Frankreich War da wer?
Alle französischen Kandidaten glauben, das Amt besser ausfüllen zu können als der scheidende Präsident Jacques Chirac. Wenn sie sich da mal nicht irren.
Im 300-Seelen-Dorf Sarran am Westhang des Massif Central steht eine der merkwürdigsten Wunderkammern der französischen Republik. Das kürzlich fertiggestellte Musée Jacques Chirac ist ein Schatzkästchen aus Glas und Granit, in dem der Staatspräsident die kostbarsten Gastgeschenke seiner Amtszeit ausstellt. Wenngleich die kleinen Pavillons weitaus bescheidener ausfallen als amerikanische Präsidenten-Memorials, hätte die Sammlung mit ihren 5000 Objekten mehr als die paar Hundert Besucher im Monat verdient, die sich in Chiracs Heimatregion Corrèze verirren. Zu sehen gibt es nicht nur die von Bill Clinton überreichten Cowboystiefel, den diamantenbesetzten Jagdfalken des saudischen Prinzen Abdallah, kostbare Chinoiserien und afrikanische Skulpturen, sondern auch Trophäen von Chiracs Lieblingssport, dem Sumo.
Die Begeisterung ihres Präsidenten für die Ringkämpfe der dicken Männer mit dem Dutt ist den Franzosen stets ein Rätsel geblieben. Ihn fasziniere, gestand Chirac einmal, wie die Gegner einander belauern und dann blitzschnell überrumpeln: »Der Sieg kommt ganz plötzlich, bevor man überhaupt weiß, was geschieht.« Wenn er als junger Mann einen Leistungssport gewählt hätte, so Chirac, wäre es Sumo geworden – »Die nötige Körpergröße besitze ich ja, und das Gewicht hätte ich mir schnell zulegen können.«
Ein Besuch des Chirac-Museums ist aufschlussreicher als viele Biografien, Bilanzen und vor allem Verwünschungen, die die Franzosen dem altgedienten Staatsmann derzeit hinterherschicken. In seinen vierzig Jahren als Abgeordneter, Minister, Premier und schließlich Staatspräsident hat Chirac tatsächlich Sumo-Qualitäten entwickelt. Stets war der unmäßige Esser, Trophäenjäger und Liebhaber außereuropäischer Kulturen von seinen eigenen Siegen so überrascht, dass er sie nie recht zu nutzen wusste. Vor allem aber hat er es in einer Kunst zur Meisterschaft gebracht: Er kämpfte lebenslang oberhalb seiner Gewichtsklasse, und das manchmal sogar mit Erfolg.
So ist der große Zorn, den die Franzosen regelmäßig für ihre abtretenden Staatsmänner empfinden, im Fall Chiracs deutlich gemildert. Zwar sehnen sich alle nach einem Neuanfang und lassen an der Chirac-Ära derzeit kaum ein gutes Haar. Doch in dem Mann, den sie Mal aufs Mal gewählt haben – allein achtzehn Jahre war er Bürgermeister von Paris und zwölf Jahre Präsident –, erkennen sich viele insgeheim wieder. Sie schätzen, so der Chirac-Biograf Franz-Olivier Giesbert, »die Mischung aus Ichbezogenheit, Scharfsinn und Selbstverachtung«.
Als Chirac 1995 erstmals ins höchste Staatsamt gewählt wurde, war Frankreich unzufrieden, verunsichert, von Arbeitslosigkeit und Haushaltsdefizit geplagt und suchte orientierungslos nach der Öffnung zur Außenwelt. Zwölf Jahre später beim Abtritt des heute 74 Jahre alten Präsidenten ist das Land noch unzufriedener, verunsicherter und fürchtet, wirtschaftlich vollends den Anschluss zu verlieren. Zehn Millionen Franzosen – 25 Prozent der Wählerschaft – sind mit dem Präsidenten volljährig geworden. Diese heute Achtzehn- bis Dreißigjährigen bilden die génération Chirac und sehen sich als eine verlorene Altersgruppe, die nichts als verbrauchte Institutionen, Staatsschulden und eine unsichere Zukunft geerbt hat. Ein Großteil von ihnen nennt sich génération précaire: frustrierte Schüler, Studenten und deklassierte Vorstadtjugendliche, die nicht mehr für politische Utopien auf die Straße gehen, sondern für anständige Ausbildungsplätze und Arbeitsverträge.
Wo immer sie demonstrieren oder Krawall schlagen – kaum jemals taucht in ihren Parolen der Präsident als Hassfigur auf. Obwohl der Alte ihr Leben geprägt hat, nehmen sie ihn als politische Bezugsperson gar nicht mehr wahr. Ihr Vertrauen in die Politik ist derart ruiniert, dass laut Umfragen nur noch drei Prozent auf die Gestaltungskraft von Regierungen setzen. Von der traditionellen Kopflastigkeit des französischen Staatsaufbaus, in dem seit Gründung der Präsidialrepublik 1958 ein einziger Mensch das Selbstbild und die Geschicke einer ganzen Nation verkörpert, wollen sie nichts mehr wissen.
- Datum 20.04.2007 - 03:49 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 19.04.2007 Nr. 17
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren