Wenn Deutschland um die richtigen Rezepte gegen Arbeitslosigkeit und Bildungsmisere streitet, kommt die Sprache schnell auf den Norden. In Finnland und den skandinavischen Staaten, heißt es dann, gebe es genug Arbeit für alle, wenig Ungleichheit und viele gute Schüler.

1. FOLGE: DÄNEMARK: Wie schafft man Arbeit für alle?
2. FOLGE: FINNLAND: Was ist die Schule wert?

Die Nacht sinkt auf Helsinki, als Matti Meri in seinem Haus auf einer der zahllosen Schäreninseln das Licht anknipst, sich an den Kamin setzt und leise seufzend nach einer Antwort sucht. Warum Finnland ein Vorbild ist? Hat das nicht schon Edmund Stoiber wissen wollen, als er hier war, oder war es Matthias Platzeck, der danach fragte, oder schon Johannes Rau, oder erst Christian Wulff? Es kommen ja ständig Schaulustige aus dem Süden. Von Matti Meri aus betrachtet ist vieles Süden, ahnungsloser Süden, eine ferne und seltsam ungefährdete Welt, in der die Häfen nicht ständig zufrieren wie hier, in der lauwarmer Nieselregen fällt, während hier der Schnee die Städte erstickt. Der Süden, das ist auch eine verstörend kaputte Welt, in der es sogar durch löchrige Schuldächer regnen darf. Der Süden ist verrückt geworden. Klicken Sie auf die Grafik, um sie zu vergrößern BILD

Matti Meri wird bald 64 Jahre alt, er ist Professor für Pädagogik an der Universität Helsinki. Seinen Vollbart und seine kleine, runde Brille trägt er wie die Insignien eines milden Lehrerlebens. Aber das täuscht, weil er eigentlich der härteste Lehrer von allen ist. Er ist der Mann mit dem Filter. Er siebt und siebt, in Helsinki wählt er die nächste Lehrergeneration aus. »Es gibt in Finnland keine schwierigere Prüfung als diese«, meint er. Bevor ein einziger Schüler ausgesondert werde, blieben eher die Lehrer sitzen. Die meisten, bevor sie jemals einen Klassenraum betreten dürften.

Meri lächelt unbekümmert. Es ist das Lächeln eines Profis, der beim Aussortieren schon lange keinen Schmerz mehr empfindet, weil er alles immer am Ergebnis misst. Damit man die besten Schüler der Welt bekomme, müsse man die besten Lehrer der Welt ausbilden. Der Süden staune vielleicht über Finnland wegen der Spitzenwerte bei den Pisa-Studien, aber hier sei das anders, sagt Meri. Von Pisa wolle hier niemand etwas wissen, Pisa ist hier der Name eines verlorenen Dorfes oben in Lappland. Sich mit so etwas zu brüsten sei doch, ach, er wischt das mit einer Handbewegung vom Tisch. Hier fühle sich jemand wie ein Held, wenn er Meris Prüfung bestanden habe.

Ein finnischer Lehrer verdient zwischen 2000 und 3000 Euro brutto, »das ist nicht viel bei den Preisen hier«, sagt der Professor. Doch der Beruf ist nach wie vor so sehr geachtet, dass sich jedes Jahr zehn Prozent aller Schulabgänger für ein Lehramtsstudium bewerben, in Helsinki sind es 1000 Kandidaten auf 100 Plätze. Über Tage füllen sich in der Universität Säle mit jungen Menschen, die sich monatelang vorbereitet haben auf den Test ihres Lebens. Finnische Grundschullehrer müssen bis zur sechsten Klasse Finnisch, Mathematik, Erdkunde, Biologie, Geschichte, Physik, Chemie, Kunst, Sport, Handarbeit, Religion und Ethik unterrichten können – doch Meris Prüfungsfragen zielen nur auf Pädagogik. Du willst Lehrer werden, dann begründe auch, warum. Antwortet ein Kandidat, dass er gerne mit Kindern zusammen sei, winkt Meri ab – was für eine hilflose Phrase. Nächste Frage: Sollen Kinder übers Wochenende Hausaufgaben bekommen?

Die besten 300 Bewerber lädt er zu Einzelgesprächen und Gruppeninterviews ein. 200 Kandidaten müssen noch durchfallen. Wer Meris Blick nicht standhält, wird das auch nicht vor zwanzig Schülern schaffen. Wer schnell die Körperspannung verliert, wird keinen Schultag durchhalten. Wer alles zu wissen glaubt, weiß nichts von Erziehung. »Wer sagt, er hält seine Stunde ›erstens, zweitens, drittens…‹, den nehmen wir nicht. Wer die ganze Prüfung über nicht einmal lacht, den nehmen wir nicht. Wer zu viel redet, den nehmen wir nicht.« Meri könnte stundenlang darüber reden, warum er einen nicht nimmt.

In Finnland darf niemand Lehrer werden, weil ihm nichts Besseres eingefallen ist oder weil er sich für etwas Besseres hält. »Wir brauchen niemanden, der wunderbar Flöte spielt«, sagt Meri, »wir brauchen Menschen, die sich fragen: Wie erreiche ich, dass die Kinder gerne Flöte spielen?« Jedes Jahr im Juli, wenn Matti Meri seine einhundert Besten informiert, steigen in Finnland einhundert Sommerfeste. Die angehende Elite des Landes feiert.

Die Welt wundert sich nun schon seit Jahren über die Finnen, die lange Zeit unbeobachtet an ihrem Bildungssystem gearbeitet haben. Bei Professor Meri erhält man einen Eindruck davon, was ihnen eingefallen ist: Auf jede Schulstunde von 45 Minuten folgen 15 Minuten Pause, im Sommer gibt es zehn Wochen Ferien. In Finnlands Schulen hört man das Wort »Pause« öfter als das Wort »Leistung«. Erklärt Meri die Arbeit guter Pädagogen, ist es eine Aufzählung all dessen, was sie nicht tun. Ein Weglassen, Zulassen, Laufenlassen. Es gibt keine Debatte über Kopfnoten und Schuluniformen. Es gibt nicht einmal Sitzenbleiber, sondern schulische Nachhilfe, bis der Anschluss wiederhergestellt ist. »Ich will Kinder unterrichten, nicht Mathematik«, sagt Meri. Er sucht die Weltoffenen, die Freude haben am ständigen Experiment. Schon diskutiert er mit seinen Kollegen, ob sie nicht die gewohnten Schulfächer abschaffen sollten. Ist die Welt noch mit »Erdkunde« und »Biologie« zu erklären – oder eher mit »Klima« und »Ernährung«? BILD Die Finnen sind stolz auf ihr erfolgreiches Bildungssystem.

Seit Finnlands Schulen Karriere gemacht haben, ist Meri viel herumgekommen, auch in Deutschland. Hannover, Berlin, Oldenburg, Wiesbaden, München, überall wird der Professor nach seiner Meinung gefragt, doch diese Meinung ist selten ein Kompliment. Viele deutsche Lehrer, sagt Meri, seien »wie sprechende Köpfe. Sie reden am liebsten zu einer homogenen Masse, ungestört von Individuen.« Natürlich weiß auch Meri: Wenn Schulklassen homogen sind, dann in Finnland. Der Ausländeranteil liegt bei zwei Prozent. Kaum ein Kind muss erst noch Finnisch lernen, wenn es in Finnland in die Schule kommt. Es geht sofort los mit den Inhalten. Ist das finnische Modell nur deshalb so erfolgreich, weil hier alle Kinder gleich sind, von Beginn an auf demselben Stand? »Die Frage kommt immer von euch Deutschen«, sagt der Professor, »aber wir haben in Helsinki auch Schulen mit 30 oder 40 Prozent Ausländern, mit Russen, Esten, Bosniern, Somaliern, Irakern – da lagen die Pisa-Ergebnisse trotzdem im Durchschnitt.«

Spricht Matti Meri über Deutschland, klingt es, als hätten deutsche Schulen vor der Wirklichkeit kapituliert: Wer nicht mithalten kann, fällt runter. Die Hauptschule ist für ihn ein Skandal, das fehlende Geld ebenfalls. Er kennt keine Schule in ganz Finnland, in der die Eltern Flure streichen, weil die Stadt dafür kein Geld ausgibt. Aber nicht nur die Politik sei schuld, sondern auch die Mentalität in deutschen Lehrerzimmern: dieses Fachidiotentum. »Viele von denen hätten die Aufnahmeprüfung bei uns nicht geschafft.«

Finnlands Schulsystem glich einmal dem deutschen, es war ihm sogar nachempfunden. Es trennte in Gut und Schlecht. Doch dann kam die große Schulreform, sie begann in der ländlichen Weite, Anfang der siebziger Jahre. Oben in Lappland setzten sie die Maschine als Erstes in Gang. Es gab dort einfach nicht mehr genug Kinder für das zweigliedrige Schulsystem. Von Norden nach Süden wurden landesweit Gesamtschulen gegründet. Alle Gymnasien und alle Volksschulen wurden zusammengelegt, ausnahmslos. Bis zur neunten Klasse bleiben seither alle Schüler zusammen. Der Systemwechsel war für viele Lehrer so schockierend, dass an den Universitäten Studenten ihr Lehramtsstudium abbrachen und Pädagogen von den Schulen auf langweilige Posten in Stadtbüchereien flüchteten.

Auf den Gymnasien waren bis dahin viele Schüler sitzen geblieben, und an die Volksschulen, die man »Abschiebeschulen« nannte, hatte man sich gewöhnt. Eine Schulleiterin in Helsinki sagt: »Ich wollte eine gute Lehrerin sein. Deswegen dachte ich: Unterricht ist unmöglich, wenn auch die Unbegabten dabei sind.« Damals war man davon überzeugt, dass man nicht Lehrer, sondern Schüler aussortieren müsse, damit am Ende eine kleine Elite herauskommt. Heute ist die Elite in der Mehrheit. Von jährlich 57000 Schülern bleiben nur 200 ohne einen Abschluss, 46000 verlassen die Schulen mit Abitur oder Fachhochschulreife. Das sind 80 Prozent eines Jahrgangs, fast doppelt so viel wie in Deutschland.

Wie viel Kraft es kostet, eine Schule zu bauen, davon bekommt man eine Ahnung, sobald man von Helsinki aus nach Norden aufbricht. Sind die Reste der Stadt im Rückspiegel verschwunden, bleiben nur noch die Schneewüsten, bis weit ins Frühjahr hinein. Wie schnell sich ein Mensch in dieser Weite verliert. Wie mühselig muss es sein, hier ein Fundament für eine Schule zu gießen, wie aufwendig, Tische und Stühle herbeizuschaffen? Man muss schon ein großes Ziel vor Augen haben, man muss eine Schule für eine einmalige Errungenschaft halten, dann geht es wohl.

In Finnland liegt das Modellhafte in der Provinz versteckt. Vor ein paar Tagen erst sind 38 Pädagogen und Professoren aus Japan in Helsinki eingeflogen und in einen Reisebus gestiegen, weil sie das finnische Wunder besichtigen wollten. »Sorry, Miss«, fragte ein Japaner nach einer Stunde ungläubig die Reiseleiterin, »when will we arrive?« Wann sind wir da? Da fuhren sie gerade wieder durch einen gottvergessenen Wald.

Endlich hielt der Bus vor einem flachen Klinkerbau, hell und rein wie ein Ärztehaus. Die Tytyri-Grundschule. In den Klassenräumen glitten Lehrerinnen auf seltsamen rollenden Stühlen von Tischinsel zu Tischinsel, von Kind zu Kind. Schüler, die nicht gestört werden wollten, setzten Kopfhörer auf und arbeiteten für sich. Auf den Toiletten nicht eine Schmiererei. Die Japaner lernten, dass die Kinder erst mit sieben Jahren eingeschult werden, dass es Noten frühestens im dritten Schuljahr gibt, dass Schüler am Ende jeder Woche aufschreiben, was sie verstanden haben und was nicht. Warum gehen die Finnen so sanft mit ihren Kindern um? Wieso redet niemand von »Druck«, von »Wettbewerb«? Die Japaner waren schon irritiert, da übersetzte ein Dolmetscher immer wieder den Begriff tasa-arvo, die »Gleichheit« aller Schüler. »Es gibt keine Privatschulen hier?« – »Nein.« – »Sie haben Behinderte in den Klassen?« – »Ja.« – »Und haben wir richtig verstanden, dass Sie die Kalorien der Mittagsmahlzeiten zählen?« – »Natürlich.« Am Ende kopierten die Gäste die Stundenpläne. Sonst würde ihnen zu Hause niemand glauben.

In der Stadt Tampere, zwei Stunden Autofahrt von Helsinki entfernt, ist die Professorin Tuula Tamminen gerade aus Paris zurückgekehrt. Oder war es Turin, oder London? Man gerät bei ihr leicht durcheinander, weil sie auf so vielen Konferenzen ist, auf denen es um Kinder geht, das Glück der Kinder, das Unglück. Nach vielen rastlosen Tagen sitzt die Professorin für Kinderpsychiatrie in ihrem Büro in der medizinischen Hochschule. Auf der letzten Tagung haben die Kollegen aus Westeuropa sie wieder beglückwünscht zu ihrem wundervollen Land. In allen Studien über kinderfreundliche Lebensbedingungen schneidet Finnland glänzend ab. »Viele Dinge hier laufen gut«, sagt Tuula Tamminen, »aber ich bin besorgt, weil wir uns immer mehr dem westlichen Lebensstil anpassen. Dieser Lebensstil bedroht die Kindheit.« Wo soll sie da anfangen?

Sie beginnt im finnischen Norden, bei den Samen, den Ureinwohnern Lapplands, über die eine Forscherkollegin herausfand, dass einige Familien ihre kleinen Kinder bis heute stundenlang im Dunkeln allein lassen, damit die sich an die vielen lichtlosen Monate gewöhnen. Die Kinder sollen unabhängig werden von der Sonne. Draußen kann es dunkel sein, drinnen leuchten Gedanken und Gefühle, das sei der Sinn. »Unabhängigkeit«, sagt die Professorin, »darum ging es immer in diesem Land.«

Es gibt jetzt viel Neues, was unabhängig machen kann. Ein eigenes Handy, ein eigener Zugang zum Internet, ein eigener Kosmos. Das meint die Professorin mit dem Einfluss des Westens. Schon sechsjährige Mädchen wollten sexy aussehen. Wer mit sieben Jahren noch nicht allein mit dem Bus fahre, gelte als zurückgeblieben. Wer mit acht noch nicht erwachsen sei, glaube von sich, er habe etwas falsch gemacht.

Man habe geglaubt, sagt die Professorin, dass die Modernisierung auch den Kindern nütze, aber so ganz stimme das nicht. Seit die Konjunktur ansprang, ist die Armutsquote gestiegen, auf heute zwölf Prozent der Bevölkerung. Am stärksten trifft es Familien mit vielen Kindern. In Finnland gehen oft beide Eltern arbeiten, die Konzentration auf den Job ist enorm, und meist braucht man zwei Einkommen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Der Wirtschaftsboom hat das Leben teurer gemacht – und schneller.

Die Probleme einer gehetzten Gesellschaft lassen sich mit Geld nicht lösen. »Es wird Zeit, etwas zu lernen, was wir vergessen haben«, sagt Tuula Tamminen. Nicht immer alles sofort erledigen. Nicht immer alles zur selben Zeit. Nicht immer glauben, man verpasse eine Gelegenheit. Sich zur Abhängigkeit bekennen, zur Abhängigkeit der Kinder von den Eltern. Die Professorin zwingt sich, langsam zu sprechen, als sei das Teil einer Therapie. Dabei schaut sie immer wieder auf ihre Armbanduhr. »Ich bin etwas in Eile, ich muss gleich weg.« Hastig hört sie die Mailbox ihres Handys ab, sagt etwas von »alarmierenden Zeichen« und dann: »Ich gebe wohl selbst kein gutes Beispiel ab.«

Man hat viel Zeit, über diese Professorin nachzudenken, weil der Weg nach Oulu eine Ewigkeit dauert. Die Autobahn endet, eine Landstraße führt schnurgerade nach Norden. Nur selten taucht ein Mensch auf, der Post aus seinem Briefkasten am Straßenrand holt. Es kann ein kleines Abenteuer sein, sich die Fellmütze ins Gesicht zu ziehen, die dicken Schuhe zu schnüren – nur um bei eiskaltem Wind die Post reinzuholen. Stets geht es darum, sich über die äußeren Umstände zu erheben, den Wind, den Frost. Zivilisation kann erst dort beginnen, wo der Mensch den Kampf gegen den Schnee gewinnt. In der Sprache der Straßenrandmenschen hängt ein »guter Tag« immer auch von der Gnade des Wetters ab. Wer hier wohnt, muss um jeden froh sein, der sein Nachbar wird. Man lernt es zu schätzen, dass da draußen noch andere Lichter sind. Man lernt den Menschen zu schätzen.

In Oulu, der größten Stadt im finnischen Norden, muss man eine Weile suchen, bis man die MLL gefunden hat, die Mannerheim-Liga, die sich landesweit für das Wohl von Kindern einsetzt. Ein Friseur, ein Pizzaladen, daneben das Büro des Wohlfahrtsverbands. Die Jalousien sind zugezogen, es wird renoviert. Heute kann hier niemand das Telefon abnehmen, die anonymen Anrufer werden in die Callcenter im Süden des Landes durchgestellt. Dort sitzen dann die freiwilligen Helferinnen und hören sich die Geschichten der Kinder an. 52000 Anrufe erreichen die Hotline für Kinder und Jugendliche jedes Jahr, das ist nicht wenig in einem Land mit nur 5,2 Millionen Einwohnern und 590000 Familien. Im Callcenter hängen Zettel mit den Kürzeln der jugendlichen SMS-Sprache. Manchmal wissen nicht einmal die Kinder, was diese Abkürzungen bedeuten und fragen die Beraterinnen am Telefon nach WTF, What the F*ck. Oder nach POS, Parents over Shoulder – Vorsicht, Eltern in der Nähe.

Aber das ist eher unwahrscheinlich. Meist sind die Eltern nämlich nicht zu Hause. Sie kommen erst abends von der Arbeit heim. Sie verlassen sich auf die perfekte Schule, und den Preis dafür haben die Kinder zu zahlen – dann, wenn die Schule aus ist. Dass diese Zeit jeden Tag um zwei Uhr beginnt, merken die Frauen im Callcenter an den Warteschlangen in der Telefonleitung. Um zwei Uhr endet der Unterricht, den älteren Kindern steht der finnische Nachmittag bevor, die Stille, die Zeit der ungeklärten Fragen. »Wie mache ich Essen in der Mikrowelle warm?«, »Darf ich dem Hund von meinem Essen geben?« Anfangs rätselten die Telefonistinnen, warum all diese Kinder nicht ihre Eltern fragen. Den Grund erfuhren sie, als eine andere Hotline eröffnet wurde – eine für hilflose Eltern. »Ich bin so erschöpft«, klagen Mütter und Väter am Telefon, »ich will nicht mehr mit meinen Kindern reden, wenn ich nach Hause komme. Ich brauche abends Ruhe.« Das größte Problem in Finnland sei »das Fehlen der Eltern«, sagt die Mitarbeiterin eines Callcenters, »wir wollen Unabhängigkeit und schaffen Einsamkeit«. Der Lehrer sei auch deshalb ein Held, weil die Eltern viel Verantwortung auf ihn abwälzen könnten. Die Schule müsse so perfekt sein, weil die Elternhäuser immer labiler würden.

Je weiter man nach Norden fährt, desto schwieriger wird es, die kleinen Flecken auszumachen, an denen sich ein Mensch vorläufig durchgesetzt hat gegen die Naturgewalten. Ein Trampelpfad. Eine Bushaltestelle. Eine Tankstelle, das scheint der größte Triumph des Menschen zu sein. Tankstellen sind beleuchtet wie Kathedralen.

Die Menschen müssen sich anstrengen, um auf sich aufmerksam zu machen. In Rovaniemi am Polarkreis, 700 Kilometer nördlich von Helsinki, liegt der Kemijokifluss gefroren in seinem Bett, Kinder tragen Gesichtsmasken. Im Winter wird es bis zu minus 40 Grad kalt, der Wind schneidet in die Haut. Manche Kinder haben so weite Schulwege, dass sie in Unterkünften neben der Schule wohnen und nur am Wochenende heimkehren.

Finnlands Pädagogen arbeiten hier an einer Grenze, mit den Schulen als letzten Festungen. Die Zahl der Grundschüler hat sich in den vergangenen 15 Jahren halbiert, Familien ziehen fort, aber der Staat will nicht zurückweichen. Als die Klassen zu klein wurden, um noch Wahlfächer wie Französisch, Spanisch oder Deutsch unterrichten zu können, haben sie E-Learning eingeführt. Seitdem werden Lapplands Fremdsprachenschüler mehrere Stunden pro Woche Schulklassen in Helsinki zugeschaltet, per Internet und Webcam im Dialog mit den weit entfernten Mitschülern und Lehrern. Bald werden diese Kinder Videobrillen tragen, auf deren Innenseite Filme ablaufen: Der ganze Deutschkurs läuft dann durch ein computeranimiertes München und muss dort Semmeln kaufen oder Passanten nach dem Weg fragen. Es ist wie vor dreißig Jahren, bei der großen Schulreform: Aus einem Problem in der Provinz formen sie eine Idee fürs ganze Land.

Jetzt liegen die Jungen im Norden 20 Prozent hinter den Leistungen der Mädchen. Die Jungen sind zu unruhig. Sie fahren lieber Motorschlitten. In Rovaniemi überlegen die Lehrer, wie sie den Unterricht körperbetonter machen können. Vielleicht sollte man in den Klassenzimmern Stühle durch Stehpulte ersetzen oder die Jungen das Alphabet draußen in den Schlamm stampfen lassen. Niemand lacht hier über solche Vorschläge.

Im äußersten Norden, im Dorf Utsjoki, führt eine Brücke über einen Fluss nach Norwegen. Wer hier aufgewachsen ist, spricht von dieser Brücke wie von einer Nabelschnur. Die Norweger besitzen Öl und Erdgas, sie sind wohlhabend, sie halten Utsjoki am Leben. In Utsjoki lassen Norweger ihre teuren Autos billig reparieren, auch die Tankstellen profitieren, die Bank, der Schnapsladen. Es ist, als sei jede menschliche Regung in Utsjoki von den reichen Norwegern bestellt worden.

So wäre es bestimmt, gäbe es nicht die Schule. Das größte Gebäude, aufwendig renoviert. Die Schule ist der einzige Platz, der unabhängig bleibt von den Menschen jenseits der Brücke. Ein stolzer Ort. Die Lehrerin Riitta Autio erinnert sich noch gut, dass sie weinen musste, als sie ihrem Mann hierher folgte. »Der 30. September 1979 war das.« Bis dahin lebten sie mit ihren kleinen Kindern in Oulu, einer richtigen Stadt. Die Studentin Riitta Autio ging tanzen im Seurahuone-Club, im Rattori-Club sang sie Trinklieder im Chor, im Botnia-Pub spielte sie mit ihren Freunden Darts. Ihr Mann wollte Lehrer werden, und dann war da diese freie Stelle in Utsjoki, im Nirgendwo. Utsjoki, eine Tagesreise entfernt von der Fröhlichkeit, an der Nordgrenze der EU. Für Riitta Autio war Utsjoki ein Schock.

Ihr Mann wollte es probieren, für ihn lief es gut, später kam sie mit den Kindern nach. In diesem fernen Dorf nannte man Riitta Autio schon »die Frau des Lehrers«, als sie noch gar nicht angekommen war. Die Leute hatten sich nach ihr erkundigt. Sie wussten alles über Riitta Autio, über ihre Eltern, ihr Studium, ihre vier Kinder; später in Utsjoki würden es sieben sein. Die wenigen Leute im Dorf wussten immer schon alles über die wenigen anderen Leute, aber diesmal war es etwas Besonderes. Die Frau eines Lehrers ist etwas Besonderes, weil ein Lehrer etwas Besonderes ist. Der Lehrer kann vielleicht nicht fischen, nicht jagen, nicht einmal Bäume fällen, aber er kann etwas, was hier niemand sonst kann: die Kinder mit Bildung füttern. An der Tankstelle kann man sich den Treibstoff besorgen für die Reise in die Welt, aber nur der Lehrer stellt das Fahrtenbuch aus. Ein Lehrer geht nicht mit seiner Frau in der Kneipe einen trinken, unmöglich. »Wir geben hier ein Beispiel ab«, sagt Riitta Autio. Dabei gibt es außer der Kneipe nichts, wohin man abends gehen könnte. So schalten sie den Fernseher ein, aus dem ein Ansager zu ihnen spricht. Manchmal klopfen Nachbarn, die mit dem Kreuzworträtsel nicht weiterwissen, zu Hause beim Lehrer an.

Das alles verstand Riitta Autio erst, als sie eine Weile in Utsjoki lebte. Zunächst erschrak sie. Sie glaubte, ihre Privatheit retten zu müssen vor dem schamlosen Dorf, und begann nur langsam zu begreifen, dass in Utsjoki Rentiere die Privatsphäre sind. Halbwilde Nutztiere, die scheinbar ungezwungen durch die Wälder streifen, aber immer jemandem gehören. Man kann eine Familie in Utsjoki vieles fragen, aber niemals nach der Zahl ihrer Rentiere. Das wäre, als hätte Riitta Autio in Oulu einen Nachbarn auf seine Bankkonten angesprochen.

Als sie später selber Lehrerin wurde, waren ihre Kinder schon eigenständig. Seitdem hat sie morgens und mittags denselben Weg wie ihr Mann. Er geht zu Fuß, sie nimmt den Tretschlitten. Im Lehrerzimmer treffen sie sich wieder. Manchmal sieht die 57-Jährige durch eine Fensterscheibe ihren Mann unterrichten. Utsjoki, 500 Einwohner. Utsjoki, zehn Geburten im Jahr, oder neun. Das sind dann später die Schüler der Lehrerin Riitta Autio.

Aber hat das etwas zu sagen? Was sagen die Rentiere auf den Vorhängen in den Klassenzimmern, die springenden Lachse auf den Bildern der Kinder, sagen sie nicht: Wildnis, Bedeutungslosigkeit?

»Es gibt etwas, was wir den Norwegern voraushaben«, meint Riitta Autio, und plötzlich spricht sie wie eine, die das Dorf verteidigen will, ihr Dorf mit der schönen Schule, die immer der Mittelpunkt bleibt, weil die finnischen Prinzipien nicht an den Rändern der Zivilisation enden. »Hier zahlen Eltern nicht einmal Geld für Schulbücher.« Sogar Radiergummis bekommen die Kinder geschenkt.

Dabei kann sich Utsjoki nicht viel leisten, weil es wenige Leute gibt, die Steuern zahlen. Das ist so, weil zum Beispiel Rentierzüchter wenig verdienen. Je mehr Rentiere, desto weniger Steuern. Dennoch kommt das Dorf Utsjoki für jedes Essen in der Schulkantine auf, zahlt das Taxi, das Schüler morgens von weit her zum Unterricht fährt und mittags zurück. Das Dorf zahlt für die Schulsauna. Das Dorf zahlt das Gehalt für die 20 Lehrer, die 93 Schüler unterrichten. Das Dorf ist bereit, jedes Jahr 13000 Euro für einen Oberstufenschüler auszugeben, das ist achtmal mehr als in Helsinki. Das Dorf hat sich für die Kinder entschieden, und auf ihre Weise bedankt sich die Schule dafür. Weit mehr als die Hälfte der Schüler bringt es bis zum Abitur. Danach verlassen sie das Dorf und ziehen in die Universitätsstädte irgendwo im Süden, wo es einen Sommer geben soll, in dem niemals Schnee fällt.

ZEIT-Serie: Ist im Norden alles besser?
Dänemark – Wie schafft man Arbeit für alle? »

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Diese netten Dänen – Warum wir Deutschland so gern mit kleinen Ländern vergleichen – Nachtrag zur ZEIT-Serie»