Ist im Norden alles besser? (II) Wo die Lehrer sitzen bleibenSeite 5/5
So wäre es bestimmt, gäbe es nicht die Schule. Das größte Gebäude, aufwendig renoviert. Die Schule ist der einzige Platz, der unabhängig bleibt von den Menschen jenseits der Brücke. Ein stolzer Ort. Die Lehrerin Riitta Autio erinnert sich noch gut, dass sie weinen musste, als sie ihrem Mann hierher folgte. »Der 30. September 1979 war das.« Bis dahin lebten sie mit ihren kleinen Kindern in Oulu, einer richtigen Stadt. Die Studentin Riitta Autio ging tanzen im Seurahuone-Club, im Rattori-Club sang sie Trinklieder im Chor, im Botnia-Pub spielte sie mit ihren Freunden Darts. Ihr Mann wollte Lehrer werden, und dann war da diese freie Stelle in Utsjoki, im Nirgendwo. Utsjoki, eine Tagesreise entfernt von der Fröhlichkeit, an der Nordgrenze der EU. Für Riitta Autio war Utsjoki ein Schock.
Ihr Mann wollte es probieren, für ihn lief es gut, später kam sie mit den Kindern nach. In diesem fernen Dorf nannte man Riitta Autio schon »die Frau des Lehrers«, als sie noch gar nicht angekommen war. Die Leute hatten sich nach ihr erkundigt. Sie wussten alles über Riitta Autio, über ihre Eltern, ihr Studium, ihre vier Kinder; später in Utsjoki würden es sieben sein. Die wenigen Leute im Dorf wussten immer schon alles über die wenigen anderen Leute, aber diesmal war es etwas Besonderes. Die Frau eines Lehrers ist etwas Besonderes, weil ein Lehrer etwas Besonderes ist. Der Lehrer kann vielleicht nicht fischen, nicht jagen, nicht einmal Bäume fällen, aber er kann etwas, was hier niemand sonst kann: die Kinder mit Bildung füttern. An der Tankstelle kann man sich den Treibstoff besorgen für die Reise in die Welt, aber nur der Lehrer stellt das Fahrtenbuch aus. Ein Lehrer geht nicht mit seiner Frau in der Kneipe einen trinken, unmöglich. »Wir geben hier ein Beispiel ab«, sagt Riitta Autio. Dabei gibt es außer der Kneipe nichts, wohin man abends gehen könnte. So schalten sie den Fernseher ein, aus dem ein Ansager zu ihnen spricht. Manchmal klopfen Nachbarn, die mit dem Kreuzworträtsel nicht weiterwissen, zu Hause beim Lehrer an.
Das alles verstand Riitta Autio erst, als sie eine Weile in Utsjoki lebte. Zunächst erschrak sie. Sie glaubte, ihre Privatheit retten zu müssen vor dem schamlosen Dorf, und begann nur langsam zu begreifen, dass in Utsjoki Rentiere die Privatsphäre sind. Halbwilde Nutztiere, die scheinbar ungezwungen durch die Wälder streifen, aber immer jemandem gehören. Man kann eine Familie in Utsjoki vieles fragen, aber niemals nach der Zahl ihrer Rentiere. Das wäre, als hätte Riitta Autio in Oulu einen Nachbarn auf seine Bankkonten angesprochen.
Als sie später selber Lehrerin wurde, waren ihre Kinder schon eigenständig. Seitdem hat sie morgens und mittags denselben Weg wie ihr Mann. Er geht zu Fuß, sie nimmt den Tretschlitten. Im Lehrerzimmer treffen sie sich wieder. Manchmal sieht die 57-Jährige durch eine Fensterscheibe ihren Mann unterrichten. Utsjoki, 500 Einwohner. Utsjoki, zehn Geburten im Jahr, oder neun. Das sind dann später die Schüler der Lehrerin Riitta Autio.
Aber hat das etwas zu sagen? Was sagen die Rentiere auf den Vorhängen in den Klassenzimmern, die springenden Lachse auf den Bildern der Kinder, sagen sie nicht: Wildnis, Bedeutungslosigkeit?
»Es gibt etwas, was wir den Norwegern voraushaben«, meint Riitta Autio, und plötzlich spricht sie wie eine, die das Dorf verteidigen will, ihr Dorf mit der schönen Schule, die immer der Mittelpunkt bleibt, weil die finnischen Prinzipien nicht an den Rändern der Zivilisation enden. »Hier zahlen Eltern nicht einmal Geld für Schulbücher.« Sogar Radiergummis bekommen die Kinder geschenkt.
Dabei kann sich Utsjoki nicht viel leisten, weil es wenige Leute gibt, die Steuern zahlen. Das ist so, weil zum Beispiel Rentierzüchter wenig verdienen. Je mehr Rentiere, desto weniger Steuern. Dennoch kommt das Dorf Utsjoki für jedes Essen in der Schulkantine auf, zahlt das Taxi, das Schüler morgens von weit her zum Unterricht fährt und mittags zurück. Das Dorf zahlt für die Schulsauna. Das Dorf zahlt das Gehalt für die 20 Lehrer, die 93 Schüler unterrichten. Das Dorf ist bereit, jedes Jahr 13000 Euro für einen Oberstufenschüler auszugeben, das ist achtmal mehr als in Helsinki. Das Dorf hat sich für die Kinder entschieden, und auf ihre Weise bedankt sich die Schule dafür. Weit mehr als die Hälfte der Schüler bringt es bis zum Abitur. Danach verlassen sie das Dorf und ziehen in die Universitätsstädte irgendwo im Süden, wo es einen Sommer geben soll, in dem niemals Schnee fällt.
ZEIT-Serie:
Ist im Norden alles besser?
Dänemark
Wie schafft man Arbeit für alle?
»
Schweden
Warum hat ein Land ohne große Probleme so viel Angst?
»
Diese netten Dänen
Warum wir Deutschland so gern mit kleinen Ländern vergleichen Nachtrag zur ZEIT-Serie»
- Datum 23.04.2007 - 09:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19.04.2007 Nr. 17
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schülerInnen-lehrerInnenzahl
hmh scho recht ^^
was ist ein 'schöner artikel'?
BRAVO!
Schon möglich, dass es nur ein Gefühl ist, das Finnland vom „verrückten Süden“ Europas unterscheidet. Das Gefühl des (Un-)Gefährdet-Seins. Wer sich als Vor- und Außenposten menschlicher Existenz begreift, seine Schule als „letzten Festung“ ansieht und in der Alternative zu wirklich gutem Unterricht lediglich das schneeverwehte Nichts sieht, der wird sich hüten, immer nur zu fordern. Er wird schon im ganz eigenen Interesse darauf verzichten, Versagen wie eine Krankheit zu diagnostizierten und die Schuld daran als Monstranz vor sich selbst her zu tragen. Forderungen allein haben angesichts einer ebenso störrischen wie rücksichtslosen Natur nämlich noch nie auch nur das aller kleinste Stück weiter geholfen. Drohungen und Schuldzuweisungen funktionieren einfach nicht, wo der Gegner kein Mensch ist. Durchsetzen wird sich gegen Wetterphänomene nur vermutlich auch in Zukunft nur der, der sinnvoll handelt.
Dass dort aus einem Provinz-Problem allerdings eine gute Idee fürs ganze Land werden kann, das muss man den Finnen wohl tatsächlich zugute halten. Sie wissen offenbar nicht nur ganz genau, dass sie keinen einzigen Quadratkilometer ihres Landes aufgeben wollen, sie wissen auch, dass Außenposten nur als integraler Teil einer Gesamtkultur überlebensfähig sind, nicht als Exklave mit Sonderrechten. Von einer solchen Einstellung sind wir im dicht besiedelten Mitteleuropa wohl ziemlich weit entfernt. Anderenfalls
würden wir nicht all jene Grundschulen erbarmungslos schließen, in denen nicht mindestens zwei 20-köpfige Klassen pro Jahrgang mehr zusammenkommen. Wir würden unser Heil auch nicht in vielen verschiedenen staatlich beaufsichtigter Schulversuchen und erst Recht nicht in noch mehr privat finanzierter Elite-Schmieden finden wollen.
In Mitteleuropa haben wir es leider an all unseren Fronten mit Menschen zu tun, nicht mit Natur. Und Menschen, nicht wahr, kann man einschüchtern, übervorteilen und abspeisen. Man kann Probleme, die man nicht lösen mag, einfach an sie weiter delegieren und anschließend laut über das (absehbar gewesene) Scheitern der Beauftragten lamentieren. Egal, ob der Sündenbock Lehrkörper heißt oder Elternhaus – notfalls genügt es sogar, mit dem Finger auf die Kinder zu zeigen: „Der gehört hier nicht her!“ Noch haben wir ja genügend Nachwuchs. Und sollten uns die Kinder tatsächlich eines Tages ausgehen, bleibt uns vermutlich immer noch der Staat. Der wird dann die arbeitslos gewordenen Verantwortlichen ganz sicher auskömmlich unterhalten – wenn auch vielleicht nicht alle. Professor Matti Meri hat schon recht: Die spinnen, die Südländer.
Übrigens: Dass sich die Probleme einer gehetzten Gesellschaft mit Geld allein nicht lösen lassen, liegt in der Natur der Sache. Es kostet nun einmal Zeit, etwas zu lernen. Auch hier muss immer wider sieben, wer eine gewisse Qualität erzielen will. Vor allem dann, wenn er fürs Lernen nur eine bestimmte Zeit einräumen möchte. Außerdem kann sich, wer ständig in Sorge ist, die jeweils aktuelle Gelegenheit zu versäumen, schlecht um seine ferne Zukunft kümmern. Tuula Tamminen ist in sofern tatsächlich nicht zu beneiden. Will sie den Wettlauf gegen den Zeitgeist gewinnen, wird auch sie rennen müssen. Möglich, dass sie deswegen hinter ihren eigenen Ansprüchen zurückbleibt. Wie weit, ist wohl die alles entscheidende Frage.
Die Lösung dieses Miraculums am Polarkreis findet der Leser gegen Ende dieser Monumental-Hymne an den nordischen Lehrer: 20 Lehrer unterrichten 93 Schüler.
Bemerkenswert scheint außerdem, daß diese Schülerschaft kein gespaltenes Verhältnis zur nationalen Tradition hat und offenbar das Erlernen der finnischen Sprache allgemein nicht als Zumutung betrachtet wird.
3 Gedanken dazu:
+ leider scheinen die Anforderungen an die hiesigen Lehrer nicht so hoch zu sein, denn wie oft höre ich auch von Freunden und Bekannten, dass viele, die grade so eben das Abi geschafft haben - Lehrer werden. Das liegt offenbar an einem kulturellen Unterschied zwischen Finnen und Deutschen: dort ist der Lehrerberuf zwar auch nicht einfacher oder besser bezahlt, aber scheinbar gesellschaftlich viel angesehener. Bei uns vielleicht mit den Juristen zu vergleichen, die extrem hart arbeiten müssen, um eine Chance zu haben, in den Staatsdienst zu kommen...
+ Offenbar passt im finnischen Schulsystem außerdem im Gegensatz zu unserem eins zu anderen: schwache Schüler werden nicht sitzengelassen, sie bekommen während des Schuljahres mehr Unterricht, Differenzierung kommt sehr spät, wenn auch wirklich schon eine persönliche Differenzierung ab zu sehen ist, usw... Deutschland (NRW): mehr Vergleichstests, mehr Kontrolle, Wegfall eines Schuljahres + Unterrichtsinhaltskürzungen, Mehrarbeit der Lehrer fü geburtenstarke Jahrgänge - soll dann in geburtenschwachen wieder 'abgefeiert' werden, ... Liste ließe sich ewig Fortsetzen.
+ Sicher, auch das Betreuungsverhältnis, das einen Faktor 3! besser ist, als an einem deutschen Gymnasium, wird helfen, aber mir scheint aus den wenigen Artikeln, die ich dazu gelesen habe, in Finnland gibt es weit mehr Konzept und durchtachten Umgang mit Bildung, als er für mich in z.B. NRW in den letzten 15 Jahren von Politikerseite erkennbar wurde. Die Peinlichkeiten im neuen Zentralabi in NRW und v.a. die Kommentare dazu vom Bildungsministerium zeigen, dass auch dort offenbar mehr gesiebt werden müsste...
die relation von schülerInnen-lehrerInnenzahl ist ein wichtiger punkt, aber nicht der einzige.
ich habe den artikel keinesfalls oder jedenfalls nicht ausschließlich als hymne an den/die finnische(n) lehrer /lehrerin verstanden, sondern mindestens ebenso als lob an die organisation, die als von den dörfern ausgehend beschrieben wurde. das kind scheint in der gemeinschaft einen höheren stellenwert zu geniessen und den kommunen mehr wert zu sein als hierzulande und als in österreich.
schön, englisch ist die angesagte sprache, was sich keinesfalls auf die jugendkulturen beschränkt, aber es liegt alles am unterricht. mein sohn hat im gym einen total netten lehrer in deutsch und empfindet daher rechtschreibung nicht als zumutung sondern als herausforderung, obwohl es anfangs auf der kippe stand. jetzt findet er englisch-lernen eine zumutung, obwohl er es in der volksschule geliebt hat. es gibt lehrerInnen, die es sogar mit 28 schülerInnen schaffen, diese zu motivieren, was wirklich eine riesenleistung ist und es gibt welche, die daran scheitern, und leider gibt es auch welche und nicht zu knapp, die es auch mit 12 oder sogar mit 2 nicht schaffen würden, weil sie leider nur fachidiotInnen sind und solche würden eben in finnland nicht durchkommen. eine freundin berichtete mir, anfangs wäre mathe ihr lieblingsfach gewesen und sie hätte immer eine eins gehabt, dann hätte es einen lehrerwechsel gegeben und dieser lehrer hätte die halbe klasse auf fünf gebracht, alle hatten nachhilfe, die meisten kamen mit hängen und würgen durch und ihr sei mathe seither für alle zeiten vergällt. solche folterknechte dürfen ungestraft wüten, weil immer nur das kind für die note verantwortlich gemacht wird und nie der lehrer, die lehrerin, acu wenn der augenschein dagegen spricht.
Ich schließer mich dieser Meinung an, selbstverständlich ist der Wert der Lehreraus - und fortbildung ein entscheidender Faktor für die Leistung der Schüler, dennoch halte ich es für unfair den deutschen Lehrern eine Art Armutszeugnis auszustellen. Wo sind die Gesamt- und Ganztagsschulen (z.Z. ca. 10% GTS) in Deutschland die eine individuelle Förderung lernschwacher Schüler ermöglicht, wo findet man heute noch Klassen von 15 Schülern in Deutschland, warum hat die Integrationspolitik in Deutschland weniger Erfolg als in Finnland und wieso müssen in Deutschland Eltern das Schulhaus streichen...???
Ich denke die Schuld bei der schlechten Qualifizierung der Lehrkräft zu suchen lenkt ein wenig von eigentlichen Thema der deutschen Schulpolitik ab. Wildes reformieren der jetzigen Schulsysteme ohne ausreichende Finanzierung oder Personal, 60 Jahre alter Lehrer die jetzt auf einmal ihre 30 Jahre Berufserfahrung über den Haufen werfen und Schülern die nicht gestört werden wollen Kopfhörer aufziehen sollen...wer hat noch das Gefühl, dass hier etwas nicht funktionieren kann. Damit ich nicht falsch verstanden werde, GTS und Gesamtschulen und eine Verbesserung der deutschen Lehrerausbildung ist auch meiner Meinung der richtige Weg, ABER DANN MACHT ES AUCH ANSTATT DARÜBER ZU REDEN! FINANZIERT ES, DAMIT DIE DEUTSCHE WIRTSCHAFT IN 10-20 JAHREN WIEDER AUF EINE VIELZAHL VON ENGAGIERTEN UND QUALIFIZIERTEN BEWERBERN BLICKEN KANN ... aber diese Entwicklung braucht nunmal seine Zeit und es fällt leicht bis dahin den Lehrern die Schuld zuzuschieben, denn die sind ja, wie bereits erwähnt, in Deutschland eh die Dummen sind deren Arbeit nur dann wenn sie schlecht ist Beachtung geschenkt wird!
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