Ein Anfang. Dann noch ein Anfang. Und noch ein Anfang. Schließlich: der Anfang. So geht es los. Knappe drei Stunden später: das Ende. Und noch ein Ende. Und noch eins. Bis ans Ende. So weit zu Inland Empire , David Lynchs neuem Film. Nikki Grace (Laura Dern), eine Frau im Gewitter der Assoziationen. BILD

Die siebte und allerhöchste Bewusstseinsstufe innerhalb der »Transzendentalen Meditation« ist das sogenannte Einheits-Bewusstsein. Wer zu dieser Stufe vorstößt, erlebt alle Formen des Lebens als Erscheinungen desselben kosmischen Seins; die Grenzen zwischen äußerer und innerer Realität lösen sich auf; das eigene Selbst spiegelt sich in den Dingen der Welt. So heißt es.

David Lynch praktiziert seit mehr als dreißig Jahren TM. Unlängst hat er eine Stiftung ins Leben gerufen, um die Meditationstechnik Schülern und Studenten leichter zugänglich zu machen und so den Weltfrieden zu befördern. Vor kurzem ist auch ein schmales Buch von ihm erschienen, Catching the Big Fish, mit Bemerkungen über »Meditation, Bewusstsein und Kreativität«. Der dicke Fisch aus dem Titel ist Lynchs Sinnbild für eine gute Idee. Je tiefer man in sich hineintaucht, desto fetter die Beute.

In diesem Universum hängt alles mit allem zusammen. Aber wie?

Lynch ist ein geduldiger, ein aufmerksamer und ein neugieriger Angler. Viele seiner Fänge werden gleich dem Labor des Filmemachers zugeführt. Dort beobachtet Lynch, wie verschiedene Fänge sich entwickeln und aufeinander reagieren. Einzelne Einfälle passen plötzlich zusammen, so scheint es jedenfalls, Lynch verfolgt erst eine, dann mehrere Spuren, kombiniert, spinnt Fäden, verknüpft und schafft mit der Zeit ein bizarres, verwegenes Netzwerk, zu dem man schließlich auch Film sagen kann. Ein spiritueller Wegweiser inmitten der kreativen Puzzlearbeit lautet: One thing leads to another, ein anderer: Everything is connected. So inspiriert der meditative Prozess die filmische Assoziation.

Wenn alles miteinander verbunden ist und alle Welt in einen Kopf passt, dann darf der Regisseur sich mit seinem Material auch große Sprünge leisten, gewaltige Bögen schlagen, Fragmente auf diverse Umlaufbahnen schicken und still darauf vertrauen, dass der innere, der universelle Zusammenhalt doch irgendwie bestehen bleibt. Im Zweifelsfall muss sich der Zuschauer eben vor dem fertigen Werk und zwischen dessen leuchtenden Bruchstücken genauso versenken wie der Filmemacher es mit der Angel zur Meditation tut. Wer allerdings in Inland Empire wirklich den großen Zusammenhalt zu rekonstruieren versuchte, der bräuchte einen langen Atem. Vier Schleifen zur Initiation, fünf Volten zum Schluss, dazwischen ein verspiegeltes Labyrinth – noch nie gab es so viele Fährten und Falltüren, Zeitsprünge, Ortswechsel und getauschte Identitäten wie dieses Mal. Inland Empire, so heißt eine Gegend in Südkalifornien. Aber die spielt gar keine Rolle. Und Inland Empire klingt sowieso eher wie ein Filmtitel, der immer darauf gewartet hat, einmal von Lynch entdeckt zu werden. Denn natürlich bezieht er sich nicht in erster Linie auf einen Drehort, sondern vor allem auf das Universum, das wir alle im Hirn haben: der meditierende Regisseur ebenso wie der assoziierende Zuschauer und auch jene verzweifelnden Seelen, deren irrlichternde Fantasien schon mehrfach im Zentrum von Lynchs Filmen standen.