notfalls genügt es sogar, mit dem Finger auf die Kinder zu zeigen: „Der gehört hier nicht her!“ Noch haben wir ja genügend Nachwuchs. Und sollten uns die Kinder tatsächlich eines Tages ausgehen, bleibt uns vermutlich immer noch der Staat. Der wird dann die arbeitslos gewordenen Verantwortlichen ganz sicher auskömmlich unterhalten – wenn auch vielleicht nicht alle. Professor Matti Meri hat schon recht: Die spinnen, die Südländer.

    Übrigens: Dass sich die Probleme einer gehetzten Gesellschaft mit Geld allein nicht lösen lassen, liegt in der Natur der Sache. Es kostet nun einmal Zeit, etwas zu lernen. Auch hier muss immer wider sieben, wer eine gewisse Qualität erzielen will. Vor allem dann, wenn er fürs Lernen nur eine bestimmte Zeit einräumen möchte. Außerdem kann sich, wer ständig in Sorge ist, die jeweils aktuelle Gelegenheit zu versäumen, schlecht um seine ferne Zukunft kümmern. Tuula Tamminen ist in sofern tatsächlich nicht zu beneiden. Will sie den Wettlauf gegen den Zeitgeist gewinnen, wird auch sie rennen müssen. Möglich, dass sie deswegen hinter ihren eigenen Ansprüchen zurückbleibt. Wie weit, ist wohl die alles entscheidende Frage.

    • Geno
    • 23.04.2007 um 21:54 Uhr

    Die Lösung dieses Miraculums am Polarkreis findet der Leser gegen Ende dieser Monumental-Hymne an den nordischen Lehrer: 20 Lehrer unterrichten 93 Schüler.
    Bemerkenswert scheint außerdem, daß diese Schülerschaft kein gespaltenes Verhältnis zur nationalen Tradition hat und offenbar das Erlernen der finnischen Sprache allgemein nicht als Zumutung betrachtet wird.

    • Locke1
    • 23.04.2007 um 22:21 Uhr

    3 Gedanken dazu:

    + leider scheinen die Anforderungen an die hiesigen Lehrer nicht so hoch zu sein, denn wie oft höre ich auch von Freunden und Bekannten, dass viele, die grade so eben das Abi geschafft haben - Lehrer werden. Das liegt offenbar an einem kulturellen Unterschied zwischen Finnen und Deutschen: dort ist der Lehrerberuf zwar auch nicht einfacher oder besser bezahlt, aber scheinbar gesellschaftlich viel angesehener. Bei uns vielleicht mit den Juristen zu vergleichen, die extrem hart arbeiten müssen, um eine Chance zu haben, in den Staatsdienst zu kommen...

    + Offenbar passt im finnischen Schulsystem außerdem im Gegensatz zu unserem eins zu anderen: schwache Schüler werden nicht sitzengelassen, sie bekommen während des Schuljahres mehr Unterricht, Differenzierung kommt sehr spät, wenn auch wirklich schon eine persönliche Differenzierung ab zu sehen ist, usw... Deutschland (NRW): mehr Vergleichstests, mehr Kontrolle, Wegfall eines Schuljahres + Unterrichtsinhaltskürzungen, Mehrarbeit der Lehrer fü geburtenstarke Jahrgänge - soll dann in geburtenschwachen wieder 'abgefeiert' werden, ... Liste ließe sich ewig Fortsetzen.

    + Sicher, auch das Betreuungsverhältnis, das einen Faktor 3! besser ist, als an einem deutschen Gymnasium, wird helfen, aber mir scheint aus den wenigen Artikeln, die ich dazu gelesen habe, in Finnland gibt es weit mehr Konzept und durchtachten Umgang mit Bildung, als er für mich in z.B. NRW in den letzten 15 Jahren von Politikerseite erkennbar wurde. Die Peinlichkeiten im neuen Zentralabi in NRW und v.a. die Kommentare dazu vom Bildungsministerium zeigen, dass auch dort offenbar mehr gesiebt werden müsste...

  4. 7.

    die relation von schülerInnen-lehrerInnenzahl ist ein wichtiger punkt, aber nicht der einzige.
    ich habe den artikel keinesfalls oder jedenfalls nicht ausschließlich als hymne an den/die finnische(n) lehrer /lehrerin verstanden, sondern mindestens ebenso als lob an die organisation, die als von den dörfern ausgehend beschrieben wurde. das kind scheint in der gemeinschaft einen höheren stellenwert zu geniessen und den kommunen mehr wert zu sein als hierzulande und als in österreich.

    schön, englisch ist die angesagte sprache, was sich keinesfalls auf die jugendkulturen beschränkt, aber es liegt alles am unterricht. mein sohn hat im gym einen total netten lehrer in deutsch und empfindet daher rechtschreibung nicht als zumutung sondern als herausforderung, obwohl es anfangs auf der kippe stand. jetzt findet er englisch-lernen eine zumutung, obwohl er es in der volksschule geliebt hat. es gibt lehrerInnen, die es sogar mit 28 schülerInnen schaffen, diese zu motivieren, was wirklich eine riesenleistung ist und es gibt welche, die daran scheitern, und leider gibt es auch welche und nicht zu knapp, die es auch mit 12 oder sogar mit 2 nicht schaffen würden, weil sie leider nur fachidiotInnen sind und solche würden eben in finnland nicht durchkommen. eine freundin berichtete mir, anfangs wäre mathe ihr lieblingsfach gewesen und sie hätte immer eine eins gehabt, dann hätte es einen lehrerwechsel gegeben und dieser lehrer hätte die halbe klasse auf fünf gebracht, alle hatten nachhilfe, die meisten kamen mit hängen und würgen durch und ihr sei mathe seither für alle zeiten vergällt. solche folterknechte dürfen ungestraft wüten, weil immer nur das kind für die note verantwortlich gemacht wird und nie der lehrer, die lehrerin, acu wenn der augenschein dagegen spricht.

  5. Ich schließer mich dieser Meinung an, selbstverständlich ist der Wert der Lehreraus - und fortbildung ein entscheidender Faktor für die Leistung der Schüler, dennoch halte ich es für unfair den deutschen Lehrern eine Art Armutszeugnis auszustellen. Wo sind die Gesamt- und Ganztagsschulen (z.Z. ca. 10% GTS) in Deutschland die eine individuelle Förderung lernschwacher Schüler ermöglicht, wo findet man heute noch Klassen von 15 Schülern in Deutschland, warum hat die Integrationspolitik in Deutschland weniger Erfolg als in Finnland und wieso müssen in Deutschland Eltern das Schulhaus streichen...???

    Ich denke die Schuld bei der schlechten Qualifizierung der Lehrkräft zu suchen lenkt ein wenig von eigentlichen Thema der deutschen Schulpolitik ab. Wildes reformieren der jetzigen Schulsysteme ohne ausreichende Finanzierung oder Personal, 60 Jahre alter Lehrer die jetzt auf einmal ihre 30 Jahre Berufserfahrung über den Haufen werfen und Schülern die nicht gestört werden wollen Kopfhörer aufziehen sollen...wer hat noch das Gefühl, dass hier etwas nicht funktionieren kann. Damit ich nicht falsch verstanden werde, GTS und Gesamtschulen und eine Verbesserung der deutschen Lehrerausbildung ist auch meiner Meinung der richtige Weg, ABER DANN MACHT ES AUCH ANSTATT DARÜBER ZU REDEN! FINANZIERT ES, DAMIT DIE DEUTSCHE WIRTSCHAFT IN 10-20 JAHREN WIEDER AUF EINE VIELZAHL VON ENGAGIERTEN UND QUALIFIZIERTEN BEWERBERN BLICKEN KANN ... aber diese Entwicklung braucht nunmal seine Zeit und es fällt leicht bis dahin den Lehrern die Schuld zuzuschieben, denn die sind ja, wie bereits erwähnt, in Deutschland eh die Dummen sind deren Arbeit nur dann wenn sie schlecht ist Beachtung geschenkt wird!

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