Musikfilm Freundlicher Besuch im Zeichen des Satans

»Full Metal Village« von der koreanischen Film-Regisseurin Sung-Hyung Cho ist das liebevolle Porträt eines Dorfes, das alljährlich von einem Heavy-Metal-Festival eingenommen wird

Noch ist es nicht richtig hell. Wolken ziehen vorbei. Wind zupft an den Bäumen. Eine Herde muhender Kühe. Bilder aus Weizen und Himmel. Eine Autofahrt an den Klinkerhäusern der Hauptstraße entlang. Über dem Wirtshaus hängt ein Schild: »Freu dich, du bist in Wacken«. Kurz darauf hängt auch die Sonne am Himmel.

Alles, wie es sein soll in der Provinz. Doch einmal im Jahr wird Wacken, dieses verschlafene 2000-Seelen-Nest in Schleswig-Holstein, zum Wallfahrtsort für 40000 Heavy-Metal-Fans. Bleiche Gestalten in schwarzem Leder fallen dann hier ein. Manche wild tätowiert und mit Piercings, die klimpern wie ein Hausmeisterschlüsselbund. Andere huschen nur schnell und scheu über die Wiese zu den Dixie-Klos. Sie grüßen sich mit dem Zeichen des Satans und grölen immer wieder: »Wacken rules!« Der Supermarkt ist vorbereitet, die Regale sind frei geräumt für Dosenbier, Zigaretten und Ravioli. Und Leute wie der Pastor und die strenggläubige Oma Irmchen aus Ostpreußen haben längst ihre Koffer gepackt, um diese drei gottlosen Tage auswärts zu verbringen. Weit weg von Antichristen wie Kreator und Motörhead.

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Dass die deutsche Provinz und die aus allen Teilen der Erde herbeipilgernde Headbanger-Gemeinde vielleicht mehr verbinden könnte als Fluchtinstinkte und Vorurteile, dass sie gar auf eine ganz eigene rührende Weise miteinander kommunizieren, davon erzählt Sung-Hyung Chos Film Full Metal Village . Die koreanische Regisseurin lebt seit 17 Jahren in Deutschland, den Blick der Fremden hat sie in ihrem ersten Dokumentarfilm keinesfalls abgestreift, eher kultiviert. Mit ethnologischem Interesse und unverstellter Neugier erforscht sie den ländlichen Alltag. Seelenruhig lässt sie sich die Qualitätskontrollen der Milchwirtschaft erklären, die erste Kartoffel ihres Lebens in die Hände drücken und bleibt doch bei aller Lust am Kuriosen sensibel für ökonomische, aber auch höchst private Sorgen der Landbevölkerung. Mit ihren Protagonisten beschreibt sie den Wandel eines Dorfes, stößt auf Geschichten von Krieg und Vertreibung, auf EU-Verordnungen und Existenzkämpfe. Sie sieht Irmchen und Evchen beim Kaffeekränzchen zu, lauscht in ihre Jungmädchenträume von einst, die mit der schweren Arbeit auf dem Hof nur wenig zu tun hatten. Nebenan, in einem ausgedienten Geräteschuppen, studieren die Enkelinnen die Kalorienangaben auf ihren Schokoriegeln, schneiden Schminktipps aus der Zeitung aus und trainieren sich schön für das Festival und die Fremden aus der großen, weiten Welt. Die zärtlichsten Augenblicke des Films gehören jedoch dem scheuen Bauern Plön, der ketterauchend seinen alten Trecker anschmeißt, während die in allen Ecken aufsteigenden Rußwolken das Bild langsam verdunkeln.

1990, als Sung-Hyung Cho Kunstgeschichte, Medienwissenschaften und Philosophie in Marburg belegte, begann auch die Geschichte des Heavy-Metal-Festivals in einer Wackener Sandkuhle. Dass das eine mit dem anderen durchaus etwas zu tun hat, davon erzählt der Film auf subtile Weise. Wenn er das Fremde lärmend in eine kleine abgeschlossene Welt vorrücken lässt und zeigt, wie diese Erschütterungen langsam, aber sicher zum Teil eines sich verändernden Selbstverständnisses werden. Das verbindet das Dorf, zu dessen Identität das Open-Air-Festival inzwischen dazugehört, mit der Forschungsreisenden Cho und ihrem Leben in zwei Kulturen.

Wie fein und unaufdringlich sich das eine zum anderen in Beziehung setzt, liegt nicht zuletzt an der wunderbaren Kamera (Marcus Winterbauer), die in klaren Bildern zwei scheinbar gegensätzliche Kulturen langsam und unaufgeregt aufeinander zu kommen lässt. Stoisch werden die erst im letzten Drittel des Films eintreffenden Festivalbesucher zwischen Bilder von grasenden Kühen gesetzt. Das Dorf trifft sich zu letzten Vorbereitungen, übt englische Begrüßungsformeln und probt den eigenen Auftritt als souveräner Gastgeber. Keine Handkamera stürzt sich zwischen die Fronten. Nichts wackelt hier außer den Köpfen der Hardrockfans. Am Ende rotieren sie sogar vor dem Blaskonzert der hiesigen freiwilligen Feuerwehr. Und zwar respektvoll und ohne eine Spur Verachtung. Wacken rules!

Wie sieht's in Wacken eigentlich aus? Sehen Sie hier unseren kleinen Rundgang durchs rockigste Dorf der Welt

Und was passiert in "Full Metal Village?" Klicken Sie hier und sehen Sie einen Ausschnitt aus dem Film

Und wie war die Premiere? Lesen Sie hier wie der Film nach Wacken kam und was dabei geschah

Weitere Berichte, Reportagen, Rezensionen und Galerien finden Sie auf www.zeit.de/musik

 
Leser-Kommentare
  1. ...vorurteilsfrei geschrieben, authentisch, sympathisch.

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  • Quelle DIE ZEIT, 19.04.2007 Nr. 17
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  • Schlagworte Film | Musik | Piercing | Schleswig-Holstein
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